Monthly Archive for August, 2009

Liebe in Gedanken

2009-08-30-fernliebeKann man sich eigentlich nachträglich verlieben? Nachträglich zum Geburtstag gratulieren, das ist zwar unhöflich, aber es funktioniert. Nachträglich Beschweren, klappt auch. Nachträglich schlauer sein? Manchmal.

Doch sich nachträglich verlieben? Ich behaupte, das geht. Und ich muss es wissen, mir ist das nämlich kürzlich erst passiert.

Zugegeben, sympathisch fand ich sie schon, als ich sie vor über einem Jahr das letzte Mal gesehen habe. Doch verliebt habe ich mich in sie erst, als ich weit genug weg war, um keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen.

Mag sein, dass ich einfach von ihr geträumt habe, und sie deshalb plötzlich in meinen Gedanken und in meinem Herzen herumspukt. Vielleicht war es auch irgend etwas in ihrer letzen Email, dass es bei mir hat klicken lassen. Unabhängig davon werde ich allerdings den Verdacht nicht los, dass es gerade die Entfernung ist, die mich besonders fasziniert.

Es ist einfach, wenn man zu weit weg ist, um wirklich konkret werden zu müssen. Andererseits ist es auch ziemlich pointenlos. Ich frage mich, wie lange dieses Gefühl anhalten kann, ohne dass ihm eine konkrete Reaktion folgt.

In diesem Sinne, was bringt sie denn, die Liebe in Gedanken?

Geheime Wünsche

2009-08-21 baumManche Dinge möchte man gar nicht so genau wissen. Als mir die Frau im Depot des Paketdienstes zum Beispiel erzählte, sie wäre gern ein Mann, da wäre ich am liebsten weggelaufen.

Das ging allerdings nicht, schließlich hatte sie noch mein Paket. Und die Frau, die gerne ein Mann wäre, machte nicht den Eindruck, als würde sie mir das aushändigen, wenn ich mir nicht vorher ihre ganze Geschichte angehört hatte.

“Wissen Sie”, sagte sie, “ich wäre wirklich gern ein Mann.” Zwar würde ihre Tochter steif und fest behaupten, als Mann wäre sie vermutlich schwul. Das sei ihr aber egal. “Ich möchte trotzdem ein Mann sein”, betonte sie nachdrücklich und klopfte mit der Faust zwei Mal fest auf mein Paket, das sie in sicherer Entfernung hinter dem Tresen festhielt.

“Ich möchte mich einmal im Leben an einen Baum stellen, die Hose aufmachen und den Baum mit einem dicken Strahl anpinkeln.” Sagte es und reichte mir mein Paket.

In diesem Sinne – was sind Eure geheimen Wünsche?

Über Liebe

“So gesehen ist es doch total widersinnig, eine Beziehung oder sogar eine Ehe auf ein flüchtiges Gefühl wie Liebe aufbauen zu wollen.”

Mein Kumpel G. und ich hatten schon ein paar Bier getrunken, als wir auf dieses Thema zu sprechen kamen. Man sollte wissen, dass G. sich gerade von seiner Freundin getrennt hatte. Allerdings war er es gewesen, der Schluss gemacht hatte – und zwar gerade, weil er hatte eingestehen müssen, dass er seine Freundin nicht mehr liebte.

Dass er mir nun trotzdem ein flammendes Plädoyer für die Vernunftbeziehung und sogar für die arrangierte Ehe hielt, hatte einen anderen Grund: Logik. “Es ist ja nicht so, dass Liebe unwichtig ist”, erklärte er bestimmt, “nur taugt sie auf Basis für eine Bindung, von der man sich wünscht, dass sie jahrelang oder sogar ein Leben lang halten soll? Gäbe es da nicht stabilere Grundlagen?”

Nach kurzem Überlegen musste ich G. zustimmen. Eine Beziehung, die auf etwas so irrationales wie Liebe aufbaute, die konnte nach allen Gesetzen der Logik doch nur in Ausnahmefällen wirklich funktionieren. Zumal es ja am Anfang nicht mal Liebe, sondern pure Verliebtheit war, die einen dazu brachte, sich mit einem Menschen einzulassen, den man sehenden Auges und mit nur ein wenig Nachdenken vielleicht direkt zum Teufel geschickt hätte. Aber Liebe macht ja bekanntlich blind.

Hinzu kommt der Frust: Die unglückliche Liebe. In der Regel ist es doch ein Glücksfall, wenn Liebe erwidert wird. In neun von zehn Fällen ist dem aber nicht der Fall und der Verliebte fällt mehr oder weniger schmerzhaft auf die Nase. Liebe, um es mit den Worten von Frank Lehmann zu sagen, wird allgemein überschätzt!

Macht es tatsächlich nicht deutlich mehr Sinn, sich für eine vielleicht gewöhnungsbedürftige, aber haltbare Vernunftsbeziehung zu entscheiden? Rein logisch betrachtet ist das sicher die bessere Lösung. Dumm nur, dass Liebe nun mal nicht logisch ist. Lösen tut das das Problem aber auch nicht.

