Monthly Archive for March, 2008

Ernsthaft

Wieso jetzt drei? Die braunen Augen der Kellnerin funkeln fragend und belustigt zugleich, während sie die drei Weißbiere auf dem Biergartentisch platziert. Der freundliche Hobby-Übersetzer grinst: Naja, so gut ist mein japanisch auch wieder nicht …

Werbeunterbrechungen sind etwas nerviges, zumindest meistens. Allerdings gibt es zwischen dem Wirrwarr aus Katzenfutterreklame , Programmvorschauen und Ich-bin-doch-nicht-blöd-Gelaber auch immer mal wieder überraschend nette Kurzfilme. (Dass gerade Biermarken hier besonders oft punkten, lasse ich jetzt einmal unkommentiert.)

Warum mir gerade dieser Paulaner-Spot gerade durch den Kopf geht hat einen einfachen Grund: die grimmig dreinschauenden Berliner und, schlimmer noch, die noch grimmiger guckenden deutschen Touristen.

Kinder lachen ungefähr 450 Mal am Tag. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – denn Erwachsene bringen es im Schnitt gerade mal auf 15 Lacher in 24 Stunden. Ich weiß nicht, warum das so ist.Manchmal kommt es mir vor, als würden wir irgendwann in der Pubertät Ernsthaftigkeit mit Erwachsen-Sein gleichsetzen. Als wäre es ein Zeichen besonderer Reife, wenn man der Welt nur noch mit ausgesuchter Schwere entgegen treten kann.

Ich sehe das anders. Darum mag ich den Paulaner-Spot. Sowohl der (vermeintlich) übersetzende Bayer als auch die Bier servierende Kellnerin sind nicht ernst. Im Gegenteil, beide scheinen das Leben und die Welt mit einer Gelassenheit zu betrachten, die ich mit viel öfter für mich selber wünschen würde.

Humor ist der Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens hat Wilhelm Raabe einmal formuliert. Recht hat er! Humor ist eine Art, sich gegen das Universum zu verteidigen behauptet Mel Brooks. Auch dem stimme ich zu! Denn: Zumindest manchmal hilft es, alles einfach nicht ganz so ernst zu nehmen. Inklusive sich selber, übrigens.

In diesem Sinne – keep on whistling!

Happy Hour

Wer im Erdgeschoss wohnt sitzt auf dem Präsentierteller. Entsprechend haben die meisten Mieter solcher bürgersteignahen Wohnungen blickdichte Gardinen, Rollläden oder einen sonstigen Sichtschutz installiert. Privatsphäre geht dann eben vor Tageslicht.

Doch nicht alle sehen das so. Lange gab es in meiner Nachbarschaft eine Erdgeschoss-WG, denen es offenbar nichts ausmachte, ein Leben auf dem Präsentierteller zu führen. Gerade abends, wenn es draußen dunkel und drinnen das Licht an war, war man als vorbei laufender Passant nahezu genötigt, zumindest einen kurzen Blick in die kleine, zum Bürgersteig gelegene WG-Küche zu werfen.

Was man dort sah, war normalerweise eher unspektakulär: schmutzige Geschirrstapel in der Spüle, gebannt auf einen Laptop starrende WG-Bewohner am Küchentisch oder, selten, jemanden, der etwas kochte (Nudeln, meistens jedenfalls). Interessanter war dagegen der offenbar kollektiv gestaltete Fensterschmuck: “Weihnachten – wir sind dafür” stand dort etwa in der Adventszeit zu lesen oder “54, 74, 90, 2006 – Deutschland wird Weltmeister” als im vorletzten Sommer das WM-Fieber wütete.

Besonders beliebt bei den drei WG-Bewohnern schien folgender Spruch: “Heute keine Cocktails” hieß es dauerhaft wie unscheinbar auf einen weißen Zettel getippt, der unten links an der Scheibe klebte. Entgegen der übrigen Zettel verschwand dieser Zettel nie oder besser: fast nie. Im letzten Sommer, als das Thermometer dann doch einmal an der 30 Grad Marke kratzte, stand eines Tages plötzlich statt “heute keine Cocktails” ein fröhliches “Morgen Cocktails!” im Fenster des WG-Haushalts.

Und tatsächlich, als ich am nächsten Abend auf dem Weg zur Arbeit an der Erdgeschosswohnung vorbei kam, saßen die drei Bewohner auf Liegestühlen auf dem Bürgersteig vor ihrem Fenster und schlürften Cocktails. Vielleicht eine Art Abschiedsevent, denn kurz darauf sind die drei ausgezogen – zusammen mit dem Cocktail-Schild. Heute hängen Gardinen und hässlicher Holzschmuck in den Küchenfenster. Schade eigentlich.

