Monthly Archive for January, 2008

EMail-Liebe

Lieben heißt immer auch Verlieren. Das ist einfach so. Wer einen anderen Menschen liebt, der verliert dabei zwangsläufig ein Stück seiner Unabhängigkeit. Das gilt um so mehr, wenn die oder der Auserwählte die Liebe erwidert und sich daraus eine Beziehung entwickelt.

Meist wird der Verlust der Unabhängigkeit ganz gut entlohnt. Nicht umsonst streben die meisten meiner Freunde und Bekannte und wohl auch fast alle anderen danach oder sind längst fest liiert. Sie genießen es, nicht mehr nur ‘ich’ sondern zugleich auch ‘wir’ zu sein. Im Großen und Ganzen kann ich das auch ganz gut verstehen.

Unheimlich finde ich es jedoch, wenn das ‘wir’ beginnt jedes ‘ich’ zu verhindern. Wenn der Verlust ins Bodenlose geht und aus der kleinen (gewollten) Pleite in puncto Selbständigkeit ein handfester Konkurs zu Gunsten der ach so trauten Zweisamkeit geworden ist.

Sie, deren Namen ich jetzt nicht nennen werde, wirkt glücklich in Ihrer Beziehung, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Zwar ist es schon seltsam, dass es kaum Fotos von ihr alleine zu geben scheint. Taucht irgendwo eine Kamera auf, schiebt sich wie automatisch ein Arm um ihre Schulter. Der gehört ihrem Freund. Ein netter Kerl, ich kenne ihn mittlerweile ganz gut, denn er ist, wo sie ist, und entsprechend meist dabei. Man gewöhnt sich daran.

Unheimlich fand ich es, als sie mir kürzlich ihre neue Email-Adresse gab. Es war eine lange Adresse, bestehend dem obligatorischen at-Zeichen, dem Kürzel eines größeren, deutschen Kommunikationsanbieters und zwei Namen, die nur von dem Wörtchen “und” getrennt wurden. “Unsere neue Email-Adresse”, kommentierte sie. Darum also, dachte ich, wird das at-Zeichen manchmal auch Klammeraffe genannt. Welch unerwartete Erklärung.

In diesem Sinne, liebes Äffchen, ruhig auch mal etwas Unabhängigkeit wagen!

Sex im Flugzeug

Lieber Leser, manchmal frage ich mich, ob Du nicht vielleicht enttäuscht bist. Gerade Du, dem ich einfach mal unterstellen möchte, dass dies hier nicht das ist, was Du gesucht hast.

Die Zahl der täglichen Zugriffe auf diese Seite ist relativ konstant. Sie bewegt sich im mehrstelligen Bereich, womit ich zufrieden bin. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem niemand Felix-Welt besucht hat.

Einige Leser kenne ich, andere nicht und wieder andere kannte ich erst nicht, habe sie aber kennengelernt, nachdem sie mich irgendwann einfach angeschrieben und auf diese Seite angesprochen haben. Es gibt Leser, die Minuten auf Felix-Welt verharren, andere verlasse die Seite schon nach wenigen Sekunden wieder. Einige, wohl die ungeduldigere Sorte, schickt mir sogar Nachrichten, wenn ich einmal ein paar Tage nichts schreibe. Das macht mich dann immer etwas verlegen.

Es gibt aber auch eine Minderheit von Lesern, die mir wohl nie eine Nachricht schicken werden. Vermutlich ist es auch nicht ganz korrekt, wenn ich Sie als Leser bezeichne, denn ich zweifel ein wenig daran, dass Sie sich wirklich für die Buchstaben und Worte dieses Blogs interessieren.

Jeden Tag sind es so fünf oder sechs Leute, die auf diese Seite kommen, indem sie bei Google Suchbegriffe wie “Flugbegleiter” und “nackt” eingeben. Ob sie enttäuscht sind, wenn statt der erhofften leicht bis gar nicht bekleidete Stewardess mein Foto auf dem Bildschirm erscheint? Ob sie sich noch die Mühe machen zu lesen, wo sie da eigentlich gelandet sind? (Weitere beliebte Kombinationen sind übrigens “Riga” und “Sex” sowie “Mottoparty” und “Porno”, aber das nur am Rande).

