Gewissensbiss

Ich befürchte, ich war heute ein schlechter Mensch. Oder ich habe es erfolgreich vermieden, einem Betrüger aufzusitzen. Auf jeden Fall habe ich ein schlechtes Gewissen.

Er sprach mich in der Innenstadt an, als ich gerade auf dem Weg zu meiner Bahn war. Er war vielleicht zehn, 15 Jahre älter als ich, hatte dunkelblonde Haare und machte einen insgesamt gepflegten Eindruck. Sein Englisch war sanft und typisch britisch. Als hätte jemand die Kanten der Wörter mit kleinen Schnörkeln versehen.

Heute sei er aus London hergekommen, begann er. Er mache Urlaub in Deutschland, leider sei ihm direkt am ersten Tag etwas dummes passiert: jemand habe ihm seinen Brustgürtel mit all seinem Geld gestohlen.

Während er sprach wedelte er mit einem Stück amtlich aussehendem Papier: der Bestätigung von der Polizei, dass er Anzeige erstattet hätte. Sehr freundlich seien sie gewesen, die deutschen Polizisten, nur wirklich helfen können hätten sie ihm nicht. Das sei nun Aufgabe der Botschaft und die sei in Stuttgart. Nur wie solle er ohne Geld dorthin kommen?

Wieder wedelte er mit dem Papier und deutete mit dem Finger auf das mit “Adresse” gekennzeichnete Feld. “Hier steht wo ich wohne”, sagte er auf Englisch. Ob ich ihm 20 Euro leihen könnte, um mit dem Zug nach Stuttgart zur Botschaft zu fahren. ”Ich zahle es zurück, sobald ich wieder zu Hause bin. Oder ich lade Dich zu einem Urlaub bei mir in London ein.”

Ich hatte 20 Euro. Ich habe sie ihm nicht gegeben. Darum habe ich ein schlechtes Gewissen.

Sicher, wenn jemand nur Bargeld dabei hat und dann auch noch seine komplette Reisekasse an einem Ort mit sich rumträgt, das ist schon ziemlich dämlich. Insbesondere dann, wenn er offenbar ansonsten weder Kreditkarte noch Reisecheques dabei hat. Und leider gibt es ja immer wieder Leute, die so eine Geschichte als Masche benutzen – Mike K. etwa, der auf die Art offenbar seit Monaten in Bangkok sein Unwesen treibt.

Andererseits bin ich selbst schon oft genug allein unterwegs gewesen, zum Teil ohne auch nur einen Menschen in dem jeweiligen Land zu kennen. Trotzdem ist mir immer wieder geholfen worden. Als mir zum Beispiel in Argentinien spät abends mein Tagesrucksack geklaut wurde, halfen mir sofort zwei junge Argentinierinnen, binnen Sekunden einen Polizisten zu finden und ihm die Geschichte zu schildern. Das half nicht viel, aber es war eine nette Geste. Abgesehen davon hatte ich noch Monate später immer wieder per Email Kontakt zu einer der Argentinierinnen.

Auch die argentinische Polizei nahm nicht nur die Anzeige auf, ein freundlicher Polizist half mir anschließend sogar noch, eine Unterkunft für die Nacht zu finden.

Erlebnisse wie dieses haben mich geprägt. Und darum habe ich mich noch in dem Moment schlecht gefühlt, als der Engländer sich nach meiner (freundlichen, aber bestimmten) Abfuhr umgedreht hat und weiter gegangen ist. Wäre nicht in dem Moment meine Bahn eingefahren, wahrscheinlich hätte ich es mir noch anders überlegt.

Vielleicht wäre ich einem Betrüger aufgesessen. Andererseits hätte ich das wahrscheinlich nie erfahren – und mir mit 20 Euro ein reines Gewissen und das gute Gefühl erkauft, einem anderen Reisenden geholfen zu haben.

In diesem Sinne – wie seht Ihr das?

