Weihnachtsgefühle

Weihnachtsmärkte sind doof! Menschenmassen, die sich zwischen kitschig und komischerweise deutschlandweit in rot gehaltenen Holzbaracken hin und herschieben, verdünnten Glühwein trinken und überteuerte Holzschnitzereien kaufen. Was soll daran schön sein?

Ich werde trotzdem hingehen. Schon jetzt habe ich drei Verabredungen wahlweise zum “Glühwein trinken”, zum “Weihnachtsmarkt gucken” und zum “mal auf’n Weihnachtsmarkt gehen”. Und soll ich mal was sagen: die Hälfte dieser Weihnachtsmarktverabredungen habe ich selber vorgeschlagen.

Im Grunde genommen überrascht mich Weihnachten jedes Mal aufs Neue. Gute drei Monate lang ignoriere ich hartnäckig Christstollen- und Spekulatiusangebote im Supermarkt, gucke absichtlich an Lebkuchen und Schkoweihnachtsmännern vorbei und höre weg, wenn Last Christmas im Radio kommt – denn selbst das lief dieses Jahr schon Ende Oktober! – bloß um mich dann von einem Tag auf den anderen daran zu erinnern, dass Weihnachten gar nicht so schlecht ist. Und dann, von einem Tag auf den anderen, freue ich mich darauf.

Es ist zwar nicht so, dass ich dann plötzlich anfangen würde, meine Wohnung mit Lametta und Lichterketten auszustatten, trotzdem finde ich es auf einmal schön, wenn selbiges nach und nach die Schaufenster der Geschäfte schmückt. Auf einmal erwische ich mich beim Einkaufen dabei, wie ich Oblaten aufs Kassenband lege und, ja, ich fange an, mich zum auf-den-Weihnachtsmarkt-Gehen zu verabreden.

Die Vorweihnachtszeit hat etwas Behagliches. Zugleich ist sie ein Countdown auf ein Ereignis, von dem zwar alle wissen, das es vermutlich eher im Streit als im harmonischen Zusammensein endet, diesen Gedanken aber dennoch in einem Kraftakt von kollektivem Optimismus 24 Tage lang zur Seite schieben. Das hat doch was.

Und noch was:
Das Wort Weihnacht(en) kommt ganze elf Mal in diesem Beitrag vor. Wenn das nicht vorweihnachtlich ist.

In diesem Sinne, guten Rutsch in die Adventszeit!

Heiratsantrag

Es war Hochzeit Nummer drei, die kürzlich in meinen Briefkasten flatterte. Irgendwie hat sie mich beruhigt. Mein Cousin, der zur internationalen Trauung nach Neuseeland einlädt, ist immerhin gut sechs Jahre älter als ich. Ein Alter, wo mir das Heiraten vertretbar scheint.

Anders sind Nummer eins und zwei, ebenfalls auf 2008 datiert. Leute, die das Leben neben meinem Düsseldorfer Studium maßgeblich geprägt haben, die ich mit vielen Männern respektive Frauen habe knutschen und manchmal danach verschwinden sehen hab. Menschen, denen ich nur das Beste wünsche, deren Entscheidung, sich gegenseitig Ringe anzustecken, mich freut und trotzdem ans Grübeln bringt.

Sind wir wirklich schon so alt?
Vor Ewigkeiten bin in Uniform durch kosovarisch-albanisches Niemandsland gekraxelt. Schon seit Jahren eine eigene Steuererklärung. Ich wohne ein paar hundert Kilometer von meinen Eltern weg und genieße es, dass mir niemand sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Klar würde ich mich als erwachsen bezeichnen. Aber so erwachsen? Heiraten – das hat doch irgendwie eine andere Dimension, oder?

Verheiratet sind (oder zumindest waren) Eltern. Sie bewegten sich damit in einer Sphäre, in der man sich selber niemals verorten konnte. Egal wie eng jeweilige Beziehung war, egal wie ernst man das “für immer” gemeint hat, wenn man es liebestrunken gesagt oder auch geschrieen hat, es war doch etwas anderes als das Verheiratet der Eltern.

