Beobachtet

Manchmal fühle ich mich beobachtet. Das mag daran liegen, dass ich Hochparterre wohne. Mein Balkon geht nach hinten zu einem kleinen Innenhof hinaus, der gleich von mehreren weiteren Innenhöfen und Wohnhäusern umschlossen wird. Hier gibt es nicht nur Tauben, Spatzen und diverse andere Vögel, die neugierig in mein Schlaf- und Arbeitszimmer gucken. Ich kann auch ganz gut das Leben meiner Nachbarn verfolgen – und sie meins.

Mich stört das nicht. Im Gegenteil, ich finde es sogar ganz unterhaltsam. Um mich herum sind so viele Balkone, dass ich mich noch einigermaßen anonym und trotzdem nie allein fühle.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem ruhigen Zweifamilienhaus aufgewachsen bin. Als Kind konnte ich mit den anderen Kindern aus den anderen Ein- und Zweifamilienhäusern auf der Straße spielen. Normalerweise bis es dunkel wurde – dann mussten alle nach Hause.

Spätestens mit der Pubertät wurde mir das allerdings zu langweilig. Zwar musste ich nun nicht mehr nach Hause, nur weil es dunkel wurde. Wirklich viel passierte aber auch nach Sonnenuntergang nicht. Das Haus meiner Eltern steht in einer bequemen Wohnstraße mit einem Wald in der Nähe. Man kann hier stundenlang aus dem Fenster gucken, ohne dass etwas zu beobachten. Es gibt es keine Geschäfte, keine Gaststätten und nur selten Fremde. Man kennt und grüßt sich, wenn man sich auf der Straße begegnet.

Vielleicht habe ich deshalb bisher bei (fast) allen eigenen Wohnungen darauf geachtet, möglichst mittendrin zu wohnen. Ich genieße es, zur Kneipe (und wieder zurück!) laufen zu können, kein Auto zum Einkaufen zu brauchen und beim Blick aus dem Fenster immer wieder überrascht zu werden. Und wenn es nur eine Taube ist, die mich kritisch beäugt, während sie nach Großstadtabfällen fahndet.

In diesem Sinne, Gruß an meine Nachbarn!

Bedman und Sheetboy

Über Pfingsten war ich in Frankfurt und habe dort zwei Nächte in einem Hostel übernachtet. Es war ein schöner Kurztrip. Außerdem mag ich die Hostelatmosphäre (zumindest manchmal), denn sie erinnert mich an meine Weltreise und diverse andere Touren, die ich während meiner Studienzeit in gemacht habe.

Nebenbei lernt man außerdem immer wieder interessante Menschen kennen – wobei interessant durchaus als dehnbarer Begriff zu verstehen ist. Dieses Poster oben hängt nämlich nicht einfach so in den Zimmern des Hostels – viele Backpacker sind mit der deutschen Bettwäsche nämlich tatsächlich überfordert. Verstehe das wer will.

In diesem Sinne, im Notfall einfach Bedman und Sheetboy rufen!

PS: Fotos aus Frankfurt aus diesem und dem vergangenen Jahr gibt es hier.

Komisch

Blogger sind ein komisches Volk. Da ich seit vier Jahren blogge, gehöre ich wohl dazu. Verzeiht mir also das eine oder andere harte Wort – ich weiß, wie es sich anfühlt, ich richte es schließlich letztlich auch an mich selbst.

Bevor man etwas im Internet veröffentlicht, sollte man sich vorstellen, die selbe Info irgendwo deutlich sichtbar auf eine Plakatwand in der Innenstadt zu sprühen, heißt es. Das klingt banal, macht aber Sinn.

Aus beruflichem wie privaten Interesse klicke ich mich immer wieder durch die inzwischen zahllosen Blogs, Facebook-Profile und was das WWW sonst noch so hergibt. Und immer wieder lande ich auf Seiten, bei denen ich mich frage: Muss das wirklich öffentlich zugänglich sein?

Auch bei meinem eigenen Blog stelle ich mir immer wieder diese Frage. Ich sehe schließlich, wie oft Leute mit meinem Namen als Suchbegriff bei Felix’ Welt landen (zugegeben – “Nackt bügeln” ist immer noch der häufiger gesuchte Begriff). Und es hat eben schon etwas Surreales, wenn mich ein Bewerber in einem Vorstellungsgespräch darauf anspricht, dass er auch findet, dass der FDP-Generalsekretär Christian Lindner aussieht wie Barney Stinson aus der US-Comedy-Serie “How I Met Your Mother”.

Andererseits hänge ich an meinem Blog. Es gefällt mir, hier Gedanken in die Welt zu schreien, selbst wenn diese falsch verstanden werden könnten (siehe: Bloggendes Ich). Einträge wie “Karierter Rock” mögen für manche Menschen einen komischen Beigeschmack haben, trotzdem möchte ich sie nicht rückgängig machen.

Manchmal irritiert es mich, wenn mich Freunde und/oder Kollegen unvermittelt auf einzelne Felix-Welt’-Einträge ansprechen – manchmal mit mehr als einem Augenzwinkern. Andererseits bekomme ich immer wieder Emails von wildfremden Menschen, die sich für einzelne Einträge bedanken, sich zu meinen Gedankengängen äußern oder einfach nur ihre Meinung mitteilen möchten.

