Monthly Archive for October, 2007

Flugbegleiter

Manchmal wird einem erst bewusst, wie sehr man etwas vermisst hat, wenn man endlich dazu kommt, es wieder zu tun. Bei mir war das heute ganz eindeutig das Flüge-Buchen. Wie ich so die Seiten verschiedener Billig-Airlines durchgeguckt und Preise, Zielorte und Flugdaten verglichen habe, war es plötzlich wieder da: das Kribbeln im Bauch!

Es war kein verliebtes Kribbeln, eher so eine Art Vorfreude, wie man sie als kleines Kind in den Tagen vor Weihnachten empfindet. Freudige Erwartung gepaart mit einer gewissen Unsicherheit, was einen erwartet.

Es ist schon eine Weile her, da habe ich das recht exessiv gesucht. Als ich vor gut vier Jahren meine Bachelor-Arbeit geschrieben habe, bin ich zunächst mit einer guten Freundin nach London geflogen. Kurz darauf habe ich eher spontan einen Flug nach New York gebucht, weil meine Schwester gerade als AuPair in Garden City, Long Island, gewohnt hat. Anschließend konnte ich einem besonders billigen Angebot nach Barcelona einfach nicht widerstehen, und nachdem ich die Arbeit abgegeben hatte, bin ich spontan für ein paar Tage nach Prag geflogen, quasi als Belohnung.

Es kommt mir nicht so sehr darauf an, wohin ich fliege. Zu entdecken gibt es überall etwas und Überraschungen sind meiner Ansicht nach Teil jeder vernünftigen Reise. Jetzt habe ich endlich wieder mal so eine vor mir. Hin- und Rückflug für unter 25 Euro – wie soll ich da nein sagen? Es geht nach Riga und zwar im Dezember. Ich freue mich schon darauf, endlich mal wieder den Rucksack zu packen, auch wenn es nur für ein paar Tage ist.

Gibt es einen besseren Flugbegleiter als das Kribbeln im Bauch?

In diesem Sinne, gute Reise!

Rasierter Döner

Es hat einen Moment gedauert, bis ich realisiert hatte, was anders war. Erst dachte ich ja, es wäre die Frisur. Dabei sind die paar Büschel, die rechts, links und hinten die Glatze flankieren, längst nicht groß genug, als das man da groß variieren könnte. Es musste also der Bart sein: der fehlte nämlich. Mein Dönermann hat sich rasiert!
Wohin das wohl führen wird?

Ich bin ein regelmäßiger Kunde dieses kleinen Lokals an der Schönhauser Allee. Das Essen ist ausgezeichnet und von meiner Wohnung sind gerade einmal 200 Meter dorthin. Zudem liegt der Laden mehr oder weniger auf meinem Weg nach Hause, egal ob ich von der Tram-, U- und S-Bahn-Haltestelle komme. Alle paar Wochen gönne ich mir daher hier einen Döner, häufiger noch kaufe ich hier mein Feierabendbier.

Ein weiterer Vorteil ist, dass es anscheinend keine Schließzeiten gibt. Ich war schon zu jeder Tages- und Nachtzeit dort und nie war die Tür verschlossen. Das Angebot ist reichhaltig, und auch wenn ich normalerweise beim Döner bleibe, freue ich mich doch über die verschiedenen anderen Spezialitäten sowie die diversen “Specials” – Obstsalate, usw. – die regelmäßig die Verkaufstheke säumen und meist recht offensiv angeboten werden (“Du willst Früchte zu Döner!?!”).

Auffälligstes Interior des Ladens ist allerdings der Chef selber. Egal wann ich den Kiosk betrete, ob früh am morgen, mittags, abends oder spät in der Nacht – er ist immer da! Dieser Mann scheint nie zu schlafen. Und genau so zielsicher wie er trotz mehrere mehrmonatigem Schlafdefizit steht bringt er jedes Mal die obligatorische Frage an den Mann: “Döner? Mit Käse?”. Ich verneine jedes Mal, dennoch werde ich jedes Mal aufs neues gefragt. Mir würde etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre.

Heute habe ich nur zwei Bier gekauft, die gibt es standardmäßig ohne Käse. Dennoch war die Veränderung im Gesicht des Chefs schockierend. Ist das womöglich nur der Anfang?
Was wird noch der Rasur zum Opfer fallen? Gibt es den Döner demnächst automatisch ohne Molkerei-Produkte? Das Bier nur noch warm? Wird “halb-scharf-halb-Kräuter” gestrichen?

