Monthly Archive for July, 2007

Kreisfahrt

Es ist schon eine Weile her, da ging ein (kleiner) Aufschrei durch die Berliner Presse: an einem Berliner Bahnhof hatte die Polizei eine Ansammlung von mehreren hundert “Ringsäufern” aufgelöst, die eine S-Bahn gestürmt und zum Partyzug umgewandelt hatten – offenbar nicht zur Freude der anderen Fahrgäste. Die Party wurde beendet und diverse Anzeigen geschrieben.

Freilich ist das nicht immer so. Normalerweise mag ich die Ringbahn, was auch damit zusammen hängt, dass ich direkt an ihr wohne. Auf einer Strecke von 37,5 Kilometern umrunden die S-Bahnzüge der Linien 41 und 42 die Innenstadt, halten dabei an 28 Bahnhöfen und bringen mich (meist) zuverlässig zu den passenden Anschlusspunkten, um Freunde in Friedrichshain und Kreuzberg zu besuchen, um zur Arbeit oder auch zur Uni oder zur Staatsbibliothek zu kommen.

Doch das ist der praktische Aspekt. Nebenbei ist die Ringbahn ein großartiger Unterhalter. Gerade die etwas sonderbaren Menschen scheinen von den gelb-roten-Züge magisch angezogen. Besonders auffällig ist dies am frühen Abend. Gewöhnliche Büromenschen auf dem Weg nach Hause mischen sich dann mit sechsfachen Müttern in den frühen Zwanzigern, Verkäufer von Obdachlosenzeitungen mit ganz gewöhnlichen Irren, die einfach nur in Ruhe den Weltuntergang verkünden möchten, dabei aber immer wieder von den grölenden Teenies mit Becks-Gold-Flasche unterbrochen werden.

Ich gebe zu, gerade nach einem entspannten Abend irgendwo in einer schönen Kneipe in der Sonntagsstraße am Ostkreuz gibt es manchmal nichts besseres, als einfach nur das Treiben in den nie leeren Wagons der Ringbahn zu beobachten.

In diesem Sinne, frohes Kreisfahren!

Geschenkt verschenkte Tage

Heute habe ich kein Zeitgefühl.
Erst habe ich mich nach der Nachtschicht mit der Kollegin von der Frühschicht festgequatscht. Als ich gegen zehn zu Hause war, konnte ich erst nicht einschlafen, dann hat das mit dem Ausschlafen nicht funktioniert. Zwar stelle ich mir ohnehin nach der Nachtschicht normalerweise den Wecker, damit ich nicht erst am Abend wieder aufzuwache und nach dem Frühstück direkt wieder ins Bett gehen kann.

Allerdings wache ich meist schon vor dem Weckerklingeln wieder auf. Heute fand dieses von-selbst-Aufwachen allerdings besonders früh statt, gegen kurz nach zwei oder, anders gezählt, nach knapp drei Stunden Schlaf. Das ist wenig, noch weniger ist es allerdings, wenn man die Nacht davor nicht geschlafen hat.

Schlimm finde ich es trotzdem nicht. Das Schöne ist nämlich, trotz Nachtschicht hatte ich so noch beinahe einen ganzen Tag übrig.

Der Nachteil: wirklich viel habe ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich habe gefrühstückt und mich wieder mal gefreut, dass es in Berlin gleich mehrere Sonntagszeitungen gibt. Ich habe im Internet gesurft und die Simpsons geguckt. Ein paar Mal habe ich das Dokument “Masterarbeit.docx” geöffnet, dass recht prominent in der Mitte meines Desktops liegt, freilich ohne wirklich weiter zu kommen.

Ich habe gechattet, habe mir was zu Essen gemacht und nun überlege ich, ob ich nachher noch wach genug bin, jemanden zu treffen, der heute Nacht erst recht spät aus London zurück kommt. Kurz: lauter Dinge, die nicht wirklich produktiv sind oder gar sinnbehaftet, aber schön.

Über die Müdigkeit im herkömmlichen Sinne bin ich weg, statt dessen fühle ich mich angenehm ruhig und herrlich entspannt. Ich weiß, dass morgen neben einer weiteren Nachtschicht allerlei Zeugs darauf wartet, erledigt zu werden.

