Frauen

Unansehnlich gesehen

Der Spruch ist nun nicht wirklich originell: “Gerade jetzt sehe ich echt scheiße aus.” Trotzdem stimmte er – und hatte in diesem Fall so gar nichts mit Fishing for Compliments zu tun. Ich war verschwitzt, trug ein altes T-Shirt und eine, den Löchern nach, wohl noch viel ältere Hose. Meine Frisur stand, allerdings nicht gut, eher irgendwie vom Kopf weg. Und als wäre das nicht genug hatte ich da diesen dicken, fetten Pickel links oben auf der Stirn.

Wie hätte ich auch ahnen können, dass sie ausgerechnet heute an der Kasse hinter mir stehen würde. Ich kannte sie schließlich nicht, entsprechend nebulös war meine Kenntnis ihrer Einkaufsgewohnheiten.

Ihr Parfüm allerdings gefiel mir. Es war das erste, was ich von wahrnahm, und dabei blieb es auch eine ganze Weile. Ich war mir des ersten Eindrucks, den ich machen musste, schließlich durchaus bewusst, und sie machte mich auch so schon nervös genug.

Sie dagegen schien meine Last-Minute-Einkäufe, derentwegen ich mich in diesem erbärmlichen Zustand aus dem Haus gewagt hatte, um so interessierter zu betrachten: Brot, Bier, eine Packung Käse, Nudeln und zwei Tomaten. Nichts, womit man bei Frauen Eindruck schinden könnte. Verdammt, warum hatte ich nicht irgendetwas dramatisches in meinen Einkaufswagen gepackt?

Um es kurz zu machen: Ich habe ihr noch ein wenig hinterher geguckt, als sie nach dem Bezahlen mit dem Fahrrad an mir vorbei gefahren ist. Angesprochen habe ich sie nicht. Ich fand mich schlicht zu unansehnlich. Ich würde mich nicht als übermäßig eitel bezeichnen, trotzdem würde ich einiges gegeben, dieser Frau noch einmal begegnen zu dürfen, wenn ich das Gefühl habe, mehr ich selbst zu sein. Ein Grund oder nur ein Vorwand?

In diesem Sinne, Gruß an die gut-riechende Unbekannte!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Kurzer Ausflug in die Statistik: 80% der Bevölkerung freuen sich darüber, spontan auf der Straße oder sonstwo angesprochen zu werden, lediglich 20% lehnen das Kontaktangebot freundlich ab.

    Das sind bessere Chancen als im Lotto, auch wenn ich die Quelle gerade nicht parat habe.

    Oder mit den Worten Henry Fords: Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.

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