Ich mache mir ein wenig Sorgen …

In diesem Sinne, guten Appetit!

Wordbird (Wunschdenken)

Manchmal wäre ich gerne Wordbird. Ich beneide Sie um Ihre Anonymität. Als ich angefangen habe, dieses Blog zu führen, habe ich mich bewusst entschieden, dies unter vollem Namen zu tun. Zu dem, was ich schreibe, stehe ich.

Der Nachteil des Ganzen ist, dass ich mir schon überlegen muss, was ich hier öffentlich mache und was nicht. Ich finde das schwierig. Schreiben ist für mich wie atmen. Ohne kann ich nicht leben. Es hilft mir, meine Gedanken zu strukturieren. Wenn ich aufschreibe, was ich denke, bremst das die Nervenimpulse in meinem Kopf auf eine Geschwindkeit, bei der ich mitlesen kann.

Ich schreibe öffentlich, in Webforen und Artikeln, und privat in Briefen und Emails oder nur für mich. Manche Dinge würde ich gerne öffentlich schreiben, ohne gleich öffentlich zu sein, andere kann von mir aus die ganze Welt erfahren. Weil ich nie genau weiß, wer liest, was ich hier schreibe, muss ich mich manchmal bremsen. Das ärgert mich dann.

Wordbird braucht sich nicht zu bremsen. Kaum jemand weiß, wer hinter diesem Pseudonym steckt. Diese Vorstellung hat was. Andererseits hoffe ich, dass meine Gedanken eine andere Bedeutung bekommen, wenn man mich kennt. (Obwohl ich mir schon wünsche, dass sie auch unabhängig von meiner Person gelesen werden.)

Wordbird will “radikal-ehrlich”, “entblößend” schreiben, so die Ankündigung im ersten Eintrag “Aus dem Kellerloch”. Ehrlich bin ich auch. Nur verkneife ich mir eben das eine oder andere Thema oder ignoriere bestimmte Aspekte. Dabei würde es mich doch durchaus interessieren was Du, werter Leser, darüber denkst. Wie gesagt, manchmal beneide ich Wordbird.

In diesem Sinne, einen schönen Gruß!

Schilder-News

Es gibt ein neues Schild vor dem Hostel. Der gerade mal ein Jahr alte, eher schlicht gehaltene Namenszug musste einem deutlich größerem und deutlich roterem Aufsteller weichen. Auf etwa 2,5×2 Metern wird vorbeikommenden Autos, Fußgängern und Radfahrern eine preiswerte Übernachtung inklusive Frühstück offeriert.

Was soll ich sagen – es funktioniert!
Wahre Menschenmassen haben heute Nacht ohne Reservierung ihren Weg an meinen Tresen gefunden. Die meisten vergeblich. Wir waren ohnehin mehr oder weniger ausgebucht, trotzdem hätte ich auch bei leerem Haus kaum einen davon eingecheckt.

Eine Auswahl:
Da war der gedrungene Mittdreißiger in Bomberjacke, der statt “Hallo” ein lautes “Habt Ihr Fernseher auf den Zimmern” in den Raum warf, und dann übergangslos anfing, von seiner Freundin zu erzählen. Die hätte er nämlich gerade mit einem anderen Typen im Bett erwischt hätte. “Darum brauch ich nun erstmal für zwei drei Tage ein Bett, wa?!”

Oder die Bierdunst gehüllte Typ mit blutunterlaufenden Augen und einem dicken Kratzer im Gesicht. Zusammen mit seinem Freund, der eine recht umfangreiche Auswahl silberner Ketten über (!) der Winterjacke trug, wollte er gegen halb vier morgens ein Bett: “Irgendwas billig”, betonte er.

Mein Vorschlag: ein großes “keine Verrückten” auf dem Schild könnte vielleicht schon helfen. Der Aufforderung ein Bett zu mieten sind schließlich auch alle nachgekommen.

In diesem Sinne, liebe Bekloppten, nicht immer jedes Schild wörtlich nehmen!

