Windpocken-Hochzeit

Letztens hatte ich einen komischen Gedanken: Vielleicht sind Hochzeiten gar nicht ansteckend? Ich weiß, das klingt verrückt, lasst uns trotzdem für einen Moment annehmen, es wäre die Wahrheit.

Als ich noch ein Kind war, da hatte die Ehe etwas von Windpocken. Jeder bekam sie irgendwann, auch wenn der Juckreiz nicht bei allen gleich stark war. So hatten es mir meine Eltern und deren größtenteils verheirateten Freunde und Bekannten schließlich vorgelebt. Mit über 30 allein zu wohnen kam in meinen 15-jährigen, pubertären und von Windpocken gebeutelten Gedanken schlicht nicht vor.

Gucke ich mich jetzt, gut 16 Jahre später und vielleicht auch etwas reifer, in meinem Freundeskreis um, haben Hochzeiten immer noch etwas von Windpocken. Mit jeder Hochzeit, zu der ich fahre, flattern mir zwei oder drei neue Einladungen ins Haus. Nur ich scheine irgendwie immun zu sein – vielleicht weil ich Windpocken schon gehabt habe.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht unzufrieden. Ich realisiere nur immer mehr, dass das mit dem Heiraten vielleicht viel weniger mit einer ansteckenden Infektionskrankheit zu tun hat, als ich immer dachte. Dass in meinem Familien- und Freundeskreis durchaus Menschen leben, die auch mit 40 oder 50 noch nicht verheiratet sind, ohne sich deswegen unglücklich zu fühlen – und dass ich einer von ihnen sein könnte.

Als Kind habe ich immer gedacht, als Erwachsener heiratet man halt irgendwann. Inzwischen weiß ich, dass das stimmt – allerdings nicht für alle Menschen. Und nie sollte man ja sowieso nie sagen.

In diesem Sinne, lasst Euch überraschen!

Geburtstag (Facebook)

Ich bin wichtig. Findet jedenfalls mein Postfach. Das glühte diesen Montag förmlich – was mich auch mit 31 Jahren noch gefreut hat. So alt bin ich nämlich geworden. Allein bei Facebook haben das über 60 Personen bemerkt und mich mit Pinnwand-Einträgen und privaten Nachrichten bedacht.

Früher war das anders. Früher war ich wohl nicht ganz so wichtig. An meinem Geburtstag klingelte nur hin und wieder das Telefon. Dazu gab es ein paar Geburtstagskarten per Post.

Ich selbst bin schlecht darin, mir Geburtstage zu merken. Dafür habe ich meinen jeweiligen Kalender. Immer zum Ende des Jahres hin nehme ich mir bewusst Zeit, um die für mich wichtigen Geburtstage mit einem roten Fineliner zu notieren. Jedes Jahr kommen einige Geburtstage dazu, andere fallen raus.

Ich bin auch niemanden böse, wenn er meinen Geburtstag vergisst – oder auch bewusst ignoniert hat. So wichtig bin ich nicht – und das ist auch OK so.

Schade finde ich allerdings, wenn das Gratulieren zum Reflex wird. Wenn blind Glückwünsche verschickt werden, bloß weil der Geburtstag nun einmal bei Facebook aufploppt. Wenn mir ganz selbstverständlich Menschen gratulieren, die ich schon vor Jahren aus den Augen verloren habe und die mir noch nie gratuliert haben, als wir uns zumindest noch hin und wieder gesehen haben.

Bin ich da zu streng? Vielleicht sogar unhöflich, weil ich mich über nett gemeinte Glückwünsche nicht hinreichend freue? Mag sein. Ich überlege trotzdem, ob ich meinen Geburtstag im nächsten Jahr nicht einfach bei Facebook lösche. Einfach um mal zu schauen, wie wichtig ich dann noch bin – und für wen.

In diesem Sinne, happy birthday!

Gefährlicher Regen

Ich mag Regen. Zumindest wenn er draußen ist und ich drinnen. Regen ist nämlich wie Achterbahnfahren: obwohl es sich so anfühlt, als würde man jeden Moment aus der Kurve fliegen, weiß man, dass man es doch nicht tun wird und freut sich darüber. Genau so wie man sich beim Regen freut, dass man nicht nass wird, obwohl die Tropfen draußen mit einer solchen Wucht vor das Fenster schlagen, dass man genau weiß, dass man draußen binnen kürzester Zeit durchnässt wäre. Man ist aber nicht draußen – und der Regen macht das Drinnen-Sein noch viel schöner.

Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind mit meinen Eltern in jedem Sommer campen war. Meine Eltern haben im Wohnwagen geschlafen, meine Schwester und ich im Zelt. Nicht immer waren die Zelte dicht. Es gibt Fotos, da sieht man, wie meine Eltern große Plastikplanen über die beiden kleinen Dreiecksbauten von Zelten gespannt haben, damit meine Schwester und ich im Trockenen schlafen.

Später gab es diese Iglu-Zelte. Die waren dicht, aber nur, wenn sich Innenhaut und Außenhaut des Zeltes nicht berührten. Jede Bewegung in dem zwei Mal eineinhalb Meter großem Zelt musste also wohlüberlegt sein. Trotzdem gab es schon damals nichts schöneres als Regen, der auf eine Zeltplane prasselt. Das Wissen, bei nur einer falschen Bewegung doch noch nass zu werden, verstärkte das gute Gefühl noch.

Vielleicht ist das mit dem Camping aber zu kurz gegriffen. Vielleicht ist das mit dem Regen ja sogar ein urmenschliches Gefühl? Vielleicht ist das der Grund für Horrorfilme, gefährliche Überholmanöver und verrückte Mutproben? Wir wollen die Gefahr möglichst nah bei uns sehen/spüren/hören, weil uns das so wunderbar daran erinnert, das wir ihr entgehen. Wie bei den Achterbahnen.

In diesem Sinne, gute und feuchte Fahrt!

Pusteblume

Ich bin schlecht darin, das Alter von Kindern zu schätzen. Das Mädchen kann daher sechs, vielleicht aber auch schon zehn Jahre alt gewesen sein.  Sie war auf dem Weg zur Schule und trug einen dieser Ranzen, von denen man meint, sie wiegen mindestens das Doppelte von dem Kind, auf dessen Rücken sie hängen. Außerdem war sie fast luftdicht in verschiedene Winterklamottenschichten verpackt: Jacke, Mütze, Schal, usw. – kurz: sie sah aus wie das Michelin-Männchen, und ich halte es noch heute für ein Wunder, dass sie sich überhaupt bewegen konnte.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als wir uns auf dem Bürgersteig begegneten. Fast hätte ich sie umgerannt, denn ich nutze die sieben bis acht Minuten Fußweg in die Redaktion gerne, um per Handy schon mal die eine oder andere Email zu beantworten. Erwachsenen und Autos kann ich dabei problemlos ausweichen, Kinder hingegen verstecken sich – wie ich jetzt weiß – gerne hinter “An:” und “Betreff:”.

Allerdings war ich nicht der Einzige, der abgelenkt war. Kurz bevor das kleine Mädchen und ich zusammengestoßen wären, sprang sie auf die Seite. Mit großen Augen pflückte und begutachtete sie eine vergessene Pusteblume, die sich sich hier neben einem Baum vom Wind schaukeln ließ. Während ich auf den “Senden”-Button tippte, pflückte das Mädchen die Blume und begann zu pusten und zu lachen und entließ so eine kleine, weiße Schirmfliegerwolke in meine Richtung.

“Pusteblume”, dachte ich, und fragte mich, ob es für diese Entwicklungsstufe des Löwenzahns eigentlich auch einen erwachsenen Ausdruck gibt. Zugleich versuchte ich mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal einen verblühten Löwenzahn gesehen oder gar gepflückt hatte. Ob nur Kinder Pusteblumen finden können?

In einer Stunde werde ich 31 Jahre alt. Ich sollte öfter nach Pusteblumen Ausschau halten.

In diesem Sinne, pffffff!

Spiegelbrille

Es ist nicht so, als würde er mich nicht kennen. Im Gegenteil: Wir sind seit Jahren Freunde, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Ich rede normalerweise offen mit ihm. Probleme, Sorgen, Schwächen – vielleicht untypische Themen für eine Männerfreundschaft. Trotzdem tut mir der Austausch gut. Und trotzdem muss ich in seinem Kopf immer wieder ein ebenso unglaubliches wie ungewolltes schauspielerisches Talent entfalten.

Wie wir andere Menschen sehen, hängt auch immer davon ab, wie wir uns selbst sehen. Die meisten Menschen wissen nämlich viel besser über sich selbst  bescheid, als sie sich eingestehen möchten.

