Monthly Archive for September, 2009

Unlogisch

2009-09-29-autobahn

Zur Party waren es 433,7 Kilometer – pro  Strecke. Da ich mich, einmal von der Autobahn runter, ganz gerne verfahre, hatte ich mit ein paar Extra-Kilometern gerechnet. Doch auch ohne Umwege macht es nicht wirklich Sinn. In nicht mal 24 Stunden insgesamt 867,4 Kilometer quer durch die Republik zu rasen, bloß um zu grillen und mit dem besten Freund und ein paar anderen Leuten einige Biere zu trinken – wer tut so etwas?

Ich habe es getan. Mehr aus einer Laune heraus, denn die Einladung kam einigermaßen spontan. Klar, dass mein Kopf erstmal “nein” gesagt hat. Mein Bauch war allerdings schneller – und stärker. Zum Glück, denn die Party war wirklich gut und es tat gut, den Freund mal wieder zu sehen.

In Krimis rekonstruieren die Kommissare gerne die Handlungen des potenziellen Mörders. Es kann doch kein Zufall gewesen sein, dass er ausgerechnet am Abend der Tat einen Umweg nach Hause gemacht hat – und damit die selbe Strecke gegangen ist, wie das Mordopfer. Wieso hat er seit Wochen die geliehene Kettensäge im Kofferraum – wäre es nicht logischer gewesen, sie direkt zurück in den Keller zu bringen?

Die Rechnung funktioniert allerdings nur im Film; Menschen sind nicht logisch. “Wollen Sie mir wirklich sagen, Sie sind nur für eine Party 900 Kilometer gefahren?”, würde mich der Kommissar fragen, und kein Zuschauer würde mir mein “Ja” abnehmen. Trotzdem wäre es die Wahrheit – doch was heißt das schon.

Nicht nur im Krimi, auch im normalen Leben unterstellen wir unseren Mitmenschen aus irgend einem Grund immer, dass sie wissen, was sie tun. Warum eigentlich? Tun wir es denn selbst? Und wenn ja – würde unser Tun immer einer logischen Überprüfung durch den kritischen Tatort-Fan standhalten?

In diesem Sinne, erwartet das Unerwartete!

Ein Löffel Weisheit

2009-09-29-musikMeine erste CD war eine Schallplatte. Ich habe sie zu meinem zehnten Geburtstag bekommen und darauf zu hören war David Hasselhoff, den ich damals schon wegen Knight Rider besonders großartig fand. Wie schön, dass er nun auch noch als Sänger auftrat. Dass ich “Looking for Freedom” irgendwann mal albern finden würde, konnte ich mir nicht vorstellen.

“Looking for Freedom” war noch kein Thema, als Guns ‘N’ Roses das erste Mal im Whiskey A Go Go auftraten und wenig später mit Songs wie “Sweet Child O’Mine” und “Paradise City” über L.A: hinaus auf sich aufmerksam machten. Ich entdeckte die Band kurz nach dem Einsetzen der Pubertät, und die Paradiesstadt von Axl, Slash und Co wurde zu meiner persönlichen Hymne – freilich nachdem ich mich von “Use your Illusion I+II” rückwärts bis “Appetite für Destruction” gehört hatte. Songs wie “Rocket Queen” oder “Thinkin’ about you” schienen mir zu genial, um Blödsinn zu sein.

Später bevölkerten dann Wizo, Die Toten Hosen und diverse andere Bands mit Lederjacken und zerrissenen Jeans meinen Walkman (der nicht wirklich so hieß, weil er nicht vom Namensrechte-Inhaber Sony gebaut worden war). Campino und Co sangen von Revolution und einem Leben am Rande der Gesellschaft, das gefiel mir irgendwie. Komisch eigentlich, obwohl ich “Looking for Freedom” längst lächerlich fand, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es mir mit manchem Hosen-Lied einmal genau so gehen könnte. Endlich, so dachte ich, hatte ich mir die Weisheit mit Löffeln ins Ohr geschaufelt.

Was soll ich sagen – wieder lag ich falsch, zumindest aus heutige Sicht. Immer wieder dieser Gedanke, endlich der Weisheit letzen Schluss erreich zu haben, und immer wieder wurde ich eines besseren belehrt. Das gilt für meinen Musikgeschmack, doch vermutlich auch für alles andere. Aber wer weiß schon, was ich morgen denke.