Mottoparty und Fotoalbum

Es ist schon ein Phänomen. Klickt man sich im Studi-Verzeichnis so von Profilseite zu Profilseite scheint es kaum noch jemanden zu geben, der seine Seite nicht mit einem Fotoalbum schmückt oder zumindest im Fotoalbum eines anderen verlinkt ist.

Ich finde das faszinierend. Selbst wenn das Profil selber für Nicht-Freunde gesperrt ist, kann man die Fotoalben oft abrufen. Plötzlich ist man dann mitten drin im (inszenierten) Leben eines oder einer völlig Fremden. Man sieht diese Person dann irgendwo am Strand in der Sonne liegend, auf gewollt lustigen Fotoserien mit Freunden oder auch kotzend über einer Kloschüssel, weil er oder sie auf der letzten Party ein paar Bier zu viel gekippt hat.

Besonders seltsam wird es dann, wenn man auf einmal auf der Seite einer verflossenen Liebe oder aber auch eines neuen Dates landet. Man hat erstere vielleicht Jahre nicht gesehen und bekommt nun völlig unkompliziert einen bebilderten Abriss über das seitdem Erlebte des oder der Ex. Oder, ist es das neue Date, sitzt man plötzlich mit am Frühstückstisch der neuen Flamme, noch ehe man es überhaupt gewagt hat, sie wegen einer zweiten Verabredung zu fragen.

Besonders beliebt neben den obligatorischen Abi-Ball-Fotos vom Abi 06 oder gar 07 (ich merke, ich werde alt) sind Bilder von Mottoparties. Thema des Abends ist dann Wahlweise “Bad Taste” oder “Porno”, die Leute tragen also entweder 80er-Jahre-Klamotten oder ziehen sich an wie Zuhälter und Nutten, wobei das eine Thema manchmal durchaus mit dem anderen zu korrespondieren scheint.

Um eine jahreszeitlich bedingte Mottoparty ging es vorhin hinter mir an der Supermarktkasse. Alle müssten sich verkleiden, dröhnte das Mädel hinter mir in ihr Handy. Das gelte auch für Frank. Und er solle sich nicht wieder als Nazi verkleiden, das würde nicht gelten.

Ob Frank nun schlicht ein Nazi ist oder ob das nur seine Standard-Verkleidung ist, weiß ich nicht. Ehrlich gesagt ist mir das gerade aber auch herzlich egal, denn ich war selber gestern auf einer Art Mottoparty und bin noch etwas verkatert: Die Party nannte sich “Oktoberfest” und war ein “Teamevent” der Firma, für die ich arbeite. Das Bier hat jedenfalls geschmeckt …

In diesem Sinne, o zapft is!

Kopfkino

Theoretisch ist alles logisch, ganz klar das Bild vor dem inneren Auge. Die Wirklichkeit ist trotzdem meilenweit davon entfernt. Meine Ex-Freundin hat das “Kopfkino” genannt. Auch wenn der Begriff nicht neu ist, sie hat ihn für mich geprägt.

Es ist gefährlich, wenn zwei Leute ihre Gedanken auf diese Art von der Leine lassen. Wenn der Kopf weiterdenkt, ausgehend von einer Idee, die nicht mal richtig sein muss. Plötzlich tauchen Schlüsse auf, die zwar logisch, aber längst nicht richtig sein müssen. Um so dramatischer wird das, wenn vielleicht nicht mal die Anfangsprämisse richtig war. Dann hat man einen großartigen Turm voller Gedanken aufgebaut, dessen Fundament im Prinzip aus bloßer Luft besteht.

Beobachte ich mich selbst aus Sicht eines TV-Kommissars, der ein Verbrechen aufzuklären hat und deswegen logische Zusammenhänge in meinem Handeln sucht, um mich zu be- oder zu entlasten – er würde schnell enttäuscht. Zu oft mache ich Dinge, die völlig unlogisch sind.

Ich gehe einen Umweg, den ich weder mir noch sonst irgendwem erklären kann. Ich treffe Entscheidungen, meist im Kleinen, die sich unter rationalen Gesichtspunkten nicht begreifen lassen. Kurz: jeder Drehbuchschreiber würde verzweifeln, weil ich seine Beweisführung andauernd zu nichte mache mit Handlungen, die keinen dramaturgisch-logischen Ausgangspunkt haben.

