Erwachsene Wundertüte

2009-08-05 wundertüteAls ich ein Kind war, hatte das Wort “Wundertüte” einen ganz besonderen Klang für mich. Mein Vater hatte mir davon erzählt: Eine Überraschung, die man kaufen konnte.

Mir war dieses, wie ich fand, grandiose Konzept nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich war sechs und malte mir in den buntesten Farben aus, was in so einer Wundertüte alles an großartigen Überraschungen versteckt sein könnte. Gewaltige Lego-Baukästen türmten sich vor meinen Augen auf – ganz zu schweigen von all den schönen Geschenken, von denen ich noch nicht mal ahnte, dass sie existieren könnten.

Vermutlich bin ich meinen Vater mit meiner Schwärmerei ziemlich auf die Nerven gegangen. Irgendwie hat er es jedenfalls geschafft, eine Wundertüte aufzutreiben. Ich war begeistert. Ich ließ mich von meiner Freude auch nicht dadurch abbringen, das mein Vater mich vorsichtig darauf vorzubereiten versuchte, dass ich für die ein oder zwei Mark, die die Wundertüte gekostet hatte, nicht Gott-weiß-was erwarten sollte.

Nun, er hatte Recht. Die Wundertüte enthielt einen Brieföffner – also genau das, was ich mir als durchschnittlicher Sechsjähriger schon immer gewünscht hatte. Ich war enttäuscht. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Zwar hatte ich mich schon ein kleines bisschen gefragt, wie ein Super-Mega-Legobausatz in ein Paket von der Größe eines Blatt Papiers passen würde, doch wirklich ernst genommen hatte ich diese Gedanken nicht. Schließlich hieß das Ding doch “Wundertüte”!

Dass außer dem Brieföffner tatsächlich noch etwas anderes in der Tüte war, wird mir erst heute klar – auch wenn dieser Inhalt sicherlich weder intendiert noch bezahlt worden war: Desillusionierung. Oder mit anderen Worten: Erwachsen-Werden.

Als Kind erscheint einem fast alles möglich. Je älter wir werden, desto mehr schärft sich unser Blick für die Realität. Bleibt zu fragen, ob das immer gut ist. Vielleicht verwischt zu viel Realität auch manchmal den Blick für das wirklich Wichtige?. Den Brieföffner jedenfalls habe ich immer noch. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, ihn jemals benutzt zu haben.

In diesem Sinne, was war in Eurer Wundertüte?

Schwarzwaldbier

2009-08-03Die heutige Jugend ist verdorben. Ich habe es ja immer gewusst, aber heute habe ich es mal wieder live miterleben müssen.

Sie wird so 16 Jahre alt gewesen sein. Ein wenig unsicher stand sie vor der Döner-Bude vor dem Bahnhofsvorplatz in Villingen und studierte den Kühlschrank in der hinteren Ecke des Ladens. Geduldig wartete der Mann hinterm dem Tresen darauf, dass das Mädel etwas sagte.

Die ließ sich allerdings Zeit und ihren Blick über den großen Stapel Tannenzäpfle-Flaschen schweifen. “Habt Ihr denn auch Becks”, wollte sie schließlich wissen, und guckte hilflos erst auf den Kühlschrank, dann auf den Mann hinter dem Tresen.

Der ignorierte ihren hilflosen Blick. Deutlich hörbar atmete er erst ein, dann aus und dann wieder ein. Mit lauter Stimme begann er schließlich zu sprechen: ”Also”, sagte er, “hier gibt es kein Becks, junge Frau, wir sind hier schließlich im Schwarzwald und nicht in Bremen.”

Dann drehte er sich zu mir und zwinkerte. “Und wenn man bei mir Becks kaufen könnte, dann würde ich sicher nicht öffentlich zugeben …”

In diesem Sinne, persönlich mag ich ja Jever …
In diesem weiteren Sinne, am Kiosk am Bahnhof gibt es weder Jever noch Becks …

DSDS

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Dieter Bohlen an meiner Tür klingelt. Er kann gar nicht anders, denn keine 50 Meter von meinem Balkon entfernt wird gerade die nächste Staffel Deutschland-sucht-den-Superstar gedreht (für Insider: “DSDS”).

Die beiden Mädels dürften so 15 oder 16 Jahre alt sein, und normalerweise treten sie am frühen Abend auf. Beeindruckend routiniert erobern sie dann die Bühne, die eigentlich nur ein Balkon ist, und begrüßen ihr Publikum, das vor allem aus meinen Nachbarn und mir besteht (Bohlen ist ja noch nicht da).

Meist singen sie Songs von Beyoncé. Manchmal geben sie aber auch Klassiker wie “Holding on for a Hero” zum Besten, was dann besonders dem schon etwas betagteren Herrn von schräg gegenüber gefällt. Meist gibt er zwar vor, in einem Buch oder einer Zeitschrift zu lesen, das leichte Wippen mit dem Bein kann er sich aber dennoch nicht verkneifen, wenn die Mädels den Bonnie Tyler-Klassiker nachträllern.

Ich würde den beiden den DSDS-Sieg ja schon wünschen. Andererseits finde ich es dann doch komisch, dass die Mädels sich ausgerechnet den Balkon gegenüber als Bühne ausgesucht haben. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wenn Dieter Bohlen wirklich an meiner Tür klingelt, ich würde ihn mit Sicherheit nicht in meine Wohnung lassen.

In diesem Sinne, sorry Dieter!

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...