Monthly Archive for December, 2007

Die flüchtige Stadt

Es war, wie ich es prophezeit hatte: der selbe alte Tresen in derselben alten Kneipe und wieder mal zwei Bier mehr als geplant. Das Wiedersehen mit dem besten Freund war trotz der Kopfschmerzen am nächsten Tag ein Highlight des weihnachtlichen Besuchs in der alten Heimat.

B. und ich kennen uns schon seit Jahren. Wir haben mehrere Urlaube zusammen gemacht, in denen wir mit seinem kleinen Nissan Micra quer durch Europa gefahren sind (und jedes Mal haben wir vorher die halbe Rückbank ausgebaut, um Zelt, Kochgeschirr und Co unterbringen zu können). Wir wohnen in zwei ganz unterschiedlichen Ecken von Deutschland und auch wenn wir manchmal gefühlte Ewigkeiten nichts von einander hören, hat das unserer Freundschaft nie einen Abruch getan.

Ich habe viele Bekannte, aber wenige wirkliche Freunde. Letztere weiß ich nicht erst seit ich in Berlin wohne zu schätzen. Trotzdem denke ich manchmal, dass gerade das Leben und Arbeiten hier dazu prädestiniert ist, mir den Wert solcher Freundschaften immer wieder vor Augen zu führen.

Berlin ist, so scheint es, eine Stadt der flüchtigen Begegnungen, wobei flüchtig nicht unbedingt nur einen Zeitraum von Sekunden umschreibt, sondern durchaus mehrere Wochen umfassen kann. Es gibt Leute hier, mit denen habe ich über zum Teil Monate eng zusammen gearbeitet oder gelebt habe und am Ende sind sie wieder aus meinem Leben verschwunden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

So blöd das klingt, manchmal stoße ich in meinen Notizbüchern auf Namen, zu denen mir im ersten Moment weder ein Gesicht noch sonst eine Verbindung einfällt.

Woran liegt das?
Wieso werden einzelne Menschen zu Freunden, denen man sich auch über hunderte oder tausende Kilometer hinweg nahe fühlen kann, während andere vielleicht nur drei Häuser weiter wohnen und die trotzdem irgendwann wieder nur ein Punkt am Horizont sind, wenn überhaupt?
Ein deutscher Schriftsteller, dessen Name mir gerade entfallen ist, hat einmal geschrieben, es gäbe Freundschaften, die im Himmel beschlossen und auf Erden vollzogen werden. Vielleicht hatte er recht?

Mir ist immer etwas unwohl wenn es um Dinge wie Schicksal geht. Nichts desto trotz mag ich die Idee, dass manche Menschen vielleicht einfach zu einem passen und deren Freundschaft so betrachtet tatsächlich eine Art Bestimmung wäre. Zumindest ein paar davon habe ich bislang gefunden, glaube ich, und das ist eigentlich ein ganz schöner Gedanke.

In diesem Sinne, auf die Freundschaft!

Frank Lehmann

Als Herr Lehmann sich auf den Weg macht, hat er keinen Plan. “Ich gehe erstmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.” So endet Sven Regeners Debut und im Grunde genommen auch das Nachfolgewerk, Neue Vahr Süd, in dem Herr Lehman noch Frank heißt und das zehn Jahre vor dem ersten Buch spielt. Auch hier bricht der Protagonist in eine (für ihn) unbekannte Zukunft aus, ohne wirklich einen Plan zu haben, wie diese aussehen wird.

Ich finde es faszinierend, mit wie wenigen Entscheidungen Herr Lehmann durchs Leben kommt. Im Grunde genommen schiebt er jede Entscheidung so lange von sich weg, bis ihm am Ende (subjektiv) keine andere Wahl mehr bleibt, als alle Zelte abzubrechen und woanders neu zu beginnen.

In Neue Vahr Süd ist es die verpasste Verweigerung, weswegen der gerade ausgelernte Speditionskaufmann sich plötzlich als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr wiederfindet. Er verliebt sich, ohne dass daraus mehr als eine Affäre wird, weil sich die Erwählte für jemand anderen entscheidet, der dem Leser bisher nur als Randfigur bekannt war. Nach einem vorgetäuschten Selbstmordversuch wird Herr Lehmann als untauglich entlassen und macht sich schließlich auf den Weg nach Berlin, ohne genau zu wissen, was er dort eigentlich will.

