Stadtteil-Liebe

Ich war joggen. Jetzt frage ich mich, ob ich vielleicht doch im falschen Stadtteil wohne. Nicht einer, sondern gleich zwei junge Väter schoben – joggend – und mit stolz geschwellter Brust ihren Kinderwagen über die Laufbahn im Jahn-Sportpark.

Interessanterweise schien ich der einzige, der das befremdlich fand (oder ich war nur der einzige, der die beiden dabei so unverhohlen gemustert hat). Zugleich versuchte eine offenbar bilingual erziehende Mutter verzweifelt ihrem Dreijährigem in schlechtem Englisch dazu zu bewegen, mit seinem Laufrad weder in die Sprunggrube noch zwischen die Joggenden zu fahren. “Marvin! No running through the runners!”

Mit Ballon und Spucke – Mutter auf Probe“, titelte zu guter Letzt heute der Tagesspiegel. Die Redakteurin Elena Senft hatte sich von ihrer älteren Schwester ein Kind ausgeliehen und damit einen Tag lang Prenzlauer Berg erkundet: “Der Frühling in Prenzlauer Berg riecht nach Keksfingern und Puder”, konkludiert sie in dem Artikel, “In den Hausfluren der Mietshäuser stehen mehr Kinderwagen als Fahrräder, und in fast jedem Café gibt es eine Spielzeugecke, frische Waffeln und neonblaues Eis.”

Wenn ich so überlege, gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum ich nicht mehr hier wohnen sollte:

  • ich trinke meinen Kaffee am liebsten schwarz – Prenzlauer Berg dagegen ist längst latte-macchiatorisiert
  • im Gegensatz zu anderen Stadtteilen halten sich in Prenzlauer Berg die meisten Kneipen- und Cafe-Besitzer an das seit 1.1.08 gültige Rauchverbot – wer öfter mal mit Rauchern was trinken geht, steht also regelmäßig vor der Tür 
  • in vielen Cafés ist zumindest tagsüber ohnehin keine Unterhaltung mehr möglich, weil jedes Wort vom synchronisierten Tippen unzähliger Laptop-bewaffneter Kreativer übertönt wird
  • man kann kaum mehr ruhigen Gewissens über eine rote Ampel gehen. Normalerweise warten nämlich schon mindestens zwei Kinder auf grün (siehe oben) – und denen will man doch kein schlechtes Vorbild sein
  • Die Pub-Crawl-Veranstalter beschränken sich nicht mehr auf die Gegend um die Warschauer und die Oranienburger Straße, mittlerweile haben sie auch die Gegend um die Eberswalder Straße für sich entdeckt. Wohl geographisch bedingt dient diese Ecke meist als Endpunkt der organisierten Sauftouren, entsprechend irren zu fortgeschrittener Stunde in letzter Zeit häufiger versprengte und orientierungslose Amerikaner, Engländer und Australier betrunken und auf der Suche nach noch mehr Bier durch meine Nachbarschaft

Diese Liste kann wohl noch um einige Punkte verlängert werden. Allerdings brauche ich meist nur mal eine halbe Stunde in meiner Nachbarschaft spazieren zu gehen, und ich vergesse die meisten davon wieder.

Wie heißt es so schön? Man liebt jemanden nicht wegen, sondern trotz seiner Fehler. Warum sollte das nicht auch für einen Stadtteil gelten?

In diesem Sinne, frohes Kinderschieben!

Der Supersportler

Es war von vornherein klar: er wollte seinem Publikum etwas bieten – und daran, dass es dieses Publikum gab, daran zweifelte er offensichtlich keine Sekunde. Immerhin, keiner der anderen Läufer hatte eine so coole Sonnenbrille wie er. 

Der Supersportler und ich kamen zwar ungefähr zur gleichen Zeit auf dem Sportplatz an. Während ich jedoch wie ein ganz gewöhnlicher Läufer auf die 400-Meter-Bahn zusteuerte, schwebte er mit weiten, federnden Schritten in Richtung Sprunggrube. Schwungvoll ließ er seine Tasche am Rande der Grube zu Boden gleiten und begann mit einem aufwendigen, offensichtlich von einem Profi ausgearbeitetem Aufwärmprogramm.

