Generation Zahnarzt

“Herr Neubüser, was muss man hier anstellen, um endlich ein Bier bestellen zu können?”

Wer diese Frage nicht komisch findet, sollte wissen, dass sie von meinem Zahnarzt kam. Und nein, er hat sie nicht in seiner Praxis gestellt, sondern quer durch den Schankraum einer Wuppertaler Kneipe gerufen. Dort hatte ich zwar nicht ihm gerechnet, aber wenn ein Zahnarzt seine Patienten auch am Tresen erkennt, ist das auf eine ganz eigene Art sympathisch.

Die Geschichte ist schon ein paar Jahre her. Inzwischen war ich bei diversen weiteren Zahnärzten. Trotzdem habe ich lange Elternbesuche in der alten Heimat genutzt, um auch gleich nach meinen Zähnen sehen zu lassen (dann doch in der Praxis, nicht in der Kneipe).

Für einen Zahnarztbesuch ein paar hundert Kilometer zu fahren scheint in meiner Generation alles andere als ungewöhnlich zu sein. Vielleicht, weil wir unterm Strich doch alle ein wenig Angst vor diesem Pflichttermin haben und ihn deshalb am liebsten bei jemanden absolvieren, zu dem wir über die Jahre vertrauen aufgebaut haben. Vielleicht auch einfach, weil eine Generation, die stellenbeschreibungsflexibel immer wieder den Wohnort wechselt, sich zumindest für eigenen die Zähne etwas mehr  Stabilität wünscht.

Für Zahnärzte ist uns kein Weg zu weit, scheint es. Ähnliches gilt übrigens auch für Autowerkstätten. Welch Glück ist es da, dass oft die Eltern in der alten Heimat die Stellung halten und eine feste Anlaufstation bieten, sei es nun für die Jahresinspektion am Motor oder im Mund.

Manchmal frage ich mich allerdings, wie es wird, wenn ich selbst Kinder habe. Schon jetzt muss ich einen Moment überlegen, wenn ich die Wohnorte der vergangenen Jahre chronologisch aufzuzählen versuche. Wird sich irgendwann trotzdem ein Ort herausschälen, den ich meinem Nachwuchs als Zahnarzt- und Automechanikerheimat anbieten kann?

Immerhin: heute war ich das erste Mal bei einem Zahnarzt in Karlsruhe. Eine liebe Kollegin (und Freundin) hatte ihn mir empfohlen. Bier hat er mir nicht angeboten, trotzdem habe ich mich wohl gefühlt – zumindest soweit das bei einem Zahnarzt möglich ist. Mit anderen Worten: ich habe ein gutes Gefühl. Und ich werde künftig in Karlsruhes Kneipen die Augen offen halten. Vielleicht kann ich ja mit Bier aushelfen.

In diesem Sinne, Prost!

Beobachtet

Manchmal fühle ich mich beobachtet. Das mag daran liegen, dass ich Hochparterre wohne. Mein Balkon geht nach hinten zu einem kleinen Innenhof hinaus, der gleich von mehreren weiteren Innenhöfen und Wohnhäusern umschlossen wird. Hier gibt es nicht nur Tauben, Spatzen und diverse andere Vögel, die neugierig in mein Schlaf- und Arbeitszimmer gucken. Ich kann auch ganz gut das Leben meiner Nachbarn verfolgen – und sie meins.

Mich stört das nicht. Im Gegenteil, ich finde es sogar ganz unterhaltsam. Um mich herum sind so viele Balkone, dass ich mich noch einigermaßen anonym und trotzdem nie allein fühle.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem ruhigen Zweifamilienhaus aufgewachsen bin. Als Kind konnte ich mit den anderen Kindern aus den anderen Ein- und Zweifamilienhäusern auf der Straße spielen. Normalerweise bis es dunkel wurde – dann mussten alle nach Hause.

Spätestens mit der Pubertät wurde mir das allerdings zu langweilig. Zwar musste ich nun nicht mehr nach Hause, nur weil es dunkel wurde. Wirklich viel passierte aber auch nach Sonnenuntergang nicht. Das Haus meiner Eltern steht in einer bequemen Wohnstraße mit einem Wald in der Nähe. Man kann hier stundenlang aus dem Fenster gucken, ohne dass etwas zu beobachten. Es gibt es keine Geschäfte, keine Gaststätten und nur selten Fremde. Man kennt und grüßt sich, wenn man sich auf der Straße begegnet.

Vielleicht habe ich deshalb bisher bei (fast) allen eigenen Wohnungen darauf geachtet, möglichst mittendrin zu wohnen. Ich genieße es, zur Kneipe (und wieder zurück!) laufen zu können, kein Auto zum Einkaufen zu brauchen und beim Blick aus dem Fenster immer wieder überrascht zu werden. Und wenn es nur eine Taube ist, die mich kritisch beäugt, während sie nach Großstadtabfällen fahndet.

In diesem Sinne, Gruß an meine Nachbarn!