Herr Lehmann setzt ungefähr neun Jahre später ein. Frank arbeitet hauptberuflich hinter dem Tresen des “Einfall”, einer Kneipe in der Wiener Straße in Kreuzberg. Wieder plätschert sein Leben dahin, ohne dass er groß eine Wahl für oder gegen etwas trifft. Wieder verliebt sich Herr Lehmann, und wieder bleibt es bei einer Affäre. “Die schöne Köchin”, Kathrin, kommt statt dessen mit Kristall-Rainer zusammen, der dem Leser bisher eigentlich nur durch seine Affirmität zu Kristall-Weizen bekannt war. Am 9. November 1989 schließlich beschließt Herr Lehmann erneut zu gehen, ohne genau zu wissen, wohin. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

Eigentlich komisch, dass er mir trotzdem so sympathisch ist. Normalerweise stört es mich, wenn Menschen so lange zwischen A und B hängen, bis der Zwang zur Entscheidung einfach nicht mehr abzuwenden ist. Ich bin ein Freund des klaren ja oder nein, selbst wenn ich mir wohl eingestehen muss, dieser Maxime nicht immer zu folgen. Aber vielleicht ist ja auch gerade das der Grund, warum ich Regeners Figur trotzdem mag.

In diesem Sinne, erstmal losgehen!

Klassentreffen

Drei haben geheiratet, zwei haben sogar Kinder und am Ende des Abends war das Bier alle – die Bilanz des Stufentreffens liest sich ernüchternd. Dabei sollte man doch meinen, dass sich in achteinhalb Jahren mehr verändert hätte.

Hat es aber nicht.
Die Männer haben dickere Bäuche und zum Teil auch weniger Haare, die Frauen meist andere Frisuren, doch schon nach kurzer Zeit ist klar: eigentlich alles wie früher.

Zugegeben, es ist schon faszinierend, wohin es den einen oder anderen verschlagen hat. Auch dass ausgerechnet der schüchterne J. jetzt stolz einen goldenen Ring am Finger trägt oder dass gerade A. nun einen dicken Bauch (achter Monat) vor sich her schiebt ist interessant, letztlich kommt es aber wohl nicht nur mir so vor, als wären keine acht Jahre sondern eigentlich nur acht Tage vergangen.

Erwartungsgemäß bleibt “Und was machst Du jetzt” die meistgestellte Frage des Abends. Es dauert allerdings nicht lange, bis sich die alten Gruppen (wieder) gefunden haben. Schwatzend steht man zusammen wie man auch vor acht Jahren schon zusammen gestanden hat. Geändert haben sich die Themen, nicht die Menschen. Vermutlich ist das gut so.

In diesem Sinne, bis bald – oder später!

Leichtes Gepäck

Der 120er-Bus zum Bahnhof war trotz der frühen Stunde gut gefüllt – vor allem mit Taschen, Koffern und Rucksäcken, teilweise mit gigantischen Ausmaßen und in allen Formen und Farben. Die Zahl der Personen dagegen hielt sich einigermaßen in Grenzen. Zehn, vielleicht zwölf Leute ließen sich mit mir von Wedding in Richtung Süden zum Hauptbahnhof kutschieren.

Als wir schließlich ankamen, bin ich mir dann auch ein wenig ausgeschlossen vorgekommen. Während meine Mitreisenden teilweise schon drei Stationen vorher hektisch begannen, ihr zum Teil auf vier verschiedene Gepäckstücke verteiltes Hab und Gut zusammen zu sammeln, musste ich nur meinen kleinen Rucksack greifen. Ja, hätte ich beinahe gerufen, “ich reise gerne mit leichtem Gepäck, und ich steh dazu!

Das habe ich mir dann aber doch verkniffen, es hätte wohl etwas seltsam gewirkt. Trotzdem hat mich die schwer beladende Karawane, die da vor mir zum Bahnhofseingang trottete, weiter beschäftigt.