Irgendwo habe ich gelesen, eines der wenigen erfolgreichen kostenpflichtigen Online-Konzepte seien Porno-Seiten. Kein Wunder, “Sex” hat lange die Liste der am meisten im WWW gesuchten Begriffe angeführt (in dem Artikel ging es übrigens um die Frage, in wie weit Zeitungen eine Chance hätten, ihre Online-Dienste nur noch gegen entsprechendes Entgeld anzubieten). Naja, und gib es doch zu, lieber Leser, auch Du hast ein wenig schneller geklickt, als Du die Überschrift dieses Blog-Eintrags gelesen hast.

Ist das schlimm? Überhaupt nicht! Trotzdem freue ich mich, dass Du es auch ohne unbekleidete Bordpersonal bis hierher, an das Ende dieses Beitrags, geschafft hast.

In diesem Sinne, danke fürs Lesen und Motivieren!

Kleinigkeiten

Ein Sprichwort besagt, selbst der größte Dummkopf könne mehr Fragen stellen als der schlauste Mensch zu beantworten vermöge. Gerade dieser Umstand mache Prüfungen zu einer so unangenehmen Einrichtung. Eine solche habe ich morgen vor mir: die mündliche Verteidigung meiner Masterarbeit.

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, das würde mich völlig kalt lassen. Trotzdem hält sich meine Anspannung noch in Grenzen und das wiederum macht mich dann doch etwas nervös.

Sollte ich nicht aufgeregter sein? Meine alten Unterlagen durchblätternd wild im Zimmer auf und ab laufen? Verzweifelt im Spätverkauf nach Baldrian fragen oder wenigstens mit dem Rauchen anfangen? Immerhin, und das sage ich mir seit Tagen, ist das nun die endgültig letzte Hürde vor dem zweiten und wohl auch letzten Uni-Abschluss.

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich meine Masterarbeit im Prüfungsamt abgegeben habe. Wie schon vor Jahren beim Einreichen meiner Bachelor-Arbeit ein trockener, bürokratischer Vorgang, der so gar nichts von der Magie hatte, die einem solchen Moment doch eigentlich innewohnen sollte. Ich hatte das Gefühl, als würde ich eine Postkarte einwerfen und nicht das hart erarbeitete Ergebnis monatelangen Brütens über Büchern und Fachzeitschriften.

Ich habe keine Ahnung, wie die Verteidigung morgen ablaufen wird, stelle aber nicht ohne Trauer fest, dass gerade die entscheidenden Momente im Leben einen Hang dazu haben, eher nebenbei zu passieren. Erinnere ich mich zum Beispiel an mein Abitur so war es doch nicht der pseudo-pompöse Abiball, sondern eher das Abgeben der letzten Klausur oder vielleicht auch der letzte wirkliche Schultag, die rückblickend zählen.

Fragt man verheiratete Paare nach Ihrer Geschichte, beginnt diese in der Regel mit dem ersten Kennenlernen. Die Hochzeit, der doch eigentlich und vermeintlich größte Moment, tritt dagegen in den Hintergrund und macht Platz für ein zufälliges Anrempeln in der U-Bahn, ein gemeinsames Uni-Seminar oder die Party des besten Freundes, wo man den oder die Auserwählte getroffen hat.

Ich bin ein Fan von Kleinigkeiten, mir gefallen die kleinen Dinge, die kaum auffallen, aber letztlich doch bedeutsam sind. Irgendwie beruhigend, dass es im Endeffekt vielleicht gerade diese Dinge sind, die das Leben bestimmen und ausmachen.

In diesem Sinne, drückt mir die Daumen!