Zugleich erwische ich mich aber auch immer wieder dabei, wie ich anderen diese Irrationalität abspreche. Zu oft bastel ich an meinen geistigen Kinofilmen, um mir das Verhalten anderer Menschen zu erklären. Gefährlich natürlich besonders, wenn mein Kopfkino dann sogar mein Handeln steuert. Dabei weiß ich doch: egal wie gut am Ende alles zusammen passt, was ich mir ausmale, letztlich kommt und war es doch ganz anders. Das Leben ist nun einmal nicht logisch – und funktioniert erst recht nicht nach Drehbuch.

In diesem Sinne, öfter mal den Fernseher ausschalten!

Bewusst verschollen

Es gibt Menschen, die verschwinden einfach. Ich meine nicht, das klassische Zigaretten-holen-gehen und nie wieder auftauchen. Im Gegenteil, die meisten dieser Leute wären wohl leicht wieder aufzuspüren. Oft sind sie nur einen Anruf entfernt, oder man hat sogar irgendwo noch eine Adresse stehen. Selbst wenn nicht, würden Google, StudiVZ, Facebook und Co die Suche leicht machen. Doch man sucht nicht.

Ich habe eine ganze Reihe sehr guter Freunde, die ich zum Teil sehr selten sehe. Selbst Telefonate und Emails sind selten. Trotzdem funktioniert es, zum Teil schon seit gefühlten Ewigkeiten. Andere Leute waren mir einmal sehr nahe und sind dann, plötzlich oder nach und nach, wieder aus meinem Leben verschwunden. Manchmal gab es einen Anlass, nicht selten war gekränkte Eitelkeit im Spiel, in einigen Fällen weiß ich nicht mal, woran es gelegen hat, dass wir uns aus den Augen verloren haben. Oft ist es eigentlich schade.

Trotzdem denke ich, dass es wohl nur so funktioniert. Im Laufe seines Lebens lernt man immer wieder neue Menschen kennen. Manche kommen einem näher als andere, einige werden sogar irgendwann zu Freunden. Man investiert, Gefühle etwa und nicht zuletzt Zeit. Gerade die ist aber begrenzt. Dann wieder driften einfach die jeweiligen Lebenswelten immer weiter auseinander, und man muss irgendwann feststellen, dass man sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen hat.

Dass das vielleicht gar nicht immer schlecht ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich einen alten Freund, eine alte Freundin in einem der zahlreichen Netzwerk-Seiten wieder findet (oder wieder gefunden wird). Man ist sich fremd, selbst wenn einem das Gesicht im anfänglichen Überschwang noch so vertraut erscheinen mag. So ist es zumindest meistens, glaube ich.

Trotzdem bin ich bei manchen Menschen traurig, dass sie sich irgendwie aus meinem Leben geschlichen haben. Besonders, wenn sich mir der Grund für dieses bewusste Verschollen-sein partout nicht einfallen will. Habe ich etwas falsches gesagt oder getan? Passte es einfach nicht mehr? Vielleicht werde ich das nie erfahren. Aber vielleicht gibt es auch Menschen, die irgendwann keinen Platz mehr in meinem Leben hatten, ohne dass sie jemals wirklich begriffen haben, warum.

In diesem Sinne, ruhig auch mal vom Zigaretten-holen wiederkommen!

Weißes Papier

Das Ende einer Beziehung ist selten schön. Aber muss ich deswegen gleich die Katze der Ex ausschütteln, “bis alles herausfällt, was sie jemals aus meiner Hand fraß“?

Sven Regener sieht das so. Es sind die ersten Zeilen des mittlerweile 14 Jahre alten Element of Crime Songs “Weißes Papier” (und nebenbei ein Lieblingslied meines besten Freundes). Das Lied lässt offen, wer wen verlassen hat, im Vordergrund steht der Wunsch, sich von allem zu trennen, was in irgendeiner Form mit der Beziehung in Verbindung gebracht werden kann – und zwar für beide Seiten: “Nichts soll dir boese Erinnerung sein, verraten, was ich dir gewesen bin.” Am liebsten, bekennt der ich-Erzähler des Liedes, wäre er wieder so “rein und dumm wie weißes Papier.”

