Kapuzenträger

Unheimlich sah er aus, als er am Potsdamer Platz in die S-Bahn stieg. Die graue Kapuze hatte er bis tief in die Stirn gezogen, die Musik aus seinen Kopfhörern war so laut, dass ich sie quer durch den Zug hören konnte. Zu übergroßen Jeans trug er in grellem neongelb leuchtende Turnschuhe und eine ebenfalls übergroße Jacke. Mit grimmig gesenkten Kopf sah er sich erst um, dann kam er langsam in meine Richtung.

Gesehen hatte er mich wahrscheinlich nicht. Vielmehr hatte wohl vor allem der freie Platz mir gegenüber seine Aufmerksamkeit gefesselt. Noch während er sich ins Polster fallen ließ, zog er sein Handy aus einer verborgenen Tasche. Auf dem tippte konzentriert rum, ohne auch nur einmal aufzugucken. Während ich mich noch fragte, wovor er sich eigentlich versteckte, verschwand er, den Kopf immer noch gesenkt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, am Bahnhof Friedrichstraße wieder in der Menge.

Warum? Nicht dass ich das Bedürfnis gehabt hätte, mit dem Typ zu sprechen. Dennoch hat mich fasziniert, wie resolut er jeden Kontakt zur Außenwelt abblockte. Früher waren es vor allem die pseudo-Rapper, die sich selbst eher in einer dunklen Seitegasse in einer der unschönen Ecke der Bronx sahen als in einer langweiligen, deutschen Großstadt.

Heute schottet dagegen schon jeder zweite mit Kapuze, MP3-Player oder zumindest intensivem Handy-Bearbeiten von seiner Umwelt ab. Als wäre es den Leuten unangenehm, dass man sie wahrnehmen oder gar mit ihnen sprechen könnte. Komisch eigentlich, wo der Mensch doch eigentlich als soziales Wesen (Aristoteles) charakterisiert wird.

In diesem Sinne, ruhig auch mal die Augen aufmachen!

Fight Club

Ich hab Dich gestern gegoogelt – wer mit diesem Satz ein Date beginnt, hat von Anfang an schlechte Karten. Dabei erfüllt er (oder sie) doch eigentlich eine Vorgabe, die wohl die meisten Menschen sich bei einem Partner wünschen: Ehrlichkeit!

Zumindest in meiner Generation scheint es mir mittlerweile üblich, den Namen potenzieller Beziehungspartner, des neuen Schwarms oder auch alter Klassenkameraden zu googeln und/oder zumindest versuchsweise einmal in das StudiVZ-Suchfeld einzugeben. Nur zugeben, das würden es wohl die wenigsten – vor allem nicht gegenüber dem, den man da gesucht hat.

Von den Nutzerstatistiken dieses Blogs weiß, dass immer wieder Leute hier landen, die bei Google einfach nach meinem Namen gesucht haben.
Wer sind diese Leute? Aktuelle oder potenzielle Chefs? Ex-Freundinnen? Verrückte Stalker? Und was schließen all diese Leute aus dem, was sie über mich finden?

Vor ein paar Monaten habe ich mal etwas über die verräterischen Fotoalben im StudiVZ geschrieben. Auch heute noch finde ich es unheimlich, dass man mittlerweile bei jeder Party damit rechnen muss, am nächsten Tag unschön verlinkt in irgendwelchen Bildersammlungen aufzutauchen – gut sichtbar für all diese oben genannten Leute.

Die “Webidentität” eines Menschen ist längst nicht mehr nur irgendeine Spielerei. Im Gegenteil – sie ist wertvoll genug, dass es mittlerweile Firmen gibt, die daraus ein lukratives Geschäft gemacht haben. Reputation-Defender etwa wirbt damit, alles zu finden, was über eine Person im Web zu finden ist – und dann dafür zu sorgen, dass ungewünschte Infos wieder verschwinden. Gegen entsprechendes Entgeld, versteht sich.
Andere Firmen wiederum versprechen, die eigene Identität publikumswirksam aufzumotzen oder – dem Datenschutz zu liebe – sogar ein komplett neues Web-Ich zu kreieren.

Ich habe mir angewöhnt, mich hin und wieder selber zu googeln. Selbst wenn ich es nur bedingt steuern kann, so möchte ich doch zumindest wissen, was in den Weiten des Internets über mich zu finden ist. “Vanity Search” heißt diese Art der Suche, denn egal wie man sie begründet, letztlich hat das sich-selber-Googeln eben immer auch etwas mit persönlicher Eitelkeit zu tun.

