Sportlich Zeitreisen

Ohne Hühner

2014-06-17-Picken

In einem Menschenleben gibt es viele erste Male. Der erste Kuss, der erste Rausch, der erste Sex – vielleicht ja sogar in dieser Reihenfolge. Eines der ersten Male, an das ich mich erinnern kann, hat nichts mit all dem zu tun. Ebenfalls nichts zu tun hat es mit Hühnern – ausdrücklich nicht.

„Picken hat nichts mit Hühnern zu tun“ – so war der erste Artikel überschrieben, den ich in meinem Leben veröffentlicht habe. Erschienen ist er in der Zeitung zur 200-Jahr-Feier meiner Grundschule im Jahr 1988.

Zugegeben, sehr tiefschürfend dürfte der Text nicht gewesen sein. Ich war damals sieben oder acht Jahre alt und gerade so eben des Lesens und Schreibens mächtig. Das Thema hatte ich ausgewählt, weil es so schön nahe lag, geografisch gesehen. Gepickt wird nämlich nur noch an einem einzigen Ort auf der Welt – und der liegt unweit meines Elternhauses.

Picken ist der Sport der Werkzeugmacher und Werkzeugschleifer auf den Wuppertaler Südhöhen im Stadtteil Cronenberg. Am ehesten ist er mit Kegeln zu vergleichen, allerdings ist Picken ungleich komplizierter. Die Regeln sind dennoch schnell erklärt:

    • Ziel beim Picken ist es, mit einem etwa zwei Kilogramm schwerem Stück Holz aus mehreren Metern Entfernung möglichst viele der neun kleinen Holzpinne zu treffen, die auf einem im Boden versenkten Schleifstein stehen (heute ist es eine runde Betonplatte).
    • Damit der Wurf zählt, muss allerdings zuvor ein deutlich kleinerer Pinn getroffen werden, der ein Stück vor dem Schleifstein steht, unmittelbar neben einer lose befestigten Eisenplatte  …
    • … die auf keinen Fall mit dem Wurfholz berührt werden darf.
    • Die Zahl der Würfe variiert je nach Spielmodus.

Seit wann in Wuppertal-Cronenberg oder genauer gesagt in der Hofschaft Vonkeln gepickt wird, weiß heute niemand mehr genau. Angeblich entstand der Sport, weil Glücksspiel von der Kirche verboten war und die Schleifer und Schmiede in der Region einen Zeitvertreib suchten, mit dem sie gotteskonform die Trockenzeiten überbrücken konnten, bis die wassergetriebenen Hämmer und Schleifsteine wieder einsatzbereit waren.

Früher weit verbreitet wird die Tradition des Pickens heute nur noch von einem einzigen Verein hochgehalten, dem „Pickverein Grüne Eiche“. Der veranstaltet dafür konsequenterweise einmal im Jahr an Pfingsten die „Weltmeisterschaften“ im Picken, das „Königspicken“ (verbunden mit einem mehrtägigen Fest, wie zum Beispiel hier nachzulesen ist).

In diesem Sinne, es muss ja nicht immer Fußball sein …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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