Monthly Archive for November, 2007

Weihnachtsgefühle

Weihnachtsmärkte sind doof! Menschenmassen, die sich zwischen kitschig und komischerweise deutschlandweit in rot gehaltenen Holzbaracken hin und herschieben, verdünnten Glühwein trinken und überteuerte Holzschnitzereien kaufen. Was soll daran schön sein?

Ich werde trotzdem hingehen. Schon jetzt habe ich drei Verabredungen wahlweise zum “Glühwein trinken”, zum “Weihnachtsmarkt gucken” und zum “mal auf’n Weihnachtsmarkt gehen”. Und soll ich mal was sagen: die Hälfte dieser Weihnachtsmarktverabredungen habe ich selber vorgeschlagen.

Im Grunde genommen überrascht mich Weihnachten jedes Mal aufs Neue. Gute drei Monate lang ignoriere ich hartnäckig Christstollen- und Spekulatiusangebote im Supermarkt, gucke absichtlich an Lebkuchen und Schkoweihnachtsmännern vorbei und höre weg, wenn Last Christmas im Radio kommt – denn selbst das lief dieses Jahr schon Ende Oktober! – bloß um mich dann von einem Tag auf den anderen daran zu erinnern, dass Weihnachten gar nicht so schlecht ist. Und dann, von einem Tag auf den anderen, freue ich mich darauf.

Es ist zwar nicht so, dass ich dann plötzlich anfangen würde, meine Wohnung mit Lametta und Lichterketten auszustatten, trotzdem finde ich es auf einmal schön, wenn selbiges nach und nach die Schaufenster der Geschäfte schmückt. Auf einmal erwische ich mich beim Einkaufen dabei, wie ich Oblaten aufs Kassenband lege und, ja, ich fange an, mich zum auf-den-Weihnachtsmarkt-Gehen zu verabreden.

Die Vorweihnachtszeit hat etwas Behagliches. Zugleich ist sie ein Countdown auf ein Ereignis, von dem zwar alle wissen, das es vermutlich eher im Streit als im harmonischen Zusammensein endet, diesen Gedanken aber dennoch in einem Kraftakt von kollektivem Optimismus 24 Tage lang zur Seite schieben. Das hat doch was.

Und noch was:
Das Wort Weihnacht(en) kommt ganze elf Mal in diesem Beitrag vor. Wenn das nicht vorweihnachtlich ist.

In diesem Sinne, guten Rutsch in die Adventszeit!

Heiratsantrag

Es war Hochzeit Nummer drei, die kürzlich in meinen Briefkasten flatterte. Irgendwie hat sie mich beruhigt. Mein Cousin, der zur internationalen Trauung nach Neuseeland einlädt, ist immerhin gut sechs Jahre älter als ich. Ein Alter, wo mir das Heiraten vertretbar scheint.

Anders sind Nummer eins und zwei, ebenfalls auf 2008 datiert. Leute, die das Leben neben meinem Düsseldorfer Studium maßgeblich geprägt haben, die ich mit vielen Männern respektive Frauen habe knutschen und manchmal danach verschwinden sehen hab. Menschen, denen ich nur das Beste wünsche, deren Entscheidung, sich gegenseitig Ringe anzustecken, mich freut und trotzdem ans Grübeln bringt.

Sind wir wirklich schon so alt?
Vor Ewigkeiten bin in Uniform durch kosovarisch-albanisches Niemandsland gekraxelt. Schon seit Jahren eine eigene Steuererklärung. Ich wohne ein paar hundert Kilometer von meinen Eltern weg und genieße es, dass mir niemand sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Klar würde ich mich als erwachsen bezeichnen. Aber so erwachsen? Heiraten – das hat doch irgendwie eine andere Dimension, oder?

Verheiratet sind (oder zumindest waren) Eltern. Sie bewegten sich damit in einer Sphäre, in der man sich selber niemals verorten konnte. Egal wie eng jeweilige Beziehung war, egal wie ernst man das “für immer” gemeint hat, wenn man es liebestrunken gesagt oder auch geschrieen hat, es war doch etwas anderes als das Verheiratet der Eltern.

Plötzlich kippt das. Die Zahl derer in meinem Bekannten- und Freundeskreis, die nicht nur zusammen, sondern verheiratet sind, scheint unaufhaltsam zu wachsen. Komisch, wie schnell das geht. Ob ich mir eher Sorgen machen sollte, weil alle heiraten, oder dann doch lieber, warum ich es (noch?) nicht tue?

