Oben

Ich war noch nie in der ersten Etage. Bis gestern. Und das, obwohl ich nun schon seit über eineinhalb Jahren in diesem vierstöckigen Haus wohne. Hochparterre. Gestern war ich dafür gleich ganz oben, im vierten Stock.

Ist es nicht komisch, wie oft wir das Naheliegende ignorieren? An einem normalen Tag laufe ich mindestens vier Mal an der Treppe vorbei, die in meinem Haus nach oben führt. Zwei Mal, wenn ich morgens die Zeitung reinhole, einmal auf dem Weg zur Arbeit und noch einmal, wenn ich abends wieder nach Hause komme. In den 19 Monaten, die ich nun schon hier wohne, habe ich die Treppe trotzdem kein einziges Mal benutzt. (Dabei wurde die Reinigung derselben natürlich in meiner Nebenkostenabrechnung aufgeführt.)

Dass ich nun zum ersten Mal doch nach oben gegangen bin, war der Paketbote schuld – und ich fürchte, der mag mich nun nicht mehr. Frei nach dem Motto “wenn schon – denn schon” musste er nämlich bis ganz nach oben laufen. In den anderen Etagen hätte ihm niemand aufgemacht, so jedenfalls mein Nachbar aus dem 4. Stock. Darum habe er das Paket für mich angenommen und der Paketbote eben bis ganz nach oben laufen müssen. So wie ich, als ich das Paket abgeholt habe.

Normalerweise lasse ich Pakete direkt in die Redaktion liefern. Hier wird das Paket auf jeden Fall angenommen. Außerdem riskiere ich hier nicht, dass es zwar angenommen wird, danach aber tagelang bei einem Nachbarn liegt, der nach der Paketannahme erstmal tagelang nicht zu Hause ist.

Dieses Paket habe ich allerdings nicht selbst bestellt, es war ein Geschenk. Zu Umwegen werden wir fast immer von außen gezwungen. Manchmal ist das auch gar nicht schlecht. Manche von uns würden sich sonst vermutlich nie bewegen.

In diesem Sinne, einen Gruß an den Paketboten!

Online-Maskenball

Ihr verwirrt mich. Glaube ich zumindest. Denn inzwischen bin ich nicht mal mehr sicher, wer Ihr überhaupt seid, weil Eure Fotos nur noch Blumen, Promis oder andere seltsame Motive zeigen. Ganz zu schweigen von Euren Namen.

Als das mit Facebook losging, war das anders – genau wie bei den VZ-Netzwerken. Am Anfang schien es niemanden zu stören, hier erkannt und gefunden zu werden. Eigentlich kurios, denn damals war es für die meisten Menschen doch noch etwas Neues, sich für alle sichtbar im Internet zu präsentieren.

Inzwischen ist das freilich anders. Auch wenn immer noch nicht ganz klar ist, welche Daten Facebook eigentlich für sich speichert (ich habe vor ein paar Tagen mal angefragt und bin gespannt), zumindest nach außen hin lässt sich das eigene Profil inzwischen ganz gut abschotten. Selbst innerhalb des vermeintlichen Freundeskreises kann – Vorbild google sei dank – inzwischen sehr detailliert differenziert werden, wer was zu sehen bekommt.

Vielen Menschen scheint das aber nicht zu reichen. Klarnamen werden durch Phantasienamen ersetzt, Profilfotos gegen identitäslose Bilder eingetauscht. Vermutlich, um von bestimmten Bekannten oder Kollegen gar nicht erst gefunden zu werden. Das Problem: auch als Freund (im Facebook’schen Sinne) weiß man irgendwann nicht mehr, wer sich eigentlich hinter “David Hasselhof”, “Blumenkind” oder “M.M.P.” verbirgt.

Ähnlich kompliziert machen es einem übrigens lange nicht gesehene Verheiratete, die den Namen ihres Mannes oder ihrer Frau angenommen haben und dann kommentarlos, aber mit neuem Familiennamen Freundschaftseinladungen verschicken. Aber das ist eine andere Geschichte.

In diesem Sinne, Gruß an alle unbekannten Bekannten!

Verkaufsoffen

Wenn ich mal ein Telefon ohne Wählmöglichkeit verkaufen möchte oder ein Fahrrad ohne Rahmen: ich werde es sonntags tun. Dann kaufen die Leute nämlich alles. Dieses Gefühl hatte ich zumindest gestern Nachmittag, als ich durch die Karlsruher Innenstadt gelaufen bin.