Bandprobe

Es muss wieder mal ein Auftritt bevorstehen. Ich weiß das, denn ich kann es hören. Es beginnt meist recht plötzlich, mit einem dumpfen Brummen, dessen undefinierbarer Rhythmus heiser durch die Decke meiner Altbauwohnung nach unten dringt. Kurz darauf setzt die Stimme von N. ein. Mal gleichförmig singend, dann wieder abgehakt und elektronisch verzerrt. In letzter Zeit wieder sehr regelmäßig und oft bis spät in die Nacht.

Ich wohne in einem dieser Häuser, deren Etagen man erst im Nachhinein in lauter Ein-Zimmer-Wohnungen unterteilt hat und deren Wände entsprechend dünn sind. Über mir wohnt die Sängerin N.. Ihre Band hat vor zwei Jahren eine EP veröffentlicht und absolviert sporadisch Auftritte, vor allem in Berlin und Umgebung. Die vierköpfige Combo wurde in zwei Artikel unbekannter Indie-Musikzeitschriften erwähnt, es gibt eine MySpace-Seite, die wenig gefüllt und schlecht besucht ist, und einen Bandnamen, der nur aus drei Buchstaben besteht.

Wenn N. übt, ist meist nicht wirklich laut, aber eben doch gut hörbar. Besonders natürlich, wenn man darauf achtet. Nervig ist es besonders deshalb, weil es immer die selben Lieder zu sein scheinen. Schlimmer noch: oft sind es sogar nur bestimmte Liedpassagen, so dass stundenlang immer die selben vier oder fünf Zeilen durch die Decke dröhnen.

Ich habe ein paar Mal überlegt, mich deswegen zu beschweren. Getan habe ich es nicht. Ich käme mir spießig vor, und das möchte ich nicht. Zudem habe ich keine Ahnung, wie hellhörig das Haus ist und was N. von mir alles ungewollt mitbekommt.
Wird sie wohlmöglich nachts wach, wenn ich um drei Uhr morgens die Idee habe, noch eine Folge Friends zu gucken? Hört sie, wenn ich Besuch habe, und wir mal lauter lachen? Wird sie jedes Mal wach, wenn morgens mein Wecker klingelt?

Wir wohnen nur wenige Meter von einander weg und haben bisher trotzdem kaum mehr als ein paar belanglose Floskeln untereinander ausgetauscht. Mit einigen meiner Nachbarn wohne ich schon seit über zwei Jahren Tür an Tür ohne auch nur das geringste über sie zu wissen. Eigentlich verrückt, oder?

Kürzlich war ich in einer Bar in Mitte und bin mit der Barkeeperin, einer kleinen Kolumbianerin ins Gespräch gekommen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass sie keine zehn Meter von mir entfernt wohnt – nur ein Haus weiter, um genau zu sein. Wir sind seit eineinhalb Jahren Nachbarn, begegnet sind wir uns nie, dabei schien sie ein wirklich lieber Mensch zu sein. Vielleicht sollte man manchmal einfach mit offeneren Augen durch die Welt laufen. Mit den Ohren klappt das schließlich auch schon ganz gut.

In diesem Sinne, einen fröhlichen Gruß an meine Nachbarn!

Die Tresengestalt

Er sah nicht mal fremd aus, nur irgendwie deplatziert. Während sich alle anderen blendend unterhielten, schien er wie aus einer anderen Welt. Still und doch aufmerksam, unauffällig und doch alles beobachtend stand er da: der Mann mit der Brille.

Wir hatten uns in der Bar eines größeren Berliner Hostels getroffen, in dem L. einmal gearbeitet hatte. Ein langer und nur zur Hälfte besetzter Tresen, einige Sitzecken und ein Haufen betrunkener Backpacker, die größtenteils in den Sitzecken saßen und nur hin und wieder zum Tresen wankten, um Bier oder Cocktails zu bestellen.

Auf einem Fernseher über der Bar lief BBC, doch die verwackelten Bilder von kenianischen Militärs, die durch die Straßen Nairobis hetzten, schienen niemanden zu interessieren. Die Gesprächsfetzen deuteten vielmehr auf den typischen Hostel-Smalltalk hin: Wo kommst Du her, wo gehst Du hin und vor allem: wo bist Du schon überall gewesen.