Ganz klar, Blogger sind komische Menschen. Ich auch. In diesem Sinne …

Stautänzerin

Am Anfang hatte ich Angst vor ihr. Weil sie die ganze Zeit auf ihrem Handy rumtippte. Weil sie deswegen zwei mal zu spät bremste und mir beinahe draufgefahren wäre.

Begegnet sind wir uns irgendwo hinter Karlsruhe auf der A5. Sie war Schweizerin, zumindest war ihr Auto dort zugelassen. Mit dem rollte sie nun geraume Zeit hinter her. Zehn Kilometer stop&go hatte es im Radio geheißen – leider erst, als ich schon mitten drin im stop und vom go nur sporadisch etwas zu spüren war.

Zuerst mochte ich sie nicht. Ihre Sonnenbrille war viel zu groß für ihr Gesicht und ließ sie arrogant aussehen. Einen Fuß hatte sie vorne auf das Armaturenbrett gelegt – keine Ahnung, wie sie trotzdem fahren konnte. Mit der rechten Hand hielt sie hin und wieder das Lenkrad fest, die meiste Zeit tippte sie damit allerdings auf ihrem Handy rum, das sie mit der linken Hand vor ihrem Gesicht balancierte. Wohl um sowohl auf das Display als auch auf die Straße sehen zu können.

So richtig klappte das, wie schon gesagt, nicht. Einmal konnte ich einem Unfall nur entgehen, indem ich dem Fahrer vor mir einen ordentlichen Schreck einjagte, weil ich mein Auto in letzter Sekunde bis auf wenige Zentimeter an seine Stoßstange heranhopsen ließ und laut hupte.

Es war also nicht uneigennützig, dass ich die Fahrerin hinter mir beobachtete – und sie hätte eigentlich auch damit rechnen müssen. Tat sie vielleicht auch. Trotzdem tanzte sie.

Vielleicht lag es an einem Lied, dass gerade im Radio kam oder an einer SMS, die sie bekommen hatte, während sie mir beinahe draufgefahren war. Möglicherweise hatte sie einfach gute Laune. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht begann sie erst mit dem Kopf zu nicken, später fielen auch ihr Oberkörper und ihre Arme in die Bewegung ein.

Alles zusammengenommen hatte dieser Tanz etwas von in-der-Nase-Bohren – etwas was Autofahrer gerne auf der Autobahn tun, was ihnen aber sofort peinlich ist, wenn ihnen auffällt, dass sie wider erwarten dabei beobachtet werden. Nur dass es der Stautänzerin nicht peinlich war – und wenn, war das für sie kein Grund, mit dem Tanzen aufzuhören. Und auf einmal war sie mir doch sympathisch.

In diesem Sinne, Vorsicht mit dem Finger in der Nase beim Autofahren!

Einsturzgefährdet

Gestern habe ich mich gewundert, dass die Straßenbahn nicht im Erdboden versunken ist. Warum nicht ständig Straßenbahnen nach unten durch die Straße brechen und krachend darunter verschwinden.

Ich habe auf einem Platz relativ weit hinten gesessen. Es war Zufall, doch so ich fast die gesamte Bahn im Blick. Zum Beispiel die ältere Frau mit dem runden, schwarzen Filzhut auf dem viel zu runden Kopf. Ihre Mundwinkel waren fast schon merkelhaft nach unten gezogen; als wäre es schon ein paar Jahre her, als sie das letzte Mal gelacht oder gelächelt hat. Mit einer Hand hielt sie die Handtasche auf ihren Knien, mit der anderen umfasste und umkreiste sie wieder und wieder sanft das Gelenk dieser Hand. Als würde sie etwas suchen oder ertasten – immer wieder.

Ein wenig weiter vorn saß eine junge Frau mit einem Hund. Dem Hund hing ein langer, glitschiger Sabberfaden aus dem Mund, der sich in einem gleichmäßigen Rhythmus hoch und runter bewegte. Der Hund saß zu den Knien der Frau, doch sie schien ganz vergessen zu haben, dass er da war. Verträumt guckte sie aus dem Fenster. Ihre Pupillen blieben immer wieder an einzelnen Punkten der vorbeiziehenden Stadt hängen. Man hatte fast den Eindruck, als verfolgte sie ein Tennisspiel, bei dem einer der beiden Spieler deutlich besser war als sein Gegner. Die Frau schien sehr nachdenklich, aber nicht unglücklich.

Auf dem Platz vor ihr saß ein älterer Mann. Seine knochige Hand zitterte leicht. Allerdings saß er aufrecht und strahlte eine besondere Art Würde aus. Dabei trug er ein helles Hemd, keine Krawatte, und ein leicht abgetragenes, schwarzes Jacket. Seine Augen waren blassblau. Das glaube ich zumindest oder fände es schön, weil es so gut zu ihm passen würde.

Ich bin nur zwölf Minuten mit dieser Bahn gefahren. Es kam mir länger vor. Diese eine Bahn war so voll mit Menschen, von denen jeder für sich jeweils mindestens eine Lebensgeschichte mit sich rumtrugen – so wie ich ja auch. Einmal abgefragt und aufgeschrieben würden die Geschichten etliche Bücher füllen und Stoff genug für zig Filme und noch mehr Kurzgeschichten bieten. Genug Gewicht, um jede noch so starke Straße zu knacken.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

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