Diese Eitelkeit kann man übrigens seit einigen Monaten auch lustig animiert ausleben: “Googlefight” heißt eine Seite, wo man Suchbegriffe im wahrsten Sinne des Wortes gegeneinander antreten lassen kann. Zum Beispiel mich gegen George W. Bush (er gewinnt, leider) oder Hillary Clinton gegen Barack Obama. Aber das ist ein anderes Thema.

In diesem Sinne, einen fairen Kampf bitte!

Ungeschminkt

Ein Sportplatz ist nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Die meisten, die hier ihre Runden drehen, haben irgendwelche schlabbrigen Sportsachen an, sind weder geschminkt noch gestyled und freundlich lächeln tut nach Runde sieben auch keiner mehr. Ganz abgesehen davon sind die meisten Läufer eh nicht ansprechbar, weil sie entweder kleine, weiße Stöpsel im oder übergroße Lautsprechersets auf den Ohren haben, aus denen sie sich beim Joggen beschallen lassen.

Ich gebe zu, auch ich höre beim Laufen in der Regel Musik. Zudem habe ich heute sicher alles andere als einen ansprechenden Bild abgegeben: ungeduscht, ohne jede Frisur und noch etwas müde habe ich meine Runden gedreht, als sie mir auffiel.
Ich habe sie gesehen, als ich außen, am Zaun vorbei, in Richtung Eingang joggte. Als hätte sie meinen Blick gespürt, drehte sie den Kopf genau in diesem Moment in meine Richtung und ich bilde mir ein, dass sie gelächelt hat.

Genau weiß ich das freilich nicht, denn beim Laufen trage ich keine Brille. (Gut, ich trage auch sonst meist keine Brille.) Außerdem hatte sie offenbar schon einige Runden hinter sich. Vielleicht hat sie also einfach so aus Erschöpfung die Mundwinkel verzogen, Kaugummi gekaut, ein Loch im Zahn – was weiß ich. Sie war mir jedenfalls direkt sympathisch.

Ungefähr drei oder vier Runden sind wir zusammen gelaufen. Ich erst hinter ihr, dann, weil ich mein Tempo minimal höher war, vor ihr. Wir haben kein Wort gewechselt. Trotzdem habe ich mich mit ihr irgendwie verbunden gefühlt. Als sie schließlich in Richtung Ausgang gejoggt ist, war ich sogar ein wenig traurig.

Ein Sportplatz ist leider nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Das ist ärgerlich, denn wo sonst trifft man die Menschen so unverstellt und ungeschminkt wie hier.

In diesem Sinne, liebe Unbekannte, bis morgen auf der Laufbahn!

Neue Wege

Der Weg ist das Ziel. Dieser Spruch passt oft, aber längst nicht immer. Nicht jeder Weg ist wirklich ein Ziel, mancher wirklich Mittel zum Zweck: nämlich von A nach B zu kommen. In Berlin wird einem das zur Zeit nicht gerade leicht gemacht. Die BVG streikt und seit zwei Tagen fahren (abgesehen von einem nicht wirklich ernst zu nehmenden Notfahrplan) keine Busse, keine U- und auch keine Straßenbahnen.

Ich habe kein Auto, aber das Privileg, in der Nähe eines U- und eines S-Bahnhofs zu wohnen. Anders als eine Kollegin musste ich also nicht ins Hotel ziehen, um weiter zur Arbeit zu kommen (kein Scherz!). Einzig der Weg hat sich verändert. Spuckte mich die U-Bahn bisher quasi vor der Bürotür aus, muss ich nun einmal umsteigen und außerdem noch ein Stück zu Fuß gehen. Keine große Veränderung, trotzdem genieße ich sie, denn sie öffnet mir die Augen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das stelle ich immer wieder an mir selbst fest. Manchmal bin ich überrascht, wenn meine Beine beim Joggen ihren Weg quasi von alleine finden, während mein Kopf seinen ganz eigenen Gedanken nachhängt. Der neue Weg zur Arbeit zwingt mich, wieder wahrzunehmen, was ich sehe.

