Monthly Archives: May 2010
Abge-bahn-fahren
Es sind die Kleinigkeiten, die das Bahnreisen zum Unvergnügen machen können. Etwas zu früh war ich in Frankfurt am Bahnhof gewesen, um nach Karlsruhe zurück zu fahren. Um so erfreuter war ich, dass mein Zug schon abfahrbereit am Gleis stand – das versprach wenigstens das Abfahrtsschild am Bahnsteig.
Soweit die Theorie. Ich hatte mich gerade hingesetzt, als die Durchsage des Schaffners kam: “Liebe Fahrgäste, bitte beachten Sie, dass dies NICHT der Zug nach Konstanz ist, sondern der nach Saarbrücken.” Noch während der Durchsage wurden auch schon die Türen geschlossen und der Zug setzte sich in Bewegung – nach Saarbrücken, nicht über Karlsruhe nach Konstanz.
Der Schaffner konnte meine Aufregung nicht verstehen. Das hätte schon alles richtig draußen drangestanden, betonte er. Warum dann die Durchsage überhaupt nötig gewesen wäre, konnte er mir nicht erklären. Auch nicht, ob ich am nächsten Bahnhof Anschluss an “meinen” Zug hätte. “Das weiß der Zugchef, aber der ist irgendwo vorne”.
Ja, Service wird eben groß geschrieben bei der Bahn. So groß, dass die Kunden ihn sogar selbst leisten dürfen. Ein Mitfahrer, offenbar mit einem ähnlichen Problem wie ich, schaute im DB-Faltblatt nach – Anschluss gäbe es. Die Heimreise war also gerettet. Danke Deutsche Bahn.
In diesem Sinne, sänk juuuu for travellling!
Onlinepacker
Sie waren zu sechst, allesamt recht klein und unscheinbar. Und sie sind der Grund, warum ich “Handybuch” revidieren möchte. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.
Das Setting ist das Foyer und zugleich der Aufenthaltsraum eines Hostels in Frankfurt am Main. Ich war dort bei meinem spontanen Mehrtagesausflug untergekommen und hatte es mir gerade auf einem der Sitzwürfel bequem gemacht. Dass etwas anders war, hatte ich schon beim Reinkommen bemerkt. Es dauerte allerdings einen Moment, bis ich das “anders” zu fassen bekam: Es war das kontinuierliche Tastaturklappern.
Sie waren, wie schon eingangs erwähnt, zu sechst: Sechs unscheinbare Netbooks – kleine Reiselaptops also. Auf eben denen tippten praktisch alle Reisende rum, die sich außer mir in dem Foyer-Bar-Frühstücksraum aufhielten. Gesprochen wurde praktisch gar nicht, sieht man mal von dem sporadischen Geflüster derer ab, die zu zweit reisten und sich einen Computer teilten.
Und sie waren nicht nur im Aufenthaltsraum – bis in den Schlaf verfolgten sie mich. Gleich zwei meiner Mitbewohner im Vierbettzimmer waren computerisiert unterwegs. Einer der beiden, ein Amerikaner, tippte sogar nachts. Zumindest tat er das immer dann, wenn ich zwischendurch aufgewacht bin. Ich will nicht so weit gehen, ihm die Schuld an meinem unruhigen Schlaf zu geben. Aber wirklich schlafffördernd ist ein kontinuierliches blaues Flimmern um vier Uhr morgens nicht.
Bin ich altmodisch? Gehört der Laptop nun so selbstverständlich zum Backpacker wie Trekkingsandalen und die Zip-Hosen? Das war doch vor vier, fünf Jahren noch nicht so!
Wissen diese Leute eigentlich, wie viele kuriose Internet-Cafés sie verpassen? Und wie viele Menschen ihnen entgehen, während sie schon beim Frühstück auf ihre Monitore starren? Und jetzt kommt mir nicht mit “Sicherheit wegen Online-Banking” und so etwas – so wie ich die meisten Nutzer kenne, sind die PCs in Internetcafés besser geschützt als die meisten Reiselaptops.
Immerhin: Eine meiner drei temporären Mitbewohner, ein Asiatin von Mitte 20 auf Europatour, reiste noch ohne Computer. Nicht mal ein Handy hatte sie dabei. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Aber das ist eine andere Geschichte.
In diesem Sinne, gute Reise – oder frohes Tippen, je nachdem …
ge-BILD-et
Wer mich kennt, wird gleich verwirrt sein. Vermutlich werden auch diejenigen verwirrt sein, die mich nicht kennen, aber bis hierher weitergelesen haben. In diesem Fall dürfte es sich nämlich nicht um klassische Bildzeitungs-Leser handeln – im letzten Satz kam schließlich ein Komma vor.