In diesem Sinne, Gruß an die Zukunft!

Delmenhorst

2009-09-23-delmenhorst

Ich bin schon mal durchgefahren, mit dem Zug. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich hier  sogar ein oder zwei Minuten Aufenthalt. Hätte aber nicht sein müssen. Viel gab es nicht zu sehen.

Bekannt geworden ist der kleine Ort in Niedersachsen durch Sarah Connor, die hier aufgewachsen ist. Ihrer Nase übrigens auch. Und durch Sven Regener, der ein Lied über “Delmenhorst” geschrieben hat. ”Ich bin jetzt immer da, wo Du nicht bist”, singt Regener, “und das ist immer – Delmenhorst”.

Wenn eine Beziehung endet, ist es mit der Freiheit danach so eine Sache. Frauen haben sie das komische Bedürfnis, ihre Freunde erziehen zu wollen. Liebenswürdig und dogmatisch zugleich haben sie es sich dem Ziel verschrieben, aus vermeintlich ungehobelten Mannsbildern wahre Kavaliere oder wenigstens bessere Menschen zu machen. Um so dramatischer, wenn die Beziehung zu Ende geht, bevor sie dieses Ziel verwirklichen konnten. Ihre Bemühungen leben nämlich fort, so oder eben so.

“Es ist schön, wenns nicht mehr weh tut”, singt Regener und dass sein lyrisches Ich die Klamottenfarbe nun selbst bestimmt. Ich muss bei dabei immer an eine Kette denken, die mir eine Freundin mal geschenkt hat. Bis dato war ich nicht der Mensch gewesen, der Schmuck getragen hat. Die Kette gefiel mir aber. Daran änderte auch nichts, dass besagte Freundin und ich uns wenige Wochen später getrennt haben. Die Trennung war von mir ausgegangen, trotzdem habe ich die Kette noch gut ein halbes Jahr lang getragen. So lange, bis sie irgendwann den selben Weg gegangen ist, wie die Beziehung (sie ist kaputt gegangen).

Heute frage ich mich, was ich mir dabei gedacht habe. Gefiel mir die Kette so gut, dass ich sie weiter als eine Art modisches Ascessoir  mit mir rumtragen wollte? (Das wäre unheimlich. Sollte ihre Erziehung wirklich derart tiefenwirksam gewesen sein?) Vielleicht habe ich mir auch gar nichts dabei gedacht und die Kette einfach aus Gewohnheit weiter getragen? (Auch keine besonders realitätsnahe Vorstellung, dafür denke ich zu viel.)

Jede Beziehung hinterlässt ihre Spuren, selbst dann, wenn man sich diese nicht um den Hals hängen kann. Manche dieser Spuren verlieren sich irgendwann, andere hinterlassen Narben oder sogar tiefe Krater. Alles andere wäre wohl komisch. Trotzdem habe ich keine Ahnung, wie Regener ausgerechnet auf Delmenhorst gekommen ist. Zumal es sich bei dem im Song immer wieder besungenen Geschäft, “Getränke Hoffmann”, um eine originär Berliner Getränkehaus-Kette handelt. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls schön, wie der Element of Crime-Sänger das Ende einer Beziehung umschreibt, die zumindest im Kopf noch nicht wirklich zu Ende ist.

In diesem Sinne, hinter Hurting ist ein Graben …

Nackt bügeln

2009-09-20-bügeln“Ich bügel normalerweise nackt”

Wir kannten uns zehn Minuten, als sie mir diese Eröffnung machte. Außerdem hatte sie eine Schere in der Hand. Die Schere machte mir allerdings weniger Sorgen, schließlich war sie Friseurin und gerade dabei, mir die Haare zu schneiden. Der Satz mit dem Bügeln dagegen verwirrte mich.