Alle amüsierten sich großartig. Nach und nach schien jeder mit jedem bekannt, und es bildeten sich die ersten Grüppchen, die in Richtung Oranienburger Straße loszogen, um dort weiter zu trinken. Der Tresen und auch die restliche Bar leerte sich zusehends. Einzig der Mann mit der Brille blieb zurück.

Irgendwie tat er mir leid, weil er so zurückgelassen und irgendwie unglücklich aussah. Wie eine dieser Tresengestalten, die man in Backpackerkneipen auf der ganzen Welt trifft. Jemand, der den richtigen Moment verpasst hat und nun verzweifelt darauf hofft, doch noch dazu gebeten zu werden, während er zugleich krampfhaft versucht, sich eben das nicht anmerken zu lassen.

Ich habe keine Ahnung, woher der Mann mit der Brille kam. Er sah noch recht jung aus, vielleicht 21 oder 22 Jahre alt. Seine Kleidung, Flanellhemd und Multifunktionshose, wirkten neu, als hätte er sie gerade erst gekauft. Auch seine Trekkingschuhe waren offensichtlich noch nicht mit unasphaltierten Wegen in Kontakt gekommen. Einen kurzen Moment habe ich überlegt, ihn anzusprechen, habe es dann aber gelassen, weil ich es nur aus Mitleid und nicht aus echtem Interesse getan hätte.

Als L. und ich um halb eins gingen war er der letzte, der noch am Tresen saß. Ein wenig hat der Mann mit der Brille mich an mich selbst erinnert, als ich vor Jahren das erste Mal allein in einem Hostel übernachtet habe. Ein komischer Gedanke.

In diesem Sinne, öfter Mal in den Spiegel gucken!

This is the time

Eigentlich nett von Billy Joel, mit nur ein paar Zeilen gleich einen ganzen Gedankenkomplex zu beschreiben, den ich schon lange in meinem Kopf hin und her bewege, ohne ihn wirklich in Worte fassen zu können:

“This is the time to remember

Cause it will not last forever
These are the days
To hold on to
Cause we won’t
Although we’ll want to

Das Lied, This is the time, ist eigentlich eine Liebeserklärung, eine schöne noch dazu. Allerdings ist diese Charakterisierung etwas zu kurz gegriffen. This is the time hat nicht nur die Liebe zum Thema, sondern ganz allgemein den Wunsch, eine schöne Zeit festzuhalten, während man sich zugleich ihrer Vergänglichkeit bewusst ist.

Ich kenne das gut. Nicht nur in diesem Blog, sondern vor allem in diversen Notizbüchern und zum Teil auf losen Zetteln, in Fotoalben und auf der Festplatte meines Laptops hat sich mittlerweile eine Unmenge an Vergangenheit angesammelt. Nicht wenig davon wäre wirklich reizvolle Reiseziele, wäre schon die Zeitmaschine erfunden, sie zu erreichen.

Das Schlimme: oft merkt man nicht einmal, wenn gerade wieder einer dieser Momente ansteht, die Potenziel für die Hall of Fame der persönlichen Erinnerung haben (zum Teil freilich auch, weil man ihn sie erst nachträglich glorifizieren wird). Und selbst wenn man rechtzeitig im Bilde ist, hilft das normalerweise nicht viel: Der Moment wird vergehen, und wenn man ihn noch so gerne einsperren und konservieren würde.

Ich erinnere mich da an manche Ferien, die mir als Kind endlos schienen und die dann um so schmerzvoller endeten. Es gibt Momente mit Frauen, die ich gerne ver-unendlicht hätte und die dennoch vergingen. Manchmal sind es auch einfach ganze Zeitabschnitte, die mir heute manchmal als angenehme Alternative zum hier und jetzt erscheinen.

