Schrank im Kopf

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Mein Kopf muss von innen ziemlich komisch aussehen. Zumindest in meiner Vorstellung tut er das. Nicht nur, dass hier alles mögliche rumliegt, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, wie es eigentlich hier hinein gekommen ist. Irgendwo in einer dunklen Ecke in der Nähe des rechten Ohrs steht zudem ein großer, verstaubter und spinnwebenverhangener Schrank. Ich benutze diesen Schrank eher selten, was vor allem daran liegt, dass ich gar nicht genau weiß, wie er funktioniert.

Der Schrank hat ziemlich viele Fächer. Die meisten davon sind ziemlich schwergängig. Manchmal springen sie aber  ganz von alleine auf und heraus krabbelt ein Mensch, der irgendwann in meinem Leben eine Rolle gespielt hat, dann aber wieder aus demselben verschwunden ist: Das hübsche Mädchen, neben der ich im dritten Semester mal im Hörsaal gesessen hab. Eine Urlaubsbekanntschaft von einem längst vergessenen Kurzurlaub. Eine Kneipenbekanntschaft aus einer Stadt, in der ich vor einer gefühlten Ewigkeit mal gewohnt habe.

Manchmal ist ein Geruch, ein Geräusch oder einfach nur ein Gedanke, der ein Fach plötzlich aufspringen lässt. Hin und wieder öffnen auch die Menschen, die aus dem Fach gekrochen sind, selbstständig weitere Fächer. Manchmal finden so kleine bis mittelgroße Partys in meinem Kopf statt, bevor die Menschen wieder einer nach dem anderen in ihren Fächern verschwinden.

Ich bin ziemlich sicher, dass nicht nur ich so einen alten, verstaubten Schrank im Kopf herumstehen habe. Ich habe sogar den Verdacht, dass auch ich in dem einen oder anderen Schrank im Kopf von Menschen sitze, die ich längst vergessen und/oder in meinem Schrank verstaut habe. Ein seltsamer Gedanke, finde ich. Aber kein schlechter.

In diesem Sinne, mein Fach bitte regelmäßig lüften!

Zeitstrahl

Hätte sie gewusst, was sie damit anrichtet, wäre ihr das Schlussmachen sicher leichter gefallen. Ihrer Entscheidung vor über zehn Jahren verdanke ich nämlich heute meinen besten Freund.

Wir kannten uns von der Schule, hatten aber nur sporadisch miteinander zu tun gehabt. Dass ich ausgerechnet ihn anrief, als sie entschied, mich nicht mehr zu wollen, lag vor allem daran, dass ich niemand anderen erreichte – und dass er nicht weit weg wohnte. Wir trafen uns in einer Pizzeria in der Nähe, wo wir ein paar Frustbiere tranken, blödes Zeug redeten und irgendwann entschieden, zusammen in den Urlaub zu fahren.

Rückblickend weiß ich, dass dieser Abend mein Leben verändert hat. Ich bin nicht nur gleich mehrere Sommer hintereinander mit B. in den Urlaub gefahren, bis heute kann ich mir keinen besseren Freund vorstellen. Er hat meinen Freundeskreis geprägt und viele spätere Entscheidungen beeinflusst, einfach, weil wir darüber gesprochen haben.

B. ist nicht allein. Wenn ich zurückdenke, gibt es gut zwei Hände voll von Ereignissen, die mein Leben entscheidend beeinflusst haben. Viele davon lassen sich auf dem Zeitstrahl ziemlich genau lokalisieren – genau wie dieses folgenschwere Biertrinken nach dem Verlassenwerden.

Doch: Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich B. damals nicht angerufen hätte?

Ich finde diese Frage ziemlich unheimlich. Sollte das eigene Leben wirklich von solch banalen Entscheidungen und Zufällen abhängen (“Back to the Future”)?  Oder manifestiert sich in solchen Momenten nur besonders öffentlichkeitswirksam eine Richtung, die ohnehin längst eingeschlagen wurde (Gummibandtheorie)? Eine Antwort habe ich (noch) nicht.

In diesem Sinne, gute Reise auf dem Zeitstrahl!

Großkleine Cowboys

Liebe Frauen, gebt uns einen Hut und wir sind glücklich. Denn tief drinnen sind wir doch alle kleine Jungen, die am liebsten großer Cowboy spielen. Oder anders, liebe Frauen, wir Männer sind gar nicht so kompliziert, wie Ihr immer tut.

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, steht in einer verkehrsberuhigten Zone in der Nähe eines Waldes. Als Kind habe ich stundenlang draußen gespielt, meist mit dem Fahrrad, das wahlweise Auto, Motorrad oder Pferd war. Wie alle Jungen habe ich von gefährlichen Abenteuern geträumt, die ich selbstverständlich allesamt heldenhaft meisterte, um mich anschließend mit meinen Taten zu brüsten.