Aber nicht heute. Heute ist geschenkt und heute darf ich verschenken, vertrödeln und die der Müdigkeit geschuldete Entspannung genießen.

In diesem Sinne, frohes Ausruhen!

Auf beiden Augen blind

Die gute Nachricht vorweg: diesmal keine Nackten an der Rezeption. Trotzdem habe ich heute Nacht quasi blind gearbeitet. Der Grund war ein totaler Serverausfall – vier Stunden lang kein Zugriff auf das Buchungssystem. In der Praxis bedeutet das: ich weiß nicht, in welches Zimmer ich die anreisenden Gäste schicken soll, ich kann nicht mal überprüfen, ob deren Buchungen überhaupt existieren oder wie viel sie dafür zahlen müssen. Ich habe keine Ahnung, wo noch Betten frei sind und wo nicht und neue Reservierungen kann ich auch nicht eingeben.

Aber von vorne: als ich um elf meine Schicht angefangen hatte, waren noch zehn oder zwölf Anreisen offen. Relativ viel für die Zeit und leider entschied sich auch gut als die Hälfte davon, mehr oder minder zur gleichen Zeit anzukommen. Gegen halb ein Uhr nachts war der Rezeptionstresen also entsprechend voll mit Backpackern aus aller Herren Länder, die voll Vorfreude auf ein kaltes Bier und/oder ein warmes Bett Meldezettel ausfüllten, ihre Rechnung bezahlten und dann von mir im Gegenzug eine Pappkarte mit einer Zimmernummer und eine Plastikkarte zum Öffnen der zugehörigen Zimmertür in die Hand gedrückt bekamen. Verbunden mit dem obligatorischen Sermon aus “Breakfast starts at”, “Check out until” usw. (natürlich freundlich verpackt und immer ein wenig anders erzählt).

Die ersten vier Grüppchen waren auch kein Problem, schwierig wurde es bei Anreise Nummer fünf und sechs. Der Computer bockte. Weder ließ sich die Rechnung aufrufen, noch sonst irgendwas. Statt dessen: völlige Schockstarre auf dem Monitor. Wohl aus einer dunklen Ahnung raus hab ich mir noch schnell die Zimmerzuordnungen der noch offenen Anreisen aufgeschrieben, zumindest die auf der Bildschirmseite sichtbaren, dann war auch schon alles vorbei. Totalausfall.

Es folgte eine wilde Telefonkonferenz:
Anruf Berlin 1 an Berlin 2 (“Geht bei Dir auch nix mehr?”), Anruf Köln an Berlin 2 (“Da geht übrigens gar nix mehr”) bis zur persönlichen Visite der EDV-Spezialistin (“Erstmal geht da jetzt gar nix mehr”) und dem verzweifelten Berlin 2 an Berlin 1 (“Sag mal, geht da immer noch nix?”).

Kurz und gut: es war eine spannende Nacht, zumindest bis der Server gegen vier endlich wieder zum Leben erwachte. Fast wie ein Flug nach Instrumenten ohne Instrumente. Naja, bis auf die Kleinigkeit, dass die Piloten eben nicht nebenbei noch Bier verkaufen müssen. Und natürlich dass so ein Hostel in der Regel nicht fliegt. Zumindest noch nicht. Wer weiß was bei der nächsten Nachtschicht passiert.

In diesem Sinne, wohl bekomms!

Die Eitelkeit des Journalisten

Ich behaupte: Journalisten sind eitel. Und ich nehme mich da nicht mal aus. Vor einiger Zeit, im Rahmen eines Studi-Jobs bei einer Kommunikationsagentur, habe ich mal einen längeren Artikel als Auftragsarbeit für jemand anderen geschrieben. Zwar war mir klar, dass der Artikel nicht unter meinem Namen veröffentlicht werden würde, als ich dann aber das gedruckte Heft in der Hand hielt und einen fremden Namen über meinem Artikel gesehen habe, war das schon ein fieser Stich ins Ego.

