Monthly Archive for October, 2009

Schafe

Verspätete Geburtstagsgrüß aus London:

2009-10-31-karte

In diesem Sinne – naja, hoffentlich doch in in einem anderen!

Möchten Sie knutschen?

2009-10-28 küssen copyIch mag das deutsche “Sie” – und ich möchte auch nicht von jedem geduzt werden. Trotzdem komme ich mir manchmal wie verkleidet vor, wenn ich Leute beruflich höflich mit ihrem Nachnamen anspreche, die ich fünf Jahren früher (oder auf  einer Party heute) ganz automatisch geduzt hätte.

Als Kind dagegen habe ich die Erwachsenen beneidet. Gerade in alten deutschen Filmen dauerte es oft sehr lang, bis die Protagonisten von der höflichen zur persönlichen Ansprache finden. Bis zum ersten Kuss war es dafür danach meist nur noch ein Katzensprung. Das “Du” anzubieten schien dabei so etwas wie ein magischer Moment zu sein.

Das dachte ich jedenfalls mit neun. Doch egal, wie gerne ich geküsst hätte, in der Grundschule wirkt das “Du”-Anbieten leider immer lächerlich. Und anders als in den alten Filmen ging es danach auch nicht wirklich weiter. Wenn man als Dreikäsehoch großzügig den Vornamen feilbietet, macht das nun mal nicht wirklich viel her. Zum Knutschen hat es jedenfalls nicht gereicht. (Auch die Filme hatten hier übrigens ihre Grenzen, allerdings etwas weiter gefasste – eine Sexszene mit Heinz Rühmann ist jedenfalls nur schwer vorstellbar, finde ich).

Mittlerweile bin ich 30 Jahre alt, das “Sie” ist mehr die Regel, denn die Ausnahme. Um so frustrierender finde ich, dass der Weg zum Du oft weder einfach, noch automatisch mit Knutschen oder gar Sex verbunden ist. Andererseits stelle ich immer wieder fest, dass man trotz “Sie” ausgesprochen gut flirten kann. Denn mal ehrlich: Muss es denn immer “Du” sein? Zumindest Knutschen kann auch “per Sie” Spaß machen.

In diesem Sinne, darf ich bitten?

Fragen II

Fragen, die die Welt nicht braucht – Teil II:

2009-10-20-other-side

Wie war das noch mal mit dem grünen Gras auf der anderen Seite? Als ich vorhin den Müll rausgebracht hab, wäre ich fast erfroren. Es ist zwar erst Oktober, aber das Wetter scheint längst auf tiefsten Winter geeicht zu sein. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Im letzten Sommer habe ich oft an den vergangenen Winter gedacht.

Ich mag es, wenn man sich dick einpacken muss, weil selbst Schal-Vermeider wie ich sonst frieren. Ich genieße es, wenn der Himmel stahlblau ist, und die Luft vor  Kälte klirrt. Sogar im Sommer habe ich hin und wieder so Anwandlungen, bei denen ich  mir vorstelle, plötzlich mitten im Winter zu stecken.

Ist dann allerdings wirklich Winter, habe ich jedes Mal das Gefühl, diese wunderbare Jahreszeit gar nicht angemessen zu genießen. Statt dessen denke ich an den Sommer. Die Idee, statt eines Wollpullovers nur ein T-Shirt zu tragen und den Städten ureigenen, abendlichen Sommergeruch nach stehender Hitze einzuatmen, scheint plötzlich zu verlockend.

Kurz: Winter wie Sommer sind großartige Jahreszeiten; am besten gefallen sie mir allerdings, wenn sie gerade nicht stattfinden. Der Gedanke daran ist immer schöner als die Realität – und das Gras auf der anderen Seite immer ein wenig grüner. Wie kommt das nur?

In diesem Sinne, Antworten sind auch dieses Mal wieder willkommen!

Gedankenspiele

2009-10-15 hirnDas Gehirn kann nicht nichts tun, habe ich jedenfalls mal irgendwo gelesen. Verweigert man ihm eine konkrete Aufgabe, fängt es irgendwann an, sinnlos vor sich hin zu denken. Möchtegern-wissenschaftlich formuliert könnte man sagen: Es probiert wahllos neuronale Verknüpfungen aus.

