Beziehungsweise Frauen

Spontane Hochzeitspläne

Ich habe ihr geholfen, den Koffer in die Gepäckablage des Eisenbahnwagons zu hieven. Ich hätte sie aber auch vom Fleck weg geheiratet, wenn sie mich nur darum gebeten hätte.

Es ist unheimlich, wie manche Frauen mit nur einem Blick verzaubern können. Ihrer kam aus haselnussbraunen Augen. Dazu ein Gesicht, eingerahmt von dicken, blonden Haare und mit kleinen Grübchen, die man nur dann erahnen konnte, wenn sie gelächelt hat. Sie war schlank, ohne aber gleich zu dünn zu wirken. Als ich mich runter gebeugt habe, um nach ihrem Koffer zu greifen, habe ich ihre Haare riechen können. 

Ich kenne weder ihren Namen, noch weiß ich sonst etwas von ihr, außer dass sie, im Gegensatz zu mir, nicht in Ulm aussteigen und den Zug wechseln musste. Trotzdem habe ich mich quasi auf Anhieb in sie verliebt. Schade nur, dass ich mich wohl genau so schnell wieder entlieben werde.

In dem Buch High Fidelity lässt der Autor, Nick Hornby, seinen Protagonisten feststellen, dass Schwärmereien deshalb so schön sind, weil dabei all die wirklichen Probleme ausgeblendet bleiben. Die Traumfrau in Gedanken ist niemals anstrengend, man streitet sich auch nicht. Selbst ihre Fehler sind keine Mankos, sondern schlicht niedlich und man selber sowieso immer der richtige und auch einzige Mann für sie. Im Gegensatz dazu ist eine normale Beziehung anstrengend, geradezu Schwerstarbeit. Manchmal ist sie es allerdings wert.

Schade, dass ich mich nicht getraut habe, sie anzusprechen. Andererseits ist Träumerei vielleicht manchmal die schönere Variante. Träume platzen, aber anders als die Realität hinterlassen sie dabei keine hässlichen Flecken.

In diesem Sinne, gute Fahrt noch, schöne Frau!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Manchmal lohnt sich das Ansprechen im Zug aber auch. Bin mit meiner Traumfrau seit knappen 5 Jahren zusammen und muss sagen, die Frauen in meinen Träumen sind anstrengender ;-)

    Aber so etwas willst Du hier sicher nicht lesen, immerhin hast Du Dein Blondie ihres Weges fahren lassen. Hinweis auf sich anschließend ärgern gibt bereits eine deutsche Punkband in ihrem Lied “Das Mädchen aus Rottweil”. Die Frage: “Was wäre, wenn…?” steht ja anschließend ebenfalls im Raum und alle weiteren Beziehungen müssen sich immerhin an den Träumen messen.

    Zum Schluss eine kleine Statistik: 80 Prozent der Menschen freuen sich über eine spontane Kontaktaufnahme im Zug, der Kneipe, wo auch immer. Demzufolge bekommt man bei gerade mal 2 von 10 Personen eine meist freundliche Absage.

    In diesem Sinne: Öfter mal was riskieren! (sorry Felix, ich weiß, das copyright auf die Formulierung hast Du, aber das war jetzt wirklich zu verlockend…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.