In diesem Sinne, frohes Heiraten!

Mobile Massage

Voll ist gar kein Ausdruck. Aber wir wussten ja, worauf wir uns einlassen. Eng ist es schließlich Samstags immer und das “Fengler” eine Kneipe, die in gewisser Weise davon lebt, dass jeder Weg zu Toilette ein Kampf und das Ordern einer neuen Runde an der Theke ein Kraftakt ist.

Voll, das kannten wir. Neu hingegen waren die beiden jungen Frauen, die freundlich lächelnd von Tisch zu Tisch gingen. Erst hielt ich sie für die typischen Promotion-Teams, die Zigaretten, Fitness-Studios oder Zeitungsabos an den Mann respektive die Frau bringen wollten. Allerdings hatten die Beiden weder Flyer noch Zeitungen bei sich, auch die sonst obligatorischen Werbeutensilien wie Kugelschreiber oder Base-Caps fehlten.

Normale Gäste waren sie trotzdem nicht. Stur gingen die Beiden von Tisch zu Tisch, erzählten, lachten, gestikulierten und zogen weiter; immer im Kampf gegen die Massen, die sich von draußen nach drinnen, vom Tisch an die Theke und von der Theke zur Toilette schoben und dabei mehr oder minder fröhlich ihren Samstag Abend genossen.

Es dauerte eine Weile und etwa eineinhalb Bier, bis sich eines der beiden Mädels an unserem Tisch stellte, vom einen zum anderen sah und dann ihren Text aufsagte.

Zugegeben, ich hätte mir allem möglichen gerechnet, aber nicht damit. Sie wolle, sagte sie und beugte sich dabei leicht nach vorne, uns eine Massage anbieten. Nacken, Schultern, Rücken, insgesamt würde es etwa acht Minuten dauern und anschließend dürften wir selber entscheiden, wie viel uns das bisschen Entspannung wert gewesen sei.

Der Gedanke war, das gebe ich wohl zu, verlockend, die Situation jedoch auch irgendwie grotesk. Alle paar Minuten drängten sich Betrunkene ungeschickt an meinem Stuhl vorbei, nur höchst dürftig überdeckte die Musik das Hintergrundrauschen von ungefähr 150 gleichzeitig geführten Gesprächen während kontinuierlich neue Gäste in die Kneipe strömten, und nun wollte mir dieses Mädel eine Massage anbieten?

Um es kurz zu machen, ich habe abgelehnt. Zugleich habe ich mich aber gefreut.
Ist es nicht schön, wenn man auch nach mehr als zwei Jahren in Berlin und in einer Kneipe nur ein paar hundert Meter von der eigenen Wohnung entfernt noch so überrascht werden kann?

In diesem Sinne, viel Spaß beim Entspannen!

Oberbaumbrücke

Eigentlich bin ich viel zu selten hier. Zwar arbeite ich in Kreuzberg, dabei bleibt es aber auch meist. Ich setze mich morgens in die U-Bahn, fahre zur Arbeit und abends wieder zurück. Dabei mag ich Kreuzberg!

Ganz ähnlich ist es mit Friedrichshain. Noch vor ein paar Monaten schien mein halber Freundeskreis dort zu wohnen und ich war regelmäßig hier. Mittlerweile sind die meisten umgezogen und wohnen nun in Prenzlauer Berg oder sogar in Treptow, wobei letzteres eine Ausnahme ist und nur auf eine Person zutrifft. Nichts desto trotz bin ich seitdem jedenfalls deutlich seltener in der Gegend um die Frankfurter Allee, obwohl ich mich dort eigentlich immer recht wohl gefühlt habe.

Das alles ging mir heute so durch den Kopf, als ich nach der Arbeit statt mit der U2 nach Hause mit der U1 quer durch Kreuzberg bis zur Warschauer Straße gefahren bin. Ich war in einer Kneipe an der Kopernikusstraße in Friedrichshain verabredet. Auch wenn es mich sehr gefreut hat, den verbliebenen Friedrichshainer Freund wieder zu sehen, der Weg dorthin hat mir fast noch mehr Spaß gemacht.

