Kreisfahrt

Es ist schon eine Weile her, da ging ein (kleiner) Aufschrei durch die Berliner Presse: an einem Berliner Bahnhof hatte die Polizei eine Ansammlung von mehreren hundert “Ringsäufern” aufgelöst, die eine S-Bahn gestürmt und zum Partyzug umgewandelt hatten – offenbar nicht zur Freude der anderen Fahrgäste. Die Party wurde beendet und diverse Anzeigen geschrieben.

Freilich ist das nicht immer so. Normalerweise mag ich die Ringbahn, was auch damit zusammen hängt, dass ich direkt an ihr wohne. Auf einer Strecke von 37,5 Kilometern umrunden die S-Bahnzüge der Linien 41 und 42 die Innenstadt, halten dabei an 28 Bahnhöfen und bringen mich (meist) zuverlässig zu den passenden Anschlusspunkten, um Freunde in Friedrichshain und Kreuzberg zu besuchen, um zur Arbeit oder auch zur Uni oder zur Staatsbibliothek zu kommen.

Doch das ist der praktische Aspekt. Nebenbei ist die Ringbahn ein großartiger Unterhalter. Gerade die etwas sonderbaren Menschen scheinen von den gelb-roten-Züge magisch angezogen. Besonders auffällig ist dies am frühen Abend. Gewöhnliche Büromenschen auf dem Weg nach Hause mischen sich dann mit sechsfachen Müttern in den frühen Zwanzigern, Verkäufer von Obdachlosenzeitungen mit ganz gewöhnlichen Irren, die einfach nur in Ruhe den Weltuntergang verkünden möchten, dabei aber immer wieder von den grölenden Teenies mit Becks-Gold-Flasche unterbrochen werden.

Ich gebe zu, gerade nach einem entspannten Abend irgendwo in einer schönen Kneipe in der Sonntagsstraße am Ostkreuz gibt es manchmal nichts besseres, als einfach nur das Treiben in den nie leeren Wagons der Ringbahn zu beobachten.

In diesem Sinne, frohes Kreisfahren!

Geschenkt verschenkte Tage

Heute habe ich kein Zeitgefühl.
Erst habe ich mich nach der Nachtschicht mit der Kollegin von der Frühschicht festgequatscht. Als ich gegen zehn zu Hause war, konnte ich erst nicht einschlafen, dann hat das mit dem Ausschlafen nicht funktioniert. Zwar stelle ich mir ohnehin nach der Nachtschicht normalerweise den Wecker, damit ich nicht erst am Abend wieder aufzuwache und nach dem Frühstück direkt wieder ins Bett gehen kann.

Allerdings wache ich meist schon vor dem Weckerklingeln wieder auf. Heute fand dieses von-selbst-Aufwachen allerdings besonders früh statt, gegen kurz nach zwei oder, anders gezählt, nach knapp drei Stunden Schlaf. Das ist wenig, noch weniger ist es allerdings, wenn man die Nacht davor nicht geschlafen hat.

Schlimm finde ich es trotzdem nicht. Das Schöne ist nämlich, trotz Nachtschicht hatte ich so noch beinahe einen ganzen Tag übrig.

Der Nachteil: wirklich viel habe ich nicht auf die Reihe gekriegt. Ich habe gefrühstückt und mich wieder mal gefreut, dass es in Berlin gleich mehrere Sonntagszeitungen gibt. Ich habe im Internet gesurft und die Simpsons geguckt. Ein paar Mal habe ich das Dokument “Masterarbeit.docx” geöffnet, dass recht prominent in der Mitte meines Desktops liegt, freilich ohne wirklich weiter zu kommen.

Ich habe gechattet, habe mir was zu Essen gemacht und nun überlege ich, ob ich nachher noch wach genug bin, jemanden zu treffen, der heute Nacht erst recht spät aus London zurück kommt. Kurz: lauter Dinge, die nicht wirklich produktiv sind oder gar sinnbehaftet, aber schön.

Über die Müdigkeit im herkömmlichen Sinne bin ich weg, statt dessen fühle ich mich angenehm ruhig und herrlich entspannt. Ich weiß, dass morgen neben einer weiteren Nachtschicht allerlei Zeugs darauf wartet, erledigt zu werden.

Aber nicht heute. Heute ist geschenkt und heute darf ich verschenken, vertrödeln und die der Müdigkeit geschuldete Entspannung genießen.

In diesem Sinne, frohes Ausruhen!