“Verkaufsoffener Sonntag” – das klingt in der Theorie reichlich unspektakulär. In der Praxis aber heißt es, dass sämtliche Bewohner einer Stadt sich einig sind, an diesem einen Sonntag die Innenstadt zu stürmen. Selbst Geschäfte, die sonst menschenleer sind, werden plötzlich von wahren Menschentsunamis geflutet. Dinge, die sonst niemand haben möchte – sonntags prügeln sich die Massen darum.

Gut, der letzte Teil war vielleicht übertrieben. Geprügelt hat sich zumindest meines Wissens niemand. Trotzdem frage ich mich, was ein Tag wie der gestrige, verkaufsoffene Sonntag über den Menschen an sich aussagt. Muss man wirklich einfach nur sonntags seinen Laden öffnen und schon kauft er, was das Zeug hält?

Die Antwort lautet ja. Nicht anders funktionieren die Verkaufssender im Fernsehen. Gekonnt präsentieren sie einem nicht nur ein Produkt, sondern vor allem die scheinbar einmalige Chance, dieses Produkt zu besitzen. Ob man es überhaupt braucht, wird da schnell zweitrangig. Schlägt man jetzt nicht zu, wird man es schließlich nie erfahren – und bekommt auch nicht die beiden Ersatzbürsten gratis mit dazu. Gratis! Wen interessiert da noch, ob man die Bürsten überhaupt braucht?

Kurioserweise klappt dieses Prinzip auch zwischenmenschlich. Ich habe mich schon mehrfach selbst dabei erwischt, wie mir eine Frau erst dann gefiel, wenn sich ein anderer Mann für sie interessiert hat. Möglich, dass sie kurz vorher noch bei mir abgeblitzt ist – wenn sich nun jemand anders um sie bemüht, dann weckt das plötzlich doch mein Interesse. Jagdinstinkt? Vermutlich auch. Vor allem aber tendiert der Mensch nun einmal dazu, sich auf das zu stürzen, was knapp zu werden droht. Das Grundprinzip jeder Marktwirtschaft.

Gekauft habe ich am Sonntag jedenfalls nichts. Es war mir einfach zu voll. Statt dessen habe ich mich in ein Café am Marktplatz gesetzt und habe in aller Ruhe ein Weißbier getrunken, während ich dem Wahnsinn um mich herum zugeschaut habe. Sehr entspannend – gerade weil alle anderen so im Stress waren.

In diesem Sinne, einen schönen Start in die neue Woche!

Pferdemann

“Rieche ich nach Pferd?”

Manchmal denke ich, ich ziehe komische Menschen an. Ganz ohne es zu wollen. Die Frage hätte mich daher nicht wundern sollen. Wobei dieser Mensch eigentlich recht normal aussah. Schlaksig, ein paar Zentimeter größer als ich, stark angegraute, kurze Locken. Eigentlich nicht ungewöhnlich. Einzig die Augen wirkten etwas unruhig, irgendwie nervös.

“Rieche ich nach Pferd?”, wiederholte der Mann. “Ich möchte nämlich noch einkaufen gehen.”

Ich wusste nicht, dass man nach Pferd riechen muss, wenn man noch einkaufen gehen möchte. Aber ich kann ja auch nicht alles wissen. Dieser Mann roch jedenfalls nicht nach Pferd. Aber konnte ich ihm das so direkt sagen?

“Ich war den ganzen Tag im Stall, wissen Sie?”, sagte der Mann, der nicht nach Pferd roch und noch einkaufen wollte. Dabei begann er nervös hin und her zu wippen. “Deswegen befürchte ich, dass ich nach Pferd riechen könnte. Dabei will ich doch noch einkaufen.” Der Mann hielt mir einen Ärmel seiner Jacke unter die Nase.

Der Ärmel roch nicht nach Pferd. Als ich dem Mann das sagte, wirkte er erleichtert. Und traurig. Irgendwie beides zugleich.

“Dann gehe ich jetzt einkaufen”, sagte er schließlich fröhlich. “Auf wiedersehen.” Ich bin dann nach Hause gegangen. Dabei habe ich mich mich gefragt, warum ich eigentlich so ein Talent habe, komische Menschen anzuziehen. Selbst sie nicht nach Pferd riechen.

In diesem Sinne, woher kommt eigentlich dieser Ziegengeruch?

Männlicher Finger

Ich bin so froh, dass ich ein Mann bin. Das stand nämlich heute einen Moment auf der Kippe.

Es war keine neue Erkenntnis, die wir heute in der Redaktion diskutiert haben. Irgendwer hatte sie allerdings neu aus einem Zeitungsartikel gefischt: Bei Männern ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger. Frauen hingegen tendieren zu eher gleich langen Zeige- und Ringfingern.

Der Grund liegt wie so oft in den