Brown Eyed Girl

Er hieß nicht Van Morrisson, auch wenn der Name zu ihm es gepasst hätte. Wir saßen zusammen in einer Bar, ein paar Kilometer abseits der ganz schlimmen Touristenströme. Das Lokal hatte nur drei Wände, nach vorne raus gab es statt einer Wand nur eine Art Zaun.Obwohl es schon nach zehn Uhr war, war die Hitze immer noch drückend. Die Bierflaschen wurden in Styroporhüllen serviert, damit das Bier darin länger kühl blieb.

Auf einer improvisierten Bühne an einem Ende des Lokals spielte eine asiatische Musikgruppe, vor allem amerikanische Rock-Klassiker aus den 1960ern und 70ern. Wirklich gut waren die Musiker nicht, aber es reichte. Keiner von uns hatte besondere Erwartungen an die Musik gehabt. Wir waren alle den Tag unterwegs gewesen und zu müde, um uns groß Gedanken zu machen.

Wir waren zu viert, vielleicht auch zu fünft, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Ich hatte die meisten von ihnen erst vor wenigen Minuten kennengelernt. Das Gespräch plätscherte dahin, was uns allen entgegen kam.

Irgendwann ging Van – seinen richtigen Namen habe ich leider vergessen – auf die Toilette. Er kam allerdings nicht wieder. Der Weg zur Toilette führte nämlich an der Bühne vorbei und Van war mit seinem Bedürfnis offenbar nicht allein.

Der Gitarrist und Sänger der Band, der bisher vor allem durch einen ziemlich verkniffenen Gesichtsausdruck und schlechte Soli aufgefallen war, griff sich Van. Ohne weitere Erklärung drückte er dem verdutzten Engländer seine Gitarre in die Hand und verschwand in dieselbe Richtung, aus der Van gerade zurückgekommen war – auf die Toilette. Den schien das nicht zu stören – im Gegenteil. Spontan spielte und sang er “Brown Eyed Girl” von Van Morrisson. Nicht wirklich gut, aber für mich bis heute die beste Version des Liedes, die ich bislang gehört habe.

In diesem Sinne, Reisen macht musikalisch!

Provinzgroßstadt

Kann man eine Sinnkrise wohnen? Oder anders gefragt: Kann eine Stadt eine Sinnkrise haben? Wundern würde es mich jedenfalls nicht. Selbst eine Krise, wenn auch vielleicht keine mit Sinn, bekommt, wer einmal versucht hat, den Wikipedia-Eintrag zum Thema Stadt ganz durchzulesen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn ich sonntags nicht arbeiten muss, versuche ich ein ganz bestimmtes Sonntagsritual einzuhalten. Ich gehe joggen, kaufe auf dem Rückweg zu meiner Wohnung Brötchen und die Sonntagszeitung und mache mir dann zum Frühstück meine ganz spezielle Rührei-Variante (mit Tomaten und Schafskäse).

Seit ich aus Berlin weggezogen bin, ist es gar nicht so einfach, diesem Ritual treu zu bleiben. Schuld sind die Bäcker in den Orten, in denen ich in den vergangenen eineinhalb Jahren gewohnt habe. In Ravensburg und Neudingen gab es gar keinen in der Nähe. In Radolfzell schon, der verkaufte allerdings keine Zeitungen. Und in Konstanz habe ich zwei Bäcker zur Auswahl, die allerdings beide um elf schon wieder schließen und bei denen die Zeitungen oft schon um halb zehn ausverkauft sind.

Konstanz hat ungefähr 82.000 Einwohner, was die Stadt beinahe zur Großstadt macht (ab 100.000 Einwohner). Trotzdem ist es gar nicht so einfach, an einem Sonntag nach elf Uhr noch Brötchen zu bekommen. Auch wer Samstags nach ein Uhr nachts noch irgendwo was trinken, aber nicht in eine Großraumdisco gehen möchte, hat alles andere als die Qual der Wahl. Konstanz kann diesbezüglich schon ganz schön provinziell rüberkommen.

Andererseits ist Konstanz eine Studentenstadt, es gibt Menschen unter 30 auf der Straße – sogar mehrere! Und verglichen mit Neudingen (600 Einwohner), wo ich beim Joggen nicht nur Treckern, sondern manchmal sogar Kühen ausweichen musste, ist es tatsächlich so etwas wie eine Großstadt. Groß, klein – Konstanz scheint sich da nicht wirklich festlegen zu wollen.

Genau so geht es übrigens mir: Ich mag Konstanz, selbst wenn ich es immer noch mit ‘z’ und nicht (richtig) mit ‘sch’ ausspreche. Ich genieße das unkleinstädtische Flair genau so wie das dörfliche Flair, das dieser Ort verbreiten kann. Hin und wieder habe ich allerdings doch wieder das Gefühl, schlicht und einfach in der Provinz gelandet zu sein. Aber ich bin ja auch noch irgendwie neu.

In diesem Sinne, drei Brötchen und eine Zeitung bitte!

Missing Untergrund

Manchmal fehlt mir die Berliner U-Bahn. Nicht wirklich als Fortbewegungsmittel, eher ganz allgemein. Wer einmal nachts um halb fünf von Neukölln nach Prenzlauer Berg gefahren ist, wird vielleicht wissen, was ich meine. Zumindest, wenn er angekommen ist.

Es ist nicht so, dass die Berliner U-Bahn-Wagons ein besonders schöner Ort wären. Schon die Anordnung der rutschigen Sitzbänke ist gewöhnungsbedürftig. Man hat gar keine andere Wahl als sich gegenüber zu sitzen. Und selbst, wenn niemand auf der anderen Bank sitzt, vor dem hässlichen Muster gibt es kein Entkommen.