In meinem letzten Posting habe ich etwas zum Thema Karriere geschrieben. Es stimmt, ich halte Karriere für zweitrangig. Trotzdem kann ich mich nicht ganz von dem Streben danach freisprechen. Entschuldigend kann ich da nicht mal mein Motiv anführen: Eitelkeit. Ich will gelesen werden. Ich möchte, dass Leute meine Fotos angucken und meine Artikel auch und nicht zuletzt lesen, weil sie von mir sind. Und das funktioniert eben nur, wenn man sich einen gewissen Namen, eben Karriere gemacht hat.

Ich weiß noch, wie unglaublich stolz ich war, als ich ausgewählt wurde, für die damals noch existierende Zeitschrift “Luftwaffe” (wo ich meinen Wehrdienst abgeleistet hab) kurz nach Kriegsende für zwei Reportagen in den Kosovo zu fliegen. Ja, ich bin mir unglaublich wichtig vorgekommen.

Dieses Wichtig-Fühlen wurde aber recht schnell von einem anderen Gefühl verdrängt: dem Wunsch mitzuteilen, was ich sehe. Schließlich war ich vor Ort, konnte mit eigenen Augen sehen, was den meisten Menschen vorenthalten blieb. Konnte von den Kindern zu erzählen, die den Soldaten fröhlich zugewunken haben, aber auch von den serbisch-stämmigen Kosovaren, die uns mit Steinen beworfen haben. Von den unzähligen Minenwarnschildern, die das Landschaftsbild prägten oder dem Kleinwagen, der in einem Affenzahn auf einen Militärstützpunkt zuraste, den Kofferraum aufriss und daraus wie selbstverständlich aktuelle CDs, natürlich allesamt selbst gebrannt, hervor zog und an die Soldaten verkaufte. (Gut, heute würde man eine Bombe in dem Auto vermuten, zu der Zeit war der 11. September aber noch fast zwei Jahre entfernt.)

Plötzlich trat also das Ich zurück, und dem Erlebten gehörte die Bühne.

War dies aber Ende der Eitelkeit?
Sicher nicht! Eigentlich war es nun nur um so wichtiger, dass ich es war, der das alles aufschreiben durfte.

In diesem Sinne, frohes Ego-kraulen!

Karriere

Robert Kennedy, der jüngere Bruder von John F., wollte ursprünglich Priester werden. Als er mit dem Wunsch zu seinem Vater Joseph kam, überlegte der einen Moment, dann sagte er: “OK Bob! Es wäre ganz schön, einen Papst in der Familie zu haben.”

Im Oktober werde ich 28 Jahre alt. Wenn alles klappt, habe ich bis dahin meinen Master erfolgreich abgeschlossen. Größenwahnsinnig wie ich bin, habe ich mich unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung beworben. Wäre eben schon großartige, für eine Zeitung solchen Kalibers zu schreiben.
Auch in meinem Freundeskreis haben in den letzten Monaten einige Leute ihr Studium abgeschlossen oder schließen es bald ab. Einige sind auf Jobsuche, andere promovieren oder haben gerade zu arbeiten angefangen, wieder andere sind gerade sogar schon dabei, sich beruflich wieder neu zu orientieren.

Das ist in so fern angenehm, weil ich mir nicht mehr so sehr wie ein Exot vorkomme. Nicht wie vor dreieinhalb Jahren, als ich meinen Bachelor in der Tasche hatte und einige Monate gearbeitet habe, um mir meine Weltreise zu finanzieren, während das Gros meiner Freunde, Diplom, Magister und Lehramtsstudenten halt, zur Uni ging, über Scheine, Klausuren und Hausarbeiten diskutierte, während mir das alles schon so unendlich weit weg vorkam (vielleicht war ich auch ein wenig neidisch, denn ich habe eigentlich immer gerne studiert).

Jetzt steht wieder ein Abschluss vor der Tür. Ich gebe zu, ich finde das ein wenig unheimlich. Es steht (erstmal) keine größere Reise an, statt dessen muss ich eigentlich schon aus versicherungstechnischen Gründen schnell einen Job finden. Doch muss ich gleich anfangen, Karriere zu machen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns am Ende nicht an die beruflichen Erfolge und die vermeintlichen großen Dinge erinnern, die wir geleistet haben.
Sollten wir tatsächlich die Gelegenheit haben, den Tod vor Augen auf unser Leben zurück zu gucken. Vielmehr werden uns wohl vermeintliche Kleinigkeiten durch den Kopf gehen: Menschen, die uns etwas bedeutet haben, Orte die wir gesehen haben. Ist es da nicht eigentlich komisch, dass so viele von uns so energisch nach etwas streben, selbst wenn sie wissen oder ahnen, wie unwichtig das letzten Endes sein wird?

