Glory Days


Ich glaube, ich war 15, als ich das erste Mal von den glorreichen Tagen gehört habe. Bruce Springsteen trug ein Hemd, das er an den Armen hochgekrempelt und an der Knopfleiste runtergeknöpft hatte. Außerdem sang er von einer Zeit, die er anscheinend vermisste, die aber zugleich schon oder noch nicht so weit weg war, dass man nicht nach ein paar Bier in einer Bar an der Straße darauf zu sprechen kommen konnte.

Mit 15 Jahren ist es schwer, sich so etwas vorzustellen. In der Pubertät kommt einem ein halbes Jahr schon wie ein halbes Leben vor, und man ist normalerweise froh, es hinter sich zu lassen und noch ein Stück erwachsener zu werden. Nostalgie ist nun einmal ein Gefühl, das Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Und einen halbwegs gesicherten Standpunkt, von dem aus man damit anfangen kann.

Inzwischen ist es Freitagabend, 2011, und ich sitze zuhause vor meinem Laptop. Es ist mit Sicherheit keiner dieser Abende, an die ich mich später einmal erinnern werde. Zugleich erinnere ich mich aber an so manchen anderen Freitagabend, der noch nicht ganz so lange her ist.

Bruce Springteen hat “Glory Days” 1982 aufgenommen. Springsteen war damals 33 Jahre alt – ich war drei. Heute, mit 31, frage ich mich manchmal, ob es da eine Schwelle gibt; einen Punkt, an dem die neuen Erlebnisse einfach nicht mehr gegen die alten Erlebnisse ankommen. Wenn es auf einmal naheliegender ist, in einer Kneipe beim Bier zu sitzen und über alte Erlebnisse zu sinnieren, statt neue Erlebnisse zu sammeln.

Ich werde dieses Jahr 32 Jahre alt, Bruce Springsteen 62. Erst im vergangenen Jahr hat “der Boss” ein neues Album veröffentlicht. Ich werte das mal als gutes Zeichen.

In diesem Sinne – working on a dream!

Sonntagsfahrer

In Berlin habe ich nur zwei Mal ein Auto gebraucht: Beim Einzug und beim Auszug. Beide Male war es ein gemieteter Möbelwagen. Ansonsten kommt man in der Hauptstadt sehr gut ohne eigenen Wagen aus – zumindest wenn man keine Schränke transportieren möchte. Bahnen und Busse fahren rund um die Uhr, und auch wenn da mal was dazwischen kommt (Streik, Unfall, Bauarbeiten), findet man normalerweise schnell zwei oder drei Leute, mit denen man sich ein Taxi teilen kann.

Mein erstes eigenes Auto habe ich mir daher erst nach dem zweiten Möbelwagen angeschafft, als ich aus Berlin weg und nach Baden-Württemberg gezogen bin. Zweieinhalb Jahre und 40.000 Kilometer ist das jetzt her.

Viele von diesen Kilometern bin ich sonntags gefahren. Mal war es der Weg zu einer neuen Wohnung, von der aus ich am nächsten Tag in eine neue Redaktion fahren würde. Dann wieder der Weg zu einem mehrtägigen Seminar, einem Kurzurlaub oder einfach nur (wie gestern) nach Hause nach einer Überraschungsparty von und bei früheren Kollegen.

Sonntags auf der Autobahn ist ein ganz eigenes Gefühl. Das bilde ich mir zumindest ein. Nirgendwo sonst (außer vielleicht beim Joggen, aber das ist was anderes) höre ich zum Beispiel so intensiv Radio. Viele Lieder klingen anders, wenn man sie im Auto hört – und das liegt nicht nur an der nahezu antiquarischen Musikanlage, die wie mein Auto stolze zwölfeinhalb Jahre auf dem Buckel hat. (Ich habe sogar noch ein Kassettendeck!)