Plötzlich kippt das. Die Zahl derer in meinem Bekannten- und Freundeskreis, die nicht nur zusammen, sondern verheiratet sind, scheint unaufhaltsam zu wachsen. Komisch, wie schnell das geht. Ob ich mir eher Sorgen machen sollte, weil alle heiraten, oder dann doch lieber, warum ich es (noch?) nicht tue?

In diesem Sinne, frohes Heiraten!

Mobile Massage

Voll ist gar kein Ausdruck. Aber wir wussten ja, worauf wir uns einlassen. Eng ist es schließlich Samstags immer und das “Fengler” eine Kneipe, die in gewisser Weise davon lebt, dass jeder Weg zu Toilette ein Kampf und das Ordern einer neuen Runde an der Theke ein Kraftakt ist.

Voll, das kannten wir. Neu hingegen waren die beiden jungen Frauen, die freundlich lächelnd von Tisch zu Tisch gingen. Erst hielt ich sie für die typischen Promotion-Teams, die Zigaretten, Fitness-Studios oder Zeitungsabos an den Mann respektive die Frau bringen wollten. Allerdings hatten die Beiden weder Flyer noch Zeitungen bei sich, auch die sonst obligatorischen Werbeutensilien wie Kugelschreiber oder Base-Caps fehlten.

Normale Gäste waren sie trotzdem nicht. Stur gingen die Beiden von Tisch zu Tisch, erzählten, lachten, gestikulierten und zogen weiter; immer im Kampf gegen die Massen, die sich von draußen nach drinnen, vom Tisch an die Theke und von der Theke zur Toilette schoben und dabei mehr oder minder fröhlich ihren Samstag Abend genossen.

Es dauerte eine Weile und etwa eineinhalb Bier, bis sich eines der beiden Mädels an unserem Tisch stellte, vom einen zum anderen sah und dann ihren Text aufsagte.

Zugegeben, ich hätte mir allem möglichen gerechnet, aber nicht damit. Sie wolle, sagte sie und beugte sich dabei leicht nach vorne, uns eine Massage anbieten. Nacken, Schultern, Rücken, insgesamt würde es etwa acht Minuten dauern und anschließend dürften wir selber entscheiden, wie viel uns das bisschen Entspannung wert gewesen sei.

Der Gedanke war, das gebe ich wohl zu, verlockend, die Situation jedoch auch irgendwie grotesk. Alle paar Minuten drängten sich Betrunkene ungeschickt an meinem Stuhl vorbei, nur höchst dürftig überdeckte die Musik das Hintergrundrauschen von ungefähr 150 gleichzeitig geführten Gesprächen während kontinuierlich neue Gäste in die Kneipe strömten, und nun wollte mir dieses Mädel eine Massage anbieten?

Um es kurz zu machen, ich habe abgelehnt. Zugleich habe ich mich aber gefreut.
Ist es nicht schön, wenn man auch nach mehr als zwei Jahren in Berlin und in einer Kneipe nur ein paar hundert Meter von der eigenen Wohnung entfernt noch so überrascht werden kann?

In diesem Sinne, viel Spaß beim Entspannen!

Oberbaumbrücke

Eigentlich bin ich viel zu selten hier. Zwar arbeite ich in Kreuzberg, dabei bleibt es aber auch meist. Ich setze mich morgens in die U-Bahn, fahre zur Arbeit und abends wieder zurück. Dabei mag ich Kreuzberg!

Ganz ähnlich ist es mit Friedrichshain. Noch vor ein paar Monaten schien mein halber Freundeskreis dort zu wohnen und ich war regelmäßig hier. Mittlerweile sind die meisten umgezogen und wohnen nun in Prenzlauer Berg oder sogar in Treptow, wobei letzteres eine Ausnahme ist und nur auf eine Person zutrifft. Nichts desto trotz bin ich seitdem jedenfalls deutlich seltener in der Gegend um die Frankfurter Allee, obwohl ich mich dort eigentlich immer recht wohl gefühlt habe.