Wieso brauchen diese Menschen so viel, wo die meisten doch nur für ein paar Tage zu ihren Familien fahren würden? Brauchen sie da wirklich zehn T-Shirts, fünf Hosen und acht Pullover? Als ich vor drei Jahren zu meiner Reise um die Welt aufgebrochen bin, hatte ich vier T-Shirts und einen Pulli im Rucksack und bin damit sehr gut ausgekommen. Mehr als das: ich habe es als sehr angenehm empfunden, nur das nötigste bei mir zu haben. Ein großer Koffer macht einen nicht frei, sondern nur unbeweglich.

Meine SMS-Freundin hat mir kürzlich in einem Brief geschrieben, sie wäre gerne eine Nomadin. Sie hätte das Gefühl, je mehr sie hat, desto gebundener und eingeengter würde sie sich fühlen. Ich kann das gut verstehen.

Ihr Brief liest sich im übrigen an vielen Stellen wie Erich Fromms Buch “Haben und Sein”. Fromm versucht darin zu zeigen, wie die Sucht nach dem Haben in der modernen Gesellschaft das einfache Sein verdrängt habe. Zum Teil driftet er dabei arg weit ins Metaphysische ab, die Essenz seiner Argumentation lässt sich jedoch an jeder Touristenattraktion auf der Welt beobachten und nachvollziehen: Anstatt den Moment zu erleben und zu genießen (= zu sein), greifen die meisten Menschen zur Kamera, um ihn festzuhalten (= zu haben), noch bevor sie ihn erlebt haben.

Mit vier Koffern, drei Taschen ist der Weg von der Bushaltestelle zum Bahnhof mühsamer als mit nur einem Rucksack. Anders als die meisten meiner Mitreisenden konnte ich also in Ruhe den Blick auf das weihnachtlich geschmückte Regierungsviertel hinter und den mit riesigen Leuchtsternen versehenen Bahnhof vor mir genießen. Alles Nötige habe ich bei mir, aber eben nicht mehr. Irgendwie hilft mir das, mich auch sonst auf das Wesentliche zu konzentrieren.

In diesem Sinne, frohe Weihnachten schon mal!

Schönhauser Allee

Zuerst kam das Sandwich mit Beinen und lud mit Gutscheinen dazu ein, seine Artgenossen zu verspeisen. Dann trat der Hase auf den Plan. Er erzählte etwas von einem neuen Fitness-Studio und schenkte meiner Begleiterin eine Rose. Zum Schluss kam dann die Polizei und sperrte die Straße, damit rund 200 Weihnachtsmänner heil auf ihren Motorrädern die Schönhauser Allee entlang donnern konnten.

Keines dieser Ereignisse ist erfunden. Im Gegenteil: alle drei haben heute zwischen 16:15 und 16:20 Uhr tatsächlich stattgefunden – kaum drei Minuten von meiner Wohnung entfernt. Ganz ehrlich, man beginnt schon sich zu fragen, in was für einer komischen Gegend man eigentlich wohnt.

Wladimir Kaminer hat ein Buch darüber geschrieben. Es heißt nach der Straße, “Schönhauser Allee”, und enthält eine Ansammlung von Beobachtungen und Überlegungen, die alle irgendetwas mit dieser Straße zu tun haben. Angefangen von verschiedenen Episoden über seine vietnamesischen Nachbarn hin zu Stories über diverse Nobelpreisträger, die angeblich regelmäßig mit einigen Schnapsflaschen bewaffnet auf den Bänken an der Ecke Stargarder Straße sitzen, wo sie über und mit Einstein dessen Relativitätstheorie diskutieren.

Ich habe das Buch kürzlich in einem Rutsch durchgelesen. Da ich mehrere Stunden in diversen Arzt-Wartezimmern warten musste, hatte ich Zeit dafür. Zunächst kamen mir einige der Geschichten doch arg weit hergeholt vor. Einstein auf der Parkbank bei mir nebenan? Mickey Rourke, der in den Schönhauser Allee Arcaden ein Messer kauft? Ein russischer Spion, der überlaufen will und die Zwischenzeit wartend am Helmholtzplatz rumsitzt?

