EMail-Liebe

Lieben heißt immer auch Verlieren. Das ist einfach so. Wer einen anderen Menschen liebt, der verliert dabei zwangsläufig ein Stück seiner Unabhängigkeit. Das gilt um so mehr, wenn die oder der Auserwählte die Liebe erwidert und sich daraus eine Beziehung entwickelt.

Meist wird der Verlust der Unabhängigkeit ganz gut entlohnt. Nicht umsonst streben die meisten meiner Freunde und Bekannte und wohl auch fast alle anderen danach oder sind längst fest liiert. Sie genießen es, nicht mehr nur ‘ich’ sondern zugleich auch ‘wir’ zu sein. Im Großen und Ganzen kann ich das auch ganz gut verstehen.

Unheimlich finde ich es jedoch, wenn das ‘wir’ beginnt jedes ‘ich’ zu verhindern. Wenn der Verlust ins Bodenlose geht und aus der kleinen (gewollten) Pleite in puncto Selbständigkeit ein handfester Konkurs zu Gunsten der ach so trauten Zweisamkeit geworden ist.

Sie, deren Namen ich jetzt nicht nennen werde, wirkt glücklich in Ihrer Beziehung, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Zwar ist es schon seltsam, dass es kaum Fotos von ihr alleine zu geben scheint. Taucht irgendwo eine Kamera auf, schiebt sich wie automatisch ein Arm um ihre Schulter. Der gehört ihrem Freund. Ein netter Kerl, ich kenne ihn mittlerweile ganz gut, denn er ist, wo sie ist, und entsprechend meist dabei. Man gewöhnt sich daran.

Unheimlich fand ich es, als sie mir kürzlich ihre neue Email-Adresse gab. Es war eine lange Adresse, bestehend dem obligatorischen at-Zeichen, dem Kürzel eines größeren, deutschen Kommunikationsanbieters und zwei Namen, die nur von dem Wörtchen “und” getrennt wurden. “Unsere neue Email-Adresse”, kommentierte sie. Darum also, dachte ich, wird das at-Zeichen manchmal auch Klammeraffe genannt. Welch unerwartete Erklärung.

In diesem Sinne, liebes Äffchen, ruhig auch mal etwas Unabhängigkeit wagen!

Sex im Flugzeug

Lieber Leser, manchmal frage ich mich, ob Du nicht vielleicht enttäuscht bist. Gerade Du, dem ich einfach mal unterstellen möchte, dass dies hier nicht das ist, was Du gesucht hast.

Die Zahl der täglichen Zugriffe auf diese Seite ist relativ konstant. Sie bewegt sich im mehrstelligen Bereich, womit ich zufrieden bin. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem niemand Felix-Welt besucht hat.

Einige Leser kenne ich, andere nicht und wieder andere kannte ich erst nicht, habe sie aber kennengelernt, nachdem sie mich irgendwann einfach angeschrieben und auf diese Seite angesprochen haben. Es gibt Leser, die Minuten auf Felix-Welt verharren, andere verlasse die Seite schon nach wenigen Sekunden wieder. Einige, wohl die ungeduldigere Sorte, schickt mir sogar Nachrichten, wenn ich einmal ein paar Tage nichts schreibe. Das macht mich dann immer etwas verlegen.

Es gibt aber auch eine Minderheit von Lesern, die mir wohl nie eine Nachricht schicken werden. Vermutlich ist es auch nicht ganz korrekt, wenn ich Sie als Leser bezeichne, denn ich zweifel ein wenig daran, dass Sie sich wirklich für die Buchstaben und Worte dieses Blogs interessieren.

Jeden Tag sind es so fünf oder sechs Leute, die auf diese Seite kommen, indem sie bei Google Suchbegriffe wie “Flugbegleiter” und “nackt” eingeben. Ob sie enttäuscht sind, wenn statt der erhofften leicht bis gar nicht bekleidete Stewardess mein Foto auf dem Bildschirm erscheint? Ob sie sich noch die Mühe machen zu lesen, wo sie da eigentlich gelandet sind? (Weitere beliebte Kombinationen sind übrigens “Riga” und “Sex” sowie “Mottoparty” und “Porno”, aber das nur am Rande).

Irgendwo habe ich gelesen, eines der wenigen erfolgreichen kostenpflichtigen Online-Konzepte seien Porno-Seiten. Kein Wunder, “Sex” hat lange die Liste der am meisten im WWW gesuchten Begriffe angeführt (in dem Artikel ging es übrigens um die Frage, in wie weit Zeitungen eine Chance hätten, ihre Online-Dienste nur noch gegen entsprechendes Entgeld anzubieten). Naja, und gib es doch zu, lieber Leser, auch Du hast ein wenig schneller geklickt, als Du die Überschrift dieses Blog-Eintrags gelesen hast.

