Mitmenschen

Saunastöhner

Es ist ruhig hier – normalerweise. Darum gehe ich gerne in die Sauna meines Fitnessstudios. Einzige Ausnahme: der glatzköpfige Deutsch-Italiener mittleren Alters, dem es offenbar nicht möglich ist, seine Stimme auf Zimmerlautstärke zu trimmen. Damit kann ich allerdings ganz gut leben, weil wir uns ohnehin nicht so oft in der Sauna begegnen. Er schwitzt meist schon, während ich noch trainiere.

Seit einigen Wochen ist da allerdings dieser andere Mann. Im Gegensatz zu dem Deutsch-Italiener spricht er nicht viel, eigentlich gar nicht. Aber er stöhnt, laut und ausdauernd. Meist ist er schon in der Sauna, wenn ich komme und noch da, wenn ich wieder gehe. Dabei ist das Stöhnen nicht mal das Schlimmste. Unangenehmer als das Stöhnen sind die Dehnübungen.

Auf der oberen Holzbank liegend zieht er abwechselnd mal das eine, dann das andere Knie seitwärts in Richtung Nase. Unterbrochen wird die Übung nur von kurzen Pausen, in denen er mit den Händen den Schweiß auf seinem Körper neu verteilt, was laute, schmatzende Geräusche verursacht. Dann wieder steht er in dem schmalen Bereich zwischen Saunaofen und Tür, presst die Arme auf die Holzbank, um seinen Rücken zu strecken.

Ich weiß nicht, ob ich der Einzige bin, den diese gymnastischen Übungen stören. Manchmal stelle ich mir vor, wie das Ganze von außen betrachtet aussehen muss. Lauter Männer (Frauen verirren sich nur selten in die gemischte Sauna) sitzen stumpf vor sich hin dämmernd auf den Holzbänken. Nur einer schert aus, indem er den Saunaaufenthalt konsequent nutzt, um auszutesten, wie dehnbar sein nackter Körper eigentlich ist – oder wie weit dehnbar die Geduld all derer ist, die bei 85 Grad mit ihm in dem kleinen Raum ausharren.

In diesem Sinne, Duschen nicht vergessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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