Mitmenschen

Ein bisschen

Vermutlich bin ich ein bisschen laktoseintolerant. Eine leichte Glutenunverträglichkeit habe ich natürlich auch. Warum? Na weil ich so voll im Trend liege!

Aber vielleicht sollte ich anders anfangen. Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, als die Menschen darüber gesprochen haben, was sie gegessen haben? Das ist gar nicht so lange her. Inzwischen reden die meisten Menschen allerdings viel lieber darüber, was sie nicht gegessen beziehungsweise weggelassen haben. Ob das sinnvoll ist oder nicht, scheint dabei gar keine Rolle zu spielen. Normale Nahrung ist böse, nur spezielles Essen ist gut. Und wie gut man isst, das sollen alle sehen. Wer es nicht glaubt: einfach mal spaßeshalber bei instagram den Hashtag #glutenfree eingeben.

Ich fühle mich beim Durchblättern solcher Bilder oft an das Thema Benzin erinnert. Als die Ölkonzerne entdeckten, dass manche Autofahrer mehr Geld für das Benzin bezahlen, wenn eine höhere Oktanzahl draufsteht, gab es auf einmal lauter „Renn“-Benzine an den Zapfsäulen. Dass einer normaler Motor deswegen weder besser noch schneller oder energiesparender läuft, schien niemanden zu interessieren (zur Erklärung: die Oktanzahl gibt nur an, wie stark ein Treibstoff-Luft-Gemisch verdichtet werden kann, nicht, wie stark es im Motor tatsächlich verdichtet wird).

Ähnlich ist es beim Thema Gluten. Schätzungen zufolge leiden nur rund ein Prozent der Weltbevölkerung unter einer Glutenunverträglichkeit. Alle anderen jedenfalls können glutenhaltige Lebensmittel essen und sollten dies auch tun. Denn zum einen sind glutenfreie Lebensmittel in der Regel deutlich teurer, zum anderen werden die fehlenden Gluten oft durch ein Mehr an Zucker oder Fett ausgeglichen. Gesünder sind glutenfreie Lebensmittel jedenfalls nicht, auch wenn die Werbeindustrie das ganz gerne so in den Köpfen der Menschen verankert hätte – bringt schließlich mehr Geld.

Ähnlich ist es beim Thema Laktoseintoleranz. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung leiden rund 80 Prozent der Käufer von laktosefreien Produkten gar nicht unter Milchzuckerunverträglichkeit. Für den Irrglauben, dass „laktosefrei“ bestimmt irgendwie gesünder oder besser ist, zahlen sie im Schnitt 2,4 mal mehr als sie für das ganz normale Produkt mit Milchzucker ausgegeben hätten. Wobei ich besonders diejenigen großartig finde, die behaupten, „eine leichte Laktoseintoleranz“ zu haben – natürlich nach sorgfältiger Eigendiagnose (ein Arzt hätte ihnen nämlich gesagt, dass es so etwas wie eine leichte Laktoseintoleranz nicht gibt – hier gilt nämlich: ganz oder gar nicht!).

Für mich klingt das, um wieder zum Thema Auto zurück zu kommen, als würde sich ein Autokäufer bewusst dafür entscheiden, einen Wagen nur mit Notlaufrädern zu erwerben und dies auch jedem, der es hören oder auch nicht hören will, immer wieder und wieder zu erzählen. Was für den Sonderfall gedacht ist, muss schließlich besser sein als die normale Variante mit vier voll funktionsfähigen Reifen.

In diesem Sinne, gute Fahrt auch!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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