Betrüger-Ich

Schon als kleines Kind lernt man den Unterschied zwischen Spaß und Arbeit. Auf den Knien rumrutschen und Autos hin- und herschieben ist Spaß. Draußen mit den anderen Kindern Buden-Bauen und mit den Fahrrädern rumfahren ist auch Spaß.

Bei der Familienfeier stillsitzen und artig den Erwachsenen zuhören ist dagegen Arbeit. Man macht es weder freiwillig noch macht man es gerne. Es muss aber sein. Sagen zumindest die Erwachsenen. Die dürfen zwar selbst entscheiden, wann sie Spaß haben – deswegen sind sie schließlich erwachsen. Zugleich scheinen sie aber etwas gegen Spaß zu haben, sonst würden sie ihn nicht so oft verbieten und statt dessen so viel wert auf den Ernst des Lebens legen.

Inzwischen bin ich selbst erwachsen – werde demnächst 32 Jahre alt. Und immer noch erwische ich mich viel zu oft dabei, wie ich bei der Arbeit Spaß habe. Wenigstens habe ich ein schlechtes Gewissen dabei.

Ich bin Journalist von Beruf. Ich schreibe, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Streng genommen seit über zwölf Jahren schon. Und ich schreibe, weil es mir Spaß macht. Seit ich denken kann. Ihr glaubt gar nicht, wie verwirrend das manchmal ist.

Wenn man für etwas bezahlt wird, das man gerne tut, hat man praktisch automatisch ein schlechtes Gewissen. Man kommt sich vor, wie ein Betrüger. Schließlich hat man als Kind gelernt, dass Arbeit keinen Spaß macht. Man tut sie, weil man muss – nicht, weil sie Spaß macht. Wie kann es da sein, dass man auch noch für den Spaß bezahlt wird?

Das ist das Kuriose und zugleich das Schöne an meinem Beruf. Und es ist auch das Gefährliche. Denn wenn jemand etwas ohnehin gern tut, gibt es eigentlich wenig Gründe, warum man ihn deswegen auch noch bezahlen sollte. Es gibt sogar Studien, denen nach man Journalisten das Gehalt kürzen kann, ohne dass ihre Arbeit merklich darunter leidet.

Das mag mit dem Spaß zusammenhängen. Sicher aber auch damit, dass Journalisten nun man in der Regel per Autorenzeile mit ihrem Namen für ihre Arbeit stehen. Journalisten haben Spaß an ihrer Arbeit, nicht selten sind sie aber auch eitel. Würde auf jeder Zange der Name des Schmied stehen, der sie hergestellt hat, wäre dem schließlich auch an einer gewissen Qualität gelegen, egal, wie viel er für die Herstellung bezahlt bekommen hat. Das ist gut, so lange es nicht ausgenutzt wird und die Leute bereit sind, für eine Zange auch einen angemessenen Preis zu zahlen. Jeder Spaß hat schließlich seine Grenzen.

Ich mag meinen Beruf. Trotzdem (oder deswegen?) fühle ich mich manchmal wie ein Betrüger. Während meine Freunde für ihr Geld arbeiten müssen, brauche ich einfach nur Spaß haben und Schreiben, um meine Brötchen zu verdienen. Einerseits.

Andererseits mache ich mir manchmal durchaus Sorgen, wo mein Berufsstand in fünf, zehn oder 15 Jahren sein wird. Ich wohne in einem Zehn-Parteien-Haus. Ich bin der einzige, der eine Tageszeitung im Abo hat. Ich bin der Einzige, der (wenn auch aus beruflichen Gründen) die kostenlosen Sonntagszeitungen durchblättert. Ich bin der Einzige im Haus, der eine Wochenzeitung im Abo hat. Wie viele meiner Nachbarn sich zumindest online informieren? Da kann ich nur raten …

Manchmal denke ich, wie schön es wäre, wieder ein Kind zu sein. Nicht selbst zwischen Spaß und Arbeit unterscheiden zu müssen, hat durchaus Vorteile. Und hin und wieder einfach nur Buden zu bauen auch.

In diesem Sinne, das geheime Codewort bitte!

Beobachtet

Manchmal fühle ich mich beobachtet. Das mag daran liegen, dass ich Hochparterre wohne. Mein Balkon geht nach hinten zu einem kleinen Innenhof hinaus, der gleich von mehreren weiteren Innenhöfen und Wohnhäusern umschlossen wird. Hier gibt es nicht nur Tauben, Spatzen und diverse andere Vögel, die neugierig in mein Schlaf- und Arbeitszimmer gucken. Ich kann auch ganz gut das Leben meiner Nachbarn verfolgen – und sie meins.

