Beaver

Wir waren zu Fuß unterwegs. Das muss reichlich komisch ausgesehen haben. Niemand geht hier zu Fuß. Bürgersteige gibt es kaum. Verlässt man die breite Hauptstraße, die zugleich der Highway 15 von Salt Lake City nach Las Vegas ist, gar keine mehr. Der Asphalt der Straße geht übergangslos in einen Grünstreifen aus ungleichmäßig wachsendem Gras über. Der ist mal breiter und mal schmaler, je nachdem wie weit die Vorgärten der meist aus Holz gebauten Einfamilienhäuser an die Straße herangerückt sind.

Beaver, Utah, ist kein großer Ort, zumindest nicht gemessen an der Bevölkerungszahl. Nur rund 2600 Menschen leben laut dem letzten Zensus hier, der allerdings im Jahr 2004 stattfand. Betrachtet man Beaver via google maps, scheint der Ort kaum mehr zu sein als ein langgezogener Fleck, der nach oben hin breiter zu werden scheint. Ein paar Straßen im Nichts, mehr nicht.

Trotzdem fühlt Beaver sich nicht klein an, jedenfalls nicht im räumlichen Sinne. Vielmehr hat man das Gefühl, als würde Beaver an seinen Rändern dalí’est zerfließen. Die schnurgerade und im rechten Winkel von der Main Street abgehenden Stichstraßen enden nicht, sie verlieren sich irgendwo in der Prärie. Gleiches gilt fast für die weiter außen stehenden Wohnhäuser. Oft sind sie so weit weg von der Straße gebaut, als wollten sie nicht wirklich dazugehören, geschweige denn sich formell einer Adresse zuordnen lassen. Nicht immer kann man sagen, wo Wildnis anfängt und wo Vorgarten beginnt. Einen groben Eindruck vermittelt höchstens die amerikanische Fahnen, die in praktisch jedem Vorgarten hängt.

Der berühmteste Sohn des Ortes ist Butch Cassidy, ein Bank- und Eisenbahnräuber zu Zeiten des Wilden Westens, dessen Leben 1969 unter dem Titel „Zwei Banditen“ mit Paul Newman und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt wurde. Auch wir fragen uns, ob wir womöglich demnächst festgenommen werden, als sich von hinten plötzlich ein Auto nähert und langsam abbremst. Noch immer sind wir weit und breit die einzigen Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Und dann fotografieren wir auch. Das ist sicher verdächtig. Einbrecher auf Kundschaftertour oder so. Doch der Pick-Up hinter uns stoppt nicht. Herrchen wie Hund im Auto winken uns nur freundlich zu, während sie an uns vorbeifahren, um wenig später auf eines der Wohnhäuser zuzuhalten.

Wir laufen zurück zu unserem Motel. Davon gibt es in Beaver mehrere. Der Ort eignet sich zwar nicht direkt als Ausgangspunkt für die beiden nächstgelegenen Nationalparks, Zion und Bryce Canyon. Er ist aber nach amerikanischen Verhältnissen gerechnet noch dicht genug dran, um als Ersatz-Übernachtungsort zu fungieren, wenn die näher gelegenen Unterkünfte ausgebucht oder schlicht zu teuer geworden sind. Wir schlafen gut in dieser Nacht.

In diesem Sinne, ruhig auch mal abseits der Route umschauen! Mehr USA-Berichte und Bilder gibt es hier.

PS: Natürlich gibt es in Beaver auch ein Telefonbuch. Allerdings ist das nicht nur ein einfaches Telefonbuch. Es ist „the best phone book in town“!

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