Zugegeben, ich bin kein Hirnforscher und war auch nie einer. Praktisch stelle ich mir das menschliche Denken aber wie ein riesengroßes, kompliziertes Spinnennetz vor. Jeder Knotenpunkt steht für einen Gedanken oder eine Erinnerung.

Anders als bei einem Spinnennetz sind die Verbindungen zwischen den Knotenpunkten aber von sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt breite, staufreie Autobahnen und schmale Feldwege, gut erschlossene Strecken und eher selten befahrene Schleichwege. Außerdem ist das Streckennetz ständig in Bewegung. Wird eine bisher kaum genutzte Strecke plötzlich andauernd befahren, beginnt sie zu wachsen und wird irgendwann zum Expressway. Ungenutzte Strecken veröden dagegen.

Spannend wird es, wenn man keine Richtung vorgibt. Plötzlich entstehen Wege, die vorher nicht da waren. Das Gehirn beginnt einfach, auf gut Glück Verbindungen zu erschließen. Zugleich laufen die Gedanken quasi wahllos von Knotenpunkt zu Knotenpunkt.

Wie von Zauberhand kommt der nicht-denkende Denker von einem Gedanken zum nächsten: Vom Sonnenuntergang im letzten Urlaub über die roten Untertassen von Tante Annis Teeservice hin zum Glücksrad, das in der Wohnung des besten Freundes in der 6. Klasse immer im Fernsehen lief. Je länger man diese Gedankensprünge verfolgt, desto spannender wird es.

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen sich für Sternenhimmel, Sonnenuntergänge und sinnloses aus-dem-Zugfenster-Starren begeistern können? Alles großartige Möglichkeiten, die Gedanken einfach mal frei fließen zu lassen – und nebenbei das ureigene Spinnennetz im Kopf besser zu erschließen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Nicht-Denken!

Bohrinsel

2009-10-13 BohrinselMein Kollege sagt, es gäbe auf dieser Welt wohl keinen Job, den ich noch nicht gemacht hätte. Mein Kollege lügt. Nicht absichtlich, natürlich. Als er das gesagt hat, wusste er einfach nicht, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe.

Mein Kollege sitzt schon deutlich länger an seinem Schreibtisch in der Redaktion als ich es tue. Als ich ihm gesagt habe, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe, hat er nur amüsiert den Kopf geschüttelt. “Also gut”, hat er gesagt, “alles, außer Bohrinsel.”

Ganz wahr ist auch das nicht. “Alles” erscheint mir trotz der Bohrinsel-Einschränkung doch etwas übertrieben. Ganz aus der Luft gegriffen allerdings auch nicht. Außerdem würde ich mich gerne mal auf einer Bohrinsel verdingen.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben sich schon mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser gehalten. Irgendwie gehörte das dazu, man will schließlich über die Runden kommen. Gerade als Schüler oder Student sind Jobs außerdem eine tolle Möglichkeit, einfach mal Jobs auszuprobieren.

Ich selbst habe als Schüler Kisten in einem Getränkehandel geschleppt, habe Zeitungen ausgetragen und Inventur im Supermarkt gemacht. Später war ich Soldat, habe unter anderem als Ghostwriter in einer PR-Agentur gearbeitet, Computerkurse für Senioren gegeben und aufmüpfigen Schülern Mathe und Englisch beigebracht.
Ich war (ehrenamtlicher) Schwimmtrainer, habe als Packer und Lagerist Geld verdient, als Nachtportier und Hostel-Security gejobbt und sogar mal für eine Weile fest in der Gruppenreservierung einer Hostel-/Hotelgruppe gearbeitet.

Warum reizt mich die Bohrinsel? Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Vielleicht ist das eine Generationenfrage. Ohne es mir ausgesucht zu haben, bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es üblich ist, alles schon gesehen, gemacht oder wenigstens davon gehört zu haben – Bohrinseln inklusive.

