Monthly Archive for February, 2008

Rostflecken

Vielleicht sollte ich mir Sorgen machen, denn bei manchen Gedankengängen beschreibt mich ein Ich nur sehr unzureichend. Ein Wir wäre passender. Nur deutet von sich selbst im Plural zu sprechen nicht unbedingt auf geistige Klarheit hin. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Vor einigen Tagen hat eine Freundin eine Rundmail geschickt. Sie geht demnächst für ein paar Wochen nach Indien und sucht nun einen Untermieter für Ihre Wohnung. Die Mail enthielt Lage, Größe und Ausstattung der Wohnung – das Übliche halt. Was mich stutzen ließ war der letzte Satz ihres Gesuchs: Ich werde meine Wohnung vom 16. März bis zum 13. April zwischenvermieten (u. U. auch bis zum 20. April oder für immer)”

“Für Immer” – zumindest für meine Generation ist das wohl durchaus relativ zu verstehen. Wer bleibt “Für Immer” irgendwo? (Wer geht schon “Für Immer” aus einer Stadt wie Berlin weg?) Selbst mein Cousin, der vor Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist und demnächst eine Kiwi heiratet, verwahrt sich dort, am anderen Ende der Welt, vor einer solch absoluten Wortwahl. (Und der ist nicht mal aus Berlin). Woher solle er jetzt wissen, ob er in zehn Jahren nicht zurück nach Deutschland kommen wollte, hat er einmal gesagt. Er würde diese Option durchaus im Auge behalten, wenn auch nur im Augenwinkel.

Ich kann das sehr gut verstehen. Vermutlich könnte ich an keinem Ort bleiben, würde ich mir nicht immer wieder sagen, dass ich jederzeit gehen kann. Zugleich könnte ich keinen Ort verlassen, wenn ich mir dabei nicht beständig selber zuflüstern würde, dass ich ja wiederkommen kann.

Ich liebe Neuanfänge, das weiße Papier, das es zu beschreiben gilt. Außerdem spüre ich die Angst davor, irgendwo festzurosten, und die treibt mich vorwärts.
Zugleich bin aber auch ein sehr bequemer Mensch. Ein Gewohnheitstier, dass es genießt, altbekannte Wege gehen zu können, den U-Bahnplan verstanden zu haben oder im Fengler trotz hoffnungslos überfüllter Theke nicht all zu lange warten zu müssen, um noch ein Bier bestellen zu können. Einfach deshalb, weil man regelmäßig da ist.

Diesen Widerspruch im Hinterkopf ist der Plural Wir wesentlich naheliegender als jedes singuläre Ich. Ob das gesund ist? Das wage ich nicht zu beurteilen. Wir übrigens auch nicht.

In diesem Sinne, immer auf Rostflecke achtgeben!

Das Kind im Mann

Sie ist Anfang 20 und hat lange, blonde Haare. Dezent geschminkt und in einem Rock, der eine Länge hat, um der Phantasie Anregung und Spielraum zugleich zu bieten, ohne dabei billig zu wirken, sitzt sie mir schräg gegenüber. Neben ihr ein junger Mann, der vielleicht ein oder zwei Jahre älter und ganz offensichtlich ihr Freund ist. Die Beiden wirken nicht, als hätten sie sich sonderlich viel zu sagen, scheinen deswegen aber nicht unglücklich zu sein. Mit ausgesuchter Coolness im Blick starren sie vor sich hin.

Das ändert sich, als die U2 hinter dem Senefelder Platz den Untergrund verlässt, um für die letzen Stationen oberirdisch weiter zu fahren. Hektisch beginnt sie an seiner Kleidung herum zu fummeln. Ungeschickt schließt sie den Reißverschluss seiner Daunenjacke und zupft an seinem Schal. “Es ist kalt draußen” zischt sie, während sie ihn sorgenvoll anfunkelt, “ich will nicht, dass Du Dich erkältest.” Mit einer entschiedenen Bewegung drückt sie ihm schließlich sogar eine Art wollenes Basecap auf den Schädel, bevor sie ihn an der Haltestelle Eberswalder Straße zur Tür zieht.