Mittlerweile kommt mir das gar nicht mehr komisch vor. Im Gegenteil, es würde mich wundern, wenn es einfach nur ein paar gewöhnliche Alkis wären, die sich ihrem Stoff hingeben. Und vermutlich war auch mindestens einer der motorisierten Weihnachtsmänner in Wirklichkeit ein russischer Spion. Wenn nicht sogar alle.

In diesem Sinne, immer schön die Augen offen halten!

H&M

Ich war einkaufen. Socken, ein Hemd und eine Jeans. Als ich letztere anprobieren wollte, hatte ich jedoch ein Problem: eine Millionen kleiner Französinnen, allesamt um die 16 Jahre alt, stürmten den H&M am Potsdamer Platz. In windeseile hatten sie sämtliche Anprobe-Kabinen blockiert. Und nicht nur das: wild miteinander schnatternd flitzten sie zwischen den Kabinen hin und her, tauschten Kleidungsstücke und Meinungen untereinander aus, hüpften mal zu jener, dann wieder zu einer anderen Freundin in die Kabine bloß um dann wieder in der eigenen zu verschwinden.

Der Spuk dauerte ungefähr zehn Minuten, dann zogen die Französinnen weiter und ich konnte in Ruhe meine Hose anprobieren. Unbeantwortet blieb allerdings die Frage, warum ein Haufen ausländischer Girlies sich zum Shoppen in Berlin ausgerechnet einen H&M ausgesucht hatte. Gibt es hier nicht genug Geschäfte, deren Kollektionen sie nicht auch zu Hause anprobieren konnten?

Ich erinnere mich an eine Kursfahrt nach Prag, bei der gut die Hälfte meiner Mitschüler jeden Abend zu McDonalds pilgerten, statt mit in die (damals noch) preiswerten und vor allem guten tschechischen Restaurants zu gehen. Statt dessen zogen sie es vor, Abend für Abend genau das in sich reinzustopfen, was sie auch zu Hause in jeder zweiten Freistunde beim nächsten McDrive einkauften.

Die thailändische Küche gilt als eine der besten der Welt, behauptet zumindest mancher Reiseführer, und seit ich selber dort war möchte ich dem aus ganzem Herzen zustimmen. Dennoch sind die Burger-Buden und Pizza-Lokale rund um die Khao-San-Road immer voll. Das Essen kostet hier ein Vielfaches von dem, was man am Straßenstand zwei Meter weiter bezahlen würde, aber die ach so weltoffenen Backpacker ziehen die vermeintlich heimische
Kost vor.

Nicht anders verhält es sich bei der Bierfrage: Heineken ist sicher kein schlechtes Bier, aber besonders gut ist es auch nicht. Kurz, es ist schlicht langweilig. Trotzdem kann man es beinahe weltweit kaufen. Das traurige dabei: die Menschen tun das auch! Selbst in Ländern wie Deutschland oder Tschechien wollen die Leute das trinken, was sie zu kennen glauben, und wenn es noch so fad und öde schmeckt.

In einer Umfrage unter US-Amerikanern zum Reiseland Deutschland bekannten viele der Befragten, dass sie sich hier sehr wohl gefühlt hätten. Neuschwanstein hätte sie beeindruckt, Heidelberg wäre auch sehr schön gewesen und die Romantic-Rhein-Route sei auch ihrem Namen gerecht geworden. Einzig gestört hätte, so bekannten die meisten, dass es hier so wenig wie in Amerika gewesen sei.

Anscheinend fahren viele Reisende in der Ferne, bloß um dort das altbekannte zu Suchen. Eigentlich verrückt, oder?

In diesem Sinne, ruhig mal was Neues ausprobieren!

Freundschaft

Ich habe keine Ahnung, was Dino jetzt macht. Er müsste heute so um die 30 sein. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, ob Dino wirklich Dino heißt, oder ob das nur irgendein Spitzname war. Wir haben den geheimen Baum bezwungen und waren mit dem Kajak seiner Eltern auf dem Keutschacher See paddeln. Mehr als 20 Jahre muss das jetzt her sein. Würde ich Dino auf der Straße über den Weg laufen, ich würde ihn nicht erkennen. Beste Freunde waren wir trotzdem, genau einen Österreich-Urlaub lang.