Außerdem sind es gerade nachts nicht nur sympathische Zeitgenossen unterwegs. Schon tagsüber habe ich mich oft gewundert, woher die komisch Gestalten kommt, die zuverlässig in jedem Zug sitzt. Nachts dagegen muss man auf manchen Linien wirklich suchen, um noch einen normalen Mitfahrer aufzutreiben.

Doch das ist nicht der Punkt. Gerade am Wochenende, wenn die U-Bahn ohne Pause bis zum nächsten Morgen durchfährt, konzentriert sich das Leben auf eine ganz eigene Art und Weise in den unförmigen, gelben Zügen, die sich U-Bahn nennen und trotzdem gerade auf den interessanten Streckenabschnitten ausschließlich überirdisch fahren.

An manchen Tagen vermisse ich diese Nächte, in denen man selbst wohl eher komisch als normal ist. Wenn man nach ein paar Bieren auf einer spontanen Party in die U2 steigt und hofft, bis Schönhauser Allee nicht einzuschlafen – oder zumindest rechtzeitig wieder aufzuwachen.

Mir fehlt die Multi-Kulti-Atmosphäre der U1, übrigens die älteste U-Bahnlinie der Stadt, und die staunenden Touristen, die mit ihr vom Ku-Damm über SO61 bis ins tiefste Kreuzberg SO36 fahren und später stolz erzählen, sie hätten “the real Berlin” gesehen (in meinen drei Jahren in der Hotellerie habe ich diesen Spruch mehr als einmal gehört).

Unabhängig von all dem fehlt mir aber vor allem die Unbeschwertheit, mit der man in Berlin durchs Leben gehen kann. “Das Leben hier in der Gegend ist leicht, wenn man jung ist. Ein bisschen Arbeiten, billige Wohnung, viel Spaß”, hat der Arzt in Regeners “Herr Lehmann” zu Frank Lehmann gesagt, als dieser seinen Freund Karl nach mehreren durchzechten Nächten in der Notaufnahme des Kreuzberger Urbankrankenhauses abliefert. Naja, ganz leicht ist es vielleicht doch nicht immer.

In diesem Sinne, gute Besserung!

Liebe in Gedanken

Kann man sich eigentlich nachträglich verlieben? Nachträglich zum Geburtstag gratulieren, das ist zwar unhöflich, aber es funktioniert. Nachträglich Beschweren, klappt auch. Nachträglich schlauer sein? Manchmal.

Doch sich nachträglich verlieben? Ich behaupte, das geht. Und ich muss es wissen, mir ist das nämlich kürzlich erst passiert.

Zugegeben, sympathisch fand ich sie schon, als ich sie vor über einem Jahr das letzte Mal gesehen habe. Doch verliebt habe ich mich in sie erst, als ich weit genug weg war, um keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen.

Mag sein, dass ich einfach von ihr geträumt habe, und sie deshalb plötzlich in meinen Gedanken und in meinem Herzen herumspukt. Vielleicht war es auch irgend etwas in ihrer letzen Email, dass es bei mir hat klicken lassen. Unabhängig davon werde ich allerdings den Verdacht nicht los, dass es gerade die Entfernung ist, die mich besonders fasziniert.

Es ist einfach, wenn man zu weit weg ist, um wirklich konkret werden zu müssen. Andererseits ist es auch ziemlich pointenlos. Ich frage mich, wie lange dieses Gefühl anhalten kann, ohne dass ihm eine konkrete Reaktion folgt.

In diesem Sinne, was bringt sie denn, die Liebe in Gedanken?

Biersee im Bus

2009-07-05 beckks2

Man sollte eine Stadt nicht danach beurteilen, welches Bier in ihren öffentlichen Verkehrsmitteln getrunken wird. Trotzdem darf man sich natürlich freuen, wenn das Ergebnis stimmt. Selbst wenn man selbst gar kein so großer Becks-Trinker ist.

In Berlin ist sie aus der U-Bahn jedenfalls nicht wegzudenken: Die grüne Flasche mit dem roten Schlüssel als Mini-Emblem über dem silber-schwarzen Schriftzug.

Ob als Feierabendbier nach der Arbeit, als Wegbier unterwegs zur Party oder als Schlummertrunk auf dem Rückweg von eben dieser: Wer mit offenen Augen durch die Hauptstadt geht, wird von Becks quasi überrollt. Sogar die Verfilmung von Sven Regeners “Herr Lehmann” kommt um die vermeintliche Spezialität aus Bremen nicht herum (Bild).

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Becks von allen Bieren eben doch mit am meisten nach Limonade und am wenigsten nach Bier schmeckt. So sehen es jedenfalls meine Geschmacksnerven. Becks macht Biertrinken leicht – und Bier gehört nun mal zu Berlin, wenn auch nicht exklusiv – so viel Zugeständnis muss wohl sein.

Gerade deshalb habe ich mich vorhin nämlich plötzlich heimisch gefühlt, als mir im Bus diese junge Frau mit der grünen Flasche auffiel. Nach vier Umzügen in nur einem Jahr stand das Becks im Bus auf eine ganz eigene Art und Weise für ein Ankommen in meiner neuen Heimat: Konstanz.

Ich weiß noch nicht genau, wie lange ich nun hier am Bodensee bleiben werde. Gefreut hat mich aber nicht zuletzt eines besonders: Wie in Berlin gibt es hier in einigen Kneipen noch eine besonders schmackhafte Becks-Alternative: Leckeres Augustiner.

In diesem Sinne, Prost!

2009-07-05 Becks

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