In diesem Sinne – Verliebt?

Urintrennung

2009-08-16-trennen

In Bayern wird eben noch auf die Einhaltung von Recht und Ordnung geachtet – auch (und gerade!) auf bestimmten Orten …

Spaß bei Seite: Diese nicht ganz ernst gemeinte Anweisung habe ich in einer Toilette in einer Bar in Nürnberg fotografiert. Und das ist, wie ja jeder weiß, nicht Bayern, sondern Franken.

In diesem Sinne, frohes Erleichtern!

Schluckauf

Schluckauf2

Sachen gibts …

Ich, der Spinner

2009-08-11einsteinEigentlich hätte Ironie in seiner Stimme sein müssen. Doch der Verrückte, der heute mit mir im Zug von Villingen nach Konstanz gefahren ist, schien ernst zu meinen, was er sagte. Das Kuriose dabei: Er redete eigentlich die ganze Zeit davon, dass er die Nase voll davon hätte, anderen zuzuhören und wie nervig es sei, dass die Menschen ihm permanent etwas erzählen wollten.

Ich kann das ganz gut verstehen. Ich bin nämlich ganz gut darin, seltsame Menschen anzuziehen. Als hätte ich einen Magnet verschluckt, der nicht auf Metall, sondern auf Spinner jeder Art anziehend wirkt.

Mittlerweile bin ich allerdings außerdem ganz gut darin, solche Annäherungsversuche abzublocken. Oft reicht es ja schon, mit einer gewissen Bestimmtheit laut zu sagen, dass man nun kein Interesse an einem Gespräch hat. Das tun die wenigsten Menschen, darum funktioniert es, und zumindest einige Spinner suchen beleidigt das Weite.

Manchmal habe ich allerdings ein schlechtes Gewissen dabei. Ich frage mich dann, was die vermeintlichen Irren eigentlich groß von mir unterscheidet. Sind sie wirklich so anders als Du und ich? Ich weiß nicht, wo genau die Grenze zwischen normal und verrückt verläuft, aber sie ist mit Sicherheit fließend und vermutlich auch gar nicht so weit weg, wie wir sie gerne hätten.

Frisch Verliebte zum Beispiel sind verrückt. Mal objektiv betrachtet tun sie jede Menge ziemlich dämlicher Dinge. Das selbe gilt für unglücklich Verliebte, auch wenn die ihre Verrücktheiten eher alleine begehen – gezwungenermaßen. Auch wer mal samstags morgens gegen halb fünf mit der Berliner U-Bahn gefahren ist, zweifelt leicht am gesunden Verstand der Menschheit: Vermeintlich normale Menschen zu treffen ist jedenfalls um diese Zeit keine leichte Aufgabe.

Nur: Wann wird normaler, temporärer Irrsinn zur chronischen Verrücktheit? Vielleicht passiert sowas schneller als wir denken? Abgesehen davon: Wurden nicht oft genug schon Menschen erst für verrückt – und später zu Genies erklärt?

Zugegeben, ich glaube nicht, dass meine Zugbekanntschaft in absehbarer Zeit einen Nobelpreis bekommt. Dennoch gibt es Momente, wo ich zumindest das Gefühl habe, dass wir Menschen ziemlich gut darin sind, mit Verrückt-Etiketten um uns zu werfen, ohne groß darüber nachzudenken, wen wir treffen. Verrückt jedenfalls liegt nicht selten näher als wir denken.

Außerdem: Mal ehrlich – Aus dem richtigen (oder eben falschen) Blickwinkel betrachtet bin ich jedenfalls auch alles andere als normal. Aber das nur am Rande …

In diesem Sinne, dummdidumm!

Obdachlos

Viele meiner Freunde sind wohnungslos. Zumindest wenn es nach meinem Adressbuch geht, haben sie kein Zuhause. Auch Festnetznummern sind eher rar gesät. Handy, Email und vielleicht noch eine ICQ-Nummer, mehr steht nur noch hinter sehr wenigen Namen.

Freilich wohnen die meisten dieser vermeintlich Obdachlosen irgendwo. Oft lohnt es aber schlicht nicht, die jeweils aktuelle Adresse zu notieren. Sie ist eh nur eine Übergangslösung. Bis zum nächsten Jobwechsel, bis der nächste Jahresvertrag ausläuft oder der Arbeitgeber den nächsten Einsatzort bekannt gibt.

Wir sind jung, wir sind engagiert, und wir sind unglaublich flexibel – traurig flexibel eben.

In diesem Sinne, frohes Kistenpacken!

Erwachsene Wundertüte

2009-08-05 wundertüteAls ich ein Kind war, hatte das Wort “Wundertüte” einen ganz besonderen Klang für mich. Mein Vater hatte mir davon erzählt: Eine Überraschung, die man kaufen konnte.

