Berliner Leben Zeitreisen

Rauch-Heimat

2013-09-23-KohleofenIch kenne diesen Geruch. Und ich mag ihn. Wenn ich verbrannte Zeitungen rieche, fühle ich mich sofort zuhause. Der Grund ist dabei nicht etwa eine Abneigung gegen gedruckten Journalismus. Im Gegenteil – obwohl ich seit Jahren für ein Online-Medium arbeite, bin ich ein großer Zeitungsfreund. Vielmehr fühle ich mich bei dem Geruch an meine Herzens-Heimat erinnert, an Berlin.

Ich weiß gar nicht, wie es heute ist. Damals – und so lange ist es ja auch wieder nicht her, dass ich dort gewohnt habe – soll es dort noch rund 100.000 Wohnungen mit klassischer Ofenheizung gegeben haben. Meine war eine davon. Das war lange nicht so schlimm, wie es vielleicht klingt.

Der Kohleofen war kein schmiedeeisernes Ungetüm, in dem man im Zweifel auch mal schnell eine Leiche hätte entsorgen können. Eher unauffällig-kastenförmig stand er in einer Ecke des Wohn-/Schlafzimmers (Bad und Küche wurden mit Gas beheizt). Wurde es draußen kälter, wurde er angezündet. Zeitungen habe ich dafür nur am Anfang genutzt, bevor ich den Vorteil von gewöhnlichen Grillanzündern auch im Winter zu schätzen lernte. Hatten die Briketts dann einmal Feuer gefangen und eine gewisse Temperatur erreicht, verbreitete sich schnell eine angenehme Wärme im Raum, die so gar nichts von trockener Heizungsluft hatte.

Die Zeitungen brauchte man erst am Abend. Um das Feuer möglichst lange am Leben zu erhalten, wurden ein oder zwei Briketts mit Druckerzeugnissen umwickelt, bevor sie vor dem Schlafengehen in den Ofen geworfen wurden. Diesen Trick hatte mir ein Bekannter verraten. Ob er wirklich funktionierte, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht hätte ich mir die Zeitungen auch sparen können. Normalerweise war mit dieser Methode jedenfalls am nächsten Morgen noch genug Glut übrig, um das Feuer mit wenig Aufwand neu zu entfachen.

Das Feuer zu schüren habe ich allerdings ohnehin nie als anstrengend oder nervig empfunden. Im Gegenteil: stets überwog das wohlig-männliche Gefühl, Herbst und Winter ganz und gar maskulin zu begegnen: „Harrr! Feuer gemacht!“

Ganz anders habe ich das Entfernen der Asche gesehen. Egal wie vorsichtig ich dabei war, spätestens nach einer Woche mit laufender Ofenheizung musste ich beim Staubwischen auch immer einen feinen, grau-gelben Aschefilm entfernen. Und natürlich musste ich regelmäßig in den Keller. Dort lagerte die Kohle. Eine Tonne war damals für etwas über 100 Euro zu haben und reichte locker für einen oder, je nach Temperatur, sogar für zwei Winter. Außer bei den Heizkosten sparte man außerdem bei der Miete – Kohleöfen waren eben nicht sonderlich beliebt und entsprechend preisgünstiger.

In den Keller heruntergeschafft wurde die Kohle ganz klassisch: mit Hilfe eines Kohleträgers. Der kam auf telefonisch Bestellung und lud sich die Briketts gleich zenterweise auf den Rücken. Gut erinnere ich mich noch an meine erste Bestellung. In meiner grenzenlosen Naivität hatte ich dem heftig schwitzenden, kleinen Mann eine Flasche Wasser angeboten. „Trinke ich nicht, poppen die Fische drin“, hatte der mein Angebot kommentiert – und in den folgenden 25 Minuten während der kurzen Tragepausen drei Flaschen Bier geleert. Hin und wieder kommt es mir heute noch komisch vor, die Heizung einfach nur aufzudrehen und nicht anzuzünden.

In diesem Sinne, ich bin dann mal beim Feuermachen … Harrr!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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