Überfall-Training

Ich hätte “ja” gesagt. Aber mich hat sie ja nicht gefragt. Ich habe aber auch nicht für über 20 Euro im Rewe eingekauft und mit ec-Karte bezahlt, wie die Kundin vor mir. Das ist aber Grundvoraussetzung, damit man überhaupt gefragt wird: ”Wollen Sie auch etwas Geld mitnehmen?”

Die Kassiererin musste die Frage zwei Mal wiederholen, bis die Kundin sie verstanden hatte – zumindest mal vom Wortlaut her. Der Verwirrung tat das trotzdem keinen Abbruch, was ich gut nachvollziehen kann.

Rein vom Tonfall her hätte die Frage nämlich an die Wursttheke gehört, nicht an die Kasse. Sie klang wie das “Darf es auch etwas mehr sein”, das man zwischen Rouladen, Salami und Bierwurst hin und wieder noch hört, wenn die Fleischfachverkäuferin entweder nett sein möchte oder sich schlicht beim Abschneiden der Wurst vertan hat.

Inhaltlich betrachtet war die Frage dagegen eher wie eine Einladung zum Überfall zu verstehen. “Wollen sie auch etwas Geld mitnehmen?” – das klingt wie das “Darf es auch etwas mehr sein” in einem Trainingscamp für Bankräuber. Nach einer Bankräuberin sah die Kundin vor mir aber nun wirklich nicht aus. Eher wie eine Biologie-Studentin.

“Wollen Sie auch etwas Geld mitnehmen?”, wiederholte die Verkäuferin zum dritten mal. Inzwischen schien sie allerdings begriffen zu haben, dass die Kundin gar nichts begriff. “Wenn Sie für mehr als 20 Euro einkaufen und mit ec-Karte bezahlen, können Sie auch kostenlos Geld von ihrem Konto abholen”, schon die Verkäuferin hinterher und fügte dann entschuldigend hinzu: “Ich muss das dann fragen, verstehen Sie?”

Die Kundin verstand. Geld wollte sie trotzdem keins. Auch keine Treuepunkte. Aber das nur am Rande.

In diesem Sinne, darf es auch etwas mehr sein?

Kühlschrank – ganz privat

Als Anna mich das erste Mal in meiner Wohnung besucht hat, hat sie in meinen Kühlschrank geguckt – einfach so. Ich fand das schon ein wenig dreist. Ein Kühlschrank ist schließlich nicht einfach nur ein Ort, um Lebensmittel aufzubewahren. Ein Kühlschrank ist Teil der Persönlichkeit!

Es beginnt damit, dass man zu Hause auszieht und das erste Mal dauerhaft selbst dafür verantwortlich ist, was im Kühlschrank ist – und ob überhaupt etwas darin ist. Plötzlich steht man vor Fragen wie Aldi oder Rewe, Butter oder Margarine und Familienpackung oder Kleinstration.

Im Regelfall sind das keine essentiellen Fragen. Man muss die Entscheidung auch nicht ein für allemal treffen – und genau deswegen sagt unser Kühlschrank vielleicht mehr über unsere Persönlichkeit aus als manche Grundsatzentscheidung.

In Filmen schauen dauerbeschäftigte Großstadtsingles gerne aus dramaturgischen Gründen in den Kühlschrank. Die Kamera filmt die Protagonisten dann aus der Perspektive der nicht vorhandenen Lebensmittel, vorbei an einem leeren Jogurtbecher und irgendetwas Verschimmelten. Die Darsteller setzen dazu in der Regel einen überraschten bis erwartet-enttäuschten Blick auf. So als hätten sie mit einem leeren Kühlschrank zwar gerechnet, hatten aber unmöglich sicher sein können.

Statt zumindest die verschimmelten Reste zu entfernen, schließen sie den Kühlschrank anschließend wieder. Doch das ist gar nicht das Unrealistische an der dargestellten Situation. Völlig an der Wirklichkeit vorbei geht vielmehr, dass sie so tun, als wären sie überrascht, dass der Kühlschrank leer war.