Als beruhigend empfinde ich auch die Nachrichten, die zwar im Halbstundentakt kommen, sich aber trotzdem nur sehr langsam selbst erneuern. Man hat so das Gefühl, die Entwicklung der Welt da draußen Stück für Stück folgen zu können anstatt von ihr überrollt zu werden. Hinzu kommt das monotone Brummen des Motors. Ist man nicht zu spät unterwegs (oder sehr spät), die Autobahnen sind noch frei und man kann mit einer gleichbleibenden Reisegeschwindigkeit dahinrollen, hat dieses Geräusch fast meditative Wirkung.

Zugleich aber kann schon ein simples Hinweisschild auf ein Autobahnkreuz so viele Emotionen heraufbeschwören, wie sonst nur ein ganzes Fotoalbum. Da ich einen großen Teil der 40.000 Kilometer in Baden-Württemberg gefahren bin und davon wieder mehr als die Hälfte auf der A81, A8 und A5, verbinde ich mit den meisten Autobahnabschnitten im Ländle inzwischen gleich mehrere Erinnerungen – und alle paar Sonntage kommen neue dazu.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Zwangsbeliefert

Donnerstagabends nach Hause zu kommen ist für mich zur Zeit äußerst unterhaltsam. Denn donnerstags wird eines der vielen lokalen Anzeigenblätter ausgetragen. Das findet zumindest der lokale Anzeigenblattausträger. Mein Vermieter dagegen ist dagegen.

Da ich praktisch der einzige im Haus bin, der die diversen Umsonst-Zeitungen zumindest mal durchblättert (schon von Berufswegen her), ignorieren die meisten meiner Nachbarn die Anzeigenblatt-Stapel im Hausflur. Die Folge ist, aus den den Stapeln irgendwann größere Türme werden, die dann nach und nach umfallen und als Altpapier im Flur vergammeln.

Mein Vermieter hat daher einen Zettel an der Tür angebracht, in dem er auf eine Polizeiverordnung verweist, die das Zeitungenablegen außerhalb der Briefkästen verbietet (wozu man wissen muss, dass in die Briefkästen im Haus nicht mal ein A4-Umschlag passt, geschweige denn eine Zeitung). Dieser Zettel hing bis Donnerstagmorgen. Donnerstagabend hing her nicht mehr – dafür lag wieder ein Stapel des lokalen Anzeigenblatts im Hausflur.

Kurz darauf hing ein neuer Zettel an der Tür. Wieder der Hinweis auf die Polizeiverordnung, dieses Mal ergänzt um eine rote Unterzeile: “Unberechtigtes Entfernen wird strafrechtlich verfolgt!” – in Großbuchstaben. Donnerstagabend – gestern – war der Zettel wieder verschwunden. Und wieder lag ein Stapel des lokalen Anzeigenblatts im Hausflur.

Der verschwand jedoch recht schnell. Als ich heute nach Hause kam hing außerdem wieder ein Zettel an der Tür. Selber Text, selber Hinweis auf strafrechtliche Konsequenzen, nur dieses Mal hinter Plexiglas und fest mit der Tür verschraubt. Auch dieses Schild ist inzwischen wieder verschwunden – samt Plastikrahmen. Nur die Schrauben stecken noch in der Tür. Mit anderen Worten: es bleibt spannend!

In diesem Sinne, Zeitung oder nicht Zeitung, das ist hier die Frage!

Maria … und Klaus

Als ich Maria kennengelernt habe, war sie mit Klaus zusammen. Am Anfang fand ich das doof, denn Maria gefiel mir. Als sie Klaus das erste Mal erwähnte, es muss irgendwann bei unserer ersten Begegnung gewesen sein, tat das ein bisschen weh. Wohl weil ich mir erst mehr mit Maria erhofft hatte – und ein Klaus so gar nicht in mein Bild gepasst hatte.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis ich mich an Klaus gewöhnt hatte. Er war selten dabei, aber immer präsent. Maria erwähnte ihn spärlich, aber regelmäßig. Meist dann, wenn ich ihn gerade vergessen hatte. Manchmal kam es mir so vor, als hätte sie eine geheime Wanze in meinem Gehirn installiert.

“Am Wochenende sind wir beim 65. Geburtstag des Vaters meines Freundes”, sagte sie, wenn wir gemeinsam in der Bahn saßen. Oder: “Die Jacke hat sich Klaus letztens gekauft”, wenn wir gemeinsam durch die Stadt schlenderten.

