Rumsitzen

Wenn früher ein Indianer mit seinem Pferd auf eine Reise ging und nach mehreren Tagesritten irgendwo ankam, setzte er sich erstmal eine Weile ins Gras, bevor er sich vor Ort dem eigentlichem Zweck seiner Reise widmete.

Der Grund: nachdem sein Körper dank dem Pferd sehr schnell von A nach B gekommen war, wollte der Indianer nun seiner Seele die Gelegenheit geben, nachzukommen. 

Seit eineinhalb Monaten bin ich nun in Ravensburg, doch manchmal kommt es mir vor, als sollte auch ich mich einmal für einige Augenblicke ins Gras setzen.

Es ging schnell in den letzten Monaten: erst der einigermaßen überstürzte Wegzug aus Berlin, einige Tage Zwischenstopp in Wuppertal bei meinen Eltern, weiter nach Konstanz und dann, nach drei Wochen, der Wechsel hierher. Noch immer fehlt mir beim Schlendern durch die engen Gassen das Gefühl, nun hier zu Hause zu sein. Am heimischsten fühle ich mich interessanterweise in meinem Auto.

Das ist gleich doppelt seltsam: einerseits, weil ich den Wagen erst besitze, seit ich aus Berlin weggegangen bin. Zum anderen ist so ein Auto um einiges schneller als ein Pferd. Je mehr ich unterwegs bin, desto schwerer dürfte es also meiner Seele fallen, mich zu finden.

Andererseits: wenn ich mich schon ins Gras setze und warte, dann möchte ich das doch wenigstens mit guter Aussicht tun. Zum Beispiel mit Blick auf die Weinberge, die an vielen Stellen das Ufer des Bodensees säumen. Zum Beispiel wie oben auf dem Bild nahe Uhldingen-Mühlhofen. Dort war ich nämlich gestern. 

In diesem Sinne, Gruß vom Bodensee!

Die Mitte

In Berlin habe ich diese Frage immer gehasst: wo es denn zum Zentrum gehe. Bestimmt tausend Mal habe ich diesen Satz gehört, als ich noch als Nachtportier gejobbt habe. Dabei hat Berlin, um es noch einmal zu betonen, hat keine echte Mitte, sieht man mal von dem so heißendem Stadtteil ab – und der umfasst immerhin fast 40 Quadratkilometer. 

In Ravensburg ist das anders: meine neue Heimat kann zwar nur mit einem Siebzigstel der Einwohner der Hauptstadt aufwarten, hat aber dafür ein echtes Zentrum: wie eine Art bauchiger Schlauch ruht der Marienplatz zwischen Ober- und Unterstadt der Altstadt. Gesäumt von Cafés und Restaurants, dem Rathaus und dem Gericht bietet er das, was viele Berlin-Touristen in der Hauptstadt ob der leichteren Orientierung wohl gern gehabt hätten: eine echte Stadtmitte.

Ich gebe zu, ganz entziehen kann ich mich seinem Reiz nicht. Ein, zwei Stunden in einem der Cafés reichen, und die komplette Stadt ist mindestens zwei mal an einem vorbei gezogen – einmal ohne und einmal mit vollgepackten Einkaufstüten. Insbesondere Samstags scheint sehen und gesehen werden ohnehin das Motto der Ravensburger zu sein. Die ganze Stadt flaniert dann artig herausgeputzt und mit sicherem Schritt durch die engen Gassen rund um den Marienplatz, bloß um letztlich doch immer wieder auf selbigen zu landen. Das hat schon was.

Zumindest am letzten Samstag habe ich mich, wie ich so am späten Nachmittag in einem der Cafés auf dem Marienplatz saß und ein kaltes Weizenbier genossen hab, dann aber doch für einen Moment an Berlin erinnert gefühlt. Der Grund war ein Mann, der nach kurzem Zögern an meinen Tisch trat. Ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufen würde, wollte er wissen.

Komisch, eigentlich, denn eigentlich gibt es so etwas hier gar nicht. Aber vielleicht habe ich das alles ja auch bloß geträumt. 

In diesem Sinne, viel Spaß beim Aufwachen!

Spiegelschrift

Der Termin war schuld. Seinetwegen bin ich letzte Woche früher zur Arbeit gefahren als sonst. Seinetwegen bin ich eine halbe Stunde früher aus meiner kleinen Straße auf die etwas größere Straße abgebogen. Wie immer war die Ampel, die ein paar hundert Meter weiter den Verkehrsfluss zu der noch größeren Straße regelt, rot. Wie immer habe ich angehalten.