Ich sage nicht, dass ein Kühlschrank seinen Besitzer nicht überraschen kann. Auch ich finde immer mal wieder Dinge, die ich aus einem spontanen Impuls heraus gekauft, in den Kühlschrank gelegt und dann vergessen habe. Zugleich habe ich aber eine ganze Reihe von Dingen, die eigentlich immer in meinem Kühlschrank liegen – tun sie es nicht, weiß ich das und sie werden sie früher oder später nachgekauft.

Dazu gehört zum Beispiel Orangensaft fürs Frühstück, Jogurt, Feta-Käse, kaltes (logisch) Bier, Pesto, Senf, Butter und einige, über die Jahre immer wieder variierende weitere Dinge. Manches davon kenne ich schon von Kindertagen an. Anderes habe ich irgendwann angefangen zu kaufen, gerade weil es fast nie im Kühlschrank meiner Eltern lag. Es gibt Sachen, die sind irgendwie nach Beziehungen hängen geblieben. Sie landen seitdem immer wieder in meinem Einkaufskorb, weil ich sie inzwischen selbst gerne esse. Wieder andere Dinge habe ich nach Nächten bei Freunden auf der Couch in mein Standard-Repertoire aufgenommen.

Wie sehr ein Kühlschrank eine Persönlichkeit widerspiegelt, zeigt sich für mich auch immer wieder dann, wenn ich meine Eltern besuche – eigentlich der einzige Ort außer meiner Wohnung, wo ich ungeniert einfach so an den Kühlschrank gehe. Über 20 Jahre war ich hier zu Hause. Stehe ich vor dem geöffneten Kühlschrank wird mir ganz deutlich bewusst, dass ich hier schon lange nicht mehr wohne.

Aus Anna und mir ist übrigens nichts geworden. Ich glaube nicht, dass es an meinem Kühlschrank lag. Zumindest nicht nur.

In diesem Sinne, viele Grüße an Annas Kühlschrank!

Betrüger-Ich

Schon als kleines Kind lernt man den Unterschied zwischen Spaß und Arbeit. Auf den Knien rumrutschen und Autos hin- und herschieben ist Spaß. Draußen mit den anderen Kindern Buden-Bauen und mit den Fahrrädern rumfahren ist auch Spaß.

Bei der Familienfeier stillsitzen und artig den Erwachsenen zuhören ist dagegen Arbeit. Man macht es weder freiwillig noch macht man es gerne. Es muss aber sein. Sagen zumindest die Erwachsenen. Die dürfen zwar selbst entscheiden, wann sie Spaß haben – deswegen sind sie schließlich erwachsen. Zugleich scheinen sie aber etwas gegen Spaß zu haben, sonst würden sie ihn nicht so oft verbieten und statt dessen so viel wert auf den Ernst des Lebens legen.

Inzwischen bin ich selbst erwachsen – werde demnächst 32 Jahre alt. Und immer noch erwische ich mich viel zu oft dabei, wie ich bei der Arbeit Spaß habe. Wenigstens habe ich ein schlechtes Gewissen dabei.

Ich bin Journalist von Beruf. Ich schreibe, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Streng genommen seit über zwölf Jahren schon. Und ich schreibe, weil es mir Spaß macht. Seit ich denken kann. Ihr glaubt gar nicht, wie verwirrend das manchmal ist.

Wenn man für etwas bezahlt wird, das man gerne tut, hat man praktisch automatisch ein schlechtes Gewissen. Man kommt sich vor, wie ein Betrüger. Schließlich hat man als Kind gelernt, dass Arbeit keinen Spaß macht. Man tut sie, weil man muss – nicht, weil sie Spaß macht. Wie kann es da sein, dass man auch noch für den Spaß bezahlt wird?

Das ist das Kuriose und zugleich das Schöne an meinem Beruf. Und es ist auch das Gefährliche. Denn wenn jemand etwas ohnehin gern tut, gibt es eigentlich wenig Gründe, warum man ihn deswegen auch noch bezahlen sollte. Es gibt sogar Studien, denen nach man Journalisten das Gehalt kürzen kann, ohne dass ihre Arbeit merklich darunter leidet.