Schon damals galt es, vor den Freunden und irgendwie wohl auch vor den Mädchen einen guten Eindruck zu machen. Als Junge hatte man ein harter Kerl zu sein, Tränen waren ebenso verpönt wie der Ruf nach den Eltern. Wer vom Rad fiel, biss die Zähne zusammen. Wer nach Hause lief, um sich von Mami ein Pflaster aufkleben zu lassen, war unten durch.

Das Pflaster hat man sich trotzdem oft geholt – nur später. Wenn es dunkel wurde, mussten ohnehin alle nach Hause. Es blieb also immer noch genügend Zeit, um sich bemitleiden zu lassen, bevor es ins Bett ging (oder ausschimpfen zu lassen – weil die neue Hose wieder mal nach nur zwei Tagen ein großes Loch am Knie hatte).

Wirklich viel hat sich seitdem nicht verändert. Ja, wir sind größer geworden, einige von uns vielleicht sogar klüger. Trotzdem laufen wir draußen immer noch rum wie kleine Cowboys, die  von den anderen Kindern bewundert werden wollen. Von den Jungs, besonders aber natürlich von den Mädchen. Dafür riskieren wir gerne das eine oder andere blutige Knie.

Für den Abend wünschen wir uns aber dann doch wieder jemand, der uns einfach nur ein Pflaster auf die Kratzer des Tages klebt – während sie uns mit der anderen Hand zärtlich über den Cowboyhut streichelt.

In diesem Sinne, einen Gruß an Lucky Luke, den Held meiner Kindheit!

Erfinderhormone

Den Motor hatte ich ziemlich wahllos platziert. Auf meinem Blatt Papier klebte er etwas schief zwischen Vorderachse und vorderer Stoßstange. Kolben, Zündkerzen, Kühlung – im Großen und Ganzen war alles da.

Ob es auch wirklich zusammenpasste, war mir nicht so wichtig. Welcher Großkonzern würde sich schon mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, wenn ich, immerhin schon stolze achteinhalb Jahre alt, das erste unsichtbare Auto der Welt präsentierte? Das Geheimnis: perfekt angeordnete Spiegel.

Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Erfinder. Ich konstruierte nicht nur unsichtbare Autos, sondern auch ausfahrbare Rolltreppen in Spazierstöcken, tiefseetaugliche U-Boote und unkaputtbare Fahrradbremsen. Akribisch wurde jede meiner Erfindungen in einem kleinen, gelben Ringbuch festgehalten. Schnell reihte sich hier Konstruktionsplan an Konstruktionsplan – einer genialer und ausgeklügelter als der andere.

Ich gebe zu, ich habe damals wirklich geglaubt, ich könnte diese Ideen irgendwann umsetzen. Erfinder schien mir, neben Schriftsteller und Journalist, ein recht reizvoller Beruf zu sein. Einerseits rausgehen, die Welt entdecken und darüber schreiben, andererseits tagelang im stillen Kämmerchen sitzen und vor sich hinbasteln. Konnte es etwas Schöneres geben?

Dass sich dieser Plan nicht so einfach verwirklichen lassen werden würde, wurde mir mit dem Einsetzen der Pubertät klar. Für ein Kind ist es leicht, zu träumen. Mit den Hormonen kommt allerdings früher oder später die Selbsterkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Egal wie genial ein Plan ist, man kann trotzdem damit auf die Nase fallen. Das gilt auch und vielleicht gerade für unsichtbare Autos.

In diesem Sinne, jemand Interesse an einem fliegenden Bleistift?

PS: Diese Eintrag soll mir den Kopf retten – mehr Infos hier.

Wiederholung zwecklos

Es wird kein Sommermärchen geben. Nicht mal dann, wenn wir Weltmeister werden. Das Leben mag nämlich keine Wiederholungen. Wir Menschen dagegen schon. Darum suchen wir auch vergeblich den Geist von 2006 – und darum werden wir ihn nicht finden.

Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, in jedem Fall mitten in der Pubertät. Meine Eltern, meine Schwester und ich waren nach Südfrankreich gefahren. Sommerurlaub mit Wohnwagen und Zelt. Der Campingplatz war war recht weitläufig und direkt am Meer gelegen. Es gab ein kleines Platz-Zentrum mit einem Café und einigen Geschäften, in denen man französischen Wein, französische Bücher und Handtücher kaufen konnte.

Der Campingplatz selbst war sehr groß und weitäufig – und ich somit nicht der einzige hochgradig pubertärer Teenager vor Ort. Sobald es dunkel wurde, traf man sich am Strand. In größeren oder kleineren Grüppchen saß man zusammen, trank französischen Wein aus dem Campingplatz-Laden und machte, was Jugendliche in dem Alter nun einmal machen. Für mich war es der bis dahin bester Sommerurlaub überhaupt.