Vor mir an der Ampel stand ein blauer Peugeot. Dessen Kennzeichen war vermutlich aus den Initialen und dem Geburtsjahr der Fahrerin zusammengesetzt. Das vermute ich jedenfalls. Dabei wäre mir das wohlmöglich gar nicht aufgefallen, hätte ich nicht zufällig und noch etwas müde durch meine Windschutz- und durch die fremde Heckscheibe in den ebenfalls fremden Innenspiegel geguckt. Darin reflektiert konnte ich zunächst ein paar Augen, dann eine Nase und später noch einen Mund erkennen. In dieser Reihenfolge.

Ein Gesicht, dass sich direkt als Ganzes präsentiert, kann durchaus interessant sein. Eines, dass man von vornherein nur Stück für Stück offenbart bekommt, ist in jedem Fall interessant. Zum ersten Mal hat mich jedenfalls gestört, dass die Ampel, die den Verkehrsfluss zu der noch größeren Straße regelt, immer recht schnell auf grün schaltet. 

Ein paar hundert Meter rollte ich noch hinter der Frau her, die zwar ihr Gesicht nur nach und nach offenbart, ihr Geburtsjahr dafür aber auf dem Autokennzeichen spazieren fährt. Dann bog sie links in Richtung Ulm ab. Ich dagegen fuhr weiter geradeaus in Richtung Innenstadt.

Einerseits fand ich das nicht wirklich schlimm. Die Frau im Wagen vor mir war, zumindest wenn das Kennzeichen die Wahrheit sprach, etwas jung. Auch rauchte sie, was mich zwar grundsätzlich nicht stört, was aber, durch eine Windschutz- und eine Heckscheibe im Innenspiegel betrachtet, irgendwie fies aussieht.

Positiv überrascht war ich trotzdem, als ich zwei Tage später wegen des selben Termins (bzw. der Fortsetzung des selben) wieder früher zur Arbeit fuhr: die selbe Ampel, das selber Kennzeichen, das selbe Gesicht im Innenspiegel.

Ich habe keine Ahnung, ob sie mich erkannt hat. So ganz wegschieben konnte ich den Gedanken aber nicht: vielleicht sollte ich nächstes Mal einfach eine Minute eher losfahren. Dann würde ich an erster Stelle an der Ampel stehen, die den Verkehrsfluss zu der größeren Straße regelt. Alleine schon, um selber einmal das Gesicht im Innenspiegel zu sein. Scheint ja attraktivitätssteigernd zu wirken.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Drogenstadt Ravensburg

Manchmal fehlt mir der Puff im Vorderhaus. Auch der “Darkroom” schräg gegenüber meines alten Wohnhauses in Berlin hatte einen gewissen Charme. Selbst wenn ich nie auf die Idee gekommen wäre, dort hinein zu gehen, so verbreitete er doch dieses Großstadtflair: Jeder soll nach seiner Fasson glücklich oder zumindest befriedigt werden.

Man mag es Ignoranz nennen, ich jedenfalls mochte dieses anonyme aneinander vorbei Leben.

Ravensburg ist da natürlich anders. Schon wegen meines (noch) fremden Kennzeichens falle ich auf. Auch meine Vermieter wissen in der Regel, ob ich zuhause oder unterwegs bin. Qua meines Berufs werde ich nicht immer, aber immer öfter erkannt, zumindest wenn es um offizielle Stellen geht. Mir geht es nicht anders: laufe ich an einem Samstag über den Marienplatz im Stadtzentrum erblicke ich mittlerweile zumindest dann und wann bekannte Gesichter.

Anonym kann man hier schwerlich leben, das habe ich schon in der ersten Woche zu spüren bekommen, als mich eine neugierige Nachbarin ausgefragt hat. Wie beruhigend ist es da, dass Ravensburg doch nicht ganz so unschuldig ist, wie es immer tut.

Gleich zwei mal war ich letzte Woche im Landgericht, um von einem Prozess gegen einen vermeintlichen Großdealer zu berichten. Haschisch, Koks, Heroin, Pillen, Speed, das ganze Programm eben, soll der 33-Jährige vertickt haben. Vor allem mit kleineren Dealern soll er Geschäfte gemacht und dabei mehrere zehntausend Euro Gewinn eingefahren haben.

Schon irgendwie beruhigend, dass auch hier nicht alles so brav und friedlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

In diesem Sinne, viele Grüße aus dem Drogensumpf Ravensburg!

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