Geht das?

Manchmal google ich Straßennamen. Nicht, weil ich dort hinfahren möchte. Im Gegenteil: Ich google sie, weil ich von dort einmal weggefahren bin. 

Google ich meine alte Adresse in Berlin stoße ich immer noch als erstes auf den privaten Puff im Erdgeschoss. Unter den übrigen Suchergebnissen finde ich oft Anzeigen von den WGs aus dem Vorderhaus, in denen ein neuer Mitbewohner gesucht wird. In gewisser Weise ist das, als würde ich beim Kochen noch immer unfreiwillig den Gesprächen meiner Nachbarn durch das geöffnete Fenster zuhören.

Ungefragt präsentiert mir die Suchmaschine außerdem jedes Mal einen kleinen Kartenausschnitt von der Gegend, die einmal mein Zuhause gewesen ist. Viel ist darauf nicht zu erkennen, doch mir reicht es. In Gedanken kann ich die Schönhauser Allee noch immer problemlos hinunter gehen und die zahlreichen Seitenstraßen abwandern. Ganz klar steht mir das Bild vor Augen.

Die Idee dagegen, irgendwann einmal wieder im wahren Leben dort entlang zu schlendern, erscheint mir immer noch seltsam surreal. Wie soll ich durch Berlin laufen, ohne auch dort zu wohnen? Komisch, dass mir diese Idee so verrückt erscheint, oder?

In diesem Sinne, Grüße an meine Ex-Heimat!

Stiller

Du bist Schuld. Das Buch habe ich wegen Dir gekauft. Eigentlich habe ich es schon vor zehn Jahren gelesen. Jetzt werde ich es noch einmal lesen. Ich konnte den Laden einfach nicht verlassen, ohne etwas zur Kasse zu bringen. Denn dort hast Du kassiert.

Vermutlich bist Du zu jung, zwanzig oder so. Es war nichts besonderes an Dir, doch irgendwas in Deinem Lachen hat mich verzaubert. Als ich in der Mittagspause zufällig in Deinen Laden gestolpert bin, hast Du mich angesprochen. Ob Du mir helfen könntest, wolltest Du wissen. Das musstest Du wohl fragen, denn ich war ja so etwas wie ein Kunde.

Ich bin lange an den Regalen entlang geschlichen. Ich habe hier ein Buch in die Hand genommen, da einen Klappentext gelesen. Meine halbe Mittagspause habe ich bei Dir verbracht, ohne mit Dir zu sprechen.

Irgendwie habe ich mich nicht getraut, einfach wieder zu gehen, ohne etwas zu kaufen. Am Ende habe ich “Stiller” neben Deine Kasse gelegt, von Max Frisch. Ich habe Dir zwölf Euro gegeben, dann bin ich in die Redaktion zurück gegangen. Jetzt fehlst Du mir. Trotzdem glaube ich: Manche Träume bleiben besser unverwirklicht.

In diesem Sinne, schlaf gut, schöne Buchhändlerin!

Falscher Freund

Sie ist mir aufgefallen, noch bevor sie mich angesprochen hat: schwarze Haare, lose zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden, blaue Augen, niedliche Stupsnase, dazu dieses freche Lachen im Gesicht. In der einen Hand hat sie eine Bierflasche, mit der anderen gestikuliert sie.

“Wo gehts denn hier zur Kulturbrauerei?”, will sie wissen. Immer noch dieses freche Lachen. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Irgendwo in der Ferne brüllt ein Betrunkener sinnlose Sätze in die Luft. Ihre Augen reflektieren das Licht eines vorbeifahrenden Autos. 

“Die Straße runter”, sage ich, “fünfhundert Meter etwa.”

Sie grinst und kämpft weiter mit der widerspenstigen Haarsträhne. In ihren Wangen bilden sich kleine Grübchen. Ich würde sie jetzt gerne küssen.

“Siehst Du Schatz, hab ich gleich gesagt”, sagt sie. Dann gibt sie ihrem Freund einen zärtlichen Schlag auf den Arm. ”Und Du hast behauptet wir müssten in die andere Richtung.” Beide bedanken sich artig. 

Dann geht sie mit dem falschen Typen in die richtige Richtung.

In diesem Sinne …

Erfolgsrezept

Ich mag Dein Lächeln, besonders, wenn die Sonne darauf scheint. Das war schon immer so, und bisher habe ich mir nichts dabei gedacht. Wir sind schließlich einfach nur Freunde.

Als wir uns kennengelernt haben, fand ich Dich anstrengend. Du passtest nicht in mein Raster. Ich fand es schwer, Dich einzuschätzen. Oft wusste ich nicht, wie Du etwas meintest, wenn Du es gesagt oder getan hast. Viele Deiner Schwächen habe ich Dir nicht zugetraut. Heute mag ich sie.