Als Nicht-Berliner muss man dazu wissen, dass die U1 von meiner Arbeit aus einer leicht nach oben gebogenen Linie von West nach Ost-Nord-Ost folgt. Erst entlang des Landwehrkanals, später den Straßenzügen folgend verläuft die Strecke U-Bahn-untypisch überirdisch quer durch Kreuzberg bis zur Spree. Mit Hilfe der Oberbaumbrücke, deren Kulisse der eine oder andere vielleicht aus “Lola rennt” kennt, macht die Bahn hier einen letzten Sprung und endet kurz hinter dem Fluß an der Haltestelle Warschauer Straße.

Wer hier abends oder nachts aussteigt kann gar nicht anders, als sich von dem Strom mittragen zu lassen. Über die Gleise der Ost-West-Trasse mit einem Lichtermeer links, aus dem der Fernsehturm leicht heraus sticht, geht es von Kreuzberg in Richtung Friedrichshain.

Wie gesagt, ich bin viel zu selten hier. Wo ich wohne gibt es vom Supermarkt bis zur Ausgehkneipe – alles nebenan. Trotzdem denke immer mal wieder, ich sollte mich vielleicht öfter mal auf den Weg machen. Es gibt vielleicht nichts Neues zu entdecken, aber eben doch etwas Anderes.

In diesem Sinne, guten Aufbruch!

The End

Im Kino ist es einfach. Spätestens wenn im Vorführraum das Licht angeht, wissen die Zuschauer, dass der Film zu Ende ist. Selbst wer eingeschlafen ist, wird irgendwann von den Putzleuten geweckt, die Popcornreste und Pappbecher entsorgen wollen. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen ist es komplizierter, besonders bei solchen, die noch nicht mal richtig angefangen haben.

Natürlich ist jede Beziehung ist in gewisser Weise einzigartig. Zugleich folgt sie, wie wohl die meisten menschlichen Verhaltensweisen, gewissen Mustern. Stillen Vereinbarungen, die helfen, die unendlich komplexe Welt begreifbar zu machen.
Bitte ich eine Frau um eine Verabredung und sie sagt immer wieder mit seltsamen Begründungen ab, dann weiß ich irgendwann, dass sie wohl kein Interesse an mir hat. Was aber, wenn ihre Signale bei mir nicht ankommen? Oder wenn sie sich gar nicht die Mühe gemacht hat, welche zu senden?

Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie überhaupt angefangen haben. Meist bleibt dann einer von beiden ratlos und mit einem schalen Geschmack auf der Zunge zurück. Fängt alles gut an und führt dann doch zu nichts, ist das frustrierend. Wenigstens für sich selber möchte man einen Grund kennen. Selbst wenn man es nicht möchte, sucht man unwillkürlich nach dem Punkt, an dem alles gekippt ist.

Doch: wie soll man diesen Punkt definieren?
Gibt es diesen einen, alles entscheidenden Moment überhaupt?

Manchmal glaube ich, das Leben wäre wesentlich einfacher, wenn es am Ende einer Sache einfach das Licht anginge oder wenigstens ein “The End” eingeblendet würde. Wenn wir nicht immer wieder das Gefühl hätten, da sei eine Filmrolle gerissen, noch bevor wir den ganzen Film gesehen haben, obwohl unser Gegenüber längst Platz gemacht für das Reinigungspersonal, damit es Popcornrest und Gefühlsüberbleibsel zur Seite räumt, damit die nächste Vorstellung pünktlich beginnen kann.

In diesem Sinne, einen schönen Kinoabend noch!

Die Zugbegleiterin

Qantas Air scheint mich zu mögen. Auf einem recht langen Flug vor gut drei Jahren spendierte mir die Fluglinie im fast vollen Flieger nicht nur einen, sondern gleich eineinhalb Plätze. Auch dem Buchungscomputer der thailändischen Bahn muss ich irgendwie sympathisch sein. Ihm verdanke ich u.a. die Bekanntschaft mit Ania, einer äußerst sympathischen Polin, mit der ich seit einer gemeinsamen Fahrt von Nong Khai nach Bangkok vor zweieinhalb Jahren noch immer Kontakt habe.

Ganz anders die Deutsche Bahn, wie etwa hier nachzulesen. Doch zu jedem Negativerlebnis gibt es anscheinend ein Gegenstück. Banal, unspektakulär und eigentlich nicht erwähnenswert, aber trotzdem schön.