Ist das schlimm? Überhaupt nicht! Trotzdem freue ich mich, dass Du es auch ohne unbekleidete Bordpersonal bis hierher, an das Ende dieses Beitrags, geschafft hast.

In diesem Sinne, danke fürs Lesen und Motivieren!

Kleinigkeiten

Ein Sprichwort besagt, selbst der größte Dummkopf könne mehr Fragen stellen als der schlauste Mensch zu beantworten vermöge. Gerade dieser Umstand mache Prüfungen zu einer so unangenehmen Einrichtung. Eine solche habe ich morgen vor mir: die mündliche Verteidigung meiner Masterarbeit.

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, das würde mich völlig kalt lassen. Trotzdem hält sich meine Anspannung noch in Grenzen und das wiederum macht mich dann doch etwas nervös.

Sollte ich nicht aufgeregter sein? Meine alten Unterlagen durchblätternd wild im Zimmer auf und ab laufen? Verzweifelt im Spätverkauf nach Baldrian fragen oder wenigstens mit dem Rauchen anfangen? Immerhin, und das sage ich mir seit Tagen, ist das nun die endgültig letzte Hürde vor dem zweiten und wohl auch letzten Uni-Abschluss.

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich meine Masterarbeit im Prüfungsamt abgegeben habe. Wie schon vor Jahren beim Einreichen meiner Bachelor-Arbeit ein trockener, bürokratischer Vorgang, der so gar nichts von der Magie hatte, die einem solchen Moment doch eigentlich innewohnen sollte. Ich hatte das Gefühl, als würde ich eine Postkarte einwerfen und nicht das hart erarbeitete Ergebnis monatelangen Brütens über Büchern und Fachzeitschriften.

Ich habe keine Ahnung, wie die Verteidigung morgen ablaufen wird, stelle aber nicht ohne Trauer fest, dass gerade die entscheidenden Momente im Leben einen Hang dazu haben, eher nebenbei zu passieren. Erinnere ich mich zum Beispiel an mein Abitur so war es doch nicht der pseudo-pompöse Abiball, sondern eher das Abgeben der letzten Klausur oder vielleicht auch der letzte wirkliche Schultag, die rückblickend zählen.

Fragt man verheiratete Paare nach Ihrer Geschichte, beginnt diese in der Regel mit dem ersten Kennenlernen. Die Hochzeit, der doch eigentlich und vermeintlich größte Moment, tritt dagegen in den Hintergrund und macht Platz für ein zufälliges Anrempeln in der U-Bahn, ein gemeinsames Uni-Seminar oder die Party des besten Freundes, wo man den oder die Auserwählte getroffen hat.

Ich bin ein Fan von Kleinigkeiten, mir gefallen die kleinen Dinge, die kaum auffallen, aber letztlich doch bedeutsam sind. Irgendwie beruhigend, dass es im Endeffekt vielleicht gerade diese Dinge sind, die das Leben bestimmen und ausmachen.

In diesem Sinne, drückt mir die Daumen!

Bandprobe

Es muss wieder mal ein Auftritt bevorstehen. Ich weiß das, denn ich kann es hören. Es beginnt meist recht plötzlich, mit einem dumpfen Brummen, dessen undefinierbarer Rhythmus heiser durch die Decke meiner Altbauwohnung nach unten dringt. Kurz darauf setzt die Stimme von N. ein. Mal gleichförmig singend, dann wieder abgehakt und elektronisch verzerrt. In letzter Zeit wieder sehr regelmäßig und oft bis spät in die Nacht.

Ich wohne in einem dieser Häuser, deren Etagen man erst im Nachhinein in lauter Ein-Zimmer-Wohnungen unterteilt hat und deren Wände entsprechend dünn sind. Über mir wohnt die Sängerin N.. Ihre Band hat vor zwei Jahren eine EP veröffentlicht und absolviert sporadisch Auftritte, vor allem in Berlin und Umgebung. Die vierköpfige Combo wurde in zwei Artikel unbekannter Indie-Musikzeitschriften erwähnt, es gibt eine MySpace-Seite, die wenig gefüllt und schlecht besucht ist, und einen Bandnamen, der nur aus drei Buchstaben besteht.