Wie kam es, dass mir diese zwar sympathische, aber irgendwie ja doch fremde junge Frau mir nach nur ein paar Minuten so etwas erzählte? Zwar war die Aussage lange nicht so sexuell anzüglich gemeint, wie sie hier aufgeschrieben vielleicht wirkt. Trotzdem habe ich in den 35 Minuten, die ich gestern beim Friseur verbracht habe, mehr über die 22-Jährige Scherenkünstlerin erfahren als ich über manchen jahrelangen Bekannten weiß. (Ich hatte übrigens das Gefühl, der Chefin der jungen Friseurin ging es nicht anders).

Ich weiß zum Beispiel, dass sie einen Bruder hat, der als Kind fast von einem Schrank erschlagen wurde. Ich habe die Brandwunde am Bauch gesehen, die sie sich beim Nackt-Bügeln zugezogen hat, und ich weiß von ihrem abgebrochenem Fach-Abi, und welche Sorgen ihre Mutter sich manchmal wegen ihr macht. Außerdem ist sie der einzige Mensch, den ich kenne, der es geschafft hat, beim Rückwärtsfahren an einer roten Ampel geblitzt zu werden.

Was ich nicht weiß: Warum sie mir all das erzählt hat. Woher kommt es, dass wir bei manchen Menschen das Gefühl haben, ihnen alles mögliche erzählen zu können (und zu wollen), bei anderen hingegen bleiben wir über Jahre an der Oberfläche, ohne es wirklich erklären zu können.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es Männern oft genügt, wenn eine Person zu einer bestimmten Gruppe gehören, um Vertrauen aufzubauen. Im Versuch war das etwa, dass die andere Person dieselbe Universität besucht hatte wie sie selbst. Frauen dagegen benötigen in der Regel einen persönlichen Aspekt, der Vertrauen rechtfertigt.

Was dieser Aspekt in diesem Fall war, weiß ich nicht. Ich habe auch keine Lust, groß darüber nachzudenken. Der Kopf, hat ein kluger Kopf einmal gesagt, ist ohnehin nur dazu da, die Entscheidungen des Bauches zu legitimieren. In so fern interessiert es mich auch nicht wirklich, dass meine Haare nun doch wieder kürzer geworden sind, als mein Kopf es geplant hatte.

In diesem Sinne, Gruß an die liebe Friseurin M.!

Kanadische Rhetorik

Eines vorweg: Bei diesem Video handelt es sich um eine Bierwerbung. Trotzdem wird das knapp eine Minute lange Filmchen mittlerweile sogar bei Rhetorik-Trainings eingesetzt.

Zu Recht, wie ich finde. Überzeugung braucht Begeisterung, davon können sich nicht nur unsere Politiker die eine oder andere Scheibe abschneiden.

In diesem Sinne, Prost!

Herr Rossi

2009-09-14-Herr-RossiWir sind Herr Rossi. Das behauptet jedenfalls Florentine Fritzen. Die hat ein Buch mit dem schönen Titel “Plus minus 30 oder die Suche nach dem perfekten Leben” geschrieben. Darin kommt Herr Rossi zwar nicht direkt vor, der kleine italienische Mann mit Hut bringt den Inhalt aber ganz gut auf den Punkt – er sucht schließlich schon seit den 1970-ern das Glück.

Frau Fritzens Buch erscheint erst morgen, einen Vorgeschmack gab es aber schon gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. “Wir sind noch nicht alt und suchen das Glück”, heißt es da gleich zu Beginn. “Leider haben wir keine Ahnung, wo es sich versteckt. Deshalb gehen wir auf unserer Suche systematisch vor: Wir bemühen uns einfach, überall perfekt zu sein, und hoffen, dass sich das Glück dann von selbst einstellt.”

Diese systematische Glückssuche ist uns natürlich nicht wirklich bewusst, unser Streben nach Glück ist subtiler. Florentine Fritzen vergleicht es in ihrem Buch mit einer Coupon-Sammlung: Traumreise – ein Coupon, Traumjob – noch ein Coupon, Traumpartnerschaft – wieder ein Coupon. Wie ein Panini-Sammelalbum. Man muss nur genügend Kartenpäckchen kaufen, irgendwann sind alle Leerstellen gefüllt …

“Plus minus 30″ beleuchtet das, was ich an dieser Stelle salopp mit der Neon-Generation bezeichnen möchte. De Jure längst volljährige, meist einigermaßen gut ausgebildete Menschen, die sich trotzdem standhaft weigern, in letzter Konsequenz erwachsen zu werden – auch wenn sie längst Ende 20 oder sogar Anfang 30 sind. Erwachsen zu sein, das heißt schließlich, sich für einen Weg zu entscheiden – und das wollen wir um jeden Preis vermeiden: ”Im Studium haben wir uns daran gewöhnt, mehrgleisig zu fahren. Deshalb macht es uns jetzt Angst, dass sich immer mehr Möglichkeitsfenster schließen.”