Zwei Jahre später fuhren meine Eltern, meine Schwester und ich wieder nach Südfrankreich. Schon Wochen vorher fieberte ich dem Urlaub entgegen. Noch größer wurde meine Freude, als ich vor Ort die ersten alten Bekannten wiedertraf. Am Ende war es nicht ganz, aber immerhin zum Teil die alte Gruppe.

Wir sprachen viel über jenen scheinbar magischen Sommer von vor zwei Jahren. Wir hatten uns alle auf eine Wiederholung gefreut. Um so schmerzhafter war die Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte: auch wenn wir die selben Dinge taten, die selben Lieder hörten und die selben Wege gingen – eine Wiederholung war schlicht nicht möglich.

Man kann nicht zwei mal an denselben Ort reisen. Damals war das für mich eine neue Erkenntnis, heute bin ich schlauer. Ein Urlaub kann genau so gut werden, aber niemals gleich gut.

Im normalen Leben ist das übrigens nicht anders, nicht nur, wenn es um die Fußball-WM geht. Eine alte Liebe kann genau so wie eine alte Freundschaft nur neu entdeckt, aber niemals wiederholt werden. Alles andere führt nur zu einer aufgewärmten Suppe, die niemandem schmeckt.

In diesem Sinne, auf ein erfolgreiches Achtelfinale!

Lebenslang

Manchmal bin ich acht Jahre alt. Ich bin größer, wohl auch ein bisschen schwerer und irgendwie auch erwachsen geworden. Trotzdem bin ich immer noch ich – vor über 22 Jahren.

Wenn man Kind ist, hat das Wort “erwachsen” einen ganz besonderen Klang. Erwachsene dürften selbst entscheiden, wann sie abends ins Bett gehen. Ihnen schreibt auch niemand vor, was sie vorher im Fernsehen gucken dürfen und was nicht. Dass auch Erwachsene mal Kinder waren ist schwer vorstellbar.

Andererseits scheint auch das eigene Erwachsen-Sein seltsam surreal. Dass man sich irgendwann mit Dingen wie Wohnungssuche, Steuererklärung und Arbeitsplatz rumschlagen wird, weiß man vielleicht auch schon mit acht. Dass man dann immer noch derselbe Mensch ist, wollte zumindest mir damals nicht so recht in den Kopf.

Wenn man erwachsen ist, dann hat man doch keine Angst mehr. Man zweifelt auch nicht oder weiß etwas nicht. Erwachsen zu sein, dass ist etwas ganz anderes als Kind sein – von jetzt auf gleich.

Es dauert eine Weile – und ehrlich gesagt bin ich immer noch manchmal überrascht – bis man feststellt: Erwachsen wird man sein Leben lang. Vielleicht hat man irgendwann keine Angst mehr vor den Monstern, die nachts im Schrank oder unter dem Bett lauern. Dafür können einem andere Sorgen den Schlaf rauben. Möglicherweise kostet es keine Überwindung mehr, alleine zum Einkaufen in den Supermarkt geschickt zu werden. Dafür graut es einem vor einem Behördengang, den man lieber nicht machen würde.

Kurz gesagt: Erwachsen zu werden ist immer relativ. Vielleicht ändern sich die Themen, die Denkmuster bleiben aber gleich. Ebenso ist es mit den Gefühlen, auch wenn vielleicht die Anlässe nun andere sind. Erwachsen? Klar! Aber eben kein neuer Mensch.

In diesem Sinne, Gruß an früher!

Leergeschrieben

Eigentlich sollte es in diesem Eintrag um Zufälle gehen – und zwar vor allem um solche, die nicht passieren.

Wie oft etwa gehen wir eine Minute zu früh oder spät aus dem Haus und begegnen deshalb nicht einer bestimmten Person? Wie oft entgehen wir schlimmen Unfällen, weil unser Schnürsenkel offen – oder eben nicht offen war?

Eben solchen Fragen wollte ich nachgehen – bis mir einfiel, dass solch ein Eintrag längst existiert: “Gewürfelte Welt“, geschrieben im September vor zwei Jahren.

Das passiert mir in letzter Zeit immer öfter. Ich habe einen Gedanken, notiere ihn in meinem Notizbuch, und wenn ich mich dann ans Aufschreiben machen möchte, stelle ich fest, dass ich das längst getan habe – meist schon vor Monaten oder gar Jahren.

Felix’ Welt umfasst mittlerweile mehr als 400 Einträge, kopiert in ein Text-Dokument sind es mehrere hundert Seiten und alle paar Tage kommen neue dazu. Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich nicht irgendwann leer geschrieben bin – und vor allem: was ich dann tun werde.

In diesem Sinne, irgendwelche Vorschläge?

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