In diesem Sinne, erstmal keine Cocktails mehr!

Das soziale Maßband

“Beziehungen sind alles” titelte Die Presse heute vor zwei Monaten, “auch im Web 2.0″. Allerdings würden diese längst nicht mehr mit Hilfe des guten alten Adressbuchs gepflegt, sondern über virtuelle Plattformen wie StudiVZ, MySpace und Facebook.

Tatsächlich haben diese Online-Netzwerke zumindest in meinem Bekanntenkreis nicht nur das Adressbuch, sondern sogar die gute alte Email abgelöst. Viele Leute schreiben mir mittlerweile lieber über das StudiVZ statt eben eine Email zu schicken. Das ist vor allem dann ärgerlich, wenn bei dem vermeintlichen Studentennetzwerk mal wieder der Server gewartet wird. Ich werde dann zwar benachrichtigt, dass Post auf mich wartet, kann mich aber nicht einloggen, um diese auch zu lesen.

Ein besonderes Feature hat sich das StudiVZ-Vorbild Facebook ausgedacht: Außer den üblichen Angaben zu Hobbies, Lieblingsbüchern und bevorzugten Biersorten kann man das eigene Profil durch sogenannte Applications ergänzen. Mit Hilfe dieser Hilfsprogramme ist fast alles möglich: man kann sich ein virtuelles Haustier zulegen, andere Leute mit virtuellen Geschenken überhäufen oder für sich selbst einen (passenden?) Stripper-Namen generieren lassen. Da prinzipiell jeder Nutzer selber solche Ergänzungen selber programmieren kann, scheint die Auswahl grenzenlos.

Besonders beliebt sind allerdings die eher banalen Applikationen, nämlich all jene, die zum Vergleich mit anderen oder zumindest augenzwinkernd zu einer Fremdeinschätzung auffordern: Who would you rather date, who is more entertaining, who has not seen a shower for the longest time – die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Im Endeffekt geht es jedoch immer um die selbe Frage: wer und vor allem wie gut bin ich (in den Augen der Anderen)?

Ich will mich da nicht ausnehmen, trotzdem finde ich es immer wieder faszinierend, welche Bedeutung wir diesem oder anderen Vergleichen beimessen. Ob das evolutionsbedingt ist? Nur die Stärksten überleben (“Angepasstesten” im Original, übrigens), daher riskieren wir immer mal wieder den Blick nach rechts und links, um sicher zu sein, dass wir auch ja dazu gehören?

Fest steht, wir lieben es, das soziale Maßband ausrollen um zu sehen, wo wir stehen. Insbesondere natürlich dann, wenn das Ganze unter dem Deckmantel des Unverbindlichen und Unernsten stattfindet. Jedes schlechte Ergebnis kann so als reine Spielerei abgetan, jeder Erfolg still und leise trotzdem gefeiert werden. Menschen sind eben doch eine komische Spezies.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Vermessen!

Die Zeitmaschinen

Es sind ungefähr vierzig Alben. Wahllos durcheinander gestapelt lagern sie in der großen Schrankwand aus braunem Holz, die seit Jahrzehnten im Wohnzimmer meiner Eltern steht. Greift man wahllos das eine oder andere raus, findet man Babybilder von mir und meiner Schwester, Urlaubsfotos aus Österreich und Holland und Aufnahmen von Geburtstagen und Familienfeiern, an die ich mich längst nicht mehr erinnern kann, vermutlich auch, weil ich ins Bett geschickt worden war, als es anfing, lustig zu werden.

Es gibt Bilder von meinem Vater, wie er stolz vor seinem neuen Auto steht oder von meiner Mutter, die entsprechend der damaligen Mode durch riesige Brillengläser in die Kamera lacht. Die Alben sind fast alle mit Jahreszahlen beschriftet: Urlaub 1980, August 1981 bis März 1982, usw. Manche enthalten neben den Fotos Ausschnitte aus Prospekten oder Zeitungsartikel, manchmal ergänzen kleine Zeichnungen das Bilderarrangement. Ein ganzes Regal voller handlicher Zeitmaschinen.