Es ist erst ein paar Stunden her, da bin ich in den von Köln nach Berlin fahrenden ICE gestiegen. Es war später Nachmittag und der halbe Zug schien zu schlafen. Auch meine vom Reservierungsystem der Bahn zugewiesene Sitznachbarin schlummerte mit leicht geöffnetem Mund vor sich hin. Dunkle Haare, trotzdem einige verloren wirkende Sommersprossen um die Nase und vor ihr auf dem kleinen Tisch ein Buch, Elementarteilchen von Houellebecq. Ich kann nicht mal sagen warum, auch wenn ich sie nicht kannte, mochte ich sie irgendwie.

Das Jacke-Ausziehen muss sie geweckt haben. Obwohl ich mich sehr bemühte, mich leise hinzusetzen, schlug sie plötzlich die Augen auf. Ich kann nicht beurteilen, ob sie mich bewusst wahrgenommen hat, denn sie schloss die Augen sofort wieder. trotzdem wurde sie für einen Augenblick unruhig. Hatte ihr Gesicht bis dahin noch leicht in Richtung Fenster gezeigt, drehte sie sich nun entschlossen in die andere Richtung.
Das Kinn leicht nach oben gestreckt und mit völlig entspannter Gesichtsmuskulatur zeigte ihre Nase nun nicht mehr auf die vorbei fliegende Landschaft sondern in meine Richtung. Auch rutschte sie, wohl nicht absichtlich, aber trotzdem merklich in meine Richtung, so dass ich beinahe oder sogar tatsächlich ihren Atem spüren konnte.

Und das war es dann auch; mehr ist nicht passiert. Außer ein paar belanglosen Sätzen als sie – in Hannover, übrigens – ausstieg, ist nichts gewesen, und ich finde das absolut OK so. Trotzdem habe ich diesen Moment, der ungefähr noch eine Viertelstunde dauerte, sehr genossen. Irgendwie schien einfach die Chemie zu stimmen. Wir kannten uns nicht, trotzdem war es schön, ein kurzes Stück erzwungener Nähe zu teilen.

In diesem Sinne, einen angenehmen Schlaf!

Der Zugbegleiter

Eigentlich fand ich ihn von Anfang an unsympathisch: Er war blond, auffällig groß und saß noch nicht, als er anfing, seinen Laptop auszupacken. Ich hoffe, ich muss nie wieder mit ihm Bahnfahren.

Bis heute weiß ich nicht was nervtötender an ihm war: das Schmatzen oder das Lachen. Wir warenbeide in Berlin zugestiegen. Der ICE, vom Ostbahnhof kommend und fast noch jungfräulich leer, war trotz Bahnstreik pünktlich im Hauptbahnhof eingefahren. Dass wir nebeneinander saßen, war wohl die Schuld des Online-Reservierungsystems der DB. Platz 103 für mich, 105 für ihn. Nachdem er den Computer hochgefahren hatte, begann das Martyrium.

Mit hastigen Bewegungen begann mein Sitznachbar, erst ein Kaugummi und dann eine DVD aus seiner Tasche zu zerren. Die Kaugummis wanderten in seinen Mund, die DVD in seinen Computer. Leider, denn anders rum wäre es sicher weniger anstrengend für mich gewesen. So aber begann er zunächst behaglich und unüberhörber schmatzend auf dem Kaugummi herumzukauen, während er mit Kopfhörern auf den Ohren die auf der DVD enthaltene Serie auf dem Laptop-Bildschirm verfolgte.

Es muss eine Comedy-Serie gewesen sein. Mein Sitznachbar jedenfalls amüsierte sich köstlich und zeigte das auch: in unregelmäßigen Abständen wurde ich beim Lesen von lauten Lachsalven unterbrochen. Teils Ziegen-gleich meckernd, teils glucksend und gackernd belohnte er jeden Gag. Lachte er gerade nicht, malträtierte er mit offenem Mund sowohl das Kaugummi als auch meine Nerven. Dass sich die Leute um ihn herum abwechselnd und mit fragenden Gesichtern zu ihm herum drehten, störte ihn nicht, und ich gebe zu, selten war ich so froh, als der Zug endlich Hannover erreichte. Nicht etwa, weil ich da hin wollte, sondern er.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Englischer Mythos

“Die Menschen hier glauben deshalb gern, der Prenzlauer Berg sei die fruchtbarste Region des Landes”, schreibt das Zeit-Magazin. Die höchste Geburtenrate nicht nur Deutschlands, sondern sogar Europas will eine große deutsche Wirtschaftszeitung in dem Berliner Bezirk ausgemacht haben. Wer am Nachmittag die Gegend um den Helmholtz- oder Kollwitzplatz besucht, der wird dies gerne glauben. Dicht an dicht und vor allem stolz schieben dann junge Mütter und Väter ihre gut gefüllten Kinderwägen durch die Straßen des Viertels oder beobachten die lieben Kleinen beim Spiel im Park.