Ausgebacken

Ich finde, in Bäckereien sollte es Backwaren zu kaufen geben! Dieser Wunsch mag seltsam klingen, denn eigentlich sind Bäckereien ja genau zu diesem Zweck da. Trotzdem ist es in Karlsruhe gar nicht so einfach, in einer Bäckerei so etwas exklusives wie Brötchen zu bekommen.

Nehmen wir heute morgen. Als ich gegen halb zehn die Bäckerei betrat, roch es zwar nach frischen Brötchen, zu kaufen gab es die allerdings nicht. “Alle weg, alle verkauft”, erklärte mir die ältere Dame hinter dem Tresen, noch bevor ich das Wort “Brötchen” ausgesprochen hatte. Sie sagte das nicht unfreundlich, eher als wäre sie überrascht darüber, dass ich ausgerechnet in einer Bäckerei Brötchen verlangte.

Nun könnte man sagen, dass ich vielleicht einfach Pech gehabt habe. Nun, dann bin ich wirklich ein ausgesprochener Pechvogel. Egal zu welcher Zeit (die Bäckerei hat sonntags bis 11 Uhr geöffnet) ich es versuche, stets sind entweder alle Brötchen ausverkauft oder zumindest fast ausverkauft. Stets schauen mich zudem die Verkäuferinnen an, als würde ich gerade versuchen, ihre Erstgeborene zu entführen.

Und das ist nicht nur morgens so. Auch wenn ich in der Mittagspause versuche, beim Bäcker in der Nähe etwas zu kaufen, gehe ich regelmäßig leer aus.

Leben Bäckereien denn nicht mehr davon, ihre Waren zu verkaufen? Und wenn ja, bin ich denn wirklich der einzige, der ständig ein Kopfschütteln statt Brötchen bekommt? Es mag ja sein, dass die Bäckereien in Karlsruhe einen derart festen Kundenstamm haben, dass sie genau wissen, wie viele Brötchen sie pro Tag verkaufen. Ich komme als einziger nicht regelmäßig, daher werde ich auch als einziger nicht mit einkalkuliert. An all den Tagen, an denen ich nicht komme, müssten sie dann schließlich drei bis vier Brötchen wegwerfen.

Möglicherweise habe ich aber auch einfach eine zu lebhafte Phantasie und es gibt für all das eine viel einfachere Erklärung. Zum Beispiel Außerirdische, die gemeinsam mit dem amerikanischen Geheimdienst die deutschen Bäckereifachverkäuferinnen mittels geheimer Hypnosetechniken fernsteuern und so die Weltherrschaft übernehmen wollen. Nur mal so als Idee.

In diesem Sinne, Bäckereifachverkäuferin nach Hause telefonieren …

Bestimmt Bestimmung

In der vierten Klasse war ich sicher, dass wir heiraten würden. Natürlich nicht gleich, aber später irgendwann bestimmt. Ich erinnere mich gut an diesen Gedanken, auch wenn mir bis heute nicht klar ist, woher ich ihn eigentlich hatte. WIr hatten nie darüber gesprochen – und anders als ich hatte sie sich wohl auch nie gefragt, ob ihr Vorname eigentlich zu meinem Nachnamen passt.

Man sollte meinen, dass ich seit der vierten Klasse nicht nur älter und größer, sondern auch schlauer geworden bin. Leider muss ich hier vehement widersprechen. Erst vor kurzem habe ich mich bei einem Gedanken erwischt, den auch schon mein zehnjähriges Ich in der vierten Klasse gehabt hat. “Das wird was mit uns – vielleicht nicht sofort, aber irgendwann”.

Wird es nicht – würde ich jetzt gerne schreiben. Aber das wäre zu einfach. Denn tatsächlich gibt es immer wieder diese Situationen, in denen ein leichtes Kribbeln zwar monatelang in der Luft liegt, letztlich aber doch erst eine entsprechende Situation den Ausschlag geben muss. Und plötzlich landet man doch genau da, wo man sich monatelang hin gehofft hat.