Er sagt nichts. Ich habe sogar den Eindruck, als würde er ihre Fürsorglichkeit genießen. Zwar erlaubt ihm seine betonte Coolness emotional keine all zu großen Sprünge, dennoch meine ich so etwas wie ein zufriedenes Lächeln an den Rändern seiner Mundwinkel erahnen zu können. Es gefällt ihm, wie seine Freundin ihn bemuttert.

Eine Station weiter steige auch ich aus. Während ich die überfüllte Treppe in Richtung Schönhauser Allee herunter drücke, frage ich mich, warum sich manche Männer eine ganze Pupertät lang von ihren Müttern emanzipieren, bloß um uns am Ende von ihren Freundinnen den Schal umbinden und die Jacke zuknöpfen zu lassen. Ich bin da vermutlich nicht mal eine Ausnahme. Zwar mache ich meine Jacke selten und wenn dann selber zu, ich hasse Sätze wie “Komm nicht so spät”, “Trink nicht zu viel” oder “Ruf an, wenn Du angekommen bist”. Trotzdem weiß ich, dass sie mir fehlen würden, wenn sie niemand sagen würde.

Vor gut zwei Jahren hat Die Zeit einen Artikel zum Thema “Das ewige Junge” veröffentlicht. Der männliche Autor, Jan Ross, bezeichnet darin das Junge-bleiben-Dürfen als die merkwürdigste und zugleich typischste Bestimmung des Mannes: “Altersunabhängig erstrebenswert und verfügbar ist vor allem die jugendliche Unfertigkeit geworden, das Ausprobieren, Sich-Zeit-Lassen und Noch-mal-neu-Anfangen, das Gefühl, dass der Ernst des Lebens noch gar nicht begonnen hat.”

Ein zwar streitbarer, aber durchaus nachvollziehbarer Gedankengang. Bleibt zu fragen, ob man dieses Gefühl der Unfertigkeit ausgerechnet dadurch erreicht, indem man sich von seiner Freundin den Schal umbinden lässt.
Aber darüber sollte vielleicht auch jeder für sich nachdenken.

In diesem Sinne, bloß die Jacke zumachen (lassen)!

Schreibhemmung

Wenn man Wikipedia glauben kann, gibt es weltweit mehr als 20 Millionen Blogs. Geschrieben wird über alles mögliche und von allen möglichen. Meist handelt es sich dabei um eine recht einseitige Tätigkeit, denn nur wenige Leser nutzen tatsächlich die Möglichkeit, Kommentare zu Beiträgen zu hinterlassen oder gar den Schreiber selbst zu kontaktieren.

Bei Felix-Welt ist das nicht anders. Trotzdem gab es in den letzten Monaten immer wieder Leute, die mich auf die eine oder andere Art und Weise wegen meines Geschreibsels angeschrieben oder angesprochen haben. Zum Teil waren es Menschen, mit denen ich ohnehin regelmäßig zu tun habe, manchmal alte Freunde, von denen ich zum Teil seit Jahren nichts mehr gehört hatte und hin und wieder sogar völlig Fremde, was mich, ich gebe es zu, besonders gefreut hat.

In so fern ist es also schon etwas eigennützig, wenn ich Felix-Welt nun um eine Kontaktfunktion unabhängig von den öffentlich lesbaren Kommentaren ergänze. Zu finden ist diese Funktion rechts, unterhalb des Kurzprofils – das “Mail-Me” anklicken genügt. Alternativ könnt Ihr mir natürlich auch einfach so schreiben – die Adresse seht ihr auf dem Foto. Eine Briefmarke braucht Ihr dafür übrigens nicht.

In diesem Sinne, ich freue mich auf Eure Kommentare!

Gut sortiert

“Manchmal glauben wir, bevor wir mit dem Leben weitermachen können, müssen wir erst die Vergangenheit ordnen. Aber das stimmt gar nicht. Da kämen wir ja überhaupt nicht vom Fleck.” Frank Bascombe, der diese Worte sagt, ist 55 Jahre alt und eine Romanfigur. Erfunden hat ihn Richard Ford, ein amerikanischer Schriftsteller und ihm mit “Die Lage des Landes” bereits das dritte Buch gewidmet.