Melancholisch-komisch wird in dem Lied beschrieben, wie jemand krampfhaft alles meidet, was ihn mit der Person verbindet, der er anscheinend einmal nahe war. Statt von Tellern wird nun vom Fußboden gegessen und selbst der Blick aufs Meer ist kontaminiert mit Erinnerungen. Am liebsten, heißt es in der letzten Strophe, wäre der Ich-Erzähler Astronaut und flöge zu sternen, wo “nichts vertraut und versaut durch die Berührung von Dir” sei.

So ironisch angehaucht das alles formuliert ist, zwischen den Zeilen scheint zugleich eine trotzige Hoffnung durch. Das Ende einer Beziehung ist schmerzhaft, zugleich wohnt dem aber auch immer eine Befreiung inne. Ein Motiv, das bei “Weißes Papier” am Rande auftaucht und mehr als zehn Jahre später in “Delmenhorst” erneut aufgegriffen wird: “Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst. Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut; und wo zu sein, wo du nie warst.”

Es mag sich schlimm anhören, aber ich kann das sehr gut nachvollziehen. Das Ende einer Beziehung ist fast immer schmerzhaft und hinterlässt unter Umständen große Flecken auf dem früher einmal weißen Papier. Doch auch wenn diese Flecken nie ganz verschwinden, so verblassen sie doch mit der Zeit. Rückblickend stellt man dann irgendwann fest, dass es unter Umständen tatsächlich die beste Lösung war, einen Punkt zu machen und an anderer Stelle weiter zu schreiben. Dass das Ende traurig, aber auch befreiend war.

Wohl keiner ist ein wirklich unbeschriebenes Blatt oder wird es jemals wieder sein. Da hilft auch das energischste Schütteln von Haustieren nicht. Andererseits ist das vielleicht auch ganz gut so: der absolute Neuanfang mag in der Theorie reizvoll klingen, aber will man in der Praxis wirklich auf all die bisher gemachten Erfahrungen verzichten?

Ich will nicht sagen, dass ich auf alles stolz bin, was so auf meinem Blatt Papier angesammelt hat. Andererseits ist es aber nun mal ein Teil von mir. Ohne die Flecken wäre ich nicht ich.

In diesem Sinne, verschont die Katzen!

Herzliches Beileid

“Die Kids heute sind komisch”, sagte die Frau, “meine Älteste wird nächste Woche 20 und es würde mich nicht wundern, wenn ihre Freunde Ihr statt Herzlichen Glückwunsch nur Mein Beileid wünschen. Die tun heutzutage ernsthaft so, als wären sie uralt und ihr Leben zu Ende, wenn aus der eins eine zwei wird.” – “Die sind komisch heute”, entgegnete ihre Freundin, “was wollten die denn dann machen, wenn Sie 50 werden?”

Ich habe mir dieses Gespräch nicht ausgedacht, es hat tatsächlich so stattgefunden. Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein, als ich die beiden Damen in der Wuppertaler Buchhandlung “Nettesheim” miteinander reden hören hab. Ich war damals selber gerade 18 geworden war und hatte noch zwei Jahre Zeit, bis mir die ersten Beileidsbezeugungen drohen würden. Trotzdem habe ich den Dialog notiert. Vielleicht weil ich einfach wissen wollte, ob es mir ähnlich gehen würde.

Aus gegebenen Anlass – ich habe morgen Geburtstag – denke ich gerade wieder über das älter-Werden nach. Gleichmal vorweg: so schlimm, dass ich auf Beileidskarten hoffe, ist es nicht. Trotzdem grübel ich gerade über das Eine oder Andere. Etwa über das, was ich schon in Urlaub vs. Leben und in Anfänge angerissen habe: je weiter man kommt, desto schwerer fällt die Umkehr, der Neuanfang und sogar der Richtungswechsel. Je mehr Zeit man hinter sich lässt, desto weniger bleibt vor einem übrig.

Während die Restzeit schwindet, wächst zugleich der Berg der Erinnerungen (was jetzt nicht so pessimistisch gemeint ist, wie das Wort Restzeit vielleicht impliziert, ich hoffe nämlich durchaus, noch ein paar mehr Jahre vor mir zu haben). Das Komische ist, dass ich schon jetzt das Gefühl habe, als sei dieser Berg mindestens ein kleiner Mount Everest – wie wird das erst sein, wenn ich wirklich einmal alt bin? Verschwimmen dann nicht mehr die Jahre in meinem Gedächtnis, wie sie es jetzt schon manchmal der Fall ist, sondern die Jahrzehnte?