Wenn ich so alle beste Freunde/innen zusammen zähle, die ich bisher in meinem Leben gehabt habe, komme ich schnell auf eine recht hohe zweistellige Zahl. Nicht etwa, weil ich so ein unglaublich kommunikativer oder schnelllebiger Mensch bin. Im Gegenteil, ich glaube, ich wirke am Anfang eher unnahbar. Wirklich Freundschaft mit mir zu schließen ist keine einfache Aufgabe. Einige haben es geschafft. Doch wer davon wird bleiben?

Ich habe in meinem Leben so viele Menschen kennengelernt, denen ich mich wirklich nahe gefühlt habe. Bei einigen hat sich dieses Gefühl über Jahre, bei anderen erst in den letzten Monaten entwickelt und bei wieder anderen habe und hatte ich es schon immer und von Anfang an. Beste Freunde – manchmal scheint es wie ein Prädikat, das mit dem Alter und nicht zuletzt der modernen Arbeitswelt an Bedeutung verloren zu haben scheint. So frustrierend es klingt, ich habe mittlerweile das Gefühl, als würde ein Großteil der wirklich wichtigen Freundschaften weniger durch die Person, sondern die durch die Situation bestimmt.

Je nachdem wen wir wo, wann und wie treffen, wird dieser guter Freund – oder eben nicht. In einer Welt, in der wir gezwungen sind, unsere Flexibilität durch die Bereitschaft zum permanenten Ortswechsel und die Arbeit in immer neuen Teams zu beweisen, scheint selbst der beste Freund austauschbar, variabel je nach Situation und Einsatzort.

Ich wehre mich gegen diesen Gedanken. Ich glaube nicht, dass ich Dino jemals wieder sehen werde. Ich leide nicht deswegen. Trotzdem denke ich, dass der wahre Freund gerade bei der vermeintlich unendlichen Flexibilität der Neuzeit wichtiger ist denn je.

Und tatsächlich wird eines der Highlights diese Weihnachten für mich sicherlich das Bier mit meinem besten Freund sein, den ich fast ein Jahr nicht gesehen habe. Wir werden uns in derselben unspektakulären Kneipe treffen, in der wir uns schon Jahre zuvor getroffen haben. Wir werden völlig belanglose Gespräche führen und am Ende viel betrunkener als geplant wieder auseinander gehen. Ich freue mich schon seit Monaten darauf.

In diesem Sinne, bis bald lieber B.!

Die Gummibandtheorie

Es ist eine dieser Fragen, die man eigentlich nicht objektiv beantworten kann. Zu der man höchstens Meinungen äußern, über deren richtige Beantwortung man aber niemals absolute Gewissheit erlangen kann. Eine dieser Fragen, über die es daher im Grunde genommen immer mindestens so faszinierend wie frustrierend ist zu diskutieren.
Getan haben wir es trotzdem, denn offenbar eignen sich gerade solche ambivalenten Fragen hervorragend für das Gespräch mit einem Freund, mit dem man zwar nur sporadisch telefoniert, dann aber um so tiefschürfender.

Welche Bedeutung hat die einzelne Entscheidung für das Leben als Ganzes?

Kann sie dem Leben, wie hier schon einmal angedacht, eine völlig neue Richtung geben? Oder drehen wir mit einzelnen Entscheidungen höchstens an den Schrauben für die Feinjustierung, weil a) ohnehin die Richtung durch zu viele äußere Faktoren weitestgehend vorgegeben oder b) nur eine konsequent verfolgte Entscheidungskette wirklich zu einer Veränderung führt.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich ein ausgesprochen attraktives Jobangebot abgelehnt. Ich hatte nicht viel Zeit für diese Entscheidung, denn dem Einstellungstest und Vorstellungsgespräch folgten noch am selben Abend ein Anruf des verantwortlichen Chefredakteurs einer größeren deutschen Zeitung. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: “Wenn Sie jetzt ‘ja’ sagen, dann haben sie den Job”.