Es ist frustrierend, denn man weiß es ja. Doch selbst wenn man sich tausend mal sagt, dass gerade jetzt, in dieser Sekunde, einer dieser Augenblicke ist, den man besonders genießen sollte, weil man weiß, dass man sich später wehmütig an ihn erinnern wird, ist es kaum möglich, diesen Vorsatz zu verwirklichen. These are the days, To hold on to, Cause we won’t, Although we’ll want to …

Es gibt eine ganze Reihe von guten Songs, die sich diesem Thema in der einen oder anderen Weise genähert haben. Glory Days von Bruce Springsteen, etwa, Summer of 69 von Brian Adams, oder Won’t forget these days von Fury in the Slaughterhouse. Letztlich ist es aber wohl so, dass die Vergangenheit vor allem deshalb schön ist, weil man weiß, wie sie endet – oder eben, weil das Ende damals noch offen war.

In diesem Sinne – ein fröhliches When I’m dead and gone! an den Moment

Unterwegs

Im ICE von Hamburg nach Berlin. Es ist dunkel draußen, das Land ist flach und langweilig. Nur wenige Lichter ziehen vorbei. Drinnen ist es ruhig. Nur ein paar Wehrpflichtige versuchen durch konsequentes Reden das unwohle Gefühl vor der dritten Woche Grundausbildung zu übertönen.

Der Wagen ist gut besetzt, aber lange nicht voll. Ich habe die Sitzbank für mich und starre in die Schwärze vor dem Fenster. Unsichtbar fliegt die Landschaft vorbei.

Ich fühle mich gut. Ich mag es, unterwegs zu sein. Auf dem Weg von A nach B befindet man sich in einer Zwischenwelt, die ich normalerweise sehr genieße: abgefahren, aber noch nicht angekommen. Einerseits wehmütig vom Abschied, andererseits gespannt und vielleicht auch ein wenig nervös wegen dem, was kommt. (Ja, selbst das dazugehörige Gefühl liegt offenbar irgendwo in der Mitte.)

Bevor ich in den Zug gestiegen bin, war ich mit einem alten Freund an der Alster spazieren. Kaum hundert Meter von uns entfernt schob sich plötzlich dieses Containerschiff den Fluss herunter. Ich habe keine Ahnung, woher dieses Schiff gerade kam oder was es geladen hatte, ob der Größe habe ich seiner Besatzung eine längere Reise unterstellt. Ein komischer Gedanke, wenn man sich vorstellt, dass im Grunde genommen der Lebensinhalt der Menschen auf diesem Schiff weder aus Ankommen noch aus Abfahren sondern schlicht aus dem Weg von A nach B besteht und Ankommen nur der Auftakt zu einem weiteren Aufbrechen ist.

Darüber habe ich nachgedacht, wie ich so im ICE von Hamburg nach Berlin saß und die Landschaft unsichtbar in der Dunkelheit vorbei flog. Müde von dem Wochenende muss ich dann wohl eingeschlafen sein, denn plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, in einem Zug zu sitzen. Im Traum, der höchstens ein paar Minuten dauerte, wähnte ich mich statt dessen auf eben diesem Schiff, und meine Reise war auf einmal mehr, als bloß eine eineinhalbstündige Zugfahrt. Gar nicht so weit hergeholt, eigentlich.

In diesem Sinne, öfter mal zwischen den Zeilen lesen!

Punkmusik

Die meisten Menschen kommen her, um Geld zu holen. Sie tun das, indem sie eine kleine, mit einem Magnetstreifen versehene Plastikkarte in einen schmalen Schlitz stecken und anschließend ein paar Zahlen eintippen. Dann rattert es einen Moment, und wie von Zauberhand spuckt ein weiterer schmaler Schlitz die gewünschten Euros aus.

Andere kommen ohne Karte und Zahlen. Sie holen Geld, indem sie die anderen Leute bitten, ihnen doch bitte etwas mitzubringen, einen Euro zum Beispiel. Diese Menschen sind oft auffälliger gekleidet als die Kartenbesitzer und treten nicht selten in größeren Gruppen und in Begleitung vierbeiniger Freunde mit Namen wie “Whiskey”, “Töhle” oder schlicht “Komm her!” auf.