Die Vergangenheit ordnen, bevor man weitermacht, das kommt mir bekannt vor. Gerade wenn ich innerlich im Ungleichgewicht bin, bilde mir ein, durch das Sortieren meiner Umwelt auch meine Gedankenwelt strukturieren zu können. Bis zu einem gewissen Punkt ist es sicherlich auch richtig, übertrieben wird das Aufräumen aber irgendwann zur kontraproduktiven Tätigkeit. Denn leider – oder zum Glück – ist das Leben ständig in Bewegung. Stetiges Hinterherräumen macht da nur bedingt Sinn.

Ich glaube, die meisten Menschen sind Kontrollfreaks. Wir mögen es, wenn die Dinge in geordneten Bahnen laufen. Leider werden wir dabei immer wieder von der Wirklichkeit überrascht, die sich aller Naturwissenschaft zum Trotz nicht jedes Zufalls und jeder Unvorhersehbarkeit berauben lässt. Welche unglaubliche Zeitverschwendung, es dennoch immer wieder zu versuchen.

Berufsbedingt bin ich mittlerweile recht gut darin, auf Reisende aller Art zu schimpfen. Dennoch gibt es einen kleinen Teil von Travellern, die ich bewundere (interessanterweise habe ich die meisten davon in Südamerika getroffen, aber das nur am Rande): nämlich diejenigen, denen es gelingt, mit der Strömung zu treiben, ohne zugleich die eigene Richtung zu verlieren. Sie kleben nicht an dem, was sie sich einmal überlegt haben. Ihr Sortierwahn hält sich meist in Grenzen, ohne dass sie deswegen gleich ganz und gar unreflektiert vor sich hin lebten – wenn auch freilich diese Gefahr besteht.

Vermutlich liegt auch hier, wie bei so vielen Dingen, der optimale Weg irgendwo in der Mitte. Der sortierende Blick zurück ist in Maßen eine durchaus sinnvolle Angewohnheit. Zu viel Aufräumen aber hält dann doch zu sehr vom Wesentlichen ab und versperrt letztlich den Weg zum eigentlichen Ziel. Oder anders formuliert: wer andauernd sein Gewürzregal sortiert, der läuft Gefahr, dabei das Abendessen anbrennen zu lassen.

In diesem Sinne, guten Appetit!

Bauchgefühl

Irgendein kluger Kopf hat einmal gesagt, der Kopf sei vor allem dazu da, die Entscheidungen des Bauchs zu legitimieren. Leider weiß ich nicht mehr, welcher kluger Kopf das gesagt hat, muss aber neidlos zugeben: er hatte recht! Denn, geben wir es doch zu, egal wie lange wir über einem Entschluss grübeln – die Entscheidung stand doch oft schon vorher fest. Wozu da eigentlich noch den Kopf als Alibi bemühen?

Seit einigen Jahren läuft bei RTL die Sendung “Wer wird Millionär?”. Vor einiger Zeit hat sich ein Wissenschaftler der Uni Witten-Herdecke mit der Frage beschäftigt, welche Kandidaten eigentlich, statistisch gesehen, besonders gut abgeschnitten haben. Interessanterweise kam raus, dass eben nicht Studierte und sonstige Akademiker waren, die durch besonders hohe Gewinne glänzen konnten. Erfolge verbuchten dagegen gerade die vermeintlich weniger Gebildeten: “Wer mehr weiß, liegt in bestimmten Situationen oft weiter daneben als jener, der sich in Zweifelsfällen auf sein Bauchgefühl verlässt”, sagt der Vater der Studie, Joachim Prinz.

Ob das auch im wahren Leben gilt? Vor kurzem stand ich vor einer – für mich – recht schwierigen Entscheidung. Ich habe lange gegrübelt, habe Pro und Contra abgewägt und mit verschiedenen Leuten über mein Dilemma gesprochen (Telefonjoker, quasi). Ich habe die obligatorische Nacht darüber geschlafen (schlecht, übrigens) und letztlich mit dem Kopf genau die Entscheidung getroffen, die mein Bauch längst bekannt gegeben hatte.

Klar, ich wollte mich vor mir selber absichern, nicht leichtfertig eine Chance vergeben und vor allem nicht aus den vermeintlich falschen Gründen (Bequemlichkeit, Feigheit, Trägheit). Trotzdem war mir eigentlich von Anfang an klar, wie meine Wahl ausfallen würde und auch ausgefallen ist. Und das, obwohl ich mir immer noch nicht sicher bin, ob der Kopf am Ende überhaupt die entsprechenden Argumente zu liefern in der Lage war. Der Bauch hatte eben gesprochen, Punkt.

