Seiltänzer

Sonntagmorgen, noch relativ früh. Der Nieselregen schlägt sich als feiner feuchter Film auf den Fenstern der Straßenbahn nieder. Das Draußen wirkt seltsam verzerrt. Fast hätte ich ihn darum auch gar nicht gesehen.

Er hatte schneeweiße Haare und trug ein Hemd, dessen ebenfalls weißer Kragen oben aus dem dunklen Mantel heraus schaute. Seine Hose war passend zum Mantel gewählt, seine Schuhe glänzten trotz des Regens wie frisch geputzt. Er muss so um die 70 Jahre alt gewesen sein, vielleicht auch älter. Gewirkt hat er allerdings deutlich jünger.

Ich hatte nicht lange Zeit, ihn lange zu beobachten, doch es reichte, um beeindruckt zu sein. Die Bahn hatte an der Haltestelle “Kongresszentrum” gehalten und dann schnell wieder Fahrt aufgenommen, vorbei am Novotel und an den in Stein gefassten, langgezogenen Blumenbeeten, die hier den Bürgersteig begrenzen.

Auf einer dieser Steineinfassungen balancierte der Mann. Wie ein Kind setzte er auf die schmale Steinkante einen Fuß vor den anderen. Dabei wirkte er unendlich konzentriert und leichtfüßig zugleich – und auf eine ganz eigene Art fröhlich.

Der Regen schien ihm genau so egal wie die Blicke der Leute aus der Straßenbahn. Er hatte keine Angst zu fallen, das konnte man sehen. Er wirkte wie ein Kind, das noch nie gefallen ist – oder wie ein alter, schlauer Mann, der begriffen hat, dass Fallen gar nicht so schlimm ist.

In diesem Sinne, Gruß an den unbekannten Mann!

Mitgedacht

Ich denke viel. Ich denke auch gern. Ich denke allerdings am liebsten für mich. Darum finde ich es auch extrem anstrengend, wenn ich gezwungen bin, andauernd noch für jemand anderen mitzudenken. Vor allem möchte ich nicht mehr andauernd für Anne mitdenken.

Anne heißt natürlich nicht wirklich Anne. Ihr wirklicher Name tut aber nichts zur Sache. Allerdings würde Anne sich vermutlich nicht mal beschweren, wenn ich sie hier namentlich nennen würde. Sie beschwert sich überhaupt sehr selten. Das finde ich so anstrengend an ihr.

Weil Anne so gut wie nie sagt, ob ihr etwas gefällt oder nicht, muss ich das tun. Wenn ich mit Anne zusammen bin, muss ich also permanent für zwei denken: für mich – und für sie.

Das fängt schon an, wenn wir ins Kino gehen. Weil Anne selten eine Präferenz äußert (haben tut sie die sehr wohl!), ist es an mir, ihren und meinen Geschmack gegeneinander aufzuwiegen. Weil Anne auf “wollen wir noch bleiben oder willst Du gehen?” meist mit “ist mir egal” antwortet, überlege ich nicht nur, ob ich müde bin und ins Bett möchte. Gleichzeitig versuche ich auch immer abzuschätzen, wie wach Anne wohl noch ist.

Klar, ich könnte einfach nur nach meinem Kopf leben. Allerdings ist das sogar noch anstrengender, als für zwei zu denken. Denn auch wenn Anne sich so gut wie nie beschwert, sie ist einfach unglaublich gut darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich mal nur an mich gedacht habe. Vielleicht ist Anne nicht gut für mich. Dumm nur, dass sie das anders sieht. Zumindest in meinem Kopf.

In diesem Sinne, was denkt Ihr?

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