Dabei bleibt es aber nicht. Wer eine Weile zusieht oder im falschen Moment einen Schuh zubinden und in Folge dessen stehen bleiben muss, der wird nicht selten Zeuge eines weiteren Phänomens dieses seltsamen Bezirks: zweisprachiger Erziehung.

“No, we will not buy sweets, we will have cake at grandma’s later” erklärte etwa kürzlich eine Endzwanzigerin geduldig ihrer Tochter, die ich beim Einkaufen traf, während die Drei- oder Vierjährige beharrlich nach Schokolade oder zumindest Hustenbonbons verlangte. An einem anderen Tag konnte ich einen jungen Vater beobachten, der seinen renitenten Sohn mit energischer Stimme aufforderte, aufzuhören alles into the mouth zu putten, während dieser sichtlich begeistert Steine vom Gehweg auflas und in den Mund steckte.

Seine Kinder von Anfang an nicht nur an die deutsche, sondern noch an eine weitere Sprache zu gewöhnen mag durchaus Sinn machen. Lernt ein Kind eine Sprache sehr früh, setzt sie sich im Gehirn anders fest. Anstatt bewusst eine Fremdsprache zu sprechen, sind so auch später beim Englisch sprechen die selben Hirnregionen aktiv wie bei der Muttersprache. Die Fremdsprache ist also nicht fremd – ein klarer Vorteil in Zeiten von Globalisierung, Internationalisierung und immer härterer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Albern ist es trotzdem, das merkt man spätestens hier in Prenzlauer Berg. Nicht nur die Situationen, in denen sich die Eltern ihres vermeintlich zweisprachigen Erziehungsauftrages besinnen, ist oft seltsam gewählt, sondern auch die Wortwahl, der sie sich bedienen. Stoisch werden grammatikalisch völlig falsche Verbote ausgesprochen oder deutsche Worte hemmungslos eingeenglischt (“we need to buy more Tschogurt! Can you please catch some tschogurt for me?”). Dass die Kinder meist ungerührt weiter deutsch reden, scheint die engagierten Eltern zwar zu stören, bremsen tut es sie aber nicht.

In wie weit die zweisprachige Erziehung wirklich bringt, ist übrigens wissenschaftlich umstritten, auch wenn es schon im 19. Jahrhundert recht umfassende Studien dazu gab. Der besonders fruchtbare Prenzlauer Berg ist dafür definitv eine Zeitungsente. Zwar ist der Anteil junger Frauen hier vergleichsweise hoch, vergleicht man diese Zahl aber mit der Zahl der Kinder pro Frau (39 pro 1000), kommt man auf einen Wert, der sogar noch unter dem Durchschnitt von ganz Berlin liegt (45 pro 1000).
Aber das nur mal so am Rande …

In diesem Sinne, goodbye and read you bald!

Schichtwechsel

Zuerst wollte ich dieses Posting “Der Zauber der Nacht” nennen, aber das passt eigentlich gar nicht. Die Nacht, von der ich schreiben möchte, kann nicht zaubern und wer was Magisches lesen möchte der sei auf später und an meine philosophische Freundin mit ihren SMS verwiesen, die sich dazu mal Gedanken gemacht hat, was ich demnächst noch zu kommentieren denke.

Nein, Zauber ist definitiv das falsche Wort. Seit fast zwei Jahren, fast so lange, wie ich in Berlin wohne, habe ich in dem Kreuzberger Hostel Nachtschichten geschoben. Vor einer Woche das letzte Mal, und ich gebe zu, es ist ein komisches Gefühl. Komisch, nicht magisch.