Auf beiden Augen blind

Die gute Nachricht vorweg: diesmal keine Nackten an der Rezeption. Trotzdem habe ich heute Nacht quasi blind gearbeitet. Der Grund war ein totaler Serverausfall – vier Stunden lang kein Zugriff auf das Buchungssystem. In der Praxis bedeutet das: ich weiß nicht, in welches Zimmer ich die anreisenden Gäste schicken soll, ich kann nicht mal überprüfen, ob deren Buchungen überhaupt existieren oder wie viel sie dafür zahlen müssen. Ich habe keine Ahnung, wo noch Betten frei sind und wo nicht und neue Reservierungen kann ich auch nicht eingeben.

Aber von vorne: als ich um elf meine Schicht angefangen hatte, waren noch zehn oder zwölf Anreisen offen. Relativ viel für die Zeit und leider entschied sich auch gut als die Hälfte davon, mehr oder minder zur gleichen Zeit anzukommen. Gegen halb ein Uhr nachts war der Rezeptionstresen also entsprechend voll mit Backpackern aus aller Herren Länder, die voll Vorfreude auf ein kaltes Bier und/oder ein warmes Bett Meldezettel ausfüllten, ihre Rechnung bezahlten und dann von mir im Gegenzug eine Pappkarte mit einer Zimmernummer und eine Plastikkarte zum Öffnen der zugehörigen Zimmertür in die Hand gedrückt bekamen. Verbunden mit dem obligatorischen Sermon aus “Breakfast starts at”, “Check out until” usw. (natürlich freundlich verpackt und immer ein wenig anders erzählt).

Die ersten vier Grüppchen waren auch kein Problem, schwierig wurde es bei Anreise Nummer fünf und sechs. Der Computer bockte. Weder ließ sich die Rechnung aufrufen, noch sonst irgendwas. Statt dessen: völlige Schockstarre auf dem Monitor. Wohl aus einer dunklen Ahnung raus hab ich mir noch schnell die Zimmerzuordnungen der noch offenen Anreisen aufgeschrieben, zumindest die auf der Bildschirmseite sichtbaren, dann war auch schon alles vorbei. Totalausfall.

Es folgte eine wilde Telefonkonferenz:
Anruf Berlin 1 an Berlin 2 (“Geht bei Dir auch nix mehr?”), Anruf Köln an Berlin 2 (“Da geht übrigens gar nix mehr”) bis zur persönlichen Visite der EDV-Spezialistin (“Erstmal geht da jetzt gar nix mehr”) und dem verzweifelten Berlin 2 an Berlin 1 (“Sag mal, geht da immer noch nix?”).

Kurz und gut: es war eine spannende Nacht, zumindest bis der Server gegen vier endlich wieder zum Leben erwachte. Fast wie ein Flug nach Instrumenten ohne Instrumente. Naja, bis auf die Kleinigkeit, dass die Piloten eben nicht nebenbei noch Bier verkaufen müssen. Und natürlich dass so ein Hostel in der Regel nicht fliegt. Zumindest noch nicht. Wer weiß was bei der nächsten Nachtschicht passiert.

In diesem Sinne, wohl bekomms!

Die Eitelkeit des Journalisten

Ich behaupte: Journalisten sind eitel. Und ich nehme mich da nicht mal aus. Vor einiger Zeit, im Rahmen eines Studi-Jobs bei einer Kommunikationsagentur, habe ich mal einen längeren Artikel als Auftragsarbeit für jemand anderen geschrieben. Zwar war mir klar, dass der Artikel nicht unter meinem Namen veröffentlicht werden würde, als ich dann aber das gedruckte Heft in der Hand hielt und einen fremden Namen über meinem Artikel gesehen habe, war das schon ein fieser Stich ins Ego.

In meinem letzten Posting habe ich etwas zum Thema Karriere geschrieben. Es stimmt, ich halte Karriere für zweitrangig. Trotzdem kann ich mich nicht ganz von dem Streben danach freisprechen. Entschuldigend kann ich da nicht mal mein Motiv anführen: Eitelkeit. Ich will gelesen werden. Ich möchte, dass Leute meine Fotos angucken und meine Artikel auch und nicht zuletzt lesen, weil sie von mir sind. Und das funktioniert eben nur, wenn man sich einen gewissen Namen, eben Karriere gemacht hat.