Blättere ich die Alben heute durch, bin ich überrascht, dass ich damals wirklich blonde Locken hatte. Noch kurioser finde ich allerdings, dass meine Eltern auf den Bildern in manchen Alben nicht viel älter sind als ich es heute bin. Und je länger ich blätter, desto mehr frage ich mich, warum ich mich eigentlich lange nicht so alt fühle, wie meine Eltern sich wahrscheinlich gefühlt haben, als sie so alt waren, wie ich jetzt bin?

Nächstes Jahr werde ich 30, einige meiner Freunde haben diese Grenze längst hinter sich gelassen oder stehen kurz davor. Manche wohnen mittlerweile in Eigentumswohnungen oder denken sogar darüber nach, ein Haus zu bauen. Gedanken, die mir zumindest im Moment seltsam surreal erscheinen. (Meine Mutter war 28 als sie das Projekt Hausbau mit meinem Vater in Angriff genommen hat – so alt wie ich heute).

Ich fühle mich weder alt noch sehne ich mich danach, sesshaft zu werden. So viele Pläne, die ich noch verwirklichen möchte und zu denen weder ein Eigenheim noch Bausparvertrag passen. Lange gingen die meisten meiner Freunde d’accort mit mir.

Heute dagegen komme ich mir damit manchmal vor, wie eine bedrohte Spezies. Ob das gut oder schlecht ist, möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Wer weiß, was meine (zugegeben: bisher weder geborenen noch gezeugten) Kinder in 30 Jahren sagen, wenn sie meine Fotoalben durchblättern?

In diesem Sinne, frohes Zeitreisen!

Unwiderlegbar

Ich glaube, ich gehöre einer Minderheit an, denn ich bin noch nie ein Auto mit Navigationssystem gefahren. Da ich zudem keinen sonderlich guten Orientierungssinn habe, bin ich ganz gut darin, mich zu verfahren. Weiter schlimm finde ich das nicht, denn am Ende komme ich normalerweise da an, wo ich anfangs hin gewollt habe – halt nur manchmal etwas später, als geplant.

Ob ein Navigationssystem die Lösung für mich wäre, wage ich zu bezweifeln. Immer mal wieder liest man von Leuten, die wegen kleinen Tippfehlern große Umwege machen und letztlich vielleicht pünktlich, aber eben auch ganz woanders ankommen als geplant.

Wie weit die Technikgläubigkeit mancher Menschen geht, habe ich gestern am Telefon live erleben können. Ich saß im Büro, als ein Mann anrief und mit aufgeregter Stimme die Adresse seines Hotels verlangte. Im Hintergrund war gedämpft Verkehrslärm und ein Radio zu hören. Dazu eine leicht blechern klingende Stimme, die freundlich aber bestimmt insistierte, an der nächsten Kreuzung möge man bitte links abbiegen.

“Die Adresse gibt es nicht, geben Sie mir bitte die richtige Adresse!”, verlangte der Mann am Telefon. “Die Adresse ist nicht falsch”, entgegnete ich und buchstabierte die Adresse erneut. “Die Adresse gibt es nicht” wiederholte der Anrufer nach einer kurzen Pause bestimmt, “mein Navi sagt, die Adresse gibt es nicht. Ich möchte ein anderes Hotel, eins mit einer Adresse, die es gibt.”

Dieses Gespräch hat wirklich stattgefunden (zwar auf Englisch, aber ansonsten genau so). Bestärkt durch die Stimme seines Navis beharrte der Mann am Telefon darauf, dass die von mir genannte Adresse nicht existieren würde. Ich dagegen beharrte darauf, dass es die Adresse sehr wohl gäbe (schließlich war ich schon einige hundert Male selber dort) und versuchte rauszukriegen, wo er denn gerade wäre. Das ging ein paar Mal hin und her, bis der Anrufer schließlich entnervt und irgendwie traurig mit den Worten “Nein, diese Adresse gibt es nicht” auflegte.

Zuerst war ich irritiert. Dann wütend. Und dann wurde mir schlagartig klar, wer der Mann am Telefon gewesen war: der griechische Philosoph Gorgias! Der hat schon vor rund zweieinhalb tausend Jahren erkannt, dass a) eigentlich gar nichts existiert und b) wenn doch etwas existiert, können wir es sowieso nicht erkennen geschweige denn anderen mitteilen.

Mein Philosophielehrer in der Oberstufe hat das im Schneidersitz auf dem Pult sitzend einmal mit den folgenden Worten zusammengefasst: “Ihr seid alle nur Geschöpfe meiner Phantasie, und Ihr habt keine Chance, mir das Gegenteil zu beweisen!” – Auftakt zu einer Unterrichtsreihe zum Thema Erkenntnistheorie, Solipsismus und nicht widerlegbare Theorien.