Ich bin ehrlich gesagt gespannt und auch ein wenig in Sorge.
Kann man das Gefühl haben, gelebt zu haben, wenn man sich nicht mehr richtig daran erinnern kann?

In diesem Sinne, immer ordentlich alles aufschreiben!

Unendliche Dummheit

Es wäre wohl etwas banal, diesen Eintrag mit dem bekannten Einstein-Zitat zu beginnen, in dem der Physiker zwei Dinge nennt, die er für unendlich hält: das Universum und die menschliche Dummheit. Nichts desto trotz muss ich ihm bezüglich der menschlichen Dummheit leider recht geben: die scheint wirklich nicht begrenzt. Dabei ist es wahrscheinlich oft nicht mal wirklich die Beschränktheit des Geistes an sich, die mich nervt. Vielmehr ist es die Faulheit, sich zumindest hin und wieder des eigenen Denkapparates zu bedienen.

Ich war vorhin einkaufen. Viel brauchte ich nicht und wollte daher nur schnell in den Plus im Erdgeschoss der Schönhauser Allee Arcaden rein springen. Wie üblich staute es sich auf der Rolltreppe nach unten, was nicht weiter schlimm ist, da die sich ja ihrer Natur gemäß automatisch bewegt und man so oder so irgendwann unten ankommt. Der offensichtliche Knackpunkt: am Ende der Treppe muss man wieder mit eigenständigen Gehbewegungen beginnen.

Die meisten Menschen kennen Rolltreppen und schaffen das ganz gut. Leider nicht alle. Die kleine Gruppe vor mir, vier oder fünf Leute, alle Anfang 20, blieb nämlich erstmal stehen. Keine böse Absicht, sicher nicht. Zudem hab es einen Grund für den plötzlichen Stopp, nämlich die äußerst wichtige und unaufschiebbare Diskussion, was man heute kochen würde, und welche Zutaten dafür noch einzukaufen seien.

Wie die vier oder fünf da so standen und debattierten beförderte die Rolltreppe jedenfalls unnachgiebig weitere Leute nach unten, inklusive mir. Da besagtes Grüppchen offensichtlich keine Zeit hatte, über die Tücken dieser modernen Technik nachzudenken und entsprechend auch keinen Handlungsbedarf respektive Notwendigkeit sah, zur Seite zu gehen, entstand nach und nach ein Knubbel aus Menschen. Dieser gewann schnell an Größe und vermochte sich erst wieder aufzulösen, als jemand die Gruppe auf breitem Berlinerisch freundlich anfauchte: “Was’n dette?” und dann unsanft zur Seite stieß.

Manch einer mag sich nun fragen, wieso ich solch einer Alltäglichkeit inklusive gleich drei Absätze widme. Der Punkt ist aber, dass es nicht nur eine Situation wie diese gibt, sondern tagtäglich unendlich viele. Und in der Masse nerven sie! Gar nicht unbedingt, weil ich so statt einer Viertelstunde geschlagene 16 Minuten für meinen Einkauf gebraucht habe, damit kann ich leben. Ich kann nur nicht nachvollziehen, wie denkfaul viele Menschen durch die Welt spazieren.
Leute, die aus der Bahn steigen und erstmal stehen bleiben, um sich umzugucken, anstatt zumindest zunächst einen halben Schritt zur Seite zur machen, damit noch mehr Leute den Zug verlassen können. Müttergruppen, die ihre Kinderwägen in lang gestreckten Dreierformationen vor sich her schieben, nicht weil sie den kompletten Bürgersteig blockieren wollen, sondern schlicht weil sie nicht auf die Idee kommen, dass sie eben das damit tun. Touristen, die für 9 Euro ein “mixed dorm” buchen und dann schockiert sind, dass in dem Zimmer noch andere Leute schlafen. Menschen, die lieber fünf Minuten an einer Tür rütteln, bevor sie das Schild lesen, dass “heute geschlossen” ist. Unendliche Dummheit oder bloß menschliche Bequemlichkeit?

Es ist übrigens nicht mal sicher, ob Einstein seinen berühmten Satz wirklich gesagt hat, ganz falsch ist der gern zitierte Ausspruch aber sicher nicht: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

In diesem Sinne, frohes Denken!