Kopfkino

Theoretisch ist alles logisch, ganz klar das Bild vor dem inneren Auge. Die Wirklichkeit ist trotzdem meilenweit davon entfernt. Meine Ex-Freundin hat das “Kopfkino” genannt. Auch wenn der Begriff nicht neu ist, sie hat ihn für mich geprägt.

Es ist gefährlich, wenn zwei Leute ihre Gedanken auf diese Art von der Leine lassen. Wenn der Kopf weiterdenkt, ausgehend von einer Idee, die nicht mal richtig sein muss. Plötzlich tauchen Schlüsse auf, die zwar logisch, aber längst nicht richtig sein müssen. Um so dramatischer wird das, wenn vielleicht nicht mal die Anfangsprämisse richtig war. Dann hat man einen großartigen Turm voller Gedanken aufgebaut, dessen Fundament im Prinzip aus bloßer Luft besteht.

Beobachte ich mich selbst aus Sicht eines TV-Kommissars, der ein Verbrechen aufzuklären hat und deswegen logische Zusammenhänge in meinem Handeln sucht, um mich zu be- oder zu entlasten – er würde schnell enttäuscht. Zu oft mache ich Dinge, die völlig unlogisch sind.

Ich gehe einen Umweg, den ich weder mir noch sonst irgendwem erklären kann. Ich treffe Entscheidungen, meist im Kleinen, die sich unter rationalen Gesichtspunkten nicht begreifen lassen. Kurz: jeder Drehbuchschreiber würde verzweifeln, weil ich seine Beweisführung andauernd zu nichte mache mit Handlungen, die keinen dramaturgisch-logischen Ausgangspunkt haben.

Zugleich erwische ich mich aber auch immer wieder dabei, wie ich anderen diese Irrationalität abspreche. Zu oft bastel ich an meinen geistigen Kinofilmen, um mir das Verhalten anderer Menschen zu erklären. Gefährlich natürlich besonders, wenn mein Kopfkino dann sogar mein Handeln steuert. Dabei weiß ich doch: egal wie gut am Ende alles zusammen passt, was ich mir ausmale, letztlich kommt und war es doch ganz anders. Das Leben ist nun einmal nicht logisch – und funktioniert erst recht nicht nach Drehbuch.

In diesem Sinne, öfter mal den Fernseher ausschalten!

Bewusst verschollen

Es gibt Menschen, die verschwinden einfach. Ich meine nicht, das klassische Zigaretten-holen-gehen und nie wieder auftauchen. Im Gegenteil, die meisten dieser Leute wären wohl leicht wieder aufzuspüren. Oft sind sie nur einen Anruf entfernt, oder man hat sogar irgendwo noch eine Adresse stehen. Selbst wenn nicht, würden Google, StudiVZ, Facebook und Co die Suche leicht machen. Doch man sucht nicht.

Ich habe eine ganze Reihe sehr guter Freunde, die ich zum Teil sehr selten sehe. Selbst Telefonate und Emails sind selten. Trotzdem funktioniert es, zum Teil schon seit gefühlten Ewigkeiten. Andere Leute waren mir einmal sehr nahe und sind dann, plötzlich oder nach und nach, wieder aus meinem Leben verschwunden. Manchmal gab es einen Anlass, nicht selten war gekränkte Eitelkeit im Spiel, in einigen Fällen weiß ich nicht mal, woran es gelegen hat, dass wir uns aus den Augen verloren haben. Oft ist es eigentlich schade.

Trotzdem denke ich, dass es wohl nur so funktioniert. Im Laufe seines Lebens lernt man immer wieder neue Menschen kennen. Manche kommen einem näher als andere, einige werden sogar irgendwann zu Freunden. Man investiert, Gefühle etwa und nicht zuletzt Zeit. Gerade die ist aber begrenzt. Dann wieder driften einfach die jeweiligen Lebenswelten immer weiter auseinander, und man muss irgendwann feststellen, dass man sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen hat.

Dass das vielleicht gar nicht immer schlecht ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich einen alten Freund, eine alte Freundin in einem der zahlreichen Netzwerk-Seiten wieder findet (oder wieder gefunden wird). Man ist sich fremd, selbst wenn einem das Gesicht im anfänglichen Überschwang noch so vertraut erscheinen mag. So ist es zumindest meistens, glaube ich.

Trotzdem bin ich bei manchen Menschen traurig, dass sie sich irgendwie aus meinem Leben geschlichen haben. Besonders, wenn sich mir der Grund für dieses bewusste Verschollen-sein partout nicht einfallen will. Habe ich etwas falsches gesagt oder getan? Passte es einfach nicht mehr? Vielleicht werde ich das nie erfahren. Aber vielleicht gibt es auch Menschen, die irgendwann keinen Platz mehr in meinem Leben hatten, ohne dass sie jemals wirklich begriffen haben, warum.