Während die Kartenbesitzer meist nach dem Geldholen wieder verschwinden scheinen die Hundebesitzer die sterile Atmosphäre der Sparkassen als angenehme Abwechslung zu empfinden. Nicht selten bleiben sie stundenlang. Auch nennen sie die Sparkassen meist nicht Sparkassen, sondern ziehen den Begriff Spaßkasse vor, was wohl irgendwann mal ein lustiges Wortspiel war, mittlerweile aber eher albern klingt.

In der näheren Umgebung meiner Wohnung gibt es gleich mehrere Sparkassen, wo zum Teil sogar sparkasseneigenes Sicherheitspersonal dafür zu sorgen versucht, dass das ‘r’ nicht zum ‘ß’ wird. Das mit grimmigen Blick und Barrett ausgestattetes Personal ist allerdings in der Regel nur an einer der Sparkassen präsent, weswegen die anderen spätestens ab dem Nachmittag dann doch von einer Gruppe interessant gekleideter Figuren und ihren Hunden okkupiert werden.

Weil ich hier recht oft vorbei komme, etwa auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen und zurück werde ich, obwohl ich nicht mal Sparkassenkunde bin, recht oft gebeten, mein Kleingeld mit den Spaßkassenfreunden zu teilen. Im Großen und Ganzen läuft das immer gleich ab: ein lustig dreinschauender Punk tänzelt fröhlich auf dem Bürgersteig hin und her und wedelt dabei mit einem Pappbecher, in dem meist auch schon einige Münzen klirren. Im Hintergrund sitzen seine fünf bis fünfzig Freunde, trinken Bier (Sternburg) und unterhalten sich mit “Whiskey”, “Töhle” und “Komm her!”.

Ich gebe nichts. Schon aus Prinzip widerstrebt es mir, jemanden Geld zu geben, das ich mir zuvor erarbeitet habe, während dieser jemand sich aus Prinzip entschieden hat, nicht zu arbeiten. Trotzdem bin ich heute fast stehen geblieben, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Statt der üblichen fünf bis zehn Punks saß nur einer auf dem Bürgersteig vor der Spa r/ß kasse, statt “Komm her!” hatte er eine Gitarre bei sich, die er inbrünstig bearbeitete.

Langsam, aber stilsicher ließ der einsame Punk seine rechte Hand wieder und wieder über die abgegriffenen Seiten streichen, während er mit links abwechselnd D-Dur und G-Dur griff. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: der Anfang von Blowing in the Wind!
Allerdings sang der Punk nicht, weder vom Wind noch von sonst etwas. Statt dessen wiederholte er enthusiastisch immer die selben Worte: Etwas-Kleingeld?-Eine-kleine-Spende?-Etwas-Kleingeld-… Punkmusik, würd ich sagen.

In diesem Sinne, viel Spaß am Geldautomat!

Barbekanntschaft

“We went there when thirsty, of course, and when hungry, and when dead tired. We went there when happy, to celebrate, and when sad to sulk. We went there after weddings and funerals [...]. We went there when we didn’t know what we needed, hoping someone might tell us. We went there looking for love, sex, or trouble, or for someone who had gone missing, because sooner or later everyone turned up here. Most of all we went there when we needed to be found.”

Die Art, wie Moehringer sein Buch anfängt, entschuldigt sogar den pseudo-patriotischen 9/11-Epilog mit dem das Buch endet. Tender Bar ist die Geschichte eines Lebens und zugleich eine Liebeserklärung an eine Bar in Manhasset, einem 8000-Seelen Ort auf Long Island, New York.

Kann man eine Bar lieben?
Vermutlich (oder besser: hoffentlich) nicht wie man eine Frau lieben kann. Dennoch kann ich Moehringer verstehen, denn im Optimalfall sind gerade die Bars, Saloons, Pubs oder Kneipen eines Ortes irgendwo auch seine Essenz. Dadurch dass ein Lokal zugleich mittendrin als auch extraterritorialer Raum sein kann, ist man hier sowohl vor Ort als auch distanzierter Beobachter. Man Zuflucht suchen vor der Außenwelt ohne sie wirklich zu verlassen.

