Beziehungsweise Zeitreisen

Telefonfreundin

2013-04-02-Brieffreunde-Telefon

20 Minuten pro Woche. Mehr war nicht drin. “Zu teuer”, sagten meine Eltern. “Zu teuer”, sagten auch ihre Eltern. Zwei mal 20 Minuten, das machte 40 Minuten, die wir pro Woche miteinander telefonieren konnten. Nur abends, versteht sich, da war es nämlich billiger. Außerdem war es dann nicht so schlimm, wenn ich mit meinen “endlosen Telefonaten” die Leitung blockierte. Wer sollte schon nach 21 Uhr bei uns anrufen wollen – außer eben meiner Brieffreundin, die ich seinerzeit im Urlaub kennengelernt hatte.

“Brieffreundin” – schon dieses Wort gibt mir das Gefühl, furchtbar alt zu sein. Heute schreiben 15-Jährige sich E-Mails. Glaube ich jedenfalls. Angeblich nutzen viele Teenager nämlich nicht mal mehr elektronische Post. Wozu gibt es Facebook, Whats-App und Allnet-Flats? Viele junge Leute würden bei Bewerbungen verlegen die E-Mail-Adresse ihrer Eltern angeben, weil sie ihre eigene ohnehin nicht mehr abrufen würden, beklagte sich kürzlich ein Chefredakteur via Twitter. Wie schnell die Zeiten sich ändern.

Gefühlt ist es endlos her, seit ich um Punkt 21 Uhr zum Telefonhörer gegriffen habe. Ein Knopfdruck ließ den Plastikverschluss samt Mikro nach unten schnellen. Ein portables Gerät, immerhin. Meine Eltern mussten nicht jedes Gespräch mitbekommen. Außerdem konnte ich das Telefon so sogar mit in mein Zimmer nehmen.

Wichtig wurde das ein paar Monate später. Meist klingelte der Wecker gegen 2 Uhr morgens. Ortsgespräche waren zu dieser Zeit am billigsten, hieß es damals. Ob das stimmte, weiß ich nicht – irgendwer hat mir später einmal erzählt, dass die Telekom eigentlich nur zwischen zwei Tarifen unterschied: vor 18 Uhr und nach 18 Uhr. Anders als meine Brieffreundin, die gut 60 Kilometer von mir entfernt wohnte, telefonierte meine neue Freundin nämlich im gleichen Ort wie ich. Ein enormer Vorteil – Ortsgespräche waren nämlich, anders als Ferngespräche, zumindest bezahlbar.

Ich weiß nicht, ob meine Eltern von den nächtlichen Telefonaten wussten. Wenn dem so war, drückten sie wohl ein Auge zu. S. und ich achteten jedenfalls peinlich genau darauf, die vertelefonierten Stunden wenigstens gleichmäßig auf die beiden Anschlüsse und damit auch auf die beiden Rechnungen aufzuteilen. Einzelverbindungsnachweise gab es nämlich noch nicht, zumindest nicht bei uns. Und wer dran war, wenn das Telefon klingelte, war jedes Mal eine Überraschung.

Ich erinnere mich daran, wie mir ein Freund damals erzählte, in den USA seien Ferngespräche in der Grundgebühr enthalten, also so gut wie kostenlos. “Tolle Sache”, sagte ich damals. “Schade, dass es so etwas nicht Deutschland nicht gibt.” Ich war eben schon immer ein Visionär ;-)

In diesem Sinne, – ruf – mich – an – !

PS: Nein, das Telefon auf dem Foto ist nicht das in dem Blogeintrag erwähnte – das gibt es inzwischen nicht mehr. Vielmehr handelt es sich um mein aktuelles Festnetztelefon. Wie alt das inzwischen ist weiß ich leider nicht mehr …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Meine beste Freundin wohnte damals einen Ort weiter und der fiel bereits unter eine andere Ortsvorwahl. Somit war es schon ein Ferngespräch und unsere täglichen Telefonate wurden von unseren Eltern gerne mal eingeschränkt.

    Interessant finde ich, dass zwischenzeitlich viele gar nicht mehr ans Telefon gehen, wenn die Nummer nicht übermittelt wird. Da denke ich mir immer: Früher war das doch auch nicht anders.

    1. Das mit der nicht übermittelten Nummer finde ich allerdings auch blöd – meist klingelt es in den unmöglichsten Momenten und wenn ich dann nicht mal sehe, wer es ist, gehe ich normalerweise auch nicht dran. Wer mich kennt, kennt in der Regel auch noch einen weiteren Weg, um mich zu erreichen ;-)

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