Pfauengleich schritt er die untere Gerade der Laufstrecke zunächst in der einen, dann in der anderen Richtung ab, kratzte sich am Kopf und begann anschließend hektisch in seiner mitgebrachten Sporttasche zu wühlen. Daraus zauberte er erst ein paar Schuhe, dann eine große Wasserflasche hervor, aus der er hastig ein paar Schlucke nahm, während die Sonne sich in seiner Sonnenbrille spiegelte.

Anschließend begann er, sich zu entkleiden. Der (vermutlich maßgeschneiderte) Trainingsanzug wurde in der Tasche verstaut und macht Platz für die darunter getragene enge, blaue Radlerhose und ein grellrotes T-Shirt. Auch die neongelben Sportschuhe mussten weichen und wurden aus das Paar Schuhe aus der Tasche ersetzt. So ausstaffiert nahm der Supersportler sein Aufwärmtraining wieder auf.

Mir ernstem Gesichtsausdruck ging er die untere Gerade der Laufbahn erst in die eine, dann in die andere Richtung ab, bevor er schließlich auf der einen Seite der Hundert-Meter-Bahn in Startstellung ging.

Ich war ungefähr vier Runden gelaufen, als der imaginäre Startschuss fiel. Wie ein Pfeil, der von einem Bogen abgefeuert wird, schoss der Supersportler nach vorne und rannte die hundert Meter fast bis zum Ende durch. Anschließend kehrte er zu seiner Tasche zurück, wo er erstmal einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm, bevor er die Kontrollgänge am Rande der Laufstrecke wieder aufnahm. 

Das Spiel wiederholte sich in der Dreiviertelstunde, die ich auf dem Sportplatz war, genau vier Mal. Nach jedem Durchgang betrachtete der Supersportler eingehend die gut fünfzehn anderen Läufer auf dem Platz, rückte seine Sonnenbrille zurecht und brummte etwas Unverständliches. Erst am Ende, als wir die Laufbahn zeitgleich verließen, konnte ich verstehen, was er nach seinen Sprints immer murmelte: “Verdammte Möchtegern-Läufer!”

In diesem Sinne, nicht gleich übertreiben mit dem Sport!

Ungeschminkt

Ein Sportplatz ist nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Die meisten, die hier ihre Runden drehen, haben irgendwelche schlabbrigen Sportsachen an, sind weder geschminkt noch gestyled und freundlich lächeln tut nach Runde sieben auch keiner mehr. Ganz abgesehen davon sind die meisten Läufer eh nicht ansprechbar, weil sie entweder kleine, weiße Stöpsel im oder übergroße Lautsprechersets auf den Ohren haben, aus denen sie sich beim Joggen beschallen lassen.

Ich gebe zu, auch ich höre beim Laufen in der Regel Musik. Zudem habe ich heute sicher alles andere als einen ansprechenden Bild abgegeben: ungeduscht, ohne jede Frisur und noch etwas müde habe ich meine Runden gedreht, als sie mir auffiel.
Ich habe sie gesehen, als ich außen, am Zaun vorbei, in Richtung Eingang joggte. Als hätte sie meinen Blick gespürt, drehte sie den Kopf genau in diesem Moment in meine Richtung und ich bilde mir ein, dass sie gelächelt hat.

Genau weiß ich das freilich nicht, denn beim Laufen trage ich keine Brille. (Gut, ich trage auch sonst meist keine Brille.) Außerdem hatte sie offenbar schon einige Runden hinter sich. Vielleicht hat sie also einfach so aus Erschöpfung die Mundwinkel verzogen, Kaugummi gekaut, ein Loch im Zahn – was weiß ich. Sie war mir jedenfalls direkt sympathisch.

Ungefähr drei oder vier Runden sind wir zusammen gelaufen. Ich erst hinter ihr, dann, weil ich mein Tempo minimal höher war, vor ihr. Wir haben kein Wort gewechselt. Trotzdem habe ich mich mit ihr irgendwie verbunden gefühlt. Als sie schließlich in Richtung Ausgang gejoggt ist, war ich sogar ein wenig traurig.

Ein Sportplatz ist leider nicht unbedingt der beste Ort, um jemanden kennen zu lernen. Das ist ärgerlich, denn wo sonst trifft man die Menschen so unverstellt und ungeschminkt wie hier.

In diesem Sinne, liebe Unbekannte, bis morgen auf der Laufbahn!

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