Das mag mit dem Spaß zusammenhängen. Sicher aber auch damit, dass Journalisten nun man in der Regel per Autorenzeile mit ihrem Namen für ihre Arbeit stehen. Journalisten haben Spaß an ihrer Arbeit, nicht selten sind sie aber auch eitel. Würde auf jeder Zange der Name des Schmied stehen, der sie hergestellt hat, wäre dem schließlich auch an einer gewissen Qualität gelegen, egal, wie viel er für die Herstellung bezahlt bekommen hat. Das ist gut, so lange es nicht ausgenutzt wird und die Leute bereit sind, für eine Zange auch einen angemessenen Preis zu zahlen. Jeder Spaß hat schließlich seine Grenzen.

Ich mag meinen Beruf. Trotzdem (oder deswegen?) fühle ich mich manchmal wie ein Betrüger. Während meine Freunde für ihr Geld arbeiten müssen, brauche ich einfach nur Spaß haben und Schreiben, um meine Brötchen zu verdienen. Einerseits.

Andererseits mache ich mir manchmal durchaus Sorgen, wo mein Berufsstand in fünf, zehn oder 15 Jahren sein wird. Ich wohne in einem Zehn-Parteien-Haus. Ich bin der einzige, der eine Tageszeitung im Abo hat. Ich bin der Einzige, der (wenn auch aus beruflichen Gründen) die kostenlosen Sonntagszeitungen durchblättert. Ich bin der Einzige im Haus, der eine Wochenzeitung im Abo hat. Wie viele meiner Nachbarn sich zumindest online informieren? Da kann ich nur raten …

Manchmal denke ich, wie schön es wäre, wieder ein Kind zu sein. Nicht selbst zwischen Spaß und Arbeit unterscheiden zu müssen, hat durchaus Vorteile. Und hin und wieder einfach nur Buden zu bauen auch.

In diesem Sinne, das geheime Codewort bitte!

Ankommen und so

In einem Traveller-Magazin in Granada habe ich von meiner alten Heimat gelesen. Prenzlauer Berg in Berlin – dort müsse man nun unbedingt hin, hieß es dort auf Englisch. Neben dem eineinhalb Seiten umfassenden Artikel war ein Ausschnitt aus einem Stadtplan abgedruckt. Nummern in kleinen Kreisen wiesen die Must-See, Must-Drink-In und Must-Tell-From-Orte aus. Rechts im Plan oben meine alte Straße. Werden nun Reisende aus der ganzen Welt an meinem alten Haus vorbeilaufen?

Das Schönste und das Schlimmste am Reisen ist das Ankommen. Natürlich hat man von seinem nächsten Zielort schon mal gehört oder gelesen. Trotzdem sieht der Ort immer anders aus, als man ihn sich vorgestellt hat. Das fängt schon damit an, dass Stadtpläne immer eben sind – echte Orte aber gerne bergig oder mindestens hügelig. Was auf dem Papier platt und einfach zu überblicken aussieht, irritiert in der Realität gerne mit steil ansteigenden Straßen, verwinkelten Gassen und/oder unerwarteten Bäumen. Manchmal stimmt auch die Karte, trotzdem stellt sich die Wirklichkeit quer.

So passiert ist mir das in Cadiz. Im Reiseführer gab es glücklicherweise eine Skizze der Innenstadt, in der sogar mein Hostel eingezeichnet war. Trotzdem weigerte sich die Karte konsequent, mich vom Busbahnhof aus auch dorthin zu führen. Wo auf der Karte ein Hafen war, stand in der Realität eine Lagerhalle. Wo die Karte eine Kreuzung verortete, gab es nur eine steil ansteigende, kurvige Straße.

Des Rätsels Lösung: ich war eine (nicht eingezeichnete) Haltestelle zu früh aus dem Bus aus Ronda ausgestiegen – und war nun keine 500 Meter, sondern nur noch 50 Meter von meiner Unterkunft entfernt. Es hat fast eine halbe Stunde gedauert, bis ich das begriffen hatte. Mein Hostel war also direkt nebenan. Nur: wie hätte ich es auch wissen sollen? Ich war vorher noch nie in Cadiz!