Kaum ein Abiturient der nach dem Schulabschluss nicht mindestens eine Weltreise plant. Kein Student, der nicht zig Praktika in mindestens ein dutzend verschiedene Branchen gemacht hat. Manchmal frage ich mich, was wir eigentlich tun wollen – was noch übrig bleibt – wenn wir erstmal die magische 30 überschritten haben. Bei mir ist es am Sonntag so weit. Ich werde berichten.

In diesem Sinne, welche Erfahrung fehlt Euch?

Zu viele Fronten?

Andy dachte nach. “Mit der Liebe ist es nach meiner Erfahrung so”, sagte er dann, “daß sie einen zu Anfang heftig und häufig heimsucht. Jedes mal glaubt man, es sei endgültig und für immer, und jedesmal endet es mit dem dramatischen Entschluß, dieser schmerzvollen Erfahrung künftig ganz zu entsagen.”

“Das kenne ich”, sagte Veronika. “Und wie geht es weiter?”

“Beim soundsovieltenmal bleibst du hängen. Endlich, denkst du. Endlich hast du deine Ruhe. Du mußt dich ja auch mal um was anderes kümmern, um deinen Beruf zum Beispiel. Du kannst nicht zeitlebens dein Gemüt von wechselnden Damen zerwühlen lassen. Du brauchst an dieser Front Frieden, um an anderen Fronten antreten zu können.”

[aus: Dieter Zimmer, Wunder dauern etwas länger, Scherz, 1984]

Nächste Woche werde ich 30. Bisher bin ich noch nicht hängen geblieben – mit der Konsequenz, dass ich gleich mehrere Fronten habe, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Allerdings bin ich nicht allein. Vor ein oder zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, ich glaube, es was war in “Die Zeit”. Von den heute 20 bis 30-Jährigen werde viel erwartet, hieß es dort verständnisvoll. In nur zehn Jahren sollten sie mehr oder weniger sämtliche wichtige Weichen ihres Lebens stellen. Liebe, Beruf und der ganze Rest – im Grunde genommen konzentriere sich fast alles auf diese paar Lebensjahre.

Ich wage nicht zu beurteilen, ob das nicht vielleicht schon immer so und möglicherweise früher sogar noch viel schlimmer war.

Zimmer kommt in seinem Roman an derselben Stelle allerdings auf die Verfilmung von Nikos Kazantzakis Roman “Alexis Sorbas” zu sprechen. Dessen Kernaussage ist vor allem die: Leben heißt, auch dann das beste aus einer Situation zu machen, wenn die Situation eigentlich nicht dafür prädestiniert ist.

In diesem Sinne, wie viele Fronten habt Ihr eigentlich?

Fragen I

Fragen, die die Welt nicht braucht – Teil I:
Ein Herbstabend im Biergarten, der sich anfühlt wie ein Spätsommerabend. Es ist angenehm mild, so dass wir in Pulli (sie) und Polohemd (ich) unser Feierabendbier trinken. Als wir aufstehen und den Biergarten verlassen ziehen wir trotzdem beide unsere Jacke an.

Bewegung hält warm – wäre es nicht viel sinnvoller, sitzend die Jacken zu tragen und sie für den Heimweg auszuziehen? Trotzdem habe ich es so rum noch nie beobachtet – weder bei mir, noch bei anderen. Warum nur?

In diesem Sinne, Antworten sind willkommen – weitere Fragen, die die Welt nicht braucht, übrigens auch!

Karierter Rock

2009-10-05-KlosucheHinter welcher Tür ist die Toilette? Wir hatten versucht, leise zu sein, als wir gestern Nacht durch den WG-Flur in ihr Zimmer gestolpert sind. “Und da ist das Bad” hatte sie geflüstert, und ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht.

Dummerweise waren im selben Satz auch Marie und Klaus vorgekommen, ihre beiden Mitbewohner. Deren Zimmer gingen ebenfalls von dem Flur ab, genau wie das Badezimmer, das ich jetzt so dringend brauchte. Ärgerlich, dass es mir partout nicht gelingen wollte, mich zu erinnern, in welchem Zimmer das gewesen war.

