Erfinderhormone

Den Motor hatte ich ziemlich wahllos platziert. Auf meinem Blatt Papier klebte er etwas schief zwischen Vorderachse und vorderer Stoßstange. Kolben, Zündkerzen, Kühlung – im Großen und Ganzen war alles da.

Ob es auch wirklich zusammenpasste, war mir nicht so wichtig. Welcher Großkonzern würde sich schon mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, wenn ich, immerhin schon stolze achteinhalb Jahre alt, das erste unsichtbare Auto der Welt präsentierte? Das Geheimnis: perfekt angeordnete Spiegel.

Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Erfinder. Ich konstruierte nicht nur unsichtbare Autos, sondern auch ausfahrbare Rolltreppen in Spazierstöcken, tiefseetaugliche U-Boote und unkaputtbare Fahrradbremsen. Akribisch wurde jede meiner Erfindungen in einem kleinen, gelben Ringbuch festgehalten. Schnell reihte sich hier Konstruktionsplan an Konstruktionsplan – einer genialer und ausgeklügelter als der andere.

Ich gebe zu, ich habe damals wirklich geglaubt, ich könnte diese Ideen irgendwann umsetzen. Erfinder schien mir, neben Schriftsteller und Journalist, ein recht reizvoller Beruf zu sein. Einerseits rausgehen, die Welt entdecken und darüber schreiben, andererseits tagelang im stillen Kämmerchen sitzen und vor sich hinbasteln. Konnte es etwas Schöneres geben?

Dass sich dieser Plan nicht so einfach verwirklichen lassen werden würde, wurde mir mit dem Einsetzen der Pubertät klar. Für ein Kind ist es leicht, zu träumen. Mit den Hormonen kommt allerdings früher oder später die Selbsterkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Egal wie genial ein Plan ist, man kann trotzdem damit auf die Nase fallen. Das gilt auch und vielleicht gerade für unsichtbare Autos.

In diesem Sinne, jemand Interesse an einem fliegenden Bleistift?

PS: Diese Eintrag soll mir den Kopf retten – mehr Infos hier.

Wiederholung zwecklos

Es wird kein Sommermärchen geben. Nicht mal dann, wenn wir Weltmeister werden. Das Leben mag nämlich keine Wiederholungen. Wir Menschen dagegen schon. Darum suchen wir auch vergeblich den Geist von 2006 – und darum werden wir ihn nicht finden.

Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, in jedem Fall mitten in der Pubertät. Meine Eltern, meine Schwester und ich waren nach Südfrankreich gefahren. Sommerurlaub mit Wohnwagen und Zelt. Der Campingplatz war war recht weitläufig und direkt am Meer gelegen. Es gab ein kleines Platz-Zentrum mit einem Café und einigen Geschäften, in denen man französischen Wein, französische Bücher und Handtücher kaufen konnte.

Der Campingplatz selbst war sehr groß und weitäufig – und ich somit nicht der einzige hochgradig pubertärer Teenager vor Ort. Sobald es dunkel wurde, traf man sich am Strand. In größeren oder kleineren Grüppchen saß man zusammen, trank französischen Wein aus dem Campingplatz-Laden und machte, was Jugendliche in dem Alter nun einmal machen. Für mich war es der bis dahin bester Sommerurlaub überhaupt.

Zwei Jahre später fuhren meine Eltern, meine Schwester und ich wieder nach Südfrankreich. Schon Wochen vorher fieberte ich dem Urlaub entgegen. Noch größer wurde meine Freude, als ich vor Ort die ersten alten Bekannten wiedertraf. Am Ende war es nicht ganz, aber immerhin zum Teil die alte Gruppe.

Wir sprachen viel über jenen scheinbar magischen Sommer von vor zwei Jahren. Wir hatten uns alle auf eine Wiederholung gefreut. Um so schmerzhafter war die Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte: auch wenn wir die selben Dinge taten, die selben Lieder hörten und die selben Wege gingen – eine Wiederholung war schlicht nicht möglich.

Man kann nicht zwei mal an denselben Ort reisen. Damals war das für mich eine neue Erkenntnis, heute bin ich schlauer. Ein Urlaub kann genau so gut werden, aber niemals gleich gut.

