Nachtschicht

Auf beiden Augen blind

Die gute Nachricht vorweg: diesmal keine Nackten an der Rezeption. Trotzdem habe ich heute Nacht quasi blind gearbeitet. Der Grund war ein totaler Serverausfall – vier Stunden lang kein Zugriff auf das Buchungssystem. In der Praxis bedeutet das: ich weiß nicht, in welches Zimmer ich die anreisenden Gäste schicken soll, ich kann nicht mal überprüfen, ob deren Buchungen überhaupt existieren oder wie viel sie dafür zahlen müssen. Ich habe keine Ahnung, wo noch Betten frei sind und wo nicht und neue Reservierungen kann ich auch nicht eingeben.

Aber von vorne: als ich um elf meine Schicht angefangen hatte, waren noch zehn oder zwölf Anreisen offen. Relativ viel für die Zeit und leider entschied sich auch gut als die Hälfte davon, mehr oder minder zur gleichen Zeit anzukommen. Gegen halb ein Uhr nachts war der Rezeptionstresen also entsprechend voll mit Backpackern aus aller Herren Länder, die voll Vorfreude auf ein kaltes Bier und/oder ein warmes Bett Meldezettel ausfüllten, ihre Rechnung bezahlten und dann von mir im Gegenzug eine Pappkarte mit einer Zimmernummer und eine Plastikkarte zum Öffnen der zugehörigen Zimmertür in die Hand gedrückt bekamen. Verbunden mit dem obligatorischen Sermon aus „Breakfast starts at“, „Check out until“ usw. (natürlich freundlich verpackt und immer ein wenig anders erzählt).

Die ersten vier Grüppchen waren auch kein Problem, schwierig wurde es bei Anreise Nummer fünf und sechs. Der Computer bockte. Weder ließ sich die Rechnung aufrufen, noch sonst irgendwas. Statt dessen: völlige Schockstarre auf dem Monitor. Wohl aus einer dunklen Ahnung raus hab ich mir noch schnell die Zimmerzuordnungen der noch offenen Anreisen aufgeschrieben, zumindest die auf der Bildschirmseite sichtbaren, dann war auch schon alles vorbei. Totalausfall.

Es folgte eine wilde Telefonkonferenz:
Anruf Berlin 1 an Berlin 2 („Geht bei Dir auch nix mehr?“), Anruf Köln an Berlin 2 („Da geht übrigens gar nix mehr“) bis zur persönlichen Visite der EDV-Spezialistin („Erstmal geht da jetzt gar nix mehr“) und dem verzweifelten Berlin 2 an Berlin 1 („Sag mal, geht da immer noch nix?“).

Kurz und gut: es war eine spannende Nacht, zumindest bis der Server gegen vier endlich wieder zum Leben erwachte. Fast wie ein Flug nach Instrumenten ohne Instrumente. Naja, bis auf die Kleinigkeit, dass die Piloten eben nicht nebenbei noch Bier verkaufen müssen. Und natürlich dass so ein Hostel in der Regel nicht fliegt. Zumindest noch nicht. Wer weiß was bei der nächsten Nachtschicht passiert.

In diesem Sinne, wohl bekomms!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

3 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. So war es natürlich gedacht … bin nur noch etwas unsicher, ob es nicht zu sehr ans fliegende Klassenzimmer erinnert. Also eventuell doch lieber „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Hostel“?

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