Bei der Bildzeitung ist das nicht unbedingt selbstverständlich. Je einfacher, desto besser, gilt hier – auch für den den Satzbau. Relativsätze sind verpönt, zu viele Worte in einem Satz sowieso. Ein Bekannter, der mal bei der Bildzeitung gearbeitet hat, hat mir sogar von einem “Substantivverbot” erzählt. Lieber sollte er Verben und schlimme Adjektive verwenden, das wäre dramatischer.
Ich gebe es zu, ich mag die Bildzeitung nicht – aber ich bewundere sie. Als Student habe ich in verschiedenen Jobs Presseschauen zusammenstellen müssen. Konkret heißt das, dass man sich frühmorgens durch einen Berg unterschiedlicher Zeitungen kämpft und alle relevanten Artikel zu einem bestimmten Thema zusammensucht. Die Bildzeitung war bei jeder Presseschau dabei – und sie hatte oft die Nase vorn. Viele Themen fanden zuallererst hier statt und wurden erst am nächsten Tag in den anderen Zeitungen aufgegriffen.
Das mag freilich auch an den durchaus zweifelhaften Recherchemethoden der großen, bunten Zeitung liegen, beeindruckt hat es mich aber doch.
Beeindruckend finde ich zum Beispiel, wie banal manche Themen aufbereitet werden. Eine Zeitung wie die Süddeutsche gönnt sich gerne mal eine komplette Seite 2 für einen Hintergrund. Bei der Bild gibt es das auch, nur steht auf dieser Seite eben viel weniger drauf. Ich stelle mir dann immer vor, wie der zuständige Redakteur den Auftrag bekommen hat: “Meyer, die Gesundheitsreform auf 30 Zeilen und ohne Substantive, los gehts” – oder so ähnlich. Aus journalistischer Sicht eine echte Herausforderung. (Man bedenke: Als Springer die Bild gegründet hat, schwebte ihm eine Zeitung komplett ohne Text und nur mit Bildern vor!)
Trotz oder wegen all dieser Dinge wird die Bildzeitung sicher nie mein bester Freund werden. Um so mehr ärgert es mich, wenn der Vorwurf “Das ist Bild-Niveau” immer wieder als scheinbares Totschlag-Argument herhalten muss, um Artikel zu kritisieren. Es ist einfach undifferenziert und meist falsch.
Bild-Überschriften sind reißerisch – aber nicht jede reißerische Überschrift ist Bild. Außerdem finde ich, dass jemand, der eine Überschrift mit “Das ist Bildzeitung” kritisiert sich vorher zumindest mit der Bildzeitung beschäftigt haben sollte. Wie wollte er oder sie sonst qualifiziert so eine Behauptung in den Raum stellen?
In diesem Sinne, viel Spaß mit den bunten Bildern!
Brown Eyed Girl
Er hieß nicht Van Morrisson, auch wenn der Name zu ihm es gepasst hätte. Wir saßen zusammen in einer Bar, ein paar Kilometer abseits der ganz schlimmen Touristenströme. Das Lokal hatte nur drei Wände, nach vorne raus gab es statt einer Wand nur eine Art Zaun.Obwohl es schon nach zehn Uhr war, war die Hitze immer noch drückend. Die Bierflaschen wurden in Styroporhüllen serviert, damit das Bier darin länger kühl blieb.
Auf einer improvisierten Bühne an einem Ende des Lokals spielte eine asiatische Musikgruppe, vor allem amerikanische Rock-Klassiker aus den 1960ern und 70ern. Wirklich gut waren die Musiker nicht, aber es reichte. Keiner von uns hatte besondere Erwartungen an die Musik gehabt. Wir waren alle den Tag unterwegs gewesen und zu müde, um uns groß Gedanken zu machen.
Wir waren zu viert, vielleicht auch zu fünft, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Ich hatte die meisten von ihnen erst vor wenigen Minuten kennengelernt. Das Gespräch plätscherte dahin, was uns allen entgegen kam.
Irgendwann ging Van – seinen richtigen Namen habe ich leider vergessen – auf die Toilette. Er kam allerdings nicht wieder. Der Weg zur Toilette führte nämlich an der Bühne vorbei und Van war mit seinem Bedürfnis offenbar nicht allein.
Der Gitarrist und Sänger der Band, der bisher vor allem durch einen ziemlich verkniffenen Gesichtsausdruck und schlechte Soli aufgefallen war, griff sich Van. Ohne weitere Erklärung drückte er dem verdutzten Engländer seine Gitarre in die Hand und verschwand in dieselbe Richtung, aus der Van gerade zurückgekommen war – auf die Toilette. Den schien das nicht zu stören – im Gegenteil. Spontan spielte und sang er “Brown Eyed Girl” von Van Morrisson. Nicht wirklich gut, aber für mich bis heute die beste Version des Liedes, die ich bislang gehört habe.
In diesem Sinne, Reisen macht musikalisch!
