Reise-Rang

Vielleicht sollte es Rangabzeichen für Reisende geben. Je länger jemand unterwegs ist, mit je weniger Geld er sich durchschlägt und natürlich um so weniger “tourimäßig” jemand reist, desto höher der Rang. Denn machen wir uns nichts vor: Reisen ist harter Wettbewerb!

Nicht von ungefähr ist “Seit wann bist Du schon unterwegs” eine der ersten Fragen des gewöhnlichen Traveller-Smalltalks – lange bevor den Gegenüber nach dem Namen fragt. Rangabzeichen würden hier vieles einfacher machen – und man käme viel früher dazu, sich namentlich vorzustellen.

Ein Land wäre allerdings sehr wahrscheinlich ruiniert, wenn meine Idee umgesetzt werden würde: Laos. Denn von dort kommt das Beer-Lao-T-Shirt – weltweit anerkannter Ersatz für offizielle Reise-Ränge. Glaubt mir: Nur eine Woche auf einer der typischen Backpacker-Routen irgendwo auf der Welt, und Ihr begegnet mindestens einem Beer-Lao-T-Shirt-Träger.

Wie kann das sein? Ausgerechnet das Bier aus einem der ärmsten und touristisch noch weitestgehend unerschlossenen Länder Südostasiens tritt auf T-Shirts einen weltweiten Siegeszug in den Rucksäcken der Backpacker an? Ja – und zwar gerade deswegen.

Südostasien und insbesondere Thailand gilt als ideales Einstiegsland für Backpacker aus Europa und den USA. Die Flüge dorthin sind erschwinglich, das Reisen selbst ist billig und einigermaßen einfach, dennoch schwingt überall dieser Hauch fotogener Exotik mit, der den Daheimgebliebenen später ein staunendes “Oh” oder “Wow” entlockt.

Allerdings ist gerade Thailand inzwischen auch ein beliebtes Ziel für Pauschalreisende. Die können zu Hause dann vielleicht nicht von der Zwei-Euro-Hütte direkt am Strand und den Kakerlaken in derselben erzählen. Dennoch entzaubern diese 0-8-15-Touristen schnell den Hauch von Abenteurer, mit dem sich Rucksackreisende doch so gern umgeben.

Wir praktisch, dass Laos direkt nebenan liegt - und trotzdem vom Massentourismus noch weitestgehend unbeachtet geblieben ist (vielleicht liegt es an den fehlenden Stränden). Wer sagt, er war in Laos, kann zumindest hin und wieder noch punkten. Und wie nett, dass die Laoten praktisch nur eine Biermarke haben – diese aber kaum exportieren. Wer Beer Lao trinken möchte muss und sollte das in Laos tun. Dazu rät sogar die Backpacker-Bibel Lonely Planet: Beer Lao wird im Südostasien-Guide sogar kurzerhand zum besten Beer der Region erklärt. Obwohl ich persönlich ja Chang vorziehe – auch wenn es “nur” aus Thailand kommt.

In diesem Sinne, Prost!

Überfall-Training

Ich hätte “ja” gesagt. Aber mich hat sie ja nicht gefragt. Ich habe aber auch nicht für über 20 Euro im Rewe eingekauft und mit ec-Karte bezahlt, wie die Kundin vor mir. Das ist aber Grundvoraussetzung, damit man überhaupt gefragt wird: ”Wollen Sie auch etwas Geld mitnehmen?”

Die Kassiererin musste die Frage zwei Mal wiederholen, bis die Kundin sie verstanden hatte – zumindest mal vom Wortlaut her. Der Verwirrung tat das trotzdem keinen Abbruch, was ich gut nachvollziehen kann.

Rein vom Tonfall her hätte die Frage nämlich an die Wursttheke gehört, nicht an die Kasse. Sie klang wie das “Darf es auch etwas mehr sein”, das man zwischen Rouladen, Salami und Bierwurst hin und wieder noch hört, wenn die Fleischfachverkäuferin entweder nett sein möchte oder sich schlicht beim Abschneiden der Wurst vertan hat.

Inhaltlich betrachtet war die Frage dagegen eher wie eine Einladung zum Überfall zu verstehen. “Wollen sie auch etwas Geld mitnehmen?” – das klingt wie das “Darf es auch etwas mehr sein” in einem Trainingscamp für Bankräuber. Nach einer Bankräuberin sah die Kundin vor mir aber nun wirklich nicht aus. Eher wie eine Biologie-Studentin.

“Wollen Sie auch etwas Geld mitnehmen?”, wiederholte die Verkäuferin zum dritten mal. Inzwischen schien sie allerdings begriffen zu haben, dass die Kundin gar nichts begriff. “Wenn Sie für mehr als 20 Euro einkaufen und mit ec-Karte bezahlen, können Sie auch kostenlos Geld von ihrem Konto abholen”, schon die Verkäuferin hinterher und fügte dann entschuldigend hinzu: “Ich muss das dann fragen, verstehen Sie?”