Die offensichtliche Überlegenheit de Bauches kann man übrigens auch im sonstigen Alltag ganz gut beobachten. Schließlich ist es ein nicht ganz aus der Luft gegriffenes Vorurteil, dass einkaufende Frauen zwar Stunden brauchen, um wirklich sämtliche Geschäfte in der näheren und weiteren Umgebung abzuklappern, bloß um letztlich das zu kaufen, was sie im ersten Laden als erstes in der Hand hatten. Hier hat der Kopf dann zwar Verstärkung durch die Beine, den Bauch schlägt er dennoch nicht. Aber das nur mal so am Rande …

In diesem Sinne, Gruß auch an all die anderen Körperteile!

Unüberwindbar

Er sieht grimmig aus. Die Mütze hat er tief ins Gesicht gezogen, der Blick darunter ist benebelt und wütend zugleich. Während er in die U-Bahn steigt, zischt er einem unsichtbaren Feind etwas zu, nuckelt an seinem Bier und stöpselt sich dann ein Paar Kopfhörer ins Ohr, aus denen lauter Gangsta-Rap zu hören ist.

Außer ihm sind an diesem Sonntag morgen nur wenige Leute mit der Bahn unterwegs. Eine karge Mischung Leuten, die wie ich Sonntags ins Büro fahren und welchen, die offensichtlich vom Feiern nach Hause fahren. Der grimmige Gangsta gehörte eindeutig zur letzteren Spezies. Während die Musik aus seinem MP3-Player die Bahn beschallt sinkt sein Kopf langsam nach vorne und der Rap mischt sich mit leisen Schnarchlauten. Bis das Streichorchester einsetzt.

Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, woher plötzlich die klassische Musik kommt, und nicht nur ich gucke mich suchend um. Auch die anderen Bahnfahrer sind irritiert. Daran ändert sich auch nichts, als wir die Quelle der Musik lokalisiert haben: es ist das Handy des Gangstas – statt zu klingeln spielt es Beethovens 9. Symphonie und übertönt damit sogar die aggressiven Töne aus seinen Kopfhörern.

Zugegeben, ich kenne den Besitzer des Handys nicht. Ich habe mir in den zwei oder drei Sekunden ein Bild von ihm gemacht, als er in die Bahn stieg. Beethoven oder allgemein die Affinität zu klassischer Musik kamen darin nicht vor. Ich war oberflächlich und ich stehe dazu. Manchmal gönne ich mir den Luxus, Menschen einfach aufgrund des ersten Eindrucks in eine Schublade zu stecken.

Bei anderen Menschen wiederum brauche ich keine Schubladen. Ich kenne sie gut und habe das Gefühl, dass auch sie mich ganz gut durchschauen. Im täglichen Sprachgebrauch würde ich diese Menschen wohl als “gute Freunde” bezeichnen, freilich ohne, dass wir vorher eine Liebesbeziehung gehabt hätten, die es nun schonend zu beenden gelte.

Diese Menschen sind mir über die Jahre (manchmal auch nur Monate) wirklich ans Herz gewachsen. Unzählige Gespräche und gemeinsame Erlebnisse haben eine Nähe entstehen lassen, die man nicht künstlich heraufbeschwören kann. Man kennt sich, erzählt einander auch die peinlichen Geschichten oder wenn man vor etwas Angst hat. Manchmal braucht man dafür nicht mal Worte.

Trotzdem frage ich mich manchmal, wie nah man einem anderen Menschen eigentlich kommen kann. Man guckt tief in den anderen rein, aber ab einem gewissen Punkt ist Schluss. Es gibt Dinge, die nur ich von mir weiß, sonst niemand. Das ist gut so, dennoch bin bin ich dann und wann irritiert, wenn selbst meine besten Freunde von dem einen oder anderen Charakterzug völlig überrascht zu sein scheinen.

