Bücherwelten

Lovely Rita, Weltmächte und alle glücklich – meine Leseliste Teil 11

Eins hinke ich hinterher. Ich finde, das geht noch. Seit einigen Jahren versuche ich, pro Woche ein Buch zu lesen. In manchen Jahren klappt das besser (2018: 52 Bücher), in anderen schlechter (2023: 29 Bücher). Dieses Jahr läuft es bisher ganz gut: Aktuell hinke ich meinem Wochenziel nur ein Buch hinterher.

Wobei die Zahlen natürlich nur die eine Seite sind. Auf der anderen steht die Qualität der Bücher, die ich lese. Das ist in meinen Augen die weitaus größere Herausforderung. Gerade wenn ich ein Buch beendet habe, das mir besonders gut gefallen hat, empfinde ich es manchmal als schwierig, mit dem nächsten anzufangen.

Wähle ich einen Titel, der inhaltlich besonders nah an dem zuletzt gelesenen Buch liegt? Oder tue ich das Gegenteil, starte bewusst ein literarisches Kontrastprogramm und wechsle das Genre komplett? Wie finde ich überhaupt das passende Buch?

Tatsächlich hat sich künstliche Intelligenz hier als echter Retter erwiesen. Gefüttert mit meiner Leseliste der vergangenen Jahre und einigen allgemeinen Vorlieben und Abneigungen schlägt mir die KI inzwischen recht zuverlässig Bücher vor, die mich tatsächlich begeistern. Die einzige Schwierigkeit dabei ist, dass das Programm mir gerne Titel empfiehlt, die ich schon gelesen habe, bevor ich begonnen habe, meine Liste zu führen. Das ist besonders ärgerlich, wenn ich es selbst erst bemerke, nachdem ich das Buch bereits zur Hälfte gelesen habe.

Und was habe ich nun gelesen? Anders als in den bisherigen zehn Leselisten habe ich entschieden, mich dieses Mal etwas kürzer zu halten – dafür aber mehr Bücher zu empfehlen. Sagt mir gerne, ob es euch so besser gefällt oder ob euch die längeren Beschreibungen lieber waren!

Herfried Münkler: Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert

Ich habe seinerzeit in Berlin unter anderem bei Münkler studiert. Damals habe ich sehr geschätzt, dass er, obwohl er als „Ein-Mann-Think-Tank“ (Die Zeit) schon ein viel gefragter Mann und Berater war, nicht nur seine Forschung, sondern auch seine Seminare und seine Studierenden sehr ernst nahm. Ich habe damals viel mitgenommen – und so geht es mir auch bei diesem Buch.

Münkler holt recht weit aus und dreht mehrere Runden durch die Geschichte, bevor er daraus mögliche künftige Weltordnungen skizziert. Der dabei verwendete Maßstab ist groß, und gerade das macht das Buch so wertvoll: Es hilft dabei, aus dem aktuellen Nachrichtenstrom herauszuzoomen und so ein besseres Verständnis für die größeren Zusammenhänge zu entwickeln.

Frank Goosen: Lovely Rita

Ein Kneipenbuch – und schon deshalb ein Muss für mich. Noch dazu eines von Goosen, den ich ohnehin gerne lese. Kurz zusammengefasst ist es die Geschichte einer typischen Eckkneipe im Ruhrgebiet vor ihrem mutmaßlich letzten Abend und die Geschichte ihrer Stammgäste.

Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: in der Gegenwart vom vorletzten bis zum letzten Abend sowie in Rückblenden von den Jahrzehnten davor. Mich hat es oft an die Stammkneipe meines Vaters und deren Wirtin denken lassen. Vielleicht hat es mich deshalb noch ein Stück mehr berührt.

Tom Hillenbrand: Thanatopia

Der dritte Band von Hillenbrands Hologrammatica-Reihe. Der Autor beschreibt darin eine Welt, in der fast alles Schein ist: Praktisch jede Textur ist ein vom sogenannten Holonet erzeugtes Hologramm. Es bestimmt das Aussehen ganzer Städte und kann sogar Menschen ein neues Äußeres verleihen.

Weit verbreitet ist außerdem die Cogit-Technik, mit der sich Gehirne digitalisieren und in Klonkörper hochladen lassen. Eine Gruppe junger Menschen nutzt diese Technik, um sich immer wieder selbst zu töten. Ihr Ziel: herauszufinden, was nach dem Tod kommt.

Das klingt skurril, besticht aber vor allem durch eine weit verzweigte und detailliert durchdachte Welt des Jahres 2095, eine spannende Geschichte sowie zahlreiche philosophische und existenzielle Überlegungen, die in die Handlung eingeflochten werden. Man kann das Buch auch lesen, ohne die ersten beiden Teile zu kennen. Mit diesem Hintergrundwissen macht es aber mehr Spaß.

Sven Stricker: Sörensen geht aufs Haus

Aufmerksame Leser meiner Leselisten wissen, dass ich alle Sörensen-Romane gelesen und gemocht habe. Dieser jüngste Band bildet keine Ausnahme. Die Figuren sind liebevoll-schrullig gezeichnet, der Fall ist wie üblich verdreht-verrückt und tragisch-komisch.

Mehr braucht es eigentlich nicht zu sagen. Wer Strickers Kommissar mit Angststörung kennt, liest das Buch ohnehin. Alle anderen fangen lieber beim ersten Band an und arbeiten sich dann vor.

Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen.

Zum ersten Mal von Christine Thürmer gehört habe ich, als sie in Erik Lorenz’ Podcast „Weltwach“ zu Gast war. Das Buch habe ich angefangen, weil ich Lust hatte, mal wieder etwas zu lesen, das grob in die Richtung von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ geht.

Thürmer beschreibt darin, wie sie mehr oder weniger freiwillig von der Managerin und Geschäftsführerin eines Unternehmens zur „meistgewanderten Frau Deutschlands“ wird und die drei großen amerikanischen Fernwanderwege als Thru-Hikerin absolviert, sie also jeweils innerhalb einer Saison komplett durchwandert. Lesenswert auch für Nichtwanderer.

Cover von „Co-Intelligenz“Ethan Mollick: Co-Intelligenz. Leben und Arbeiten mit künstlicher Intelligenz

Mollick ist Professor an der Wharton School in Pennsylvania und hat schon früh angefangen, sich mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Das Buch nähert sich dem Thema auf angenehm niedrigschwellige Art und Weise.

Er beschreibt darin, wie er KI für sich und seine Studierenden einsetzt, und animiert gleichzeitig die Leser dazu, eine eigene Annäherung zu wagen. Auch für jemanden, der KI bereits nutzt, ist das Buch eine gute Inspirationsquelle, finde ich.

Kira Mohn: Alle glücklich

Eine vierköpfige Familie, der es eigentlich gut geht. Eigentlich. Denn unter der Oberfläche brodelt es. Anfangs vermutlich nicht viel mehr, als es in den meisten Familien irgendwann einmal brodelt. Weil aber niemand in der Lage zu sein scheint, das eigene Problem zu artikulieren, kommt es am Ende auf gleich mehreren Ebenen zum großen Knall.

Besonders gut gelingt es Kira Mohn, dass man als Leser eigentlich jeden der vier Protagonisten verstehen kann. Indem sie mit jedem Kapitel die Perspektive wechselt und den Fortgang der Ereignisse aus der Sicht eines anderen Familienmitglieds beschreibt, kann man als Leser fast jede Eskalationsstufe nachempfinden – und möchte die jeweilige Person trotzdem am liebsten schütteln. Mir hat es jedenfalls gut gefallen.

Susanne Abel: Stay away from Gretchen

Was für ein Debüt! Der Roman wurde mir immer wieder empfohlen, hat mich aber lange nicht gereizt – dafür dann umso mehr gefesselt.

Erzählt wird die Geschichte von Greta, die im Zweiten Weltkrieg nach Heidelberg fliehen muss und sich dort in einen schwarzen amerikanischen Soldaten verliebt, mit dem sie ein Kind bekommt. Sowohl sie als auch der Vater des Kindes sind entschlossen, diese eigentlich unmögliche Beziehung zu leben, als der amerikanische Soldat plötzlich aus ihrem Leben verschwindet.

Auch das Kind, ein Mädchen, wird ihr schließlich weggenommen und zunächst in ein Heim gegeben, bevor es später von einer unbekannten Familie in den USA adoptiert wird. Für Greta bleibt diese Geschichte ein lebenslanges Trauma, über das sie mit niemandem spricht. Erst viel später, als sie als alte Frau an Alzheimer erkrankt, kommt alles wieder ans Licht. Ihr Sohn, ein erfolgreicher Nachrichtensprecher, der nichts von seiner Halbschwester geahnt hat, beginnt zu recherchieren.

Lesenswert machen das Buch zum einen die hohe Faktentreue, mit der sich die Autorin des Themas angenommen hat, zum anderen die Erzählweise auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart und dem Zweiten Weltkrieg. Abwechselnd nähert sich der Leser der Geschichte aus der Perspektive Gretas und aus der Perspektive ihres Sohnes, für den das alles vollkommen neu ist.

Übrigens: Auch das Nachfolgebuch „Was ich nie gesagt habe“ kann ich nur empfehlen!

Josefine Gauck: Mal gucken

Ein Kind, das wegen einer seltenen Krankheit fast blind zur Welt kommt und mutmaßlich irgendwann vollständig erblinden wird, bringt Josefine Gauck – übrigens eine Enkelin des ehemaligen Bundespräsidenten gleichen Nachnamens – dazu, ihr Leben radikal zu ändern.

Zusammen mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihren beiden Söhnen steigt sie für ein Jahr aus. Sie wollen der Tochter die Welt zeigen, solange sie sie noch sehen kann, aber vielleicht auch einen Ort finden, an dem sie dauerhaft leben möchten.

Als Leser dürfen wir die Familie auf ihrer Weltreise begleiten. Sympathisch fand ich dabei, dass Geld – anders als in dem kürzlich verfilmten „Eine Million Minuten“ von Wolf Küper – durchaus eine Rolle spielt. Die Familie wohnt nicht in Luxushotels, sondern vor allem gegen Kost und Logis auf Farmen oder reist als Housesitter – sehr unterschiedliche Erfahrungen inklusive.

Genau diese Erfahrungen beschreibt die Autorin so lebhaft und sympathisch, dass es einfach Spaß macht, ein wenig mitzureisen.

In diesem Sinne, gute (Lese-)Reise!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, Indiana Jones, Papa von zwei Töchtern, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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