Mich stört das nicht. Im Gegenteil, ich finde es sogar ganz unterhaltsam. Um mich herum sind so viele Balkone, dass ich mich noch einigermaßen anonym und trotzdem nie allein fühle.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem ruhigen Zweifamilienhaus aufgewachsen bin. Als Kind konnte ich mit den anderen Kindern aus den anderen Ein- und Zweifamilienhäusern auf der Straße spielen. Normalerweise bis es dunkel wurde – dann mussten alle nach Hause.

Spätestens mit der Pubertät wurde mir das allerdings zu langweilig. Zwar musste ich nun nicht mehr nach Hause, nur weil es dunkel wurde. Wirklich viel passierte aber auch nach Sonnenuntergang nicht. Das Haus meiner Eltern steht in einer bequemen Wohnstraße mit einem Wald in der Nähe. Man kann hier stundenlang aus dem Fenster gucken, ohne dass etwas zu beobachten. Es gibt es keine Geschäfte, keine Gaststätten und nur selten Fremde. Man kennt und grüßt sich, wenn man sich auf der Straße begegnet.

Vielleicht habe ich deshalb bisher bei (fast) allen eigenen Wohnungen darauf geachtet, möglichst mittendrin zu wohnen. Ich genieße es, zur Kneipe (und wieder zurück!) laufen zu können, kein Auto zum Einkaufen zu brauchen und beim Blick aus dem Fenster immer wieder überrascht zu werden. Und wenn es nur eine Taube ist, die mich kritisch beäugt, während sie nach Großstadtabfällen fahndet.

In diesem Sinne, Gruß an meine Nachbarn!

Berliner

Herr Lehmann ist kein Berliner, denn eigentlich kommt er ja aus Bremen. Ein Bremer ist er aber auch nicht (mehr). Was ihn eigentlich zum idealen Berliner macht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass rund die Hälfte der dreieinhalb Millionen Berliner inzwischen zugezogene Berliner sind. In einer Stadt wie Berlin ist das wichtig. Vor allem, weil die andere Hälfte, die Ur-Berliner, nämlich durchaus wert auf Feinheiten wie den Geburtsort legen. Der klassische Neu-Berliner würde sich dagegen am liebsten jedes Jahr in seiner neuen Heimat wie ein Rangabzeichen auf die Schulter heften.

Mit abgeklärter Stimme sagt der Neu-Berliner Sätze wie “Nord-Neukölln ist das neue Kreuzberg”, “Friedrichshain ist auch nicht mehr, was es einmal war” und “Prenzlauer Berg ist längst schwäbisch”. Der gebürtige Berliner rümpft bei solchen Sätzen eher die Nase. Nicht, weil er sie nicht unterschreiben würde, sondern weil ein echter Berliner solche Erkenntnisse gar nicht erst in Worte fassen muss – erst recht nicht gegenüber einem Möchtegern-Berliner.

Berlin bietet trotzdem beiden ein Zuhause, den Alten wie den Neuen und Zugezogenen. Das habe ich an dieser Stadt immer so geliebt. Berlin kann eine weiße Leinwand sein, die man bemalen und dann so tun kann, als würde man das Bild schon seit Jahren kennen.

Wer nach Berlin zieht, wird beinahe zwangsläufig schizophren. Das “Wo kommst Du her?” gehört genau so zum guten Ton wie das Bekenntnis zur neuen und trotzdem längst adaptierten Heimat. Man ist stolz, als Berliner durchzugehen – und unterstreicht diese Auszeichung, indem man zwischendurch immer wieder betont, was man längst hinter sich gelassen hat. “Ich bin zwar aus xy, aber ich wohne schon seit xxx Jahren in Berlin” ist ein mehr als typischer Satz.

Sven Regener, aus dessen Feder Herr (Frank) Lehmann stammt, hat immer bestritten, dass seine Romanreihe um den Berlin-Bremer Antihelden aus Herr Lehmann, Neue Vahr Süd und Der kleine Bruder biographisch zu deuten sei. Trotzdem gibt es zahlreiche Parallelen. Allerdings ist das eigentlich auch selbstverständlich. Ein Roman von einem zugezogenen Berliner, der nicht in Berlin spielt, würde mir schließlich meine ganze Theorie kaputt machen!

In diesem Sinne, Danke, Herr Regener!

Reisemensch

Manchmal überlege ich, wer da einfach in meinem Reisetagebuch rumgekritzelt hat. Vorhin jedenfalls ging es mir so. Ich habe auf dem Balkon gesessen und in den beiden Kladden geblättert, die ich während meiner Weltreise vollgeschrieben hab. Da die Bücher lange im Keller des Hauses meiner Eltern gelagert haben, habe ich das lange nicht getan.