Ein mir sehr nahe stehender Mensch hat mir gegenüber einmal gesagt, am Ende sei jeder allein. Das mag ein schmerzhafter Gedanke sein, aber vermutlich ist er wahr. In jedem von uns gibt es Mauern, die niemand überwinden kann, egal wie nah er uns kommt. Vielleicht muss das so sein, vielleicht ist es sogar gut so. Irgendwie traurig ist es trotzdem, zumindest manchmal.

In diesem Sinne, trotzdem nicht entmutigen lassen!

Total Recall

Als Arnold Schwarzenegger noch Schauspieler und nicht Gouverneur war, hat er einmal in einem Film mitgespielt, der Total Recall hieß. Darin geht es unter anderem um eine Firma, die Erinnerungen verkauft. Statt Dinge zu erleben, kann man sich statt dessen auch einfach nur die Erinnerung daran einpflanzen lassen. Diese Erinnerungen, etwa an einen fiktiven Urlaub, seien letztlich sogar besser, als wenn man den Urlaub selbst gemacht hätte, wirbt die Firma mit den passenden Namen REKALL.

Wenn man einmal darüber nachdenkt, muss man zugeben, dass die Idee recht überzeugend ist. Letztlich ist das Leben eine Ansammlung von Erinnerungen, oft verfälscht, einseitig, idealisiert, traumatisiert, etc. Das Jetzt ist praktisch schon Vergangenheit, wenn es im Gehirn ankommt und entfaltet erst durch das Erinnern daran seine Wirkung. Warum dann überhaupt den Umweg über das Machen gehen, wenn man den Rückblick auch als Instant-Lösung serviert bekommen könnte?

Zumal Erinnern nichts Statisches ist, im Gegenteil. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich Erinnerung verändert. Wie ein Buch, dass man bei jedem Lesen auch neu schreiben muss, verändern sich Erinnerungen jedes Mal, wenn man sie hervor kramt. Fast als würde man mit sich selber zeitverzögert “Stille Post” spielen. Gerade bei sehr frühen Erinnerungen wissen wir oft nicht, was wirklich und was über die Jahre erfunden oder verzerrt wurde. Sie speisen sich weniger aus dem Erlebten und mehr aus dem, was einem später von Eltern und anderen erzählt wurde. REKALL-light, quasi.

Ich finde es unheimlich, wenn mir in in manchen Situationen schlagartig bewusst wird, wie ich mich an dieses oder jenes von eben diesem Moment erinnern werde, obwohl ich noch mittendrin stecke. Das Kuriose dabei ist, dass ich mir oft sogar von vornherein darüber klar bin, dass ich die Erinnerung vergolden werde, obwohl ich im Augenblick des Erlebens doch genau weiß, dass der Augenblick es trotzdem eigentlich gar nicht verdient hat, so erhöht zu werden.

Andererseits hilft mir dieses Wissen auch manchmal. Das Bewusstsein, dass ein Moment später höchstwahrscheinlich in die Hall of Fame der Erinnerungen aufgenommen werden wird, zwingt ja praktisch dazu, bewusster zu erleben. Zumindest kann man es sich vornehmen.

Total Recall endet offen. Es bleibt unklar, ob die geschilderten Ereignisse Wirklichkeit, Arnold Schwarzenegger Agent und Widerstandskämpfer ist, oder ob nach dem Abspann im Labor von REKALL aufwachen und in sein altes Leben zurückkehren wird. Wie später der Film Matrix spielt Total Recall mit der Frage nach der wahre Realität. Sprich: wie sollen wir Erlebtes von Erdachtem (oder injiziertem Erdachten) unterscheiden? Woher weiß der Träumer, dass der Traum Traum und die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und dass es letztlich nicht anders herum ist. Offen bleibt allerdings auch die Frage, ob das überhaupt eine Rolle spielt.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Träumen … oder Leben!

Unerreichbar

Zwei Tagen – so lange bin ich nicht online gewesen. Ich habe weder meine Emails abgeholt noch habe ich mich bei Facebook und Co eingloggt, um Nachrichten von “Freunden” zu lesen. Zwei Tage, das ist nach online-Maßstäben eine ziemliche lange Zeit. Zumindest wenn man nach meinem Posteingang geht. Dort stapeln sich nämlich im beinahe buchstäblichen Sinn die Nachrichten. Das Beunruhigende daran: es wundert mich nicht einmal!