Allerdings muss man an dieser Stelle wohl auch schreiben, dass solche Situationen zwar durchaus vorkommen, unterm Strich aber eher die Ausnahme sind. Deutlich öfter läuft es leider ab, wie in der vierten Klasse. Vor- und Nachname passen zwar perfekt zusammen, dabei bleibt es dann aber auch. Schade eigentlich. Zumindest manchmal. Bestimmung? Bestimmt!

In diesem Sinne, Grüße an … naja, vielleicht weißt Du schon.

Verloren

Eigentlich müssten sie überall sein: Autos, die nicht wiedergefunden wurden. Autos, die jahrelang auf Parkplätzen rumstehen, weil ihr Besitzer hilflos durch die Gegend irrt. Autos, die irgendwann verrotten und dann erst recht nicht mehr gefunden werden, weil sie nur noch Rost und Plastik sind.

Das könnte man zumindest meinen, wenn man bedenkt, wie viele Apps es inzwischen für das iPhone gibt, die nur einen Zweck haben: sein eigenes Auto wiederzufinden.

Ich finde das faszinierend. Dass ich keine Orientierung habe, habe ich schon geschrieben. Aber dass da draußen Tausende, ja wahrscheinlich Millionen andere Menschen sind, die ein Smartphone brauchen, um sich a) zu merken, wo sie geparkt haben und b) wie sie dorthin zurück kommen – irgendwie finde ich das beruhigend. Und befremdend.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Jung, ledig, gekauft

Sie war jung, sie war schön, und ich hatte sie im Internet bestellt. Wobei “bestellt” vielleicht das falsche Wort ist. Trotzdem drängt sich einem schon eben dieses Wort auf, wenn man sich einmal etwas ausgiebiger durch die Profile auf einer Online-Partnerbörse geklickt hat. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Wir leben im Internet-Zeitalter. Was der Mensch braucht, findet er im  Netz. Dabei ist es egal, ob man ein Buch kaufen, eine Reise buchen oder eben – wie ich vor einiger Zeit – die Frau für den Lebensabschnitt finden will. Alles ist nur ein paar Klicks und (meist) eine Kreditkartennummer entfernt. Das zumindest suggerieren die diversen Online-Partnerbörsen, die mit Slogans wie “wir verlieben Dich” um ebenso einsame wie zahlungskräftige Kundschaft werben.

Die Männer sind hier eindeutig in der Überzahl, zumindest wenn es um die Zahlungswilligkeit geht. Während nämlich das Anmelden zumeist noch kostenlos ist, werden spätestens, wenn es um das Ansprechen geht, in der Regel saftige Gebühren fällig. Und diesen Part übernehmen auch in der virtuellen Welt vor allem die Männer. Auch Emanzipation hat eben Grenzen.

Ganz abgesehen davon hat es ja auch etwas, sie durch Galerien von Frauenfotos zu bewegen wie durch einen Supermarkt. Gefällt einem eine Frau, landet sie im virtuellen Einkaufswagen – im Webdating-Slang auch als Menüpunkt “Favoriten” bekannt. Hat man einen mutigen Tag, schreibt man sie sogar an.

Ich hatte damals gleich mehrere mutige Tage. Nicht immer waren die von Erfolg gekrönt, hin und wieder aber doch. So traf ich zum Beispiel jene junge, schöne Frau, die als Einstieg für diesen Eintrag diente. Wir verabredeten uns in Stuttgart vor einem Kaufhaus. Besondere Erkennungszeichen brauchten wir nicht – Leute, die sich über Online-Partnerbörsen kennenlernen, erkennen sich.

Auch wir erkannten uns, gingen was essen und später noch auf einen Drink in eine Bar. Leider half alles nichts. Weder das Essen, noch der Drink. Wenn sie den Mund aufmachte, sprach sie von Stuttgart 21. Blieb ihr Mund geschlossen, beschäftigte sie sich mit Anti-Stuttgart-21-Aufklebern, die sie von Laternenpfählen, von Schaufenstern und von Autostoßstangen abkratzte.