An allen Fronten so viele Glückspunkte sammeln wie irgend möglich, so lautet die Devise. Die Idee, dass die Vorsilbe “Traum-” nicht alles ist, was zählt, scheint uns nicht zu kommen. Schade eigentlich. Ich habe nämlich den Verdacht, dass wir gerade durch das krampfhafte Streben nach Glück und Perfektion das Wichtigste verpassen.

In diesem Sinne, wie wäre es mit etwas mehr Mut zur Lücke?

Geschlossen

2009-09-12-LiegestuhlDas Licht war noch da, aber die Liegestühle waren weg. Und selbst das mit dem Licht war eher Zufall, denn eigentlich war der freundliche Mann hinter der Theke gerade dabei, noch schnell die letzten Gläser wegzuräumen, bevor er zumachte.

Uns hat er trotzdem noch jedem ein Bier verkauft. Wir hatten Glück, wären wir zehn Minuten später gekommen, hätten wir glatt das Ende des Sommers verpasst – die Strandbar hätte ohne uns das letzte Mal für dieses Jahr geöffnet gehabt.

Es ist komisch, wie sich bestimmte Zeitabschnitte rückblickend auf einige wenige Augenblicke zusammendampfen. Diesen Sommer war ich vielleicht fünf oder sechs Mal in der Strandbar im Paradies (der Stadtteil am Seerhein heißt dort wirklich so). Trotzdem habe ich den Verdacht, dass diese wenigen Abende in meiner Erinnerung einmal unter anderem stellvertretend für den Sommer am See 2009 stehen werden.

In meinem Kopf tummeln sich eine ganze Reihe, solcher Erinnerungen. Manchmal sind es mehrere Tage, dann wieder nur wenige Sekunden, die trotzdem irgendwie typisch für eine ganze Lebensphase waren. Das Traurige dabei ist: In dem Moment, wo sich so ein Gedankensplitter geformt hat, ist das dazu passende Äquivalent in der Realität normalerweise endgültig vorbei und Vergangenheit – geschlossen quasi. Aber das ist wohl der Fluch einer jeden schönen Erinnerung: Sie liegt nun einmal ihrer Natur entsprechend in der Vergangenheit.

In diesem Sinne, schönen Gruß an Früher!

Unansehnlich gesehen

Der Spruch ist nun nicht wirklich originell: “Gerade jetzt sehe ich echt scheiße aus.” Trotzdem stimmte er – und hatte in diesem Fall so gar nichts mit Fishing for Compliments zu tun. Ich war verschwitzt, trug ein altes T-Shirt und eine, den Löchern nach, wohl noch viel ältere Hose. Meine Frisur stand, allerdings nicht gut, eher irgendwie vom Kopf weg. Und als wäre das nicht genug hatte ich da diesen dicken, fetten Pickel links oben auf der Stirn.

Wie hätte ich auch ahnen können, dass sie ausgerechnet heute an der Kasse hinter mir stehen würde. Ich kannte sie schließlich nicht, entsprechend nebulös war meine Kenntnis ihrer Einkaufsgewohnheiten.

Ihr Parfüm allerdings gefiel mir. Es war das erste, was ich von wahrnahm, und dabei blieb es auch eine ganze Weile. Ich war mir des ersten Eindrucks, den ich machen musste, schließlich durchaus bewusst, und sie machte mich auch so schon nervös genug.

Sie dagegen schien meine Last-Minute-Einkäufe, derentwegen ich mich in diesem erbärmlichen Zustand aus dem Haus gewagt hatte, um so interessierter zu betrachten: Brot, Bier, eine Packung Käse, Nudeln und zwei Tomaten. Nichts, womit man bei Frauen Eindruck schinden könnte. Verdammt, warum hatte ich nicht irgendetwas dramatisches in meinen Einkaufswagen gepackt?