In diesem Sinne, ruhig auch mal vom Zigaretten-holen wiederkommen!

Weißes Papier

Das Ende einer Beziehung ist selten schön. Aber muss ich deswegen gleich die Katze der Ex ausschütteln, “bis alles herausfällt, was sie jemals aus meiner Hand fraß“?

Sven Regener sieht das so. Es sind die ersten Zeilen des mittlerweile 14 Jahre alten Element of Crime Songs “Weißes Papier” (und nebenbei ein Lieblingslied meines besten Freundes). Das Lied lässt offen, wer wen verlassen hat, im Vordergrund steht der Wunsch, sich von allem zu trennen, was in irgendeiner Form mit der Beziehung in Verbindung gebracht werden kann – und zwar für beide Seiten: “Nichts soll dir boese Erinnerung sein, verraten, was ich dir gewesen bin.” Am liebsten, bekennt der ich-Erzähler des Liedes, wäre er wieder so “rein und dumm wie weißes Papier.”

Melancholisch-komisch wird in dem Lied beschrieben, wie jemand krampfhaft alles meidet, was ihn mit der Person verbindet, der er anscheinend einmal nahe war. Statt von Tellern wird nun vom Fußboden gegessen und selbst der Blick aufs Meer ist kontaminiert mit Erinnerungen. Am liebsten, heißt es in der letzten Strophe, wäre der Ich-Erzähler Astronaut und flöge zu sternen, wo “nichts vertraut und versaut durch die Berührung von Dir” sei.

So ironisch angehaucht das alles formuliert ist, zwischen den Zeilen scheint zugleich eine trotzige Hoffnung durch. Das Ende einer Beziehung ist schmerzhaft, zugleich wohnt dem aber auch immer eine Befreiung inne. Ein Motiv, das bei “Weißes Papier” am Rande auftaucht und mehr als zehn Jahre später in “Delmenhorst” erneut aufgegriffen wird: “Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst. Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut; und wo zu sein, wo du nie warst.”

Es mag sich schlimm anhören, aber ich kann das sehr gut nachvollziehen. Das Ende einer Beziehung ist fast immer schmerzhaft und hinterlässt unter Umständen große Flecken auf dem früher einmal weißen Papier. Doch auch wenn diese Flecken nie ganz verschwinden, so verblassen sie doch mit der Zeit. Rückblickend stellt man dann irgendwann fest, dass es unter Umständen tatsächlich die beste Lösung war, einen Punkt zu machen und an anderer Stelle weiter zu schreiben. Dass das Ende traurig, aber auch befreiend war.

Wohl keiner ist ein wirklich unbeschriebenes Blatt oder wird es jemals wieder sein. Da hilft auch das energischste Schütteln von Haustieren nicht. Andererseits ist das vielleicht auch ganz gut so: der absolute Neuanfang mag in der Theorie reizvoll klingen, aber will man in der Praxis wirklich auf all die bisher gemachten Erfahrungen verzichten?

Ich will nicht sagen, dass ich auf alles stolz bin, was so auf meinem Blatt Papier angesammelt hat. Andererseits ist es aber nun mal ein Teil von mir. Ohne die Flecken wäre ich nicht ich.

In diesem Sinne, verschont die Katzen!

Herzliches Beileid

“Die Kids heute sind komisch”, sagte die Frau, “meine Älteste wird nächste Woche 20 und es würde mich nicht wundern, wenn ihre Freunde Ihr statt Herzlichen Glückwunsch nur Mein Beileid wünschen. Die tun heutzutage ernsthaft so, als wären sie uralt und ihr Leben zu Ende, wenn aus der eins eine zwei wird.” – “Die sind komisch heute”, entgegnete ihre Freundin, “was wollten die denn dann machen, wenn Sie 50 werden?”

Ich habe mir dieses Gespräch nicht ausgedacht, es hat tatsächlich so stattgefunden. Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein, als ich die beiden Damen in der Wuppertaler Buchhandlung “Nettesheim” miteinander reden hören hab. Ich war damals selber gerade 18 geworden war und hatte noch zwei Jahre Zeit, bis mir die ersten Beileidsbezeugungen drohen würden. Trotzdem habe ich den Dialog notiert. Vielleicht weil ich einfach wissen wollte, ob es mir ähnlich gehen würde.

Aus gegebenen Anlass – ich habe morgen Geburtstag – denke ich gerade wieder über das älter-Werden nach. Gleichmal vorweg: so schlimm, dass ich auf Beileidskarten hoffe, ist es nicht. Trotzdem grübel ich gerade über das Eine oder Andere. Etwa über das, was ich schon in Urlaub vs. Leben und in Anfänge angerissen habe: je weiter man kommt, desto schwerer fällt die Umkehr, der Neuanfang und sogar der Richtungswechsel. Je mehr Zeit man hinter sich lässt, desto weniger bleibt vor einem übrig.

