Nachtschicht

Pfandvortrag

Ich denke, ich werde demnächst Vorträge halten. Diavorträge, wahrscheinlich. Und weltweit, natürlich. Muss das noch mit meinem Chef absprechen, aber ich denke, das geht schon in Ordnung. Thema des Vortrags wird “Flaschenpfand” sein. Da bin ich mittlerweile richtig gut drin. Naja, kein Wunder, habe das ja auch die ganze Nacht über geübt.

Klar ist es schwierig, wird man nicht schon als Kleinkind an Umweltpapier und Mülltrennung gewöhnt und kam nicht mit jedem Lebensjahr auch automatisch eine neue Mülltonne dazu, sei es eine grüne, eine gelbe oder eine lila gepunktete. Ich erinnere mich sogar noch an ein Schulprojekt, bei dem wir eine Woche (oder war es ein Tag) protokollieren sollten, was bei uns im Haushalt weggeworfen wird. Kein Scherz.

Der Durchschnittsbackpacker dagegen hat vermutlich nie so ein Schulprojekt gemacht. Er ist nun mal überfordert, wenn man ich ihn bitte, er möge die leere Flasche samt Pfandmarke zurück bringen, um die 50 Cent Einheitspfand zurück zu bekommen. Die Reaktionen reichen dann in der Regel von lautem Lachen (“Return the empty Bottle? Haha, where is the sense in that?”) über stilles Erdulden (“Mhmpf”) bis hin zu wüstem Schimpfen (“Whoa, I should keep the trash? Are you kidding?”). Das ist dann der Punkt, an dem ich zu meinem Vortrag ansetze (“Recycling blablabla”).

Doch nicht nur das Flaschenpfand bereitet offenbar Probleme, auch mit dem Lesen scheint es so eine Sache. An dem Kühlschrank gegenüber der Rezeption hängt vom frühen Abend an ein Schild, auf dem die Leute in mehreren Sprachen gebeten werden, ihre Getränke doch bitte in der Hostelbar zu kaufen statt bei mir an der Rezeption.

Das ist nicht etwa Schikane, sondern hat durchaus einen Sinn: wenn nämlich gerade drei Anreisen vor mir stehen, die gerne einchecken würden, zusammen mit fünf oder sechs Backpackern, die sich von mir Hilfe bei der Auswahl des passenden Kneipenviertels inklusive Clubempfehlung versprechen und, schüchtern im Hintergrund, eine kleine Koreanerin in Tränen ausbricht, weil auf ihrem Bett im Mehrbettzimmer plötzlich ein fremder Rucksack steht, kurz: wenn ich gerade ohnehin alle Hände voll zu tun habe, dann kann es schon anstrengen, wenn im Hintergrund jemand an der Kühlschranktür rüttelt und über die Köpfe des eben aufgezählten Pulks nach drei Bier, zwei Coke und fünf Fanta verlangt.

Allerdings ist das noch harmlos. Vor einiger Zeit kam nachts um zwei ein Mexikaner mittleren Alters zu mir und verlangte einen Adapterstecker für seinen Rasierer von mir. Grundsätzlich nicht mal ein Problem, haben wir da. Nur waren just in der Nacht alle Adapter verliehen. Seine Reaktion: dann möge ich doch jetzt, um zwei Uhr morgens, mal schnell alle Zimmer aufschreiben, in denen ebenfalls Mexikaner wohnten, er würde dann losgehen, die wecken und nach einem Adapter fragen.

Oder heute: kommt ein junger Engländer zu mir und verlangte sofort eine neu Schlüsselkarte zu bekommen, da er seine verloren hätte. Als ich ihm erklärte, dass ich ihm für die Karte leider zwei Euro berechnen müsste, war er nicht nur sauer, er versuchte sogar kurz darauf noch, mir eine Flasche Wasser zu klauen. Nicht mal den Pfand wollte er bezahlen … Er sollte unbedingt meinen Diavortrag besuchen.

In diesem Sinne, frohes Mitschreiben!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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