Berliner

Herr Lehmann ist kein Berliner, denn eigentlich kommt er ja aus Bremen. Ein Bremer ist er aber auch nicht (mehr). Was ihn eigentlich zum idealen Berliner macht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass rund die Hälfte der dreieinhalb Millionen Berliner inzwischen zugezogene Berliner sind. In einer Stadt wie Berlin ist das wichtig. Vor allem, weil die andere Hälfte, die Ur-Berliner, nämlich durchaus wert auf Feinheiten wie den Geburtsort legen. Der klassische Neu-Berliner würde sich dagegen am liebsten jedes Jahr in seiner neuen Heimat wie ein Rangabzeichen auf die Schulter heften.

Mit abgeklärter Stimme sagt der Neu-Berliner Sätze wie “Nord-Neukölln ist das neue Kreuzberg”, “Friedrichshain ist auch nicht mehr, was es einmal war” und “Prenzlauer Berg ist längst schwäbisch”. Der gebürtige Berliner rümpft bei solchen Sätzen eher die Nase. Nicht, weil er sie nicht unterschreiben würde, sondern weil ein echter Berliner solche Erkenntnisse gar nicht erst in Worte fassen muss – erst recht nicht gegenüber einem Möchtegern-Berliner.

Berlin bietet trotzdem beiden ein Zuhause, den Alten wie den Neuen und Zugezogenen. Das habe ich an dieser Stadt immer so geliebt. Berlin kann eine weiße Leinwand sein, die man bemalen und dann so tun kann, als würde man das Bild schon seit Jahren kennen.

Wer nach Berlin zieht, wird beinahe zwangsläufig schizophren. Das “Wo kommst Du her?” gehört genau so zum guten Ton wie das Bekenntnis zur neuen und trotzdem längst adaptierten Heimat. Man ist stolz, als Berliner durchzugehen – und unterstreicht diese Auszeichung, indem man zwischendurch immer wieder betont, was man längst hinter sich gelassen hat. “Ich bin zwar aus xy, aber ich wohne schon seit xxx Jahren in Berlin” ist ein mehr als typischer Satz.

Sven Regener, aus dessen Feder Herr (Frank) Lehmann stammt, hat immer bestritten, dass seine Romanreihe um den Berlin-Bremer Antihelden aus Herr Lehmann, Neue Vahr Süd und Der kleine Bruder biographisch zu deuten sei. Trotzdem gibt es zahlreiche Parallelen. Allerdings ist das eigentlich auch selbstverständlich. Ein Roman von einem zugezogenen Berliner, der nicht in Berlin spielt, würde mir schließlich meine ganze Theorie kaputt machen!

In diesem Sinne, Danke, Herr Regener!

72 Stunden

Zwei Mal reicht und man braucht eine Woche nicht mehr duschen – zumindest wenn man dann Sonntags nicht mehr vor die Tür geht.

Ich fand es ja schon komisch, als vor ein paar Monaten plötzlich ein Deo nach dem anderen damit beworben wurde, 48 Stunden lang wirksam zu sein. Inzwischen sind die Deo-Hersteller bei 72 Stunden angekommen – und ich frage mich ernsthaft, wer so lange Deoschutz benötigen könnte.

Zugegeben, es mag durchaus Situationen geben, wo man tatsächlich mal zwei oder drei Tage nicht zum Duschen und nebenbei auch ganz schön ins Schwitzen kommt: Bundeswehr, Flugzeugabsturz in unzugänglichem Gelände, RTL-Dschungelcamp. Allerdings behaupte ich, dass man es in solchen Situationen vermutlich andere Sorgen hat als hinreichenden Deo-Schutz (gut, mal vom Dschungelcamp abgesehen).

Warum also 72 Stunden? Vermutlich aus dem gleichen Grund, warum mein Rasierer inzwischen vier Klingen hat statt nur einer und es meines Wissens sogar welche mit fünf, sechs und bald bestimmt auch sieben Klingen gibt: weil Superlative sich nun einmal verkaufen.

Schreibe ich auf einen Alleskleber, dass er mindestens 400 Jahre hält, ist das ein Verkaufsargument – selbst wenn kein Mensch jemals etwas zusammenkleben wird, dass 400 Jahre halten muss. Gebe ich auf einen Rucksack eine lebenslange Garantie, klingt das in jedem Fall gut – auch wenn es wohl mehr als unwahrscheinlich ist, ein Leben lang den selben, häßlichen, kastenförmigen Rucksack zu benutzen.

72 Stunden Deoschutz, das klingt nun einmal beeindruckend. Wenn ein Deo im Fall des Falles 72 Stunden hält, dann wird es ja wohl die durchschnittlich 14 oder 15 Stunden, die man es wirklich braucht, spielerisch meistern.

Was aber, wenn das Deo wirklich hält, was es verspricht? Wenn ein Deo auf 72 Stunden ausgelegt ist, dann entfaltet es seine volle Leistung vielleicht auch erst nach einem oder sogar zwei Tagen, also bei Stunde 24 oder gar Stunde 48. Wie ein teurer Whiskey oder Wein, der eine gewisse Zeit braucht, um sein volles Aroma zu entfalten und zur Höchsform aufzulaufen. Dumm gelaufen, möchte man sagen.