Während die Restzeit schwindet, wächst zugleich der Berg der Erinnerungen (was jetzt nicht so pessimistisch gemeint ist, wie das Wort Restzeit vielleicht impliziert, ich hoffe nämlich durchaus, noch ein paar mehr Jahre vor mir zu haben). Das Komische ist, dass ich schon jetzt das Gefühl habe, als sei dieser Berg mindestens ein kleiner Mount Everest – wie wird das erst sein, wenn ich wirklich einmal alt bin? Verschwimmen dann nicht mehr die Jahre in meinem Gedächtnis, wie sie es jetzt schon manchmal der Fall ist, sondern die Jahrzehnte?

Ich bin ehrlich gesagt gespannt und auch ein wenig in Sorge.
Kann man das Gefühl haben, gelebt zu haben, wenn man sich nicht mehr richtig daran erinnern kann?

In diesem Sinne, immer ordentlich alles aufschreiben!

Unendliche Dummheit

Es wäre wohl etwas banal, diesen Eintrag mit dem bekannten Einstein-Zitat zu beginnen, in dem der Physiker zwei Dinge nennt, die er für unendlich hält: das Universum und die menschliche Dummheit. Nichts desto trotz muss ich ihm bezüglich der menschlichen Dummheit leider recht geben: die scheint wirklich nicht begrenzt. Dabei ist es wahrscheinlich oft nicht mal wirklich die Beschränktheit des Geistes an sich, die mich nervt. Vielmehr ist es die Faulheit, sich zumindest hin und wieder des eigenen Denkapparates zu bedienen.

Ich war vorhin einkaufen. Viel brauchte ich nicht und wollte daher nur schnell in den Plus im Erdgeschoss der Schönhauser Allee Arcaden rein springen. Wie üblich staute es sich auf der Rolltreppe nach unten, was nicht weiter schlimm ist, da die sich ja ihrer Natur gemäß automatisch bewegt und man so oder so irgendwann unten ankommt. Der offensichtliche Knackpunkt: am Ende der Treppe muss man wieder mit eigenständigen Gehbewegungen beginnen.

Die meisten Menschen kennen Rolltreppen und schaffen das ganz gut. Leider nicht alle. Die kleine Gruppe vor mir, vier oder fünf Leute, alle Anfang 20, blieb nämlich erstmal stehen. Keine böse Absicht, sicher nicht. Zudem hab es einen Grund für den plötzlichen Stopp, nämlich die äußerst wichtige und unaufschiebbare Diskussion, was man heute kochen würde, und welche Zutaten dafür noch einzukaufen seien.

Wie die vier oder fünf da so standen und debattierten beförderte die Rolltreppe jedenfalls unnachgiebig weitere Leute nach unten, inklusive mir. Da besagtes Grüppchen offensichtlich keine Zeit hatte, über die Tücken dieser modernen Technik nachzudenken und entsprechend auch keinen Handlungsbedarf respektive Notwendigkeit sah, zur Seite zu gehen, entstand nach und nach ein Knubbel aus Menschen. Dieser gewann schnell an Größe und vermochte sich erst wieder aufzulösen, als jemand die Gruppe auf breitem Berlinerisch freundlich anfauchte: “Was’n dette?” und dann unsanft zur Seite stieß.

Manch einer mag sich nun fragen, wieso ich solch einer Alltäglichkeit inklusive gleich drei Absätze widme. Der Punkt ist aber, dass es nicht nur eine Situation wie diese gibt, sondern tagtäglich unendlich viele. Und in der Masse nerven sie! Gar nicht unbedingt, weil ich so statt einer Viertelstunde geschlagene 16 Minuten für meinen Einkauf gebraucht habe, damit kann ich leben. Ich kann nur nicht nachvollziehen, wie denkfaul viele Menschen durch die Welt spazieren.
Leute, die aus der Bahn steigen und erstmal stehen bleiben, um sich umzugucken, anstatt zumindest zunächst einen halben Schritt zur Seite zur machen, damit noch mehr Leute den Zug verlassen können. Müttergruppen, die ihre Kinderwägen in lang gestreckten Dreierformationen vor sich her schieben, nicht weil sie den kompletten Bürgersteig blockieren wollen, sondern schlicht weil sie nicht auf die Idee kommen, dass sie eben das damit tun. Touristen, die für 9 Euro ein “mixed dorm” buchen und dann schockiert sind, dass in dem Zimmer noch andere Leute schlafen. Menschen, die lieber fünf Minuten an einer Tür rütteln, bevor sie das Schild lesen, dass “heute geschlossen” ist. Unendliche Dummheit oder bloß menschliche Bequemlichkeit?

Es ist übrigens nicht mal sicher, ob Einstein seinen berühmten Satz wirklich gesagt hat, ganz falsch ist der gern zitierte Ausspruch aber sicher nicht: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

In diesem Sinne, frohes Denken!

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