Ich war letztens in Australien. Nicht wirklich, leider, sondern im Traum. Der hatte mich an irgendeinem Busbahnhof ausgespuckt. Es herrschte ein ziemliches Gedränge, was mich aber nicht weiter störte. Ich fühlte mich wohl. Zwar wusste ich nicht mehr, wie ich hergekommen war, aber wie das in Träumen so ist, störte mich das nicht. Wichtig war schließlich, wo ich von hier aus hingehen oder besser: hinfahren würde. Darauf freute ich mich.
Heute ist es fast auf den Tag genau 21 Jahre her, dass ich von meiner bisher größten Reise zurückgekommen bin: mit einem Rucksack und einem „Round-the-World“-Ticket einmal um die Welt. Australien war damals nach Südamerika und Neuseeland der dritte Stopp. Ich landete in Sydney, wo ich einige Tage blieb. Nach einem Abstecher zu den Blue Mountains fuhr ich anschließend die Ostküste hinauf bis ins tropische Cairns.
Eine recht typische Route, wunderschön, aber auch entsprechend ausgetreten. Ich machte da keine Ausnahme: ich nahm die klassischen Highlights mit. Ich besuchte die größte Sandinsel der Welt, die heute K’gari und damals Fraser Island hieß, bewunderte die Traumstände der Whitsunday Islands und tauchte am Great Barrier Reef mit Clownfischen und allerlei anderen Meeresbewohnern. Abends feierte ich in den gängigen Party-Hostels mit den anderen Backpackern. Ich tat, was alle taten, und es fühlte sich toll an!
Aber da war auch dieser leise Zweifel. Klar, es hatte einen Grund, warum eben diese Strecke bei Reisenden aus aller Welt so beliebt war. Aber machte ich diese Reise nicht auch, um etwas zu erleben, was nicht jeder erlebte?
Ausgetretene Pfade haben den Vorteil, dass man sich auf ihnen nur schwer verlaufen kann. Das macht sie bequem. Aber es verleitet auch dazu, bequem zu bleiben.
Wenn ich heute an diese Reise zurückdenke, sind da zwei Gedanken. Einerseits bewundere ich den Mut meine damals 25-jährigen Ichs, einfach loszureisen. Zwar hatte ich zuvor schon die eine oder andere Reise alleine gemacht, aber das waren immer nur ein paar Tage oder Wochen gewesen. Mehrere Monate war ich noch nie weg gewesen – und so weit auch noch nicht (obwohl ich mich in Australien wieder näher an Europa fühlte als ich es in Südamerika getan hatte).
Andererseits frage ich mich, ob ich vielleicht mehr aus der Reise hätte machen können, es aber aus Bequemlichkeit, vielleicht auch aus Angst nicht gemacht habe. Ich bin dem ausgetretenen Pfad gefolgt, weil er sich sicherer angefühlt hat. Er war meine Komfortzone außerhalb meiner Komfortzone geworden.
Wie wichtig mir die ist, stelle ich immer öfter fest, je älter ich werde – und ärgere mich dann. Denn die besten Erlebnisse und die schönsten Erinnerungen, sowohl an Reisen als auch an das Leben insgesamt, habe ich dann gehabt, wenn ich meine Komfortzone bewusst oder unbewusst verlassen habe. Wenn ich zum einen meine Bequemlichkeit aufgegeben habe und mir einen neuen Weg abseits des ausgetretenen Pfades gesucht habe, und wenn ich zum anderen riskiert habe, dass es schief gehen kann.
Daran musste ich denken, während ich an dem erträumten australischen Busbahnhof stand. Darum war ich fest entschlossen, es bei dieser Reise anders zu machen. Ich würde ins Outback fahren und zwar nicht nur auf den gängigen Routen, sondern bewusst abseits davon. Ich würde kleine Bergbau-Siedlungen besuchen und in einsamen Orten irgendwo im nirgendwo übernachten. Ich würde mit noch leichterem Gepäck reisen und noch mehr improvisieren. Es würde großartig werden.
Ich habe einmal gelesen, wenn man sich an Träume erinnert, soll man nicht nur versuchen, sich an den Traum selbst zu erinneren, sondern auch an die Gefühle, die dieser in einem ausgelöst hat. In diesem Fall war das ganz klar das Gefühl von Freiheit. Die Welt stand mir offen, weil ich keine Angst mehr davor hatte, den bequemen ausgetretenen Pfad zu verlassen. Jetzt musste ich diesen Mut nur noch in die wirkliche Welt mitnehmen.
In diesem Sinne, auf die unausgetretenen Wege!


