Unsichtbar

2008-12-11-tasseSie saß am Fenster. Sicher bin ich mir da aber nicht. Vielleicht habe nur ich sie sehen können.

Das Café ist um diese Zeit immer voll. Günstig gelegen, direkt zwischen Ober- und Unterstadt, zieht es Laufkundschaft genau so an wie Stammkunden. Es ist praktisch für jemanden wie mich, der nur gemütlich ein Feierabendbier genießen möchte. 

Zu welcher Kategorie sie gehörte, wage ich nicht zu beurteilen. Sie war Ende 50, schätze ich. Es können aber auch gut zehn Jahre mehr oder weniger sein. Sie hatte ein waches, aber wenig einprägsames Gesicht. Unauffällig linste sie durch die Panoramascheibe auf den Marienplatz und auf die dazugehörige Bushaltestelle.

Die Kellner ignorierten sie. Wenn sie etwas bestellen wollte, verbarg sie diesen Wunsch gut. Ihr Blick war, starr und uninteressiert,  nach innen gerichtet. Sie war, um es kurz zu fassen: unsichtbar.

In diesem Sinne, Augen zu und durch!

Trauriges Inventar

Im Winter legt er Zeitungen unter, das isoliert. Eine Weile dachte ich, er wäre verschwunden, vielleicht vertrieben von den vielen Verkaufsständen und Fressbuden des Weihnachtsmarktes, die gerade dicht bei dicht auf dem Marienplatz stehen. Doch gestern habe ich ihn wieder gesehen.

Als wäre er nie weg gewesen saß er an seinen Mülleimer gelehnt da und beobachtete die Leute, die vorüber gingen. Sein langer Bart war verfilzt, wie immer, seine Kleidung zerschlissen. An seinem Fahrrad war immer noch all das unnütze Zeug befestigt, dass er manchmal mit sich rum schiebt. Ein Papierfähnchen, etwa, und ein kleines Windrad, das sich dreht, wenn man dagegen pustet.

Ich glaube nicht, dass er eine Wohnung hat. Überhaupt frage ich mich manchmal, ob er noch in derselben Welt lebt, wie ich. Die meisten Menschen ignorieren ihn, und doch ist er für viele so etwas wie ein Stück Ravensburger Inventar. Das sagen sie jedenfalls, wenn man sie auf den (vermeintlich) Obdachlosen vom Marienplatz anspricht. Von sich aus reden die meisten nicht von ihm. 

Wenn er wollte, könnte er vermutlich viel erzählen. Er muss eine Menge mitbekommen, wenn er so Stunde um Stunde da sitzt und vor sich hin starrt. Manchmal frage ich mich, ob ich ihn ansprechen soll. Ihn einfach fragen, wie er die Welt sieht und wie es kommt, dass er fast jeden Tag auf dem Marienplatz auf dem Boden sitzt. Was er früher gemacht hat und ob er noch Träume für die Zukunft hat. Zumindest in meinen Gedanken ist das ein interessantes Gespräch. Vielleicht nur in meinen Gedanken.

In diesem Sinne, Gruß an den Mann auf dem Marienplatz!

Musiktherapie

Die meisten Leute tun so, als hätten sie nichts gesehen. Sie ignorieren die laute Musik und die grell gefärbten Haare, die schweren Stiefel und die Nietengürtel. Ich dagegen finde es irgendwie beruhigend: auch in Ravensburg gibt es Punks.

Als Berliner wäre mir dieser Satz wohl weniger leicht aus den Fingern geflossen, doch drei Monate Ravensburg haben wohl ihre Spuren hinterlassen. 

In prosperierenden oberschwäbischen Kleinstadt herrscht aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht Vollbeschäftigung. Im September lag die Arbeitslosenquote bei 2,7 Prozent. Berlin dagegen ringt weiter mit einer eindeutig zweistelligen Quote, zur Zeit 13,3 Prozent. Das merkt man. Beim Spaziergang durch den Stadtkern fällt der Blick immer wieder auf die kleinen, aber feinen und vor allem: teuer bestückten Auslagen der unzähligen Geschäfte.

Es gibt wenig große Ketten in Ravensburg, dafür viele Miniläden mit Geschichten, die oft Generationen zurück reichen. Wer zur Mittagszeit etwas essen geht, trifft keine jungen Wilden, die mit vermeintlichen Geschäftspartnern über Stunden neue Projekte latte-macchiatorisieren, sondern ernsthaft arbeitende Menschen mit begrenztem Zeitbudget und um so dickerer Brieftasche. 