Eigentlich ärgerlich, dass ich vermutlich nie erfahren werde, ob das mit den 72 Stunden funktioniert. Ich habe nämlich wieder mein ganz normales 0-8-15-Deo ohne Zeitversprechen gekauft. Einer muss ja stinken – sonst sind die ganzen ungeduschten, dreitagebärtigen, schlammverkrusteten und trotzdem wohlriechenden Superdeo-Benutzer ja gar nichts besonderes mehr.

In diesem Sinne, bloß nach drei Tagen das Deo nicht vergessen!

Bedman und Sheetboy

Über Pfingsten war ich in Frankfurt und habe dort zwei Nächte in einem Hostel übernachtet. Es war ein schöner Kurztrip. Außerdem mag ich die Hostelatmosphäre (zumindest manchmal), denn sie erinnert mich an meine Weltreise und diverse andere Touren, die ich während meiner Studienzeit in gemacht habe.

Nebenbei lernt man außerdem immer wieder interessante Menschen kennen – wobei interessant durchaus als dehnbarer Begriff zu verstehen ist. Dieses Poster oben hängt nämlich nicht einfach so in den Zimmern des Hostels – viele Backpacker sind mit der deutschen Bettwäsche nämlich tatsächlich überfordert. Verstehe das wer will.

In diesem Sinne, im Notfall einfach Bedman und Sheetboy rufen!

PS: Fotos aus Frankfurt aus diesem und dem vergangenen Jahr gibt es hier.

Gefahrenzulage

Ich muss mit meinem Chef sprechen – denn ich glaube, er weiß gar nicht, welcher Gefahr er mich täglich aussetzt. Mir war das ja selbst bis vor kurzem nicht klar. Dabei hätte es mir schon vor Monaten ins Auge springen sollen.

“WARNUNG” steht in großen, weißen Lettern auf einem kleinen, unauffälligen Schild, das auf der Tastatur meines Büro-Rechners angebracht ist. “Einige Experten sind der Meinung, dass die Verwendung von Tastaturen Gesundheitsschäden hervorrufen kann”, heißt es weiter. Für nähere Informationen solle man die Tastatur umdrehen und auf der Rückseite weiterlesen.

Das habe ich natürlich nicht gemacht – jetzt, wo ich weiß, wie gefährlich meine Tastatur ist. Wie schon gesagt: ich glaube (und möchte zu seinen Gunsten annehmen), dass mein Chef gar nicht weiß, welcher Gefahr er mich tagtäglich aussetzt. Aber eins ist ja wohl klar: um weiter mit diesem Todeswerkzeug zu arbeiten, will ich eine Gefahrenzulage!

In diesem Sinne, ein Wunder, dass ich noch so gesund bin!

Komisch

Blogger sind ein komisches Volk. Da ich seit vier Jahren blogge, gehöre ich wohl dazu. Verzeiht mir also das eine oder andere harte Wort – ich weiß, wie es sich anfühlt, ich richte es schließlich letztlich auch an mich selbst.

Bevor man etwas im Internet veröffentlicht, sollte man sich vorstellen, die selbe Info irgendwo deutlich sichtbar auf eine Plakatwand in der Innenstadt zu sprühen, heißt es. Das klingt banal, macht aber Sinn.

Aus beruflichem wie privaten Interesse klicke ich mich immer wieder durch die inzwischen zahllosen Blogs, Facebook-Profile und was das WWW sonst noch so hergibt. Und immer wieder lande ich auf Seiten, bei denen ich mich frage: Muss das wirklich öffentlich zugänglich sein?

Auch bei meinem eigenen Blog stelle ich mir immer wieder diese Frage. Ich sehe schließlich, wie oft Leute mit meinem Namen als Suchbegriff bei Felix’ Welt landen (zugegeben – “Nackt bügeln” ist immer noch der häufiger gesuchte Begriff). Und es hat eben schon etwas Surreales, wenn mich ein Bewerber in einem Vorstellungsgespräch darauf anspricht, dass er auch findet, dass der FDP-Generalsekretär Christian Lindner aussieht wie Barney Stinson aus der US-Comedy-Serie “How I Met Your Mother”.

Andererseits hänge ich an meinem Blog. Es gefällt mir, hier Gedanken in die Welt zu schreien, selbst wenn diese falsch verstanden werden könnten (siehe: Bloggendes Ich). Einträge wie “Karierter Rock” mögen für manche Menschen einen komischen Beigeschmack haben, trotzdem möchte ich sie nicht rückgängig machen.

Manchmal irritiert es mich, wenn mich Freunde und/oder Kollegen unvermittelt auf einzelne Felix-Welt’-Einträge ansprechen – manchmal mit mehr als einem Augenzwinkern. Andererseits bekomme ich immer wieder Emails von wildfremden Menschen, die sich für einzelne Einträge bedanken, sich zu meinen Gedankengängen äußern oder einfach nur ihre Meinung mitteilen möchten.

Ganz klar, Blogger sind komische Menschen. Ich auch. In diesem Sinne …

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