Es ist nicht so, dass ich politische Menschen nicht schätzen würden. Ich hatte mir für eine erste Verabredung nur einfach etwas anderes vorgestellt. Vielleicht bin ich ignorant, aber ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie mir überhaupt jemals ihren Namen gesagt hat – es gab eben immer einen Aufkleber, der wichtiger war.

Ganz anders war es bei Verabredung Nummer zwei. Bis heute weiß ich nicht nur ihren Namen, ich weiß auch, wie unsere Kinder heißen würden (Klaus und Marie), wo wir Urlaub machen würden (in Schweden, wobei Camping in Dänemark ebenfalls eine Möglichkeit ist) und dass ihr letzter Freund sie verlassen hat, weil er einfach noch nicht “reif für eine ernsthafte Beziehung war”. Nicht mal eine gemeinsame Email-Adresse habe er gewollt – dabei waren sie doch schon fast ein halbes Jahr zusammen gewesen.

Frauen im Internet zu bestellen, ist offenbar schwieriger als gedacht. So einfach gebe ich allerdings nicht auf. “Billig, willig und stubenrein”, wirbt eine Internetseite mit eigenartiger Länderkennung. Vielleicht habe ich dort ja mehr Glück?

In diesem Sinne, kuscheln wäre schon nett …

Bitte wenden?

Meine Orientierung ist so schlecht, dass ich mich sogar dann verfahren kann, wenn ich mit einem Navi unterwegs bin. Irgendwie schaffe ich es immer, falsch abzubiegen. Ich glaube einfach, es gibt kaum einen Ort, an dem ich mich nicht verlaufen oder verfahren könnte.

Das ist normalerweise nicht weiter dramatisch. Ich weiß ja, dass ich manchmal etwas länger brauche, um von A nach B zu kommen und kalkuliere den unfreiwilligen Besuch in C, D und E eben einfach mit ein. Hat ja auch Vorteile, so sehe ich was von der Welt. Und wenn ich dann doch mal ganz falsch bin? Naja, ich kann ja immer noch umkehren.

Zumindest theoretisch. Das mit dem Umkehren wird nämlich immer komplizierter, je länger man schon auf der falschen Strecke unterwegs ist. Der Weg zurück wird nicht nur weiter, er ist auch immer schwerer zu finden.

Dass das nicht nur fürs Autofahren gilt, ist mir das erste mal bewusst geworden, als ich gerade mein erstes Studium in Düsseldorf begonnen hatte. Ich glaube, ich habe mich selten zuvor so frei gefühlt wie damals. Dazu muss man wissen, dass vor diesem Studium 13 Jahre Schule und etwas über ein Jahr Bundeswehr gelegen hatten. In Düsseldorf wurde mir zum ersten Mal bewusst, jederzeit wieder umdrehen und von jetzt auf gleich etwas ganz anderes machen zu können. Dieses Gefühl war neu für mich.

Es hielt etwa drei Wochen. So lange dauerte es, bis die neue Freiheit Alltag geworden war. Jeder neue Tag machte das Wenden komplizierter, denn mit jedem neuen Tag wurde der Weg zurück weiter. Mehr noch: plötzlich gab es etwas zu verlieren – nämlich das, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte.

Der Weg ist das Ziel, behauptet ein altes Sprichwort. Mit meinem Weg bin ich eigentlich bislang ganz zufrieden. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen mir besonders deutlich bewusst wird, dass es viele Wege gibt und “bitte wenden” zwar eine Option für Navigationsgeräte sein mag, im realen Leben aber nicht immer so einfach ist. Zumindest nicht ohne Verluste – und die Gefahr, sich erneut zu verfahren.

In diesem Sinne, die Route wird berechnet …

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