Möchten Sie knutschen?

Ich mag das deutsche “Sie” – und ich möchte auch nicht von jedem geduzt werden. Trotzdem komme ich mir manchmal wie verkleidet vor, wenn ich Leute beruflich höflich mit ihrem Nachnamen anspreche, die ich fünf Jahren früher (oder auf  einer Party heute) ganz automatisch geduzt hätte.

Als Kind dagegen habe ich die Erwachsenen beneidet. Gerade in alten deutschen Filmen dauerte es oft sehr lang, bis die Protagonisten von der höflichen zur persönlichen Ansprache finden. Bis zum ersten Kuss war es dafür danach meist nur noch ein Katzensprung. Das “Du” anzubieten schien dabei so etwas wie ein magischer Moment zu sein.

Das dachte ich jedenfalls mit neun. Doch egal, wie gerne ich geküsst hätte, in der Grundschule wirkt das “Du”-Anbieten leider immer lächerlich. Und anders als in den alten Filmen ging es danach auch nicht wirklich weiter. Wenn man als Dreikäsehoch großzügig den Vornamen feilbietet, macht das nun mal nicht wirklich viel her. Zum Knutschen hat es jedenfalls nicht gereicht. (Auch die Filme hatten hier übrigens ihre Grenzen, allerdings etwas weiter gefasste – eine Sexszene mit Heinz Rühmann ist jedenfalls nur schwer vorstellbar, finde ich).

Mittlerweile bin ich 30 Jahre alt, das “Sie” ist mehr die Regel, denn die Ausnahme. Um so frustrierender finde ich, dass der Weg zum Du oft weder einfach, noch automatisch mit Knutschen oder gar Sex verbunden ist. Andererseits stelle ich immer wieder fest, dass man trotz “Sie” ausgesprochen gut flirten kann. Denn mal ehrlich: Muss es denn immer “Du” sein? Zumindest Knutschen kann auch “per Sie” Spaß machen.

In diesem Sinne, darf ich bitten?

Fragen II

Fragen, die die Welt nicht braucht – Teil II:

2009-10-20-other-side

Wie war das noch mal mit dem grünen Gras auf der anderen Seite? Als ich vorhin den Müll rausgebracht hab, wäre ich fast erfroren. Es ist zwar erst Oktober, aber das Wetter scheint längst auf tiefsten Winter geeicht zu sein. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Im letzten Sommer habe ich oft an den vergangenen Winter gedacht.

Ich mag es, wenn man sich dick einpacken muss, weil selbst Schal-Vermeider wie ich sonst frieren. Ich genieße es, wenn der Himmel stahlblau ist, und die Luft vor  Kälte klirrt. Sogar im Sommer habe ich hin und wieder so Anwandlungen, bei denen ich  mir vorstelle, plötzlich mitten im Winter zu stecken.

Ist dann allerdings wirklich Winter, habe ich jedes Mal das Gefühl, diese wunderbare Jahreszeit gar nicht angemessen zu genießen. Statt dessen denke ich an den Sommer. Die Idee, statt eines Wollpullovers nur ein T-Shirt zu tragen und den Städten ureigenen, abendlichen Sommergeruch nach stehender Hitze einzuatmen, scheint plötzlich zu verlockend.

Kurz: Winter wie Sommer sind großartige Jahreszeiten; am besten gefallen sie mir allerdings, wenn sie gerade nicht stattfinden. Der Gedanke daran ist immer schöner als die Realität – und das Gras auf der anderen Seite immer ein wenig grüner. Wie kommt das nur?

In diesem Sinne, Antworten sind auch dieses Mal wieder willkommen!

Gedankenspiele

Das Gehirn kann nicht nichts tun, habe ich jedenfalls mal irgendwo gelesen. Verweigert man ihm eine konkrete Aufgabe, fängt es irgendwann an, sinnlos vor sich hin zu denken. Möchtegern-wissenschaftlich formuliert könnte man sagen: Es probiert wahllos neuronale Verknüpfungen aus.

Zugegeben, ich bin kein Hirnforscher und war auch nie einer. Praktisch stelle ich mir das menschliche Denken aber wie ein riesengroßes, kompliziertes Spinnennetz vor. Jeder Knotenpunkt steht für einen Gedanken oder eine Erinnerung.