Um es kurz zu machen: Ich habe ihr noch ein wenig hinterher geguckt, als sie nach dem Bezahlen mit dem Fahrrad an mir vorbei gefahren ist. Angesprochen habe ich sie nicht. Ich fand mich schlicht zu unansehnlich. Ich würde mich nicht als übermäßig eitel bezeichnen, trotzdem würde ich einiges gegeben, dieser Frau noch einmal begegnen zu dürfen, wenn ich das Gefühl habe, mehr ich selbst zu sein. Ein Grund oder nur ein Vorwand?

In diesem Sinne, Gruß an die gut-riechende Unbekannte!

Frauenfußball

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Was passiert, wenn ein Politk-Redakteur in der Zeitung abfällig über Frauenfußball schreibt? Richtig, er muss mitspielen. Das Ergebnis seht Ihr in diesem Video.

In diesem Sinne, ich hoffe, ich muss nie über Kickboxen schreiben …

Unverhofft und Unerwartet

2009-09-06 unfallEine Freundin von mir ist kürzlich mit dem Fahrrad gegen ein parkendes Auto gefahren. Es war mitten in der Nacht, und es war ein dunkles Auto, daher unterstelle ich ihr, dass sie nicht absichtlich dagegen geradelt ist.

Im Gegenteil: Viel Zeit, sich auf den Zusammenstoß vorzubereiten, dürfte sie nicht gehabt haben. Ansonsten wäre der Aufprall wohl  auch für beide glimpflicher ausgegangen. Nun müssen beide mit den Beulen des Unfalls leben.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, die beiden täten mir nicht leid – die Freundin noch mehr als das Auto. Allerdings illustrieren beide sehr nachdrücklich, wie unvorbereitet wir in der Regel vom Schicksal eingeholt werden.

Man sollte meinen, einer wichtigen Veränderung ginge in der Regel auch ein entsprechendes Vorspiel voraus. Eine unüberhörbare Warnung oder wenigstens eine eindeutige Ahnung, dass eine größere Veränderung ins Haus steht. Meist ist dem allerdings nicht so.

Als ich das erste Mal in meinem Leben Skifahren war, musste nur ein geliehener Skistock daran glauben. Meine Knochen blieben wider Erwarten heil. Als mich meine damalige Zeitschrift vor neuneinhalb Jahren in das gerade befriedete Kosovo schickte, ging ich am Vorabend mit einem reichlich komischen Gefühl joggen. Nach allem, was man mir erzählt hatte, war ich fast sicher, bei der Reportage-Reise mindestes ein Bein durch eine Mine zu verlieren.

Ich habe noch beide Beine. Dafür habe ich mir vor nicht all zu langer Zeit die Hand gebrochen, als ich mich sonntags-abends zum DVD-Gucken aufs Bett gesetzt habe. Auch habe ich noch heute einen etwas demolierten Zeh, weil ich 1997 in Spanien beim Duschen ausgerutscht und gegen den Türrahmen geknallt bin. Und dass ich nun in Konstanz wohne verdanke ich einer Bewerbung, die ich wegen einer zufällig besuchten Internetseite geschrieben habe.

Ja, tatsächlich scheinen uns die wirklich großen Ereignisse in der Regel nie dann zu erwischen, wenn auch damit rechnen. Das gilt bei versehentlichen Selbstverstümmelungen, die ein Leben für ein paar Wochen oder auch für immer durcheinander wirbeln; das gilt aber auch für fast alle anderen Umstürze, die sich vielleicht nicht in gebrochenen oder gar abgerissenen Gliedmaßen manifestieren, aber deswegen nicht weniger tiefschürfend sein müssen.

So oft wähnen wir uns am Vorabend einer bedeutenden Umwälzung zu stehen, ohne dass auch nur die geringste Veränderung auf uns wartet. Zugleich vermag es eine scheinbar banale Situation alles zu verändern, ohne dass wir es vorher auch nur geahnt hätten. Zum Guten, oder zum Schlechten. Und genau das ist der Haken an der Sache.

In diesem Sinne, Augen auf beim nächtlichen Radfahren!