Die Kundin verstand. Geld wollte sie trotzdem keins. Auch keine Treuepunkte. Aber das nur am Rande.

In diesem Sinne, darf es auch etwas mehr sein?

Hahn im Korb

Frauen sind anders. Und Männer auch. Und nein, das ist keine neue Erkenntnis.

Insgesamt habe ich drei Nächte in meinem Gefängniszimmer in Tarifa verbracht. Die erste mit vier weiteren Männern und einer Frau. In der nächsten Nacht war das Verhältnis zwei Männer zu vier Frauen. In Nacht Nummer drei war ich der Hahn im Korb – einziger Mann unter fünf Frauen.

Nacht Nummer eins war sehr entspannt. Zwar ist unter fünf Männern immer mindestens einer, der schnarcht (im Zweifel noch einer außer mir!). Doch wer sich auf Reisen für die günstige Unterkunftsvariante Mehrbettzimmer entscheidet, muss mit so etwas rechnen. Menschen machen nun einmal – bis auf wenige Ausnahmen – Geräusche, wenn sie schlafen. Manche mehr, manche weniger.

Es ist zudem äußert unwahrscheinlich, dass alle Hostelgäste zur selben Zeit ins Bett gehen. Selbst dass alle Gäste aus einem Zimmer dies gleichzeitig tun, ist eher die Ausnahme. Wer in Hostels übernachtet, ist einem intensiver genossenem Nachtleben in der Regel nicht abgeneigt. Mit der Folge, dass die ganze Nacht durch (und in Südspanien endet manche Nacht nicht vor 8 Uhr morgens) müde und oft mehr oder weniger angetrunkene Reisende über die Flure, in ihre Zimmer und in ihre Betten stolpern.

All dies galt in vollem Umfang für Nacht Nummer eins. Meinen Schlaf hat das nur wenig beeinträchtigt. Wenn ich reise, schlafe ich anders, situativer, glaube ich. Unbewusst nutze ich die leiseren Momente für besonders tiefe Tiefschlafphasen. Mein Körper stellt sich da in der Regel binnen zwei, drei Nächten unterwegs um. Mehrbettzimmer sind zudem keine neue Erfahrung für mich. In meinem bisherigen Reiseleben habe ich in genug davon geschlafen und sogar zwei Jahre nebenbei als Nachtportier in einem Hostel in Berlin gearbeitet (in dieser Zeit durfte ich allerdings nicht schlafen).

Der Vorteil von Männer-dominierten Zimmern mit leichtem Frauenanteil wie in Nacht Nummer eins ist, dass sich die Männer dann Mühe geben, nicht zu männlich-sauig zu werden. Schließlich wollen sie die Frauen nicht verschrecken. Das sorgt für eine gewisse Grundordnung. Davon profitieren unterm Strich alle Zimmerbewohner.

Frauen sind da anders, zumindest wenn sie zu mehreren unterwegs sind. Frauen haben kein Interesse daran, den Männern im Zimmer durch einen besonderen Hang zur Ordnung positiv aufzufallen. Das zeigte Nacht Nummer zwei. In dieser Nacht habe ich das Zimmer mit einem Argentinier, einer Italienerin und drei Irinnen geteilt. Letztere mag ich besonders gern, denn sie sind der Beweis für meine Theorie.

Binnen nicht mal einer Stunde hatten sie das kleine Zimmer in einen begehbaren Kleiderschrank verwandelt. Meinem Bett fiel dabei die Rolle des Kleiderständers zu, auf dem sie die aktuelle Kollektion präsentierten, anpassten und dann doch wieder verwarfen. Sehen konnte ich das allerdings erst, nachdem ich über einen Berg von Koffern und Taschen geklettert und zudem diverse Schminktaschen zur Seite geschoben hatte.

Nachts wurde das Zimmer dann zur Telefonzelle. Zwar ließen die Irinnen, als sie einigermaßen angetrunken (vermutlich hatten sie einen Ruf zu verlieren) zurück kamen, das Licht aus – eine ungeschriebene Hostelregel. Nur hinderte sie es nicht daran, sich erst untereinander recht laut zu unterhalten und anschließend noch ihre jeweiligen Freunde anzurufen. Zumindest das Gespräch von einer kann ich recht gut wiedergeben, weil sie ihr Handy aus Versehen auf laut gestellt hatte. Viel Inhalt hatte es allerdings nicht. Gut zehn Minuten lang wiederholte sich nur folgende Konversation wieder und wieder und wieder:

Irin (betrunken): Where are you?
Freund (müde): I’m at home.
Irin (betrunken): Whaaaat? Didn’t unterstood you. Where are you?
Freund (müde): I’m at home.
Irin (betrunken): Sorry, not understanding you. So, where are you?
… 

Selbst dem zweiten Mann im Zimmer, der sich zunächst noch sehr lautmalerisch über die neuen Zimmergenossinnen gefreut hatte (zwei Hände leicht gewölbt vor der Brust, breites Grinsen, lautes “Oh yeah!”) dürfte irgendwann der Spaß vergangen sein.