In diesem Sinne, nicht jedes Navi lügt!

Kapuzenträger

Unheimlich sah er aus, als er am Potsdamer Platz in die S-Bahn stieg. Die graue Kapuze hatte er bis tief in die Stirn gezogen, die Musik aus seinen Kopfhörern war so laut, dass ich sie quer durch den Zug hören konnte. Zu übergroßen Jeans trug er in grellem neongelb leuchtende Turnschuhe und eine ebenfalls übergroße Jacke. Mit grimmig gesenkten Kopf sah er sich erst um, dann kam er langsam in meine Richtung.

Gesehen hatte er mich wahrscheinlich nicht. Vielmehr hatte wohl vor allem der freie Platz mir gegenüber seine Aufmerksamkeit gefesselt. Noch während er sich ins Polster fallen ließ, zog er sein Handy aus einer verborgenen Tasche. Auf dem tippte konzentriert rum, ohne auch nur einmal aufzugucken. Während ich mich noch fragte, wovor er sich eigentlich versteckte, verschwand er, den Kopf immer noch gesenkt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, am Bahnhof Friedrichstraße wieder in der Menge.

Warum? Nicht dass ich das Bedürfnis gehabt hätte, mit dem Typ zu sprechen. Dennoch hat mich fasziniert, wie resolut er jeden Kontakt zur Außenwelt abblockte. Früher waren es vor allem die pseudo-Rapper, die sich selbst eher in einer dunklen Seitegasse in einer der unschönen Ecke der Bronx sahen als in einer langweiligen, deutschen Großstadt.

Heute schottet dagegen schon jeder zweite mit Kapuze, MP3-Player oder zumindest intensivem Handy-Bearbeiten von seiner Umwelt ab. Als wäre es den Leuten unangenehm, dass man sie wahrnehmen oder gar mit ihnen sprechen könnte. Komisch eigentlich, wo der Mensch doch eigentlich als soziales Wesen (Aristoteles) charakterisiert wird.

In diesem Sinne, ruhig auch mal die Augen aufmachen!

Fight Club

Ich hab Dich gestern gegoogelt – wer mit diesem Satz ein Date beginnt, hat von Anfang an schlechte Karten. Dabei erfüllt er (oder sie) doch eigentlich eine Vorgabe, die wohl die meisten Menschen sich bei einem Partner wünschen: Ehrlichkeit!

Zumindest in meiner Generation scheint es mir mittlerweile üblich, den Namen potenzieller Beziehungspartner, des neuen Schwarms oder auch alter Klassenkameraden zu googeln und/oder zumindest versuchsweise einmal in das StudiVZ-Suchfeld einzugeben. Nur zugeben, das würden es wohl die wenigsten – vor allem nicht gegenüber dem, den man da gesucht hat.

Von den Nutzerstatistiken dieses Blogs weiß, dass immer wieder Leute hier landen, die bei Google einfach nach meinem Namen gesucht haben.
Wer sind diese Leute? Aktuelle oder potenzielle Chefs? Ex-Freundinnen? Verrückte Stalker? Und was schließen all diese Leute aus dem, was sie über mich finden?

Vor ein paar Monaten habe ich mal etwas über die verräterischen Fotoalben im StudiVZ geschrieben. Auch heute noch finde ich es unheimlich, dass man mittlerweile bei jeder Party damit rechnen muss, am nächsten Tag unschön verlinkt in irgendwelchen Bildersammlungen aufzutauchen – gut sichtbar für all diese oben genannten Leute.

Die “Webidentität” eines Menschen ist längst nicht mehr nur irgendeine Spielerei. Im Gegenteil – sie ist wertvoll genug, dass es mittlerweile Firmen gibt, die daraus ein lukratives Geschäft gemacht haben. Reputation-Defender etwa wirbt damit, alles zu finden, was über eine Person im Web zu finden ist – und dann dafür zu sorgen, dass ungewünschte Infos wieder verschwinden. Gegen entsprechendes Entgeld, versteht sich.
Andere Firmen wiederum versprechen, die eigene Identität publikumswirksam aufzumotzen oder – dem Datenschutz zu liebe – sogar ein komplett neues Web-Ich zu kreieren.