Bei vielen Einträgen kann ich mich trotzdem noch genau daran erinnern, wo und in welcher Situation ich sie geschrieben habe. Bei anderen entfalten sich erst nach und nach wieder die Bilder vor meinem inneren Auge, und ich sehe mich plötzlich wieder in einer Bar in Südamerika, in einem Bus in Australien oder einem Restaurant in Laos sitzen und schreiben.

Ich sehe diese Situationen klar und deutlich vor mir. Trotzdem beschleicht mich bei fast allen Tagebucheinträgen so ein seltsames Gefühl. War das wirklich ich, der das geschrieben hat? Sind es meine Erfahrungen und Gedanken, die da mal ausufernd, langatmig und dann wieder hektisch und nur in Stichworten niedergeschrieben sind?

Am Anfang des zweiten Buches (eigentlich dritten – nur wurde mir Nummer eins in Südamerika gestohlen) gibt es eine Liste, in der ich alle Orte notiert habe, die ich besucht habe. Ich kann mich an jeden einzelnen davon erinnern. Allerdings kommt es mir manchmal vor, als hätte ein ganz anderes Ich diesen Ort damals besucht, durch dessen Augen ich gucken durfte.

Gut sechs Jahre ist die Weltreise inzwischen her. Allerdings ist das nicht der Grund. Schon kurz nach meiner Rückkehr erschien mir das Ganze völlig surreal, als hätte ich mit dem ersten “World Traveller”-Boarding Pass ein anderes Ich bekommen, das ich nach dem letzten Flug wieder abgeben musste. Dafür sprechen auch die Fotos von mir, die unterwegs gemacht wurden. Ich würde anders lachen, finden meine Eltern. Vielleicht haben sie Recht?

Vielleicht gibt es ja noch einen anderen Felix in mir – Felix der Reisemensch? Kurz habe ich diesen Reise-Felix heute morgen getroffen, als ich einen Freund zum Flughafen gefahren und mir für einen Moment vorgestellt habe, nicht er, sondern ich würde gleich aufbrechen. Der Freund hat diesen Gedanken wohl gespürt – und mir empfohlen, mir einen Job zu suchen, bei dem ich rumreise und Leute entlasse. Im Scherz natürlich – glaube ich.

In diesem Sinne, gute Reise, Reise-Felix!

Maria … und Klaus

Als ich Maria kennengelernt habe, war sie mit Klaus zusammen. Am Anfang fand ich das doof, denn Maria gefiel mir. Als sie Klaus das erste Mal erwähnte, es muss irgendwann bei unserer ersten Begegnung gewesen sein, tat das ein bisschen weh. Wohl weil ich mir erst mehr mit Maria erhofft hatte – und ein Klaus so gar nicht in mein Bild gepasst hatte.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis ich mich an Klaus gewöhnt hatte. Er war selten dabei, aber immer präsent. Maria erwähnte ihn spärlich, aber regelmäßig. Meist dann, wenn ich ihn gerade vergessen hatte. Manchmal kam es mir so vor, als hätte sie eine geheime Wanze in meinem Gehirn installiert.

“Am Wochenende sind wir beim 65. Geburtstag des Vaters meines Freundes”, sagte sie, wenn wir gemeinsam in der Bahn saßen. Oder: “Die Jacke hat sich Klaus letztens gekauft”, wenn wir gemeinsam durch die Stadt schlenderten.

Ich weiß nicht, ob sie gemerkt hat, dass ich sie interessant fand. Weil Frauen meist viel mehr merken, als ich denke, gehe ich einfach mal davon aus.

Andererseits scheinen Frauen selten zu merken, wenn ich an ihnen interessiert bin. Vielleicht war es also doch nur Zufall – und weder eine Wanze noch weibliche Intuition. Zumal ich Maria recht schnell abgeschrieben hatte. Ich fand sie weiter interessant (und auch äußerst sexy), doch eine Beziehung mit ihr, das war schlicht utopisch – wegen Klaus.

Um so überraschter war ich, als Maria bei Klaus auszog. In der einen Woche hatte Maria noch von ihm erzählt, kurz darauf schien er wie wegradiert aus ihrem Leben. Sie war bei einer Freundin eingezogen, übergangsweise, sagte sie.

Kurz darauf tauchte plötzlich Martin auf. Ich hatte von Martin vorher nie etwas gehört – und jetzt wurde ich ihn gar nicht mehr los. Maria erzählte andauernd von ihm. Ganz anders als sie es von Klaus getan hatte. Wenn ich mich Maria traf, bekam ich sie nur noch im Doppelpack, ganz unabhängig davon, ob Martin dabei war oder nicht.

Das war aber nicht das Schlimmste. Am meisten beschäftigte mich etwas ganz anderes: Die Frage, ob ich vielleicht auch hätte Martin sein können.

In diesem Sinne, Gruß an … Du weißt schon wen!

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