Früher war das anders. Zwar war schon der Familien-C64 “online”, auch wenn das damals nicht Internet, sondern “BTX” hieß, der diente aber vor allem den Bankgeschäften meines Vaters. Auch später, als aus BTX das heutige T-Online geworden war und der C64 gegen einen PC eingetauscht wurde, war das Email-Schreiben alles andere als selbstverständlich. Das änderte sich erst nach und nach, als ich auf eigene Faust zu AOL wechselte und damit eine freundliche Stimme und die Worte “Sie haben Post” Einzug in mein Leben hielt.

Mittlerweile bin ich nicht mehr bei AOL. Keine Frauenstimme, sondern ein kleines Fenster am Bildschirmrand erinnert mich an neue Nachrichten in meinem Posteingang. Es wundert mich nicht einmal, dass beim Nachhausekommen nach der Arbeit, aber auch nach dem Bier mit Freunden eben noch meine Mails checke und selbst im Urlaub fast täglich mein elektronisches Postfach prüfe.

Ist es die Angst, etwas zu verpassen? Neugierde, weil fast immer irgendwas auf mich wartet, sei es auch noch so banal? Und wieso ist es trotzdem so herrlich entspannend, mal zwei Tage einfach mal unerreichbar zu sein, zumindest auf dem elektronischem Postweg?

Ausgerechnet die amerikanische Chipfirma Intel hat nun den Email-freien Freitag eingeführt. Zumindest alle internen Mails sind an diesem Tag tabu. Die Firmenführung rudert damit bewusst gegen den Strom. Die Mitarbeiter sollen wieder mehr direkt miteinander kommunizieren statt wegen jeder Kleinigkeit eine Email zu schreiben.
Keine schlechte Idee eigentlich. Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren?

In diesem Sinne, ruhig auch mal unerreichbar bleiben!

Der Reißverschluss

Die Handtasche einer Frau ist ein Mysterium. Selbst die von außen eher unscheinbaren, kleineren Modelle scheinen schier unbegrenzten Stauraum zu bieten. Angefangen bei Handy und Lippenstift über alte Hustenbonbons und Aspirin bis hin zu bequemen Ersatzschuhen für den Nachhauseweg gibt es darin nichts, was nicht – nach einigem Suchen natürlich – lässig über der Schulter baumeln würde. Bei manchen Frauen würde es mich nicht mal wundern, wenn sie auf Nachfrage auch lebende Kaninchen aus Ihrer Tasche zaubern könnten.

Zugegeben: das passiert recht selten. Öfter dagegen werden plötzlich Männer durch die mit Reißverschluss gesicherte Taschenöffnung gezerrt. Unerwartet und selten passend werden sie ans Licht gezerrt und dem geneigten Zuschauer präsentiert. Konkret denke ich da an die Spezies “Freund”, die ganz ähnlich dem Zauberkaninchen oft unerwartet, eigentlich immer aber im falschen Moment hervor gezogen wird.

Es ist schon eine Weile her, da habe ich eine Frau kennengelernt. Intelligent, sympathisch, sie verstand meinen Humor – kurz: ein ziemlich großartiges Wesen. Auch sie schien mich zumindest sympathisch zu finden, ja, eine Weile hatte ich sogar das Gefühl, als würde sie mich ziemlich mögen.

Dem war vielleicht sogar so. Dennoch entpuppte sich die Situation recht schnell als pointenlos, nachdem sie ihn aus der Tasche zerrte: der Freund. Ich habe keine Ahnung, wer er ist, oder warum er so plötzlich den Weg durch die schmale Öffnung nach draußen fand. Im Endeffekt muss ich wohl froh sein, dass es so frühzeitig war. So wusste ich wenigstens, woran ich war. Trotzdem hat er mich zum denken gebracht, auch wenn, zugegeben, er einer der letzten wäre, dem ich dieses Privileg freiwillig eingeräumt hätte.

Ich fahre morgens normalerweise mit der U-Bahn zur Arbeit. Begleitet von den unterschiedlichsten Menschen lese ich, während der Zug mich von A nach B bringt. Hin und wieder sehe ich auf, um mich zu vergewissern, dass ich noch noch nicht zu weit gefahren bin. Manchmal bleibt mein Blick statt am Stationsschild aber auch an der einen oder anderen Mitfahrerin hängen. Vielleicht gefällt mir Ihr Lächeln oder irgendwas an ihren Haaren. Vielleicht auch einfach so, weil sie eben anguckenswert aussieht.