Im normalen Leben ist das übrigens nicht anders, nicht nur, wenn es um die Fußball-WM geht. Eine alte Liebe kann genau so wie eine alte Freundschaft nur neu entdeckt, aber niemals wiederholt werden. Alles andere führt nur zu einer aufgewärmten Suppe, die niemandem schmeckt.

In diesem Sinne, auf ein erfolgreiches Achtelfinale!

Einmalig

Bei diesem Eintrag geht es um meinen Kopf – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbigen möchte mir eine Kollegin nämlich abreißen, wenn ich ihre Vorschläge nicht umsetze. Mich rührt das. Sie war nämlich die erste, die mir geschrieben hat, nachdem ich geklagt hatte, leergeschrieben zu sein.

Ich habe also nicht wirklich eine Wahl – mal abgesehen davon, dass mir die Vorschläge eigentlich ganz gut gefallen. Und weil sie mir Angst machen. Die meisten davon hatte ich nämlich ohnehin schon in meinem Notizbuch für spätere Veröffentlichung verewigt – oder habe sie sogar schon umgesetzt, bevor ich sie von besagter Kollegin geschickt bekommen habe (Wohnen im Erdgeschoss – was ein Spaß, warum sind immer meine Nachbarn laut, usw.)

Wir meinen immer, etwas Besonderes zu sein. Unsere Probleme sind anders als die der Anderen, unsere Gedanken spezieller, unser Leben einmalig. Und trotzdem gibt es praktisch nichts, was google nicht findet. Zu jeder noch so seltsamen Idee hat längst irgendwer ein Forum oder eine Homepage initiiert und selbst zu jeder noch zu abstrusen Fragestellung gibt es ein “Gutefrage.net”, ein “Fragenohneantwort.net” oder einen Eintrag bei “Fragr.de”.

Verabschieden wir uns also von dem Gedanken, einzigartig zu sein – und sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wir sind nicht allein! Und einzigartig schon gar nicht.

In diesem Sinne, trotzdem danke, liebe Vorschlägerin!

PS: Trotzdem wird natürlich der eine oder andere Vorschlag der Kollegin in nächster Zeit hier umgesetzt – es geht schließlich um meinen Kopf!  Ebenso die anderen guten Ideen, die Ihr mir geschickt habt. An dieser Stelle daher noch mal ein herzliches Dankeschön!

Lebenslang

Manchmal bin ich acht Jahre alt. Ich bin größer, wohl auch ein bisschen schwerer und irgendwie auch erwachsen geworden. Trotzdem bin ich immer noch ich – vor über 22 Jahren.

Wenn man Kind ist, hat das Wort “erwachsen” einen ganz besonderen Klang. Erwachsene dürften selbst entscheiden, wann sie abends ins Bett gehen. Ihnen schreibt auch niemand vor, was sie vorher im Fernsehen gucken dürfen und was nicht. Dass auch Erwachsene mal Kinder waren ist schwer vorstellbar.

Andererseits scheint auch das eigene Erwachsen-Sein seltsam surreal. Dass man sich irgendwann mit Dingen wie Wohnungssuche, Steuererklärung und Arbeitsplatz rumschlagen wird, weiß man vielleicht auch schon mit acht. Dass man dann immer noch derselbe Mensch ist, wollte zumindest mir damals nicht so recht in den Kopf.

Wenn man erwachsen ist, dann hat man doch keine Angst mehr. Man zweifelt auch nicht oder weiß etwas nicht. Erwachsen zu sein, dass ist etwas ganz anderes als Kind sein – von jetzt auf gleich.

Es dauert eine Weile – und ehrlich gesagt bin ich immer noch manchmal überrascht – bis man feststellt: Erwachsen wird man sein Leben lang. Vielleicht hat man irgendwann keine Angst mehr vor den Monstern, die nachts im Schrank oder unter dem Bett lauern. Dafür können einem andere Sorgen den Schlaf rauben. Möglicherweise kostet es keine Überwindung mehr, alleine zum Einkaufen in den Supermarkt geschickt zu werden. Dafür graut es einem vor einem Behördengang, den man lieber nicht machen würde.

Kurz gesagt: Erwachsen zu werden ist immer relativ. Vielleicht ändern sich die Themen, die Denkmuster bleiben aber gleich. Ebenso ist es mit den Gefühlen, auch wenn vielleicht die Anlässe nun andere sind. Erwachsen? Klar! Aber eben kein neuer Mensch.

In diesem Sinne, Gruß an früher!

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