Besonders zeigt sich das dann, wenn sie mit anderen Menschen zusammentreffen. Schnell wird das Gegenüber dann zu einer ganz eigenen Art von Spiegel, der Änlichkeiten genau so übertreibt wie Unterschiede. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen neigen dazu, die eigenen Schwächen bei ihrem Gegenüber besonders stark wahrzunehmen – genau so wie das, was sie für ihre Stärken halten.

Wer zum Beispiel besonders schüchtern ist, wird Schüchternheit auch bei seinen Mitmenschen suchen. Entweder, um sie zu finden – oder das Gegenteil davon. Wer selbst aufbrausend ist, es aber nicht sein möchte, wird besonders schnell von aufbrausenden Menschen genervt sein – und zugleich weniger aufbrausenden Freunden ein besonders ruhiges Wesen unterstellen.

Ganz ähnlich ist es mit besagtem Freund. Immer wieder unterstellt er mir Stärken, die er sich selber wünscht, Schwächen, die er von sich selbst kennt – und die jeweiligen Gegenteile davon. Meist stört mich das nicht, weil es eher nebenbei zur Sprache kommt und unsere Gespräche oft nur am Rande tangiert. Trotzdem irritiert es mich manchmal. Vor allem dann, wenn ich feststelle, dass sein Bild von mir sich in seinem Kopf verselbständigt.

Das Problem dabei: Ich bin mir durchaus bewusst, dass auch ich ihn durch die Spiegelbrille sehe. Zumindest muss ich davon ausgehen, wenn meine Theorie stimmt. Und dann müsste ich ja eigentlich davon ausgehen, dass auch das Bild von mir, das ich mir in sein Bild von ihm denke, reichlich spiegelbrillenverzerrt ist.

In diesem Sinne, Gruß an Kant!

Meinung 2.0

Was wird eigentlich nicht im Internet bewertet? Es gibt Portale für Urlauber, bei denen man Erfahrungsberichte zu Hotels, Orten und Reiseveranstaltern lesen kann. Lehrer müssen ihre Leistungen im Internet ebenso kritisch hinterfragen lassen wie Hochschulprofessoren. Irgendwo habe ich sogar mal gelesen, dass man jetzt auch seinen Ex-Freundinnen online Noten geben kann: wie “gut” war sie im Bett, welche Macken hatte sie und was sollte man ihr besser nicht zum Geburtstag schenken?

Solche Bewertungen sind nicht immer sinnvoll, für viele Menschen sind sie aber wichtig. Eine vermeintlich ehrliche Meinung zu einem Produkt (Lehrer, Exfreundin) wird von den meisten Menschen nun einmal höher bewertet als jeder noch so ausgefeilte Werbetext – dem man ja per se unterstellen muss, dass er einseitig positiv formuliert ist.

Das wissen natürlich auch die Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Dass der Chef des WeTab-Herstellers Neofonie , Helmut Hoffer von Ankershoffen, dreist unter fremdem Namen vermeintliche Endverbraucher-Rezensionen über das eigene Produkt verfasst hat, ist deshalb nicht schön (und sein Rücktritt eine gute Entscheidung). Überraschen dürfte es aber eigentlich niemanden – genau so wenig, wie der WeTab-Fall ein Einzelfall sein dürfte.

Im Gegenteil: Das Verkaufen von positiven Bewertungen ist für manche längst zum einträglichen Geschäft geworden. Die schweizer Agentur Trigami etwa verspricht, gezielt für private Produktbewertungen von Bloggern zu sorgen und wirbt mit “redaktionelle[n] Werbetexte[n], geschrieben von Bloggern, 100% positiv durch Inhaltskontrolle”. Als Referenz werden unter anderem Kunden wie die Allianz, Citroen, Jacobs Kaffee, Nike und Nikon angegeben.

Auch die auf Mallorca ansässige Firma Abvisco wirbt damit, gezielt das Web 2.0 für positive Außenwirkung zu nutzen und verspricht Antworten auf Fragen wie: “Wie platzieren wir unser Unternehmen erfolgreich in Social Media Plattformen [etwa Facebook, MeinVZ und Co]?”

Eigentlich kann einem Helmut Hoffer von Ankershoffen, bis gestern Chef des WeTab-Herstellers Neofonie, da nur leid tun. Der hat die Drecksarbeit wenigstens noch selbst gemacht.

In diesem Sinne, wer möchte eine positive Bewertung kaufen?

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