Ich weiß noch, wie unglaublich stolz ich war, als ich ausgewählt wurde, für die damals noch existierende Zeitschrift “Luftwaffe” (wo ich meinen Wehrdienst abgeleistet hab) kurz nach Kriegsende für zwei Reportagen in den Kosovo zu fliegen. Ja, ich bin mir unglaublich wichtig vorgekommen.

Dieses Wichtig-Fühlen wurde aber recht schnell von einem anderen Gefühl verdrängt: dem Wunsch mitzuteilen, was ich sehe. Schließlich war ich vor Ort, konnte mit eigenen Augen sehen, was den meisten Menschen vorenthalten blieb. Konnte von den Kindern zu erzählen, die den Soldaten fröhlich zugewunken haben, aber auch von den serbisch-stämmigen Kosovaren, die uns mit Steinen beworfen haben. Von den unzähligen Minenwarnschildern, die das Landschaftsbild prägten oder dem Kleinwagen, der in einem Affenzahn auf einen Militärstützpunkt zuraste, den Kofferraum aufriss und daraus wie selbstverständlich aktuelle CDs, natürlich allesamt selbst gebrannt, hervor zog und an die Soldaten verkaufte. (Gut, heute würde man eine Bombe in dem Auto vermuten, zu der Zeit war der 11. September aber noch fast zwei Jahre entfernt.)

Plötzlich trat also das Ich zurück, und dem Erlebten gehörte die Bühne.

War dies aber Ende der Eitelkeit?
Sicher nicht! Eigentlich war es nun nur um so wichtiger, dass ich es war, der das alles aufschreiben durfte.

In diesem Sinne, frohes Ego-kraulen!

Karriere

Robert Kennedy, der jüngere Bruder von John F., wollte ursprünglich Priester werden. Als er mit dem Wunsch zu seinem Vater Joseph kam, überlegte der einen Moment, dann sagte er: “OK Bob! Es wäre ganz schön, einen Papst in der Familie zu haben.”

Im Oktober werde ich 28 Jahre alt. Wenn alles klappt, habe ich bis dahin meinen Master erfolgreich abgeschlossen. Größenwahnsinnig wie ich bin, habe ich mich unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung beworben. Wäre eben schon großartige, für eine Zeitung solchen Kalibers zu schreiben.
Auch in meinem Freundeskreis haben in den letzten Monaten einige Leute ihr Studium abgeschlossen oder schließen es bald ab. Einige sind auf Jobsuche, andere promovieren oder haben gerade zu arbeiten angefangen, wieder andere sind gerade sogar schon dabei, sich beruflich wieder neu zu orientieren.

Das ist in so fern angenehm, weil ich mir nicht mehr so sehr wie ein Exot vorkomme. Nicht wie vor dreieinhalb Jahren, als ich meinen Bachelor in der Tasche hatte und einige Monate gearbeitet habe, um mir meine Weltreise zu finanzieren, während das Gros meiner Freunde, Diplom, Magister und Lehramtsstudenten halt, zur Uni ging, über Scheine, Klausuren und Hausarbeiten diskutierte, während mir das alles schon so unendlich weit weg vorkam (vielleicht war ich auch ein wenig neidisch, denn ich habe eigentlich immer gerne studiert).

Jetzt steht wieder ein Abschluss vor der Tür. Ich gebe zu, ich finde das ein wenig unheimlich. Es steht (erstmal) keine größere Reise an, statt dessen muss ich eigentlich schon aus versicherungstechnischen Gründen schnell einen Job finden. Doch muss ich gleich anfangen, Karriere zu machen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns am Ende nicht an die beruflichen Erfolge und die vermeintlichen großen Dinge erinnern, die wir geleistet haben.
Sollten wir tatsächlich die Gelegenheit haben, den Tod vor Augen auf unser Leben zurück zu gucken. Vielmehr werden uns wohl vermeintliche Kleinigkeiten durch den Kopf gehen: Menschen, die uns etwas bedeutet haben, Orte die wir gesehen haben. Ist es da nicht eigentlich komisch, dass so viele von uns so energisch nach etwas streben, selbst wenn sie wissen oder ahnen, wie unwichtig das letzten Endes sein wird?

Ob Robert Kennedy zu einem Rückblick wie oben beschrieben in der Lage war, weiß ich nicht. Im Juni 1968 hatte er gerade die Vorwahlen in Kalifornien gewonnen und war einer der aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, als er in einer Hotelküche von mehreren Kugeln getroffen wurde. Wenige Stunden später starb er in einem Krankenhaus. Robert Kennedy wurde 43 Jahre alt.

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