Ich habe mir angewöhnt, mich hin und wieder selber zu googeln. Selbst wenn ich es nur bedingt steuern kann, so möchte ich doch zumindest wissen, was in den Weiten des Internets über mich zu finden ist. “Vanity Search” heißt diese Art der Suche, denn egal wie man sie begründet, letztlich hat das sich-selber-Googeln eben immer auch etwas mit persönlicher Eitelkeit zu tun.

Diese Eitelkeit kann man übrigens seit einigen Monaten auch lustig animiert ausleben: “Googlefight” heißt eine Seite, wo man Suchbegriffe im wahrsten Sinne des Wortes gegeneinander antreten lassen kann. Zum Beispiel mich gegen George W. Bush (er gewinnt, leider) oder Hillary Clinton gegen Barack Obama. Aber das ist ein anderes Thema.

In diesem Sinne, einen fairen Kampf bitte!

Ungeschminkt

Ein Sportplatz ist nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Die meisten, die hier ihre Runden drehen, haben irgendwelche schlabbrigen Sportsachen an, sind weder geschminkt noch gestyled und freundlich lächeln tut nach Runde sieben auch keiner mehr. Ganz abgesehen davon sind die meisten Läufer eh nicht ansprechbar, weil sie entweder kleine, weiße Stöpsel im oder übergroße Lautsprechersets auf den Ohren haben, aus denen sie sich beim Joggen beschallen lassen.

Ich gebe zu, auch ich höre beim Laufen in der Regel Musik. Zudem habe ich heute sicher alles andere als einen ansprechenden Bild abgegeben: ungeduscht, ohne jede Frisur und noch etwas müde habe ich meine Runden gedreht, als sie mir auffiel.
Ich habe sie gesehen, als ich außen, am Zaun vorbei, in Richtung Eingang joggte. Als hätte sie meinen Blick gespürt, drehte sie den Kopf genau in diesem Moment in meine Richtung und ich bilde mir ein, dass sie gelächelt hat.

Genau weiß ich das freilich nicht, denn beim Laufen trage ich keine Brille. (Gut, ich trage auch sonst meist keine Brille.) Außerdem hatte sie offenbar schon einige Runden hinter sich. Vielleicht hat sie also einfach so aus Erschöpfung die Mundwinkel verzogen, Kaugummi gekaut, ein Loch im Zahn – was weiß ich. Sie war mir jedenfalls direkt sympathisch.

Ungefähr drei oder vier Runden sind wir zusammen gelaufen. Ich erst hinter ihr, dann, weil ich mein Tempo minimal höher war, vor ihr. Wir haben kein Wort gewechselt. Trotzdem habe ich mich mit ihr irgendwie verbunden gefühlt. Als sie schließlich in Richtung Ausgang gejoggt ist, war ich sogar ein wenig traurig.

Ein Sportplatz ist leider nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Das ist ärgerlich, denn wo sonst trifft man die Menschen so unverstellt und ungeschminkt wie hier.

In diesem Sinne, liebe Unbekannte, bis morgen auf der Laufbahn!

Neue Wege

Der Weg ist das Ziel. Dieser Spruch passt oft, aber längst nicht immer. Nicht jeder Weg ist wirklich ein Ziel, mancher wirklich Mittel zum Zweck: nämlich von A nach B zu kommen. In Berlin wird einem das zur Zeit nicht gerade leicht gemacht. Die BVG streikt und seit zwei Tagen fahren (abgesehen von einem nicht wirklich ernst zu nehmenden Notfahrplan) keine Busse, keine U- und auch keine Straßenbahnen.

Ich habe kein Auto, aber das Privileg, in der Nähe eines U- und eines S-Bahnhofs zu wohnen. Anders als eine Kollegin musste ich also nicht ins Hotel ziehen, um weiter zur Arbeit zu kommen (kein Scherz!). Einzig der Weg hat sich verändert. Spuckte mich die U-Bahn bisher quasi vor der Bürotür aus, muss ich nun einmal umsteigen und außerdem noch ein Stück zu Fuß gehen. Keine große Veränderung, trotzdem genieße ich sie, denn sie öffnet mir die Augen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das stelle ich immer wieder an mir selbst fest. Manchmal bin ich überrascht, wenn meine Beine beim Joggen ihren Weg quasi von alleine finden, während mein Kopf seinen ganz eigenen Gedanken nachhängt. Der neue Weg zur Arbeit zwingt mich, wieder wahrzunehmen, was ich sehe.

