Karierter Rock

2009-10-05-KlosucheHinter welcher Tür ist die Toilette? Wir hatten versucht, leise zu sein, als wir gestern Nacht durch den WG-Flur in ihr Zimmer gestolpert sind. “Und da ist das Bad” hatte sie geflüstert, und ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht.

Dummerweise waren im selben Satz auch Marie und Klaus vorgekommen, ihre beiden Mitbewohner. Deren Zimmer gingen ebenfalls von dem Flur ab, genau wie das Badezimmer, das ich jetzt so dringend brauchte. Ärgerlich, dass es mir partout nicht gelingen wollte, mich zu erinnern, in welchem Zimmer das gewesen war.

Es muss etwa acht Uhr sein. Früh für jemanden, der erst um kurz vor fünf ins Bett gegangen ist. Früh insbesondere dann, wenn es nicht das eigene Bett war. Ich merke die Schnäpse, die wir am Ende des Abends getrunken haben, und zwar mehr in der Blase als im Kopf. War da schon klar gewesen, dass ich nicht zu mir nach Hause gehen würde?

Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich kalt an. Ich versuche den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Hübsch hat sie ausgesehen, in dem karierten Rock. Noch hübscher war sie allerdings gewesen, als sie den Rock ausgezogen hatte. Von den ersten Worten, die wir auf dieser Party gewechselt hatten, bis zum gemeinsamen Weg durch ihr Treppenhaus – als war so herrlich unkompliziert gewesen. Als wäre ein anderes Ende dieses Abends nicht einmal denkbar gewesen.

Ich probiere die erste Tür. Sie sieht aus wie die anderen Türen auch. Einzig die Küchentür ist anders. Sie hat ein gläsernes Fenster, auf das jemand von der anderen Seite ein Pulp Fiction Poster geklebt hat. Es zeigt John Travolta und Samuel L. Jackson als Berufskiller und hängt in jeder zweiten Wohngemeinschaft – gefühlt zumindest.

Dass es auch hier heimisch ist weiß ich, weil ich es gesehen hab, als die Frau mit dem karierten Rock vorm zu Bett gehen noch eine Flasche Wasser aus der Küche geholt hat. Die Stiefel hatte sie da schon ausgezogen gehabt. Ich dagegen hatte mich bei dem Gedanken erwischt, mich umzudrehen und nach Hause zu gehen. Ein komischer Impuls und ein sehr kurzer noch dazu. Trotzdem erinnere ich mich daran.

Vielleicht werde ich alt, überlege ich. Es war von Anfang an klar, dass die Frau mit dem karierten Rock und ich nur diese eine Nacht miteinander teilen würden. Keine Verpflichtungen, das war uns beiden wichtig gewesen. Vielleicht wünsche ich mir aber genau das, denke ich, Verpflichtungen. Mit der Hand taste ich an der Wand hinter der ersten Tür nach einem Lichtschalter. Es ist tatsächlich das Badezimmer, stelle ich erleichtert fest. Aber glücklich bin ich nicht.

Früher heute

Ich bin jetzt einer von denen. Wenn Du mal 18 bist, werde ich Dir erzählen, dass Du als kleines Kind auf meinem Schoß gesessen hast. Daran kannst Du Dich dann freilich nicht mehr erinnern, schließlich warst Du erst vier Monate alt.

Vermutlich wirst Du Dich auch nicht erinnern wollen. Vielleicht kommst Du gerade von einer Party, und Deine Eltern sitzen immer noch mit ihren komischen Freunden im Wohnzimmer und schwelgen in alten – mit Deinen Worten: prähistorischen – Zeiten. Am liebsten wärst Du leise vorbei in Dein Zimmer geschlichen, denn dann wären Dir die alten Geschichten erspart geblieben.

Was interessiert es Dich, wie Deine Mutter und ich in irgendeinem Café gesessen haben. Wie Du mich mit großen Augen angeguckt haben sollst, aber trotzdem artig auf meinem Schoß ausgeharrt hast, während Deine Mutter eine Salami-Pizza gegessen hat. Dass Du seitdem ganz schön gewachsen bist, weißt Du selbst. Darum kannst Du gut darauf verzichten, von mir daran erinnert zu werden.

Überhaupt: Die Vorstellung, dass all diese Leute Dich schon als Baby gekannt sollen, ist komisch. Allerdings nicht nur für Dich. Wenn Du 18 wirst, bin ich 47 Jahre alt. Im Gegensatz zu Dir werde ich mich daran erinnern, wie Du das erste Mal auf meinem Schoß gesessen hast. Und das ist für mich mindestens genau so komisch wie für Dich. Vermutlich bin ich dann auch darum einer von denen.

In diesem Sinne, bis in 17 Jahren und acht Monaten!

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