Ich weiß nicht, ob sie gemerkt hat, dass ich sie interessant fand. Weil Frauen meist viel mehr merken, als ich denke, gehe ich einfach mal davon aus.

Andererseits scheinen Frauen selten zu merken, wenn ich an ihnen interessiert bin. Vielleicht war es also doch nur Zufall – und weder eine Wanze noch weibliche Intuition. Zumal ich Maria recht schnell abgeschrieben hatte. Ich fand sie weiter interessant (und auch äußerst sexy), doch eine Beziehung mit ihr, das war schlicht utopisch – wegen Klaus.

Um so überraschter war ich, als Maria bei Klaus auszog. In der einen Woche hatte Maria noch von ihm erzählt, kurz darauf schien er wie wegradiert aus ihrem Leben. Sie war bei einer Freundin eingezogen, übergangsweise, sagte sie.

Kurz darauf tauchte plötzlich Martin auf. Ich hatte von Martin vorher nie etwas gehört – und jetzt wurde ich ihn gar nicht mehr los. Maria erzählte andauernd von ihm. Ganz anders als sie es von Klaus getan hatte. Wenn ich mich Maria traf, bekam ich sie nur noch im Doppelpack, ganz unabhängig davon, ob Martin dabei war oder nicht.

Das war aber nicht das Schlimmste. Am meisten beschäftigte mich etwas ganz anderes: Die Frage, ob ich vielleicht auch hätte Martin sein können.

In diesem Sinne, Gruß an … Du weißt schon wen!

Outfitpost

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich habe Euch heute noch gar nicht gezeigt, was ich heute an hatte. Dabei gehört das doch längst zum guten Ton – zumindest unter Bloggern. Und welche Hose ich vergangene Woche gekauft habe, wisst Ihr auch noch nicht.

Keine Sorge, ich werde diese schrecklichen Wissenslücken nicht schließen. Dafür bin ich viel zu fasziniert – von all den “Modeblogs”, die in den vergangenen Monaten aus dem Boden gestampft wurden und nun das WWW bevölkern. Modeblogs (oder auf Neudeutsch: Fashionblogs) muss einfach die Zukunft gehören, so schnell wie sie sich im Web 2.0 verbreiten.

Vielleicht ist es, weil ich ein Mann bin. Die Begeisterung, mit der manche Frauen praktisch täglich ihre jeweilige Kleidung posten (“Outfitpost”), die Eröffnung von neuen Geschäften zelebrieren (“Primark”, “Topshop”) oder ihre neuesten Einkaufserrungenschaften/ -wunschlisten veröffentlichen, verwirrt mich einfach. Genau so, wie es mich durcheinander bringt, wenn beinahe zärtlich ein neuer Nagellack beschrieben und/oder ein neuer Lidschatten hervorgehoben wird.

Teil der Verwirrung ist allerdings, wie erfolgreich das funktioniert! Modeblogs sind für viele Firmen längst ein wichtiger Marketing-Bestandteil. Bezahlte Gewinnspiele, Einladungen zu Fashion-Weeks oder Produktproben sind üblich. Gilt die Empfehlung auf einer privaten Webseite doch um ein Vielfaches mehr als ein banaler Werbespot oder ein blinkender Banner auf irgendeiner Webseite.

Insbesondere für viele Frauen und (vor allem?) Mädchen gehört das Bloggen inzwischen ganz automatisch zum Leben dazu. Das Gefühl bekommt man jedenfalls, wenn man sich mal eine Weile von Blog zu Blog geklickt hat. Kein Wunder: Mussten Frauen früher noch hoffen, dass das Lieblingsoutfit auch wahrgenommen wird, können sie es heute einfach ins Internet stellen – am besten noch zusammen mit zwei, drei Alternativen.

Und ich? Wie gesagt: ich habe ein schlechtes Gewissen. Ihr wisst nun immer noch nicht, welche Hose ist gerade anhabe.

In diesem Sinne, bitte untenrum freimachen!

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