Manchmal hilft es, einfach drauf los zu laufen. In Madrid bin ich um halb elf in der Nacht gelandet. Das ist besonders unangenehm, denn nachts sehen neue Städte weder ihrem Reiseführer-Ich noch dem Stadtplan ähnlich. Als ich nach zwei Mal Umsteigen die Metro verließ und ins Freie trat, war es, als wäre ich in einer anderen Welt. Die Straße war voll von Menschen. Die Bürgersteige waren übersät mit Tischen und Stühlen aus den Restaurants, um mich herum waren tausend fremde Stimmen. Ich wusste, ich bin richtig – nur in welcher Richtung. Ausnahmsweise hat meine Intuition mich in die richtige Richtung gelenkt. Ich war selten so froh über ein Straßenschild.

Wie wird es den Menschen in Berlin gehen, wenn sie durch meine Straße laufen? Ich weiß nicht, ob das argentinische Restaurant in meiner (Ex-)Straße inzwischen in Reiseführern verzeichnet ist. Oder die eigensinnige Kneipe hinter der Greifenhagener Brücke. Wenn ja, sie wäre es zu Recht.

In diesem Sinne, auf das Ankommen … und so!

PS: Die Karte oben zeigt meine Ankommen- und Weiterreise-Route in Andalusien. Die dazugehörigen Fotos gibt es hier.

The Rock (Gibraltar)

Sogar das Wetter war britisch. Über zwei Stunden lang hatten wir bis zum Grenzort La Línea in der prallen Sonne im Stau gestanden. Nur ein paar Meter weiter lag Gibraltar trotzdem unter einer dichten, grauen Wolke. Als hätten 400 Jahre britische Herrschaft inzwischen sogar das Wetter beeinflusst. Es hätte mich nicht gewundert, wenn es auch noch geregnet hätte.

Wer Gibraltar besucht, kommt fast automatisch über den den Flughafen. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn die einzige Straße führt direkt über Start- und Landebahn. Eine rote Ampel signalisiert, wenn hier gerade ein Flugzeug landet. In diesem Fall ist der Durchgang verboten. Der einzige Weg, um nicht über das Rollfeld einzureisen, ist per Schiff zu kommen. Oder zu schwimmen, wobei das meines Wissens verboten ist.

Gibraltar ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Auf dem gerade mal 6 x 1,2 Kilometern großen Stück Erde leben rund 30.000 Menschen. Dabei ist ein großer Teil der Halbinsel nicht bebaut, sondern wird von dem schon von weitem sichtbaren, 426 Meter hohen Felsberg “The Rock” eingenommen. Er ist die größte und eigentlich auch einzige Landmarke Gibraltars. Ansonsten ist die britische Enklave einigermaßen langweilig.

Direkt hinter der Grenze weist ein englisches Schild darauf hin, dass es verboten ist, Müll auf den Boden zu werfen. Wer es trotzdem tut, muss 20 Pfund Strafe zahlen. Die betont britischen Pubs in der sauber herausgeputzten Hauptstraße überbieten sich mit “Fish and Chips”-Angeboten. Bezahlt wird in Gibraltar Pfund, das eins zu eins in britische Pfund umgerechnet wird, oder in Euro. Eine Ausnahme ist das Postamt, das seit 2005 den Titel “Royal” führen darf und ausschließlich Gibraltar Pfund akzeptiert.

Verlässt man die Hauptstraße, wird Gibraltar hässlich. Viele Häuser wirken heruntergekommen. Ein “Senior Club” wirbt um die Gunst der immer älter werdenden Bevölkerung und weist ausdrücklich darauf hin, das auch Senioren aus anderen Ländern willkommen sind. Zumindest die sichtbare Hauptattraktion des Senior-Club: Spielautomaten, wie man sie aus deutschen Eck-Kneipen kennt.

Es gibt es wahrlich schönere Orte auf dieser Welt als Gibraltar. Und sonnigere. Warum offenbar trotzdem genügend Leute nach Gibraltar reisen, dass es für über zwei Stunden Stau reicht, erfahren wir bei der Ausreise – bei der Einreise war es uns gar nicht aufgefallen. Direkt hinter der Grenze reihen sich die Zigaretten- und Schnapsläden dicht an dicht. Einkaufen auf Gibraltar ist zollfrei möglich – die Packung Marlboro kostet 2,50 Euro.

In diesem Sinne, frohes Rauchen!

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