Ich habe ‘Nein’ gesagt. Zugegeben, das hat nicht nur besagten Chefredakteur, sondern auch den Großteil meiner Freunde, meine Familie und letztlich sogar mich selbst überrascht. Trotzdem schien es mir in diesem Moment die richtige Wahl zu sein. Doch was, wenn ich mich geirrt habe?

Mir macht die Vorstellung Angst, mein Leben möglicherweise mit einer einzelnen Entscheidung in eine bestimmte Richtung gelenkt zu haben, die nicht mehr umkehrbar, aber letztlich doch falsch ist. Die, vielleicht in abgeschwächter Form, klassische verpfuschtes-Leben-Geschichte zu leben, die man aus diversen amerikanischen Spielfilmen kennt (das Happy End besteht dann meist darin, dass die vermeintlich gescheiterte Existenz im Alleingang und via Kampfjet oder einem ähnlichen Vehikel die Welt rettet und doch alles wieder gut ist, wobei nur leider der Held der Dramaturgie wegen dran glauben muss).

Besser finde ich da die Gummiband-Theorie: Ein Gummiband hat eine bestimmte Form. Man kann es zwar in die eine oder andere Richtung zerren, muss dazu aber Kraft aufwenden, je stärker man es verbiegen will, desto stärker. Letztlich wird das Gummiband aber wieder in seine alte Gestalt zurück schnallen.

Vielleicht funktioniert das mit dem Lebensweg ganz ähnlich? Zwar sind Modifikationen möglich, letztlich wird man sich aber doch immer in seine Ursprungsform zurückfinden, wie sie einem durch seinen Charakter usw. in gewisser Weise vorgezeichnet ist? Wie das Gummiband kann man nicht anders.

Schade nur, dass auch diese Theorie zwei Seiten hat. So beruhigend, wie sie bezogen auf oben beschriebene Entscheidungen wirken kann, so deprimierend wäre die andere Seite der Medaille: würde sie doch den eigenen Willen marginalisieren.

Die Lösung? Vermutlich mal wieder irgendwo in der Mitte.

In diesem Sinne, nicht zu kräftig ziehen!

Meerblick (Riga VI)

Als Mallorca noch nicht deutsches Bundesland war, waren Ackerbau und der Handel mit den dadurch gewonnenen Gütern, Oliven zum Beispiel, die wichtigste Einnahmequelle der Insel. Galt es damals, das Erbe unter mehren Söhnen aufzuteilen, konnte der Erstgeborene sich meist auf ein fruchtbares Stück Land im Inneren der Insel freuen.

Die Nachzügler dagegen mussten sich mit weniger lukrativen Territorien, etwa dem sandigen und ans salzige Meer grenzenden Rändern der Insel zufrieden geben. Das war zumindest so lange frustrierend, bis sich herausstellte, dass sich gewisse Festlandeuropäer dazu dressieren lassen, geraden auf diesem unfruchtbaren Stück in der Nähe des Wassers ein Handtuch auszubreiten, stundenlang darauf herum zu liegen und nebenbei mit Strohhalmen literweise Sangria aus Eimern zu trinken.

Doch auch ohne Sangria fasziniert uns das Meer. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Warum sonst hätte ich gestern die Strapazen auf mich genommen, zunächst einer lettischen Eisenbahnangestellten zu erklären, dass ich eine Fahrkarte kaufen möchte (was diese im übrigen irgendwie zu überraschen schien), und mich eine Dreiviertelstunde auf einer Holzbank durchrütteln zu lassen, bloß um letztlich in einem Ort zu landen, dem man ohne weiteres das Schild “wegen Renovierung geschlossen” hätte spendieren können?

Jurmala gilt als das die französische Riviera von Lettland: nur ein paar Kilometer westlich von Riga erstreckt sich ein kilometerlanger, weißer Sandstrand, es gibt eine Promenade mit Geschäften und Restaurants und unendlich viele Datschen, die allesamt aussehen, als hätte jemand eine Villa bauen wollen und sich bei der Umsetzung im Maßstab geirrt. Fast wie fertig verklebte Modellbausätze.