Anders als bei einem Spinnennetz sind die Verbindungen zwischen den Knotenpunkten aber von sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt breite, staufreie Autobahnen und schmale Feldwege, gut erschlossene Strecken und eher selten befahrene Schleichwege. Außerdem ist das Streckennetz ständig in Bewegung. Wird eine bisher kaum genutzte Strecke plötzlich andauernd befahren, beginnt sie zu wachsen und wird irgendwann zum Expressway. Ungenutzte Strecken veröden dagegen.

Spannend wird es, wenn man keine Richtung vorgibt. Plötzlich entstehen Wege, die vorher nicht da waren. Das Gehirn beginnt einfach, auf gut Glück Verbindungen zu erschließen. Zugleich laufen die Gedanken quasi wahllos von Knotenpunkt zu Knotenpunkt.

Wie von Zauberhand kommt der nicht-denkende Denker von einem Gedanken zum nächsten: Vom Sonnenuntergang im letzten Urlaub über die roten Untertassen von Tante Annis Teeservice hin zum Glücksrad, das in der Wohnung des besten Freundes in der 6. Klasse immer im Fernsehen lief. Je länger man diese Gedankensprünge verfolgt, desto spannender wird es.

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen sich für Sternenhimmel, Sonnenuntergänge und sinnloses aus-dem-Zugfenster-Starren begeistern können? Alles großartige Möglichkeiten, die Gedanken einfach mal frei fließen zu lassen – und nebenbei das ureigene Spinnennetz im Kopf besser zu erschließen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Nicht-Denken!

Bohrinsel

2009-10-13 BohrinselMein Kollege sagt, es gäbe auf dieser Welt wohl keinen Job, den ich noch nicht gemacht hätte. Mein Kollege lügt. Nicht absichtlich, natürlich. Als er das gesagt hat, wusste er einfach nicht, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe.

Mein Kollege sitzt schon deutlich länger an seinem Schreibtisch in der Redaktion als ich es tue. Als ich ihm gesagt habe, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe, hat er nur amüsiert den Kopf geschüttelt. “Also gut”, hat er gesagt, “alles, außer Bohrinsel.”

Ganz wahr ist auch das nicht. “Alles” erscheint mir trotz der Bohrinsel-Einschränkung doch etwas übertrieben. Ganz aus der Luft gegriffen allerdings auch nicht. Außerdem würde ich mich gerne mal auf einer Bohrinsel verdingen.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben sich schon mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser gehalten. Irgendwie gehörte das dazu, man will schließlich über die Runden kommen. Gerade als Schüler oder Student sind Jobs außerdem eine tolle Möglichkeit, einfach mal Jobs auszuprobieren.

Ich selbst habe als Schüler Kisten in einem Getränkehandel geschleppt, habe Zeitungen ausgetragen und Inventur im Supermarkt gemacht. Später war ich Soldat, habe unter anderem als Ghostwriter in einer PR-Agentur gearbeitet, Computerkurse für Senioren gegeben und aufmüpfigen Schülern Mathe und Englisch beigebracht.
Ich war (ehrenamtlicher) Schwimmtrainer, habe als Packer und Lagerist Geld verdient, als Nachtportier und Hostel-Security gejobbt und sogar mal für eine Weile fest in der Gruppenreservierung einer Hostel-/Hotelgruppe gearbeitet.

Warum reizt mich die Bohrinsel? Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Vielleicht ist das eine Generationenfrage. Ohne es mir ausgesucht zu haben, bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es üblich ist, alles schon gesehen, gemacht oder wenigstens davon gehört zu haben – Bohrinseln inklusive.

Kaum ein Abiturient der nach dem Schulabschluss nicht mindestens eine Weltreise plant. Kein Student, der nicht zig Praktika in mindestens ein dutzend verschiedene Branchen gemacht hat. Manchmal frage ich mich, was wir eigentlich tun wollen – was noch übrig bleibt – wenn wir erstmal die magische 30 überschritten haben. Bei mir ist es am Sonntag so weit. Ich werde berichten.

In diesem Sinne, welche Erfahrung fehlt Euch?

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