In diesem Kontext sind die Punks, die neben der Sparkasse (berlinerisch: Spaßkasse) auf dem Marienplatz verzweifelt zu provozieren versuchen, beinahe zu bemitleiden. Nur hin und wieder schüttelt einer der geschäftig vorbeieilenden zumindest entrüstet den Kopf, ganz selten meckert tatsächlich jemand, bevor er wieder in seinem Laden oder Büro verschwindet. Ja, fast könnten sie einem Leid tun, die Ravensburger Punks. Aber eben nur fast.

In diesem Sinne, frohes Schaffen!

Die Mitte

In Berlin habe ich diese Frage immer gehasst: wo es denn zum Zentrum gehe. Bestimmt tausend Mal habe ich diesen Satz gehört, als ich noch als Nachtportier gejobbt habe. Dabei hat Berlin, um es noch einmal zu betonen, hat keine echte Mitte, sieht man mal von dem so heißendem Stadtteil ab – und der umfasst immerhin fast 40 Quadratkilometer. 

In Ravensburg ist das anders: meine neue Heimat kann zwar nur mit einem Siebzigstel der Einwohner der Hauptstadt aufwarten, hat aber dafür ein echtes Zentrum: wie eine Art bauchiger Schlauch ruht der Marienplatz zwischen Ober- und Unterstadt der Altstadt. Gesäumt von Cafés und Restaurants, dem Rathaus und dem Gericht bietet er das, was viele Berlin-Touristen in der Hauptstadt ob der leichteren Orientierung wohl gern gehabt hätten: eine echte Stadtmitte.

Ich gebe zu, ganz entziehen kann ich mich seinem Reiz nicht. Ein, zwei Stunden in einem der Cafés reichen, und die komplette Stadt ist mindestens zwei mal an einem vorbei gezogen – einmal ohne und einmal mit vollgepackten Einkaufstüten. Insbesondere Samstags scheint sehen und gesehen werden ohnehin das Motto der Ravensburger zu sein. Die ganze Stadt flaniert dann artig herausgeputzt und mit sicherem Schritt durch die engen Gassen rund um den Marienplatz, bloß um letztlich doch immer wieder auf selbigen zu landen. Das hat schon was.

Zumindest am letzten Samstag habe ich mich, wie ich so am späten Nachmittag in einem der Cafés auf dem Marienplatz saß und ein kaltes Weizenbier genossen hab, dann aber doch für einen Moment an Berlin erinnert gefühlt. Der Grund war ein Mann, der nach kurzem Zögern an meinen Tisch trat. Ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufen würde, wollte er wissen.

Komisch, eigentlich, denn eigentlich gibt es so etwas hier gar nicht. Aber vielleicht habe ich das alles ja auch bloß geträumt. 

In diesem Sinne, viel Spaß beim Aufwachen!

Drogenstadt Ravensburg

Manchmal fehlt mir der Puff im Vorderhaus. Auch der “Darkroom” schräg gegenüber meines alten Wohnhauses in Berlin hatte einen gewissen Charme. Selbst wenn ich nie auf die Idee gekommen wäre, dort hinein zu gehen, so verbreitete er doch dieses Großstadtflair: Jeder soll nach seiner Fasson glücklich oder zumindest befriedigt werden.

Man mag es Ignoranz nennen, ich jedenfalls mochte dieses anonyme aneinander vorbei Leben.

Ravensburg ist da natürlich anders. Schon wegen meines (noch) fremden Kennzeichens falle ich auf. Auch meine Vermieter wissen in der Regel, ob ich zuhause oder unterwegs bin. Qua meines Berufs werde ich nicht immer, aber immer öfter erkannt, zumindest wenn es um offizielle Stellen geht. Mir geht es nicht anders: laufe ich an einem Samstag über den Marienplatz im Stadtzentrum erblicke ich mittlerweile zumindest dann und wann bekannte Gesichter.

Anonym kann man hier schwerlich leben, das habe ich schon in der ersten Woche zu spüren bekommen, als mich eine neugierige Nachbarin ausgefragt hat. Wie beruhigend ist es da, dass Ravensburg doch nicht ganz so unschuldig ist, wie es immer tut.

Gleich zwei mal war ich letzte Woche im Landgericht, um von einem Prozess gegen einen vermeintlichen Großdealer zu berichten. Haschisch, Koks, Heroin, Pillen, Speed, das ganze Programm eben, soll der 33-Jährige vertickt haben. Vor allem mit kleineren Dealern soll er Geschäfte gemacht und dabei mehrere zehntausend Euro Gewinn eingefahren haben.

Schon irgendwie beruhigend, dass auch hier nicht alles so brav und friedlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

In diesem Sinne, viele Grüße aus dem Drogensumpf Ravensburg!

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...