Zeitreisen

Doppelte Erdumrundung

2013-12-18-Fiesta

Könnt Ihr Euch an die Mitschüler erinnern, die ab ihrem 18. Geburtstag nur noch mit dem Auto zur Schule kamen? Meist war das ein VW Golf, der damals noch als Kleinwagen galt (ich spreche hier vom Golf II oder höchstens III). Und meistens hatten ihn die Eltern bezahlt.

Ich war keiner von diesen Schülern. Mein erstes eigenes Auto habe ich mir mit 28 Jahren gekauft – gebraucht und weil ich beruflich ein Auto brauchte. Nach einigem Ärger am Anfang (es ging soweit, dass ich den Händler verklagen musste), bin ich dieses Auto bis heute gefahren. Fünfeinhalb Jahre lang. Hätte ich nicht zwischendurch gelenkt, hätte ich die Erde inzwischen fast zwei Mal umrundet – also wenn man nach den gefahrenen Kilometern geht.

Autos sind für mich in erster Linie Gebrauchsgegenstände. Dennoch tue ich mich schwer, den kleinen, roten und inzwischen fast 16 Jahre alten Fiesta nun zu verkaufen. Er fährt ja noch. Nicht ganz so schnell, wie der Dienstwagen, dem er nun weichen muss, aber dafür vollgepackt mit um so mehr Erinnerungen.

Vollgepackt mit Gepäck war er dagegen vor allem in den ersten beiden Jahren. Damals hatte ich gerade meine Wohnung aufgelöst und meinen Hausstand so zusammengedampft, dass er komplett im Kofferraum und auf der Rückbank des Fiestas Platz hatte. Zwei Jahre lang habe ich das durchgehalten, bin von Wuppertal nach Konstanz, von Konstanz nach Ravensburg, von Ravensburg nach Radolfzell, von Radolfzell nach Donaueschingen, von Donaueschingen wieder nach Konstanz und von Konstanz nach Karlsruhe umgezogen.

Ich erinnere mich an die erste Fahrt mit einem neuen Autoradio – das ich dann noch im ersten Stau wieder ausgebaut habe, weil der Empfang so schlecht war. Hinzu kam, dass der USB-Anschluss des Radios einen sehr beschränkten Musikgeschmack hatte. Was ihm nicht gefiel, spielte er nicht ab – und das war eigentlich fast alles. Dann lieber Kassettendeck mit Adapterkassette und iPad.

Eine Zeit lang musste ich beim Parken sehr vorsichtig sein – wehe jemand stellte seinen Wagen zu eng an meiner Beifahrertür ab. Die musste ich nämlich aufschließen, um dann von innen die Fahrertür zu öffnen, deren Schloss irgendwann einfach den Geist aufgegeben hatte. Reparieren kann das nur eine Original-Ford-Werkstatt, lernte ich damals.

Nun sind die Stunden des Fiesta wohl gezählt, je nachdem wie schnell einer der “Kaufe jedes Auto”-Händler anbeißt. Immerhin: so hatten die unzähligen bunten Kärtchen, die ich regelmäßig aus der Fensterisolierung gezogen habe, am Ende doch ihre Berechtigung.

In diesem Sinne, drückt mir die Daumen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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