Mir war dieses, wie ich fand, grandiose Konzept nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich war sechs und malte mir in den buntesten Farben aus, was in so einer Wundertüte alles an großartigen Überraschungen versteckt sein könnte. Gewaltige Lego-Baukästen türmten sich vor meinen Augen auf – ganz zu schweigen von all den schönen Geschenken, von denen ich noch nicht mal ahnte, dass sie existieren könnten.

Vermutlich bin ich meinen Vater mit meiner Schwärmerei ziemlich auf die Nerven gegangen. Irgendwie hat er es jedenfalls geschafft, eine Wundertüte aufzutreiben. Ich war begeistert. Ich ließ mich von meiner Freude auch nicht dadurch abbringen, das mein Vater mich vorsichtig darauf vorzubereiten versuchte, dass ich für die ein oder zwei Mark, die die Wundertüte gekostet hatte, nicht Gott-weiß-was erwarten sollte.

Nun, er hatte Recht. Die Wundertüte enthielt einen Brieföffner – also genau das, was ich mir als durchschnittlicher Sechsjähriger schon immer gewünscht hatte. Ich war enttäuscht. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Zwar hatte ich mich schon ein kleines bisschen gefragt, wie ein Super-Mega-Legobausatz in ein Paket von der Größe eines Blatt Papiers passen würde, doch wirklich ernst genommen hatte ich diese Gedanken nicht. Schließlich hieß das Ding doch “Wundertüte”!

Dass außer dem Brieföffner tatsächlich noch etwas anderes in der Tüte war, wird mir erst heute klar – auch wenn dieser Inhalt sicherlich weder intendiert noch bezahlt worden war: Desillusionierung. Oder mit anderen Worten: Erwachsen-Werden.

Als Kind erscheint einem fast alles möglich. Je älter wir werden, desto mehr schärft sich unser Blick für die Realität. Bleibt zu fragen, ob das immer gut ist. Vielleicht verwischt zu viel Realität auch manchmal den Blick für das wirklich Wichtige?. Den Brieföffner jedenfalls habe ich immer noch. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, ihn jemals benutzt zu haben.

In diesem Sinne, was war in Eurer Wundertüte?

Schwarzwaldbier

2009-08-03Die heutige Jugend ist verdorben. Ich habe es ja immer gewusst, aber heute habe ich es mal wieder live miterleben müssen.

Sie wird so 16 Jahre alt gewesen sein. Ein wenig unsicher stand sie vor der Döner-Bude vor dem Bahnhofsvorplatz in Villingen und studierte den Kühlschrank in der hinteren Ecke des Ladens. Geduldig wartete der Mann hinterm dem Tresen darauf, dass das Mädel etwas sagte.

Die ließ sich allerdings Zeit und ihren Blick über den großen Stapel Tannenzäpfle-Flaschen schweifen. “Habt Ihr denn auch Becks”, wollte sie schließlich wissen, und guckte hilflos erst auf den Kühlschrank, dann auf den Mann hinter dem Tresen.

Der ignorierte ihren hilflosen Blick. Deutlich hörbar atmete er erst ein, dann aus und dann wieder ein. Mit lauter Stimme begann er schließlich zu sprechen: ”Also”, sagte er, “hier gibt es kein Becks, junge Frau, wir sind hier schließlich im Schwarzwald und nicht in Bremen.”

Dann drehte er sich zu mir und zwinkerte. “Und wenn man bei mir Becks kaufen könnte, dann würde ich sicher nicht öffentlich zugeben …”

In diesem Sinne, persönlich mag ich ja Jever …
In diesem weiteren Sinne, am Kiosk am Bahnhof gibt es weder Jever noch Becks …

DSDS

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Dieter Bohlen an meiner Tür klingelt. Er kann gar nicht anders, denn keine 50 Meter von meinem Balkon entfernt wird gerade die nächste Staffel Deutschland-sucht-den-Superstar gedreht (für Insider: “DSDS”).

Die beiden Mädels dürften so 15 oder 16 Jahre alt sein, und normalerweise treten sie am frühen Abend auf. Beeindruckend routiniert erobern sie dann die Bühne, die eigentlich nur ein Balkon ist, und begrüßen ihr Publikum, das vor allem aus meinen Nachbarn und mir besteht (Bohlen ist ja noch nicht da).

Meist singen sie Songs von Beyoncé. Manchmal geben sie aber auch Klassiker wie “Holding on for a Hero” zum Besten, was dann besonders dem schon etwas betagteren Herrn von schräg gegenüber gefällt. Meist gibt er zwar vor, in einem Buch oder einer Zeitschrift zu lesen, das leichte Wippen mit dem Bein kann er sich aber dennoch nicht verkneifen, wenn die Mädels den Bonnie Tyler-Klassiker nachträllern.

Ich würde den beiden den DSDS-Sieg ja schon wünschen. Andererseits finde ich es dann doch komisch, dass die Mädels sich ausgerechnet den Balkon gegenüber als Bühne ausgesucht haben. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wenn Dieter Bohlen wirklich an meiner Tür klingelt, ich würde ihn mit Sicherheit nicht in meine Wohnung lassen.

In diesem Sinne, sorry Dieter!