Splitter

72 Stunden

Zwei Mal reicht und man braucht eine Woche nicht mehr duschen – zumindest wenn man dann Sonntags nicht mehr vor die Tür geht.

Ich fand es ja schon komisch, als vor ein paar Monaten plötzlich ein Deo nach dem anderen damit beworben wurde, 48 Stunden lang wirksam zu sein. Inzwischen sind die Deo-Hersteller bei 72 Stunden angekommen – und ich frage mich ernsthaft, wer so lange Deoschutz benötigen könnte.

Zugegeben, es mag durchaus Situationen geben, wo man tatsächlich mal zwei oder drei Tage nicht zum Duschen und nebenbei auch ganz schön ins Schwitzen kommt: Bundeswehr, Flugzeugabsturz in unzugänglichem Gelände, RTL-Dschungelcamp. Allerdings behaupte ich, dass man es in solchen Situationen vermutlich andere Sorgen hat als hinreichenden Deo-Schutz (gut, mal vom Dschungelcamp abgesehen).

Warum also 72 Stunden? Vermutlich aus dem gleichen Grund, warum mein Rasierer inzwischen vier Klingen hat statt nur einer und es meines Wissens sogar welche mit fünf, sechs und bald bestimmt auch sieben Klingen gibt: weil Superlative sich nun einmal verkaufen.

Schreibe ich auf einen Alleskleber, dass er mindestens 400 Jahre hält, ist das ein Verkaufsargument – selbst wenn kein Mensch jemals etwas zusammenkleben wird, dass 400 Jahre halten muss. Gebe ich auf einen Rucksack eine lebenslange Garantie, klingt das in jedem Fall gut – auch wenn es wohl mehr als unwahrscheinlich ist, ein Leben lang den selben, häßlichen, kastenförmigen Rucksack zu benutzen.

72 Stunden Deoschutz, das klingt nun einmal beeindruckend. Wenn ein Deo im Fall des Falles 72 Stunden hält, dann wird es ja wohl die durchschnittlich 14 oder 15 Stunden, die man es wirklich braucht, spielerisch meistern.

Was aber, wenn das Deo wirklich hält, was es verspricht? Wenn ein Deo auf 72 Stunden ausgelegt ist, dann entfaltet es seine volle Leistung vielleicht auch erst nach einem oder sogar zwei Tagen, also bei Stunde 24 oder gar Stunde 48. Wie ein teurer Whiskey oder Wein, der eine gewisse Zeit braucht, um sein volles Aroma zu entfalten und zur Höchsform aufzulaufen. Dumm gelaufen, möchte man sagen.

Eigentlich ärgerlich, dass ich vermutlich nie erfahren werde, ob das mit den 72 Stunden funktioniert. Ich habe nämlich wieder mein ganz normales 0-8-15-Deo ohne Zeitversprechen gekauft. Einer muss ja stinken – sonst sind die ganzen ungeduschten, dreitagebärtigen, schlammverkrusteten und trotzdem wohlriechenden Superdeo-Benutzer ja gar nichts besonderes mehr.

In diesem Sinne, bloß nach drei Tagen das Deo nicht vergessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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