Ob Robert Kennedy zu einem Rückblick wie oben beschrieben in der Lage war, weiß ich nicht. Im Juni 1968 hatte er gerade die Vorwahlen in Kalifornien gewonnen und war einer der aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, als er in einer Hotelküche von mehreren Kugeln getroffen wurde. Wenige Stunden später starb er in einem Krankenhaus. Robert Kennedy wurde 43 Jahre alt.

Hör mal wer da hämmert

Mein Nachbar renoviert. Seit Wochen. Seit er eingezogen ist, eigentlich. Er tut das nicht täglich, aber schon recht regelmäßig und mittlerweile so lange, dass ich mich frage, in welchem Zustand die Wohnung gewesen sein muss, als er sie übernommen hat.

Ich weiß, dass dort vorher eine Familie mit mindestens zwei, vielleicht auch drei Kindern gewohnt hat (durch die Wand klingen ja alle Kinderstimmen gleich, außer vielleicht es sind die eigenen Kinder, aber das kann ich noch nicht beurteilen). Als die schließlich ausgezogen sind, war ich schon ein wenig erleichtert. Endlich kein Kindergekreische mehr und auch das regelmäßige Streiten der Eltern konnte gerade im Sommer ganz schön nerven, wenn sowohl ich als auch die ihr Fenster auf hatten und ich quasi live dabei war.

Mein neuer Nachbar streitet nicht, jedenfalls nicht, dass ich es bis jetzt mitbekommen hätte. Er hat auch keine Kinder, zumindest keine, die ebenfalls dort wohnen. Mein neuer Nachbar hat einen Hammer. Und den benutzt er. Seit kurz nach sieben heute morgen. Anfangs klang es so, als hätte er einen Schrank zusammen gebaut und würde nun die Pressholzrückwand festnageln: ein fester und dann eine schnelle Folge kurzer, leichterer Schläge, die am Ende wieder fester werden.

Allerdings liegen so einem normalen Schrank höchstens 20 oder 30 Nägel bei und in einer normalen Wohnung stehen doch keine 50 Schränke, oder? Außerdem bewegen sich die Hammerschläge. Waren sie anfangs noch direkt an der Wand (unsere Wohnungen liegen nebeneinander, meine im Seitenflügel, seine im Vorderhaus), sind sie mittlerweile irgendwo in ein Hinterzimmer gewandert. Auch der Rythmus hat sich verändert.

Vielleicht verlegt er nun Boden? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich mal fragen, ob ich helfen kann? Damit es schneller geht, meine ich. Ich könnte dazu auch gleich meine Nachbarin von oben mitnehmen. Die ist gerade nach Hause gekommen und hat zwar keinen Hammer, ist dafür aber eine sehr ambitionierte Sängerin …

In diesem Sinne, frohes Klopfen!

Meine Stadt?

Ich war heute beim Friseur. Eigentlich keine große Sache, ich bin da recht unkompliziert (“etwas kürzer bitte”). Genau so wie der Friseursalon, in den ich normalerweise gehe: eine umgebaute Erdgeschosswohnung mit hohen Decken, Stuck und lauter, englischer Musik. Statt mit Termin kommt man einfach, wann einem danach ist, fläzt sich auf eines der beiden Sofas und wartet, bis man dran kommt. Trotzdem habe ich heute kurz gestutzt: “Ich habe Dich heute morgen in der Bahn gesehen”, bemerkte eine der Friseurinnen, während sie mir die Haare wusch, “in der U2, Du sahst müde aus.”

Das kann gut sein, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich heute nach der Nachtschicht noch mit einer Kollegin im Hostel gefrühstückt. Als ich gegen halb zehn nach Hause gefahren bin, sah ich sicher nicht mehr all zu fit aus. Doch das ist nicht der Punkt: was bedeutet es, wenn man in einem Laden, in den man alle zwei Monate geht, wieder erkannt wird? Und das in Berlin, einer Großstadt, und die sind schließlich für Ihre Anonymität bekannt.