Wenn N. übt, ist meist nicht wirklich laut, aber eben doch gut hörbar. Besonders natürlich, wenn man darauf achtet. Nervig ist es besonders deshalb, weil es immer die selben Lieder zu sein scheinen. Schlimmer noch: oft sind es sogar nur bestimmte Liedpassagen, so dass stundenlang immer die selben vier oder fünf Zeilen durch die Decke dröhnen.

Ich habe ein paar Mal überlegt, mich deswegen zu beschweren. Getan habe ich es nicht. Ich käme mir spießig vor, und das möchte ich nicht. Zudem habe ich keine Ahnung, wie hellhörig das Haus ist und was N. von mir alles ungewollt mitbekommt.
Wird sie wohlmöglich nachts wach, wenn ich um drei Uhr morgens die Idee habe, noch eine Folge Friends zu gucken? Hört sie, wenn ich Besuch habe, und wir mal lauter lachen? Wird sie jedes Mal wach, wenn morgens mein Wecker klingelt?

Wir wohnen nur wenige Meter von einander weg und haben bisher trotzdem kaum mehr als ein paar belanglose Floskeln untereinander ausgetauscht. Mit einigen meiner Nachbarn wohne ich schon seit über zwei Jahren Tür an Tür ohne auch nur das geringste über sie zu wissen. Eigentlich verrückt, oder?

Kürzlich war ich in einer Bar in Mitte und bin mit der Barkeeperin, einer kleinen Kolumbianerin ins Gespräch gekommen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass sie keine zehn Meter von mir entfernt wohnt – nur ein Haus weiter, um genau zu sein. Wir sind seit eineinhalb Jahren Nachbarn, begegnet sind wir uns nie, dabei schien sie ein wirklich lieber Mensch zu sein. Vielleicht sollte man manchmal einfach mit offeneren Augen durch die Welt laufen. Mit den Ohren klappt das schließlich auch schon ganz gut.

In diesem Sinne, einen fröhlichen Gruß an meine Nachbarn!

Die Tresengestalt

Er sah nicht mal fremd aus, nur irgendwie deplatziert. Während sich alle anderen blendend unterhielten, schien er wie aus einer anderen Welt. Still und doch aufmerksam, unauffällig und doch alles beobachtend stand er da: der Mann mit der Brille.

Wir hatten uns in der Bar eines größeren Berliner Hostels getroffen, in dem L. einmal gearbeitet hatte. Ein langer und nur zur Hälfte besetzter Tresen, einige Sitzecken und ein Haufen betrunkener Backpacker, die größtenteils in den Sitzecken saßen und nur hin und wieder zum Tresen wankten, um Bier oder Cocktails zu bestellen.

Auf einem Fernseher über der Bar lief BBC, doch die verwackelten Bilder von kenianischen Militärs, die durch die Straßen Nairobis hetzten, schienen niemanden zu interessieren. Die Gesprächsfetzen deuteten vielmehr auf den typischen Hostel-Smalltalk hin: Wo kommst Du her, wo gehst Du hin und vor allem: wo bist Du schon überall gewesen.

Alle amüsierten sich großartig. Nach und nach schien jeder mit jedem bekannt, und es bildeten sich die ersten Grüppchen, die in Richtung Oranienburger Straße loszogen, um dort weiter zu trinken. Der Tresen und auch die restliche Bar leerte sich zusehends. Einzig der Mann mit der Brille blieb zurück.

Irgendwie tat er mir leid, weil er so zurückgelassen und irgendwie unglücklich aussah. Wie eine dieser Tresengestalten, die man in Backpackerkneipen auf der ganzen Welt trifft. Jemand, der den richtigen Moment verpasst hat und nun verzweifelt darauf hofft, doch noch dazu gebeten zu werden, während er zugleich krampfhaft versucht, sich eben das nicht anmerken zu lassen.

Ich habe keine Ahnung, woher der Mann mit der Brille kam. Er sah noch recht jung aus, vielleicht 21 oder 22 Jahre alt. Seine Kleidung, Flanellhemd und Multifunktionshose, wirkten neu, als hätte er sie gerade erst gekauft. Auch seine Trekkingschuhe waren offensichtlich noch nicht mit unasphaltierten Wegen in Kontakt gekommen. Einen kurzen Moment habe ich überlegt, ihn anzusprechen, habe es dann aber gelassen, weil ich es nur aus Mitleid und nicht aus echtem Interesse getan hätte.

Als L. und ich um halb eins gingen war er der letzte, der noch am Tresen saß. Ein wenig hat der Mann mit der Brille mich an mich selbst erinnert, als ich vor Jahren das erste Mal allein in einem Hostel übernachtet habe. Ein komischer Gedanke.

In diesem Sinne, öfter Mal in den Spiegel gucken!

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...