In letzter Zeit erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich versuche, besonders männlich und entschlossen zu wirken, wenn ich weiß, dass Du mich beobachtest. Ich bilde mir ein, dass Dir das gefällt, dabei weiß ich doch, dass Du mich besser kennst. Ich bin nicht Dein Typ, und auch Du passt nicht zu mir. Da war ich mir bisher immer sicher. Trotzdem träume ich in letzter Zeit immer öfter von Dir.

Ich bin nicht verliebt in Dich oder will es zumindest nicht sein.
Trotzdem habe ich in letzter Zeit ein leichtes Kribbeln in Bauch, wenn wir uns treffen.

Manchmal denke ich, dass ich es einfach riskieren muss, und sei es nur, damit ich Sicherheit habe. Wenn ich mir erstmal die Finger verbrannt habe, werde ich schon daraus lernen. Was aber, wenn es funktioniert?

Vor kurzem habe ich Deinen neuen Freund kennengelernt. Er scheint ganz sympathisch und hat einen ähnlichen Humor wie ich. Wenn Du von ihm erzählst, bekommst Du dieses Funkeln in den Augen, das ich so mag. Du sagst, es wäre Dir wichtig, dass ich ihn mag. Ihr würdet Euch ja schon eine Weile kennen, aber Du hättest nie gedacht, dass einmal mehr daraus werden würde. Wo Ihr doch so unterschiedlich wärd. Aber vielleicht, sagst Du, sei gerade das Euer Erfolgsrezept.

In diesem Sinne, schönes Wochenende!

Sorglos frei

Ein kleines Mädchen läuft durch den Regen. Völlig durchnässt wird es anschließend von seiner Mutter abgetrocknet. “Kennen Sie noch das Gefühl, als Sie sich um nichts Sorgen machen mussten?”, fragt die Stimme aus dem Off, “als Sie vor nichts Angst hatten und sie die Bedeutung des Wortes ‘Risiko’ noch nicht kannten …”

So beginnt der Werbespot einer großen, deutschen Versicherung. Es geht um Altersvorsorge, gespielt wird aber mit einem anderen Motiv: dass jemand anders die Verantwortung für einen übernimmt.

Wenn man ein Kind ist, entscheiden die Eltern, wann man ins Bett zu gehen hat, dass man zur Schule oder zum Klavierunterricht gehen muss, und wie lange man abends draußen spielen darf. Als Kind findet man das gemein. Man möchte selber entscheiden. Als Erwachsener sehnt man sich vielleicht hin und wieder nach dieser Zeit zurück.

Natürlich möchte man sich heute nicht mehr ins Bett schicken lassen, dennoch kann es rückblickend ganz reizvoll erscheinen, wenn man die Verantwortung für das eigene Handlung bei jemand anderem weiß. Jede Freiheit, die man sich im Laufe des Erwachsen-Werdens erkämpft, inkludiert schließlich auch die Bürde, mit dieser Freiheit umgehen zu müssen.

Unter Umständen kann das ganz schön anstrengend sein, weswegen es viele Menschen zumindest hin und wieder als angenehm empfinden, sich diese Verantwortung wieder aus der Hand nehmen zu lassen. Sei es beim organisierten Cluburlaub, wo einem sogar das Spaß haben vorgekaut wird, oder wenn man sich hin und wieder die Freiheit nimmt und einfach nur sagt: ist mir egal. Ich will mich da nicht mal ausschließen.

Erinnere ich mich zum Beispiel an die Zeit bei der Bundeswehr stelle ich rückblickend fest, dass ich damals erstaunlich gut geschlafen habe. An den 200x80cm-Betten mit Metallgitter statt Lattenrost kann es nicht gelegen haben, ich tippe eher auf den einigermaßen geregelten Tagesablauf.

Zwar habe Artikel geschrieben, geistig also schon irgendwie anspruchsvoll und keiner dieser Jobs, wo man den ganzen Tag angeschrien wird und auf Kommando durch den Dreck robbt. Trotzdem hatten die Tage in der Kaserne in Köln einen ziemlichen gleichförmigen Rhythmus (zumindest wenn man nicht auf Reportagetour war): Arbeiten von 6:30 Uhr bis gegen 17 Uhr, Abendessen und Simpsons gucken, anschließend ein bis zwei Stunden Sport.

Vor allem aber war die Struktur, in die man eingegliedert war, recht eindeutig und eine Wahl in dem Sinne hatte man ohnehin nicht.

Aber möchte man das auf Dauer?
Meist genieße ich es, die Verantwortung für mich und mein Handeln übernehmen zu dürfen. Die Freiheit, die ich mir mit den Jahren erkämpft habe und jeden Tag neu verteidige, mag unbequemer sein, aber darauf verzichten will ich nicht.

Besagte Versicherung verspricht, einem das ursprüngliche, oben beschriebene Gefühl zurück zu holen. Zum Glück ist das nur ein leeres Versprechen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim frei-Sein

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