Ich wohne nun seit beinahe zwei Jahren hier. Vom Sehen kenne ich die Kassierinnen in “meinem” Lidl und die Verkäuferin in der Bäckerin um die Ecke hat sich mein Gesicht zumindest so weit eingeprägt, dass sie manchmal einen kurzen Plausch mit mir wagt. Auf dem Sportplatz beim Joggen erspähe ich immer wieder bekannte Gesichter, die sich für mich als Wiederholungstäter angenehm von all den einmal und nie wieder Gut-Wetter-Läufern abheben. In einigen Ladenlokalen in der Umgebung eröffnen nun schon zum dritten Mal neue Geschäfte und selbst im Innenhof meines Hauses erlebe ich nach dem tragischen Umfalltod des alten Baumes nun das Heranwachsen eines Neuen. Kurz: Berlin hat für mich mittlerweile eine Vergangenheit, die sich immer mehr mit meiner eigenen Vergangenheit verknüpft.

Doch wann wird eine Stadt wirklich zur eigenen Stadt?
Ich erinnere mich, als ich während meiner Südamerika-Tour zum zweiten Mal nach Buenos Aires gekommen bin. Es war eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp, um dann weiter nach Santiago de Chile zu fahren. Auch vorher war ich nur mal eine Woche dort gewesen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde ich nach Hause kommen. Vielleicht, weil ich zu der Zeit mit einer argentinisch-stämmigen Australierin gereist bin und schwer verliebt war, möglicherweise auch einfach nur, weil ich meine Reise in Buenos Aires gestartet hatte und entsprechend positive Erinnerungen an den Ort hatte. Ich kannte allerdings sicher keine Bäckereifachverkäuferinnen dort und gejoggt bin ich in Buenos Aires auch nie, trotzdem war das in diesem Moment einfach “meine Stadt”.

In diesem Sinne, frohes Städte finden!

Nackt

Ich mag keine Schirme und Schirme mögen mich nicht. Sie gehen kaputt, fliegen weg oder liegen im Schrank, wenn ich draußen im Regen stehe. So war es heute, denn offensichtlich mag mich das Wetter auch nicht. Kaum habe ich Feierabend, fängt es an zu Gewittern. Und zu schütten, wie aus Eimern. Vielen Eimern. Baumärkte voll Eimer. Ich fühle mich immer noch völlig durchnässt.

Die Nacht im Hostel war eigentlich wie immer: sie hat mich mal wieder am Verstand des Menschengeschlechts an sich zweifeln lassen. Um den Höhepunkt vorweg zu nehmen: gegen drei Uhr morgens rannte plötzlich eine Horde nackter Gymnasiasten durchs Haus. Elftklässler, glaube ich, und nackt im wahrsten Sinne des Wortes. Einer hatte noch sowas wie eine Socke in der Hand, aber das war es dann auch. Und so sind die dann durch mindestens drei Etagen gesprintet, bis ich sie zurück in ihre Zimmer gescheucht habe.

Keine Ahnung, was die Aktion sollte. Mir ist fast meine sonst reflexartig funktionierende Erinnerung an die Nachtruhe im Hals stecken geblieben. Ich hoffe, ich habe da nicht irgendeinen Trend verschlafen, denn auf solche Aktionen würde ich in Zukunft doch lieber verzichten.

Jetzt gehe ich jedenfalls erstmal ins Bett. In T-Shirt und Shorts, übrigens.

In diesem Sinne, gute Nacht!

Alt und langweilig

Bin ich mit 27 etwa schon alt und langweilig?
Es ist Freitag Abend, kurz nach zehn, und statt wild feiernd die Lichter der Großstadt zu genießen sitze ich schief und bei spärlicher Beleuchtung am Schreibtisch vor dem Laptop. (Schief, weil ich mich letzte Nacht irgendwie verlegen habe, mit wenig Licht, damit mich die Mücken in Ruhe lassen). Statt an einem Fahrbier auf dem Weg zu irgendeiner Party zu nuckeln habe ich eine Flasche Rotwein aufgemacht und statt lauter interessante Gespräche zu führen und neue Leute zu treffen, schmücken diverse Word-Dokumente meinen Desktop und ein gewaltiger Bücher-Zettel-Zeitungsberg den Boden neben meinem Stuhl. Nach einem Nachmittag im Park habe ich eine ganze Zeit lang gelesen und notiert, dann gut eineinhalb Stunden gechattet, und bin jetzt ich einfach nur noch müde.