Das Problem ist nur: im Winter fährt hier kaum jemand hin, und diejenigen, die es trotzdem tun, tragen einen Blaumann und sind damit beschäftigt, irgendwas zu renovieren. Zwar bewerben die meisten Broschüren und Reklameflyer Jurmala als “all year around destination”, doch ich halte das eher für ein Gerücht oder eine wagemutige Hoffnung auf das Prinzip der self-fulfilling-prophecy.

Nichts desto trotz habe ich den Ausflug genossen. Warum? Weil ich das Meer gesehen habe. So blöd das klingt, aber das hat mir völlig gereicht. Der Strand war fast Menschenleer, es roch nach Algen und nicht mal der Wellengang war bemerkenswert. Trotzdem war es ein großartiges Gefühl, als sich nach einer leichten Anhöhe plötzlich der Blick auf das endlos scheinende Wasser und den Horizont eröffnete. Ich glaube, wenn ich einmal alt bin, möchte ich am Meer wohnen.

In diesem Sinne, entsprechende Miet- oder Verkaufsangebote einfach an mich weiterleiten!

Zwoelfer-Dorm (Riga IV)

Das Uebernachten in Hostels an sich, schlafen oder arbeitend, ist keine neue Erfahrung fuer mich. Trotzdem bin ich immer wieder fasziniert, welche neue Erfahrungen es bietet. Nicht ohne zu Schmunzeln erinnere ich mich an eine Nacht in einem Hostel in Brisbane, in der ich morgens gegen fuenf von einem nackten Australier geweckt wurde, der sich in einer dramatischen Geste vor der Klimaanlage aufbaute und immer wieder laut bruellte, “Aircon, freeze me!”

Weniger zum Schmunzeln, dafuer aber auch irgendwo typisch, war die Situation letzte Nacht: Es muss gegen vier Uhr gewesen sein, als die Tuer zum Schlafsaal ploetzlich aufgerissen wurde und jemand wie auf einem Hundertmeter lauf mit kurviger Laufstrecke ins Zimmer geschossen kam. In wenigen schnellen (und lauten) Schritten den Raum durchmessend polterte die Gestalt in Richtung Toilette. Noch ehe ich voellig wach war, hatte besagter Sprinter die Klobrille mit einem Knall nach oben geschmettert und begann nun deutlich hoerbar seinen Mageninhalt durch den Mund in die Kloschuessel zu befoerdern.

Damit fertig verschwand er wieder. Ich habe keine Ahung, wohin er ging, aber offentlichlich gab es da Nachschub fuer seine Kotzorgien, denn nicht mal zehn Minuten spaeter war er wieder da und kotzlustig wie eh und je. Vier Mal wiederholte sich die Situation, bis er, alles in allem eine gute Stunde nach dem ersten Mal, in seinem Bett verschwand und laut schnarchend einschlief.

In meinem bisherigen Leben habe ich in ca. 60 oder 70 verschiedenen “Dorms” genaechtigt. Gekotzt habe ich noch in keinem. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich nicht langsam zu alt werde fuer diese doch arg kommunikative Form der Uebernachtung.

Andererseits bin ich auch immer wieder fasziniert, dass es so etwas ueberhaupt gibt. Ein Haufen Mensche, zum Teil zwoelf und mehr, voellig unterschiedliche Charaktere, teilen sich ein Schlafzimmer. In gewisser Weise bleibt jeder fuer sich, zugleich kommt man aber nicht drum herum, die sonst privatesten Eigenarten der anderen Traveller mitzubekommen.

So ist das Dorm, in dem ich hier in Riga schlafe, so mit Betten vollgestopft, dass es nicht einmal ein Meter Luftlinie zu dem naechsten Bett sind. Im Dunkeln und wenn man nicht mehr ganz wach ist, kann es einem fast so vorkommen, als laege man mit der Frau oder dem Typen in einem Bett, und es kommt einem dabei in keinster Weise komisch vor, mit ihm oder ihr biser noch nicht einmal ein Wort gewechselt zu haben.

In diesem Sinne, eine ruhige Nacht!