Das alles ging mir heute so durch den Kopf, als ich nach der Arbeit statt mit der U2 nach Hause mit der U1 quer durch Kreuzberg bis zur Warschauer Straße gefahren bin. Ich war in einer Kneipe an der Kopernikusstraße in Friedrichshain verabredet. Auch wenn es mich sehr gefreut hat, den verbliebenen Friedrichshainer Freund wieder zu sehen, der Weg dorthin hat mir fast noch mehr Spaß gemacht.

Als Nicht-Berliner muss man dazu wissen, dass die U1 von meiner Arbeit aus einer leicht nach oben gebogenen Linie von West nach Ost-Nord-Ost folgt. Erst entlang des Landwehrkanals, später den Straßenzügen folgend verläuft die Strecke U-Bahn-untypisch überirdisch quer durch Kreuzberg bis zur Spree. Mit Hilfe der Oberbaumbrücke, deren Kulisse der eine oder andere vielleicht aus “Lola rennt” kennt, macht die Bahn hier einen letzten Sprung und endet kurz hinter dem Fluß an der Haltestelle Warschauer Straße.

Wer hier abends oder nachts aussteigt kann gar nicht anders, als sich von dem Strom mittragen zu lassen. Über die Gleise der Ost-West-Trasse mit einem Lichtermeer links, aus dem der Fernsehturm leicht heraus sticht, geht es von Kreuzberg in Richtung Friedrichshain.

Wie gesagt, ich bin viel zu selten hier. Wo ich wohne gibt es vom Supermarkt bis zur Ausgehkneipe – alles nebenan. Trotzdem denke immer mal wieder, ich sollte mich vielleicht öfter mal auf den Weg machen. Es gibt vielleicht nichts Neues zu entdecken, aber eben doch etwas Anderes.

In diesem Sinne, guten Aufbruch!

The End

Im Kino ist es einfach. Spätestens wenn im Vorführraum das Licht angeht, wissen die Zuschauer, dass der Film zu Ende ist. Selbst wer eingeschlafen ist, wird irgendwann von den Putzleuten geweckt, die Popcornreste und Pappbecher entsorgen wollen. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen ist es komplizierter, besonders bei solchen, die noch nicht mal richtig angefangen haben.

Natürlich ist jede Beziehung ist in gewisser Weise einzigartig. Zugleich folgt sie, wie wohl die meisten menschlichen Verhaltensweisen, gewissen Mustern. Stillen Vereinbarungen, die helfen, die unendlich komplexe Welt begreifbar zu machen.
Bitte ich eine Frau um eine Verabredung und sie sagt immer wieder mit seltsamen Begründungen ab, dann weiß ich irgendwann, dass sie wohl kein Interesse an mir hat. Was aber, wenn ihre Signale bei mir nicht ankommen? Oder wenn sie sich gar nicht die Mühe gemacht hat, welche zu senden?

Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie überhaupt angefangen haben. Meist bleibt dann einer von beiden ratlos und mit einem schalen Geschmack auf der Zunge zurück. Fängt alles gut an und führt dann doch zu nichts, ist das frustrierend. Wenigstens für sich selber möchte man einen Grund kennen. Selbst wenn man es nicht möchte, sucht man unwillkürlich nach dem Punkt, an dem alles gekippt ist.

Doch: wie soll man diesen Punkt definieren?
Gibt es diesen einen, alles entscheidenden Moment überhaupt?

Manchmal glaube ich, das Leben wäre wesentlich einfacher, wenn es am Ende einer Sache einfach das Licht anginge oder wenigstens ein “The End” eingeblendet würde. Wenn wir nicht immer wieder das Gefühl hätten, da sei eine Filmrolle gerissen, noch bevor wir den ganzen Film gesehen haben, obwohl unser Gegenüber längst Platz gemacht für das Reinigungspersonal, damit es Popcornrest und Gefühlsüberbleibsel zur Seite räumt, damit die nächste Vorstellung pünktlich beginnen kann.

In diesem Sinne, einen schönen Kinoabend noch!

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