Es ist komisch, mit 18 möchte man am liebsten keinen Abend alleine zu Hause verbringen, reist rastlos durch die Nacht und ist immer auf der Suche nach irgendwas, von dem man höchstens eine vage Ahnung hat, wenn überhaupt. Die Angst, etwas zu verpassen treibt einen an, lässt einen stundenlang in stickigen S-Bahnen oder dicht gedrängt auf der Rückbank eines altersschwachen Golf II sitzen, bloß weil in der Stadt X die Disco Y aufgemacht hat. Matthias Triebel hat das in seinem Buch “Nachttrümmer” etwas depressiv, aber im Grunde genommen recht treffend beschrieben: zwei oder eigentlich drei Mitt-Zwanziger, die sich jedes Wochenende aufs neue in das Nachtleben an Rhein und Ruhr stürzen, bloß um am Ende doch immer wieder in den selben (oder zumindest gleichen) Kneipen, Bars und Clubs zu landen.

Andererseits: im Endeffekt ist es wohl die beständige Suche, die einen letztendlich finden lässt – ohne dass man es in dem jeweiligen Moment überhaupt immer mitbekommt. Nicht die Nacht selber, sondern die Erinnerung zählt. An eben jenen Abend, der irgendwie doch anders war, an die Zufallsbegegnung, die diesen besonderen Zauber verströmte und deshalb im Gedächtnis geblieben ist. Eben all die Dinge, die irgendwann zu einem “weißt Du noch” verschmilzen und einem letztlich das Gefühl geben, trotz vergeblichen Suchens am Ende doch gefunden zu haben.

Nur kann man das eben nicht planen. Und manchmal muss man auch bewusst darauf verzichten, damit man es beim nächsten Mal wieder zu würdigen weiß. Auch wenn man sich dabei zunächst alt und langweilig vorkommt.

In diesem Sinne, frohes Feiern!

Klassenarbeit

Einen kleinen Schreck habe ich ja doch bekommen: Klassenarbeit und ich habe keine Ahnung. So jedenfalls kam es mir am Anfang vor. Hätte jemand Stifte und Aufgabenzettel verteilt, vermutlich hätte ich angefangen zu schreiben. Und vermutlich hätte ich eine sechs bekommen, noch bevor ich meinen Zettel abgegeben hätte: weil ich während der Klausur Bier getrunken habe.

Doch von vorne: Katja hat heute Geburtstag gefeiert. Katja ist Referendarin an einem Berliner Gymnasium. Und nicht nur sie: grob geschätzt waren mindestens 50 Prozent der Partygäste Referendare/innen. Für den Otto-Normal-Sterblichen eine Horrorvorstellung. Referendare reden über Schule, Schüler, Hausaufgaben, Elternabende, Unterrichtsreihen und Fächerkombinationen. Sie wissen alles, meist ein wenig besser, hören sich gerne reden und können mit zwei Mal Luft holen 45 Minuten am Stück reden.

Oder?
Vielleicht ist es an der Zeit, ein wenig an diesem Bild zu rütteln. Ja, ich gebe zu, ich hatte wirklich Spaß heute Abend. Nicht nur, dass die Gespräche das Thema Schule meist nur am Rande berührten, wenn überhaupt. Auch sonst war es ein ausgesprochen lustiger Abend.

Wir haben viel gelacht, nebenbei sogar ein paar neue Worte erfunden (mindestens eins) und uns auch sonst ganz gut amüsiert. Das mag am selbst gemachten Erdbeerlime gelegen haben, der gleich zu Anfang aufgefahren wurde, vielleicht auch an Katjas gastgeberischen Qualitäten (ich habe es immer wieder versucht – ich hatte den ganzen Abend über niemals eine leere Bierflasche in der Hand! Dabei kann ich wirklich schnell trinken!). Vielleicht sind Referendare aber auch einfach gar nicht so schlimm, wie man immer meint.

In diesem Sinne, wohl bekomms!