Irgendwo habe ich mal gelesen, Flexibilität ließe sich trainieren. Schreibtischarbeitern etwa wird empfohlen, öfter mal den Mülleimer umstellen. So werde man gezwungen, gewohnte Verhaltens- bzw. Wegwerfbewegungen über Bord zu werfen und sich an Neues zu gewöhnen. Jogger dagegen sollten öfter mal die gewohnte Runde in entgegen gesetzter Richtung laufen. Das beuge nicht nur der Langeweile vor, sondern erhöhe sogar den Trainingseffekt.
Ihr werdet lachen – beide Tipps funktionieren! Und vermutlich sind sie universeller, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Ich mag Berlin und liebe es, trotz Streik, hier zu wohnen. Trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich quasi-betriebsblind durch die Stadt laufe. Ich ärgere mich darüber, kann es aber nicht immer abstellen. Dabei betrifft es nicht nur die Wege, die ich gehe, sondern auch die Gedanken, die in meinem Kopf kreisen. Wieso nicht auch hier dann und wann einmal bewusst neue Wege gehen? Einfach mal anders denken, als ich bisher gedacht habe?

Es ist verrückt, manchmal stelle ich fest, dass ich eine Erkenntnis als kleines Kind gespeichert und seitdem nie wieder überdacht habe. Dabei reicht oft schon die richtige Frage, um ein kleines Weltbild ins Wanken zu bringen. Oder eben ein BVG-Streik.

Nächste Woche streikt übrigens vielleicht auch die S-Bahn. Dann werde wohl auch ich ins Hotel ziehen. Oder jeden Tag längere Wanderungen unternehmen müssen. Aber das nur am Rande. In jedem Fall wird sich wohl der eine oder andere neue Wege daraus ergeben.

In diesem Sinne, frohes Umdenken!

Von draußen

Manchmal kann ein vergessener Buchstabe den Sinn eines Wortes völlig verändern. Das ist besonders dann ärgerlich, wenn der Buchstabe nicht extra vergessen worden ist, sondern aus Versehen. So geschehen in einem australischen Deutschland-Reiseführer, den ich einmal in Sydney in die Hand bekam. “Reis-Büro” wurde hier als deutsche Übersetzung des englischen Wortes “Travel Agency” vorgeschlagen.

Ich habe darüber geschmunzelt, wie ich über so einiges schmunzeln musste, was dort über meine Heimat geschrieben stand. Über manches, weil es mir arg übertrieben vorkam, über anderes gerade deshalb, weil es nicht übertrieben sondern einfach sehr treffen beschrieben worden war.

Wenn ich im Ausland bin, versuche ich in der Regel zweierlei zu tun: zum einen versuche ich, eine örtliche Zeitung in die Hände zu bekommen, wobei es mir egal ist, ob ich diese auch lesen kann. Zum anderen blättere ich gerne in ausländischen Reiseführern über Deutschland. Ersteres ist meinem Zeitungsfetischismus geschuldet, letzteres einem wohl nicht nur bei mir vorhandenem Bedürfnis, sich selber besser zu verstehen, indem ich sich mit fremden Augen betrachtet.

Kein System kann sich selber vollständig analysieren. Dieser Satz stammt, so oder so ähnlich, von dem Soziologen Niklas Luhmann (glaube ich). Entsprechend brauchen wir, um uns selbst zu verstehen, immer auch den Blick von außen.

Das Frustrierende dabei ist, dass mit den Blick auch meistens einer bestimmten Einschätzung einhergeht – Wahrnehmung ist eben immer subjektiv. Statt der durchaus gewünschten Außenansicht bekommen wir gleich ein ganzes Paket aus Meinungen und Urteilen geliefert, nach denen wir nur gefragt hätten, wenn wir sicher gewesen wären, dass sie zumindest halbwegs positiv gewesen wären.

Ich erinnere mich, als ich in der achten oder neunten Klasse in Deutsch einen Aufsatz zum Thema “Charakterisierung” schreiben mussten. Jeder sollte sich einen beliebige Klassenkameraden aussuchen und charakterisieren. Das Ergebnis war ein wildes Durcheinander aus Lobgesängen, Verunglimpfungen und kaum leserlichem Adjektiv-Stückwerk.

Ich weiß nicht, was unser damaliger Deutschlehrer erwartet hatte, sicherlich recht hatte er aber mit seinem Kommentar als er die Arbeiten zurück gab: die meisten Bewertungen sagen mehr über den Bewertenden aus als über den Bewerteten.

In diesem Sinne, fröhliches Noten verteilen!

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