Ich erinnere mich an ein kleines Lokal in Bangkok. Als ich gerade angekommen war und das Gefühl hatte, von der Stadt erschlagen zu werden, hat mich dieser kleine, unscheinbare Laden gerettet. Hier durfte ich dabei und mittendrin sein, ohne gleich vom südostasiatischen Moloch verschluckt zu werden.

Ich könnte viele solcher Orte aufzählen, und nicht alle sind 10.000 Kilometer weit weg. Als ich gerade nach Berlin gezogen war und mir noch reichlich verloren vorgekommen bin, obwohl ich nacheinander Kleiderschrank, Küchentisch und Bücherregal zusammen geschraubt hatte, bin ich ebenfalls in eine Bar gegangen. Ich kannte sie von einem früheren Besuch und praktischerweise ist sie nicht all zu weit von meiner Wohnung weg. Ich habe allein an einem recht wackeligen Tisch gesessen und plötzlich hatte ich das Gefühl, nun endgültig in dieser Stadt angekommen zu sein.

In diesem Sinne, nicht jede Barliebschaft muss auch im Bett enden … schönen Gruß!

Disneyland

Es ist schwer, sie aus dem Kopf zu kriegen, denn sie sind überall! Nicht nur in der U6, wo sie mir heute wieder besonders aufgefallen sind, die ganze Stadt ist voll mit ihnen! Oft verrät sie der orientierungslose Blick, meist der gezückte Stadtplan und die Kamera in der Hand: Touristen!

Auf rund 17,5 Millionen schätzt die Berlin Tourismus Marketing GmbH die Zahl der Übernachtungen im letzten Jahr. Rekord – und ich bin mitten drin.

Nachdem ich mehr oder weniger den ganzen Tag damit verbracht habe, eben diese Übernachtungen auch für 2008 möglich zu machen (gefühlt mindestens 17,5 Millionen!) war ich anschließend noch kurz im Hostel um J., einer meiner liebsten Kolleginnen an der Rezeption, einen Besuch abzustatten. Es war recht viel los, die ganze Welt scheint gerade damit beschäftigt, sich Berlin anzugucken. Ich bin nicht lange geblieben, habe es aber genossen.

Anschließend habe ich mich über das Glatteis zur U-Bahn vorgekämpft und mich gewundert, dass es mich gar nicht mehr wundert, dass der Zug praktisch voll war mit Leuten, die ganz offensichtlich nicht aus Berlin waren:

Die spanischen Mädels, die sich neben mich auf die Plätze nahe der Tür quetschten und kichernd versuchten, in meinem (englischen) Buch mitzulesen.
Die Gruppe Italiener, die wild gestikulierend ihr Samstag-Abend-Ziel diskutierten.
Die arg jung aussehenden Engländer, die eigentlich schon viel zu betrunken schienen, um ernsthaft noch den PubCrawl an der Oranienburger in Betracht zu ziehen.

Wie gesagt, für mich ist das mittlerweile beinahe selbstverständlich, und ich bin manchmal selbst etwas irritiert, wenn ich automatisch auf englisch antworte, bloß weil mich Menschen ansprechen, die einen Stadtplan – oder ähnliches – in der Hand halten (auch wenn ich auf Deutsch angesprochen werde). Jedes Mal fühle ich mich daran erinnert, dass ich in einer Stadt lebe, die für andere eine Art Ferienland respektive Städtetrip ist (und für den einen oder anderen US-Amerikaner wohl eine Art Disneyland mit historischen Bezügen).

Irgendwie ist es komisch: für einen Großteil dieser Menschen lebe ich an einem Ort, der für sie in nicht all zu ferner Zukunft vor allem ein Bild in ihren Fotoalben sein wird. Und auch wenn ich weiß, dass sicher auch der eine oder andere Berliner mit mir in der U-Bahn gesessen hat, kam es mir heute abend wieder mal vor, als wäre ich der einzige gewesen, der nicht bald weiter- oder nach Hause reisen wird. Ein komisches Gefühl.

In diesem Sinne, Gruß von dem Mann von dem Foto!