Irgendwo habe ich mal gelesen, Flexibilität ließe sich trainieren. Schreibtischarbeitern etwa wird empfohlen, öfter mal den Mülleimer umstellen. So werde man gezwungen, gewohnte Verhaltens- bzw. Wegwerfbewegungen über Bord zu werfen und sich an Neues zu gewöhnen. Jogger dagegen sollten öfter mal die gewohnte Runde in entgegen gesetzter Richtung laufen. Das beuge nicht nur der Langeweile vor, sondern erhöhe sogar den Trainingseffekt.
Ihr werdet lachen – beide Tipps funktionieren! Und vermutlich sind sie universeller, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Ich mag Berlin und liebe es, trotz Streik, hier zu wohnen. Trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich quasi-betriebsblind durch die Stadt laufe. Ich ärgere mich darüber, kann es aber nicht immer abstellen. Dabei betrifft es nicht nur die Wege, die ich gehe, sondern auch die Gedanken, die in meinem Kopf kreisen. Wieso nicht auch hier dann und wann einmal bewusst neue Wege gehen? Einfach mal anders denken, als ich bisher gedacht habe?

Es ist verrückt, manchmal stelle ich fest, dass ich eine Erkenntnis als kleines Kind gespeichert und seitdem nie wieder überdacht habe. Dabei reicht oft schon die richtige Frage, um ein kleines Weltbild ins Wanken zu bringen. Oder eben ein BVG-Streik.

Nächste Woche streikt übrigens vielleicht auch die S-Bahn. Dann werde wohl auch ich ins Hotel ziehen. Oder jeden Tag längere Wanderungen unternehmen müssen. Aber das nur am Rande. In jedem Fall wird sich wohl der eine oder andere neue Wege daraus ergeben.

In diesem Sinne, frohes Umdenken!

Von draußen

Manchmal kann ein vergessener Buchstabe den Sinn eines Wortes völlig verändern. Das ist besonders dann ärgerlich, wenn der Buchstabe nicht extra vergessen worden ist, sondern aus Versehen. So geschehen in einem australischen Deutschland-Reiseführer, den ich einmal in Sydney in die Hand bekam. “Reis-Büro” wurde hier als deutsche Übersetzung des englischen Wortes “Travel Agency” vorgeschlagen.

Ich habe darüber geschmunzelt, wie ich über so einiges schmunzeln musste, was dort über meine Heimat geschrieben stand. Über manches, weil es mir arg übertrieben vorkam, über anderes gerade deshalb, weil es nicht übertrieben sondern einfach sehr treffen beschrieben worden war.

Wenn ich im Ausland bin, versuche ich in der Regel zweierlei zu tun: zum einen versuche ich, eine örtliche Zeitung in die Hände zu bekommen, wobei es mir egal ist, ob ich diese auch lesen kann. Zum anderen blättere ich gerne in ausländischen Reiseführern über Deutschland. Ersteres ist meinem Zeitungsfetischismus geschuldet, letzteres einem wohl nicht nur bei mir vorhandenem Bedürfnis, sich selber besser zu verstehen, indem ich sich mit fremden Augen betrachtet.

Kein System kann sich selber vollständig analysieren. Dieser Satz stammt, so oder so ähnlich, von dem Soziologen Niklas Luhmann (glaube ich). Entsprechend brauchen wir, um uns selbst zu verstehen, immer auch den Blick von außen.

Das Frustrierende dabei ist, dass mit den Blick auch meistens einer bestimmten Einschätzung einhergeht – Wahrnehmung ist eben immer subjektiv. Statt der durchaus gewünschten Außenansicht bekommen wir gleich ein ganzes Paket aus Meinungen und Urteilen geliefert, nach denen wir nur gefragt hätten, wenn wir sicher gewesen wären, dass sie zumindest halbwegs positiv gewesen wären.

Ich erinnere mich, als ich in der achten oder neunten Klasse in Deutsch einen Aufsatz zum Thema “Charakterisierung” schreiben mussten. Jeder sollte sich einen beliebige Klassenkameraden aussuchen und charakterisieren. Das Ergebnis war ein wildes Durcheinander aus Lobgesängen, Verunglimpfungen und kaum leserlichem Adjektiv-Stückwerk.

Ich weiß nicht, was unser damaliger Deutschlehrer erwartet hatte, sicherlich recht hatte er aber mit seinem Kommentar als er die Arbeiten zurück gab: die meisten Bewertungen sagen mehr über den Bewertenden aus als über den Bewerteten.

In diesem Sinne, fröhliches Noten verteilen!