Es ist zweifelsohne anstrengend, ein oder zwei Nächte pro Woche betrunkenen Touristen die Stadt erklärt, statt zu schlafen (oder wenigstens zu feiern). Aber eben nicht nur. Es hat auch was, zu arbeiten, wenn alle anderen schlafen und ins Bett zu fallen, nachdem man die U-Bahn mit etlichen zur Arbeit fahrenden Menschen geteilt hat. Sich auf dem Heimweg beim Bäcker Zeitungen und Brötchen für das nachmittägliche Frühstück mitzunehmen und dabei mit lauter Leuten in der Schlange zu stehen, die sich gierig ihre Koffeindosis fürs Büro als “Coffee to go” abfüllen lassen. Kurz: als Nachtarbeiter ist man in gewisser Weise ein Outlaw unter den Werktätigen, wobei auch das natürlich hemmungslos überzeichnet ist.

Ich habe die Nachtschichten gemocht und verflucht zugleich. Jetzt tauche in morgens ein in den selben Strom zur Arbeit fahrender Coffee-to-go-Trinker und bin gespannt, ob ich mich auch daran gewöhne, wieder sieben Nächte pro Woche durchzuschlafen – oder zu feiern.

In diesem Sinne, gute Nacht erstmal!

Zeitrechnung

Zeit existiert für mich seit etwa 1986. Damals wurde ich eingeschult, und schon bald bekamen wir eingetrichtert, dass oben rechts auf der Seite das Datum und erst darunter dann die Hausaufgaben zu stehen hätten. Zudem gab es das Super-GAU in Tschernobyl, das wohl erste Großereignis, dessen Folgen ich bewusst wahrgenommen habe. Die Chronologie hielt Einzug in mein Leben.

Zugegeben, auch mein vorheriges Leben ließe sich wohl recht eindeutig auf einem Zeitstrahl sortieren. In meiner Erinnerung jedoch sind es eher einzelne Bilder oder kurze Filme, die quasi-zeitlos im Raum stehen und keiner festen Ordnung zu folgen scheinen. Die Erinnerungsfragmente reihen sich aneinander wie die Szenen von Büchners Woyzeck. Zwar müssen einzelne Dinge vor anderen passiert sein, weil es eben die Logik so gebietet, die meisten Erinnerungen bleiben jedoch zeitlich gesehen austauschbar.

Das änderte sich mit der Einschulung. Binnen kürzester Zeit gesellten sich zu den Lebensjahren die Schuljahre. Zudem wurden Tage und Monate mit Zahlen versehen, die wir zu schreiben und zu lesen und nebenbei zu addieren und zu subtrahieren lernten. Der Tag war plötzlich nicht mehr endlos, sondern folgte einer in Stunden und Minuten unterteilten Ordnung.

Erinnere ich mich heute an diese Zeit, fällt mir vor allem auf, dass aus Erinnerungsfragmenten auf einmal zusammenhängende und zeitlich differenzierbare Ereignisketten werden. Es war das Jahr 198x oder 199x an dem dieses oder jenes passiert ist, darauf erst folgte dann dieses oder jenes andere Ereignis, usw.

Anfang der 1990er passierte dann plötzlich etwas anderes: die doch so klar einteilbare Zeit begann plötzlich wieder zu verschwimmen. Zwar kann ich noch immer das eine Ereignis von dem anderen trennen, im Zweifelsfall unter Zuhilfenahme von Hilfslinien (war das vor Urlaub xy oder danach; war ich in der Unter- oder in der Oberstufe, usw.). Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wie lange manche Dinge schon her sind oder, anders herum, wie wenig Zeit seit einer anderen Sache erst vergangen ist.

Bewusst geworden ist mir das wieder als ich den Titel des aktuellen Spiegels gelesen habe: “Geboren am 9. November 1989″ oder, ich glaube es war die FAZ am Sonntag, “Die Einheit wird volljährig”. Ist das wirklich schon 18 Jahre her? Allerlei private und nicht private Ereignisse beginnen sich plötzlich zum zehnten oder gar zwanzigstens Mal zu jähren, und jedes Mal bin ich erneut überrascht (oder gar schockiert), dass seit diesem oder jenem Ereignis schon so viel Zeit vergangen ist.

Andererseits muss ich dann, wenn ich mir so ins Gedächtnis rufe, was in der Zeit seitdem so alles passiert ist, wieder zugeben, dass die Jahre keineswegs so einfach verstrichen sind. Im Gegenteil: so vieles ist passiert, dass die lange Zeitspanne plötzlich durchaus gerechtfertigt scheint.

Nun, ich bin jetzt 28, ein wohl insgesamt durchaus noch überschaubares Alter – wie soll das aber erstmal sein, wenn ich 56 oder gar 84 bin?

In diesem Sinne, frohes Zurückschauen!