Leider haben fast alle dieser Frauen Handtaschen dabei, und wenn ich genau hingucke, sehe ich, wie der Reißverschluss leise zittert. Es ist offensichtlich: er wartet nur darauf, endlich befreit zu werden.

Ob es am Alter liegt? Ist man mit 28 einfach nicht mehr auf der Suche?
Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Auf Dauer macht es allerdings müde, bei jeder interessanten Begegnung und meist noch, bevor man überhaupt selber auch nur über einen Sprung in die Tasche nachgedacht hat, über ihn zu stolpern. Gibt es denn keine Frauen mehr, denen Lippenstift und Kaninchen reichen – zumindest bis sie mich getroffen haben?

In diesem Sinne, hoch die Taschen!

Auch richtig

Abulie ist eine dieser Krankheiten, die kaum jemand kennt. Name und Symptome sind noch nicht zur breiten Masse durchgedrungen, obwohl das Krankheitsbild eigentlich geradezu danach schreit, in irgendeiner Vorabendserie verbraten zu werden.

Abulie meint (vereinfacht gesagt) die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen. So beschreibt es jedenfalls das medizinische Online-Lexikon die Symptome und nebenbei auch Benjamin Kunkel. Der hat nämlich ein Buch daraus gemacht, indem er ein vermeintliches Heilmittel in die Welt gesetzt hat. Noch im experimentellen Stadium wird Dwight, der Held seines Debut-Romans “Indescision” (Unentschlossen), von seinem Freund überredet, eben dies zu testen und wird somit plötzlich zum Entscheider par excellence.

Im wirklichen Leben ist es in der Regel nicht so einfach. Wohl praktisch alle Menschen, selbst wenn sie nicht unter Abulie leiden, tun sich regelmäßig schwer, zwischen A oder B (und womöglich auch noch C) zu wählen. Klassisches Beispiel die Essensbestellung im Restaurant: Fisch oder Steak? Mit Bratkartoffeln oder doch lieber Kroketten?

Weniger klassisch aber dafür wohl um so einschneidender ist dagegen die Entscheidung für den einen oder anderen Lebensweg. Eine solche Wahl manifestiert sich normalerweise in einer ganzen Reihe von Teilentscheidungen, angefangen von der Wahl des richtigen Jobs, der richtigen Partnerin bis hin zur Auswahl des passenden Lebensmodells (Kombi oder Sportwagen, Kinder oder doch lieber nicht; Heirat – ja/nein/vielleicht, usw.).

Hinzu kommt, dass fast alle dieser Entscheidungen in der kurzen Zeitspanne zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr von einem verlangt werden. Anstatt dass sie sich nutzerfreundlich auf die gesamte Lebensspanne verteilen, wird man genötigt, gleich einen ganzen Batzen von wichtigen Entscheidungen auf einmal oder wenigstens innerhalb eines recht kurzen Zeitraumes zu treffen.

Der Otto-Normal-Mensch kann da ganz schön ins Schwitzen geraten, was einerseits verständlich, andererseits totaler Blödsinn ist.

Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass es viel leichter ist, mit einer einmal getroffenen Entscheidung zu leben, als wenn man sich möglichst lange so viele Optionen wie möglich offen hält. Ist der Weg einmal gewählt, kann man sich mit seiner ganzen Kraft darauf konzentrieren. Das ist allemal angenehmer, als sich ewig in der Vielleicht-Zwischenwelt zu verlieren.

Der Stress der Entscheidungsfindung liegt vor allem in der Möglichkeit, eine falsche Entscheidung zu treffen. Doch wer sagt, dass es die überhaupt gibt? Oder, andersrum gedacht, dass es nicht mehrere “richtige” Wege gibt? Das Leben funktioniert nicht nach den Spielregeln eines Multiple-Choice-Tests. Es ist nicht so, dass nur ein Kreuz richtig ist, fast immer gibt es mehrere richtige Wege. Medikamente sind für diese Erkenntnis nicht wirklich nötig.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Ankreuzen!