Schade eigentlich, dass er Nacht Nummer drei nicht mehr mitbekommen hat. Da waren außer ihm auch die Irinnen abgereist und ich durfte mir das Zimmer mit gleich fünf Frauen teilen, einer Amerikanerin und vier (zwei davon alleinreisenden) Italienerinnen. Allesamt ohne Drang zur Modenschau, aber sehr nett, rücksichtsvoll und unkompliziert. Frauen sind eben anders. Manchmal auch anders als andere Frauen.

In diesem Sinne, ciao und goodbye!

Hola, Bruce

Bruce Willis ist hier. Ich habe ihn gestern abend kennengelernt. Er ist Italiener, gelernter Koch und faehrt in London Taxi. Und er ist einer der Gruende, warum ich so gerne reise.

Viele Menschen verstehen nicht, wie man alleine verreisen kann. Normalerweise sind das Menschen, die es nie versucht haben. Solo zu reisen hat viele Vorteile. Dass man keine Ruecksicht nehmen muss, zum Beispiel. Der groesste und wichtigste Vorteil ist allerdings, dass man gezwungen ist, offen fuer fremde Menschen zu sein. Zum Beispiel fuer Menschen wie Bruce.

Der heisst in Wirklichkeit natuerlich nicht wirklich Bruce, sondern Mike, und ich bin inzwischen sicher, dass er kein heimliches Doppelleben als Schauspieler fuehrt. Kennengelernt habe ich ihn gestern nachmittag, abends waren wir dann ein Bier zusammen trinken.

Eine andere Reisebekanntschaft heisst Katie und kommt aus Australien. Wir sind ins Gespraech gekommen, nachdem ich ihr geholfen habe, den Computer im Hostel gegen drei wilde Koreanerinnen zu verteidigen, die fest entschlossen waren, Katies kurze Pinkelpause auszunutzen, um so alle drei verfuegbaren Rechner zu blockieren.

Von Katie habe ich gelernt, dass derzeit der halbe australische Kontinent in Europa unterwegs ist. Sie dagegen von mir gelernt, dass die Sonne in Europa mittags wirklich im Sueden und nicht im Norden steht. Nach fuenf Monaten in der noerdlichen Hemisphaere war ihr das noch nicht aufgefallen.

Wenn ich sage, ich reise gerne allein, dann heisst das nicht, dass ich nicht auch gerne zu zweit unterwegs bin. Mit die besten Urlaube meines Lebens habe ich als Reisender im Doppelpack gemacht. Gerade jetzt bin ich allerdings froh, solo unterwegs zu sein.

In diesem Sinne, Gruss auch nach Holland (Holland weiss warum)!

Nackt duschen

Ich wurde belästigt. Das heißt, eigentlich wurde ich nicht wirklich belästigt, trotzdem war die Situation schon etwas kurios.

In meinem Fitnessstudio gibt es Männer- und eine Frauenduschen, die sich jeweils an die Männer- und die Frauenumkleiden anschließen. Die Männerdusche ist für Männer, während die Frauendusche für Frauen gedacht ist. Ich schreibe das so explizit, weil es für die Geschichte durchaus entscheidend ist.

Nachdem ich gestern zwei Stunden trainiert hatte, ging ich jedenfalls in die Männerumkleide, um mich auszuziehen und aus meinem Spind ein Handtuch, Duschgel und Shampoo zu holen. Damit bewaffnet ging ich nackt weiter in Richtung Männerduschen, die ein wenig an eine Duschen bei der Bundeswehr oder aber an Gefängnisduschen erinnern: ein Raum der zu einer Seite hin offen ist, während an den übrigen drei Wänden jeweils mehrere Duschköpfe hängen.

Ich war allein, zumindest die ersten ein, zwei Minuten. Dann kam die weibliche Fitnessstudio-Angestellte in die Dusche und begann, während ich noch duschte, emsig den kleinen Bereich vor den Duschen zu wischen. Das fand ich dann doch komisch. Einmal, weil ich den doch ohnehin gleich wieder nassmachen würde. Zum anderen, weil ich mich in diesem Moment gefragt habe, wie die Situation wohl seitenverkehrt gewesen wäre.

Ich gehe davon aus, dass die freundliche junge Frau schon öfter einen nackten Mann gesehen hat. Allerdings bin ich auch ziemlich sicher, dass die männlichen Fitnessstudio-Angestellten wissen, wie eine Frau ohne Kleidung aussieht. Trotzdem gehe ich davon aus, dass es einen ziemlichen Aufschrei unter den weiblichen Sportlerinnen gegeben hätte, wenn einer der Männer angefangen hätte, den Boden zu wischen, während sie unter der Dusche stehen.

Geschrieen habe ich nicht. Ich habe sogar ein paar freundliche Worte mit der Mitarbeiterin gewechselt, nachdem sie den Boden gewischt hatte. Ich habe nämlich nachgesehen: alles noch da – sie hat mir nichts weggeguckt. Komisch war es trotzdem.

In diesem Sinne, morgen bin ich übrigens wieder beim Sport …

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