Es muss etwa acht Uhr sein. Früh für jemanden, der erst um kurz vor fünf ins Bett gegangen ist. Früh insbesondere dann, wenn es nicht das eigene Bett war. Ich merke die Schnäpse, die wir am Ende des Abends getrunken haben, und zwar mehr in der Blase als im Kopf. War da schon klar gewesen, dass ich nicht zu mir nach Hause gehen würde?

Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich kalt an. Ich versuche den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Hübsch hat sie ausgesehen, in dem karierten Rock. Noch hübscher war sie allerdings gewesen, als sie den Rock ausgezogen hatte. Von den ersten Worten, die wir auf dieser Party gewechselt hatten, bis zum gemeinsamen Weg durch ihr Treppenhaus – als war so herrlich unkompliziert gewesen. Als wäre ein anderes Ende dieses Abends nicht einmal denkbar gewesen.

Ich probiere die erste Tür. Sie sieht aus wie die anderen Türen auch. Einzig die Küchentür ist anders. Sie hat ein gläsernes Fenster, auf das jemand von der anderen Seite ein Pulp Fiction Poster geklebt hat. Es zeigt John Travolta und Samuel L. Jackson als Berufskiller und hängt in jeder zweiten Wohngemeinschaft – gefühlt zumindest.

Dass es auch hier heimisch ist weiß ich, weil ich es gesehen hab, als die Frau mit dem karierten Rock vorm zu Bett gehen noch eine Flasche Wasser aus der Küche geholt hat. Die Stiefel hatte sie da schon ausgezogen gehabt. Ich dagegen hatte mich bei dem Gedanken erwischt, mich umzudrehen und nach Hause zu gehen. Ein komischer Impuls und ein sehr kurzer noch dazu. Trotzdem erinnere ich mich daran.

Vielleicht werde ich alt, überlege ich. Es war von Anfang an klar, dass die Frau mit dem karierten Rock und ich nur diese eine Nacht miteinander teilen würden. Keine Verpflichtungen, das war uns beiden wichtig gewesen. Vielleicht wünsche ich mir aber genau das, denke ich, Verpflichtungen. Mit der Hand taste ich an der Wand hinter der ersten Tür nach einem Lichtschalter. Es ist tatsächlich das Badezimmer, stelle ich erleichtert fest. Aber glücklich bin ich nicht.

Früher heute

Ich bin jetzt einer von denen. Wenn Du mal 18 bist, werde ich Dir erzählen, dass Du als kleines Kind auf meinem Schoß gesessen hast. Daran kannst Du Dich dann freilich nicht mehr erinnern, schließlich warst Du erst vier Monate alt.

Vermutlich wirst Du Dich auch nicht erinnern wollen. Vielleicht kommst Du gerade von einer Party, und Deine Eltern sitzen immer noch mit ihren komischen Freunden im Wohnzimmer und schwelgen in alten – mit Deinen Worten: prähistorischen – Zeiten. Am liebsten wärst Du leise vorbei in Dein Zimmer geschlichen, denn dann wären Dir die alten Geschichten erspart geblieben.

Was interessiert es Dich, wie Deine Mutter und ich in irgendeinem Café gesessen haben. Wie Du mich mit großen Augen angeguckt haben sollst, aber trotzdem artig auf meinem Schoß ausgeharrt hast, während Deine Mutter eine Salami-Pizza gegessen hat. Dass Du seitdem ganz schön gewachsen bist, weißt Du selbst. Darum kannst Du gut darauf verzichten, von mir daran erinnert zu werden.

Überhaupt: Die Vorstellung, dass all diese Leute Dich schon als Baby gekannt sollen, ist komisch. Allerdings nicht nur für Dich. Wenn Du 18 wirst, bin ich 47 Jahre alt. Im Gegensatz zu Dir werde ich mich daran erinnern, wie Du das erste Mal auf meinem Schoß gesessen hast. Und das ist für mich mindestens genau so komisch wie für Dich. Vermutlich bin ich dann auch darum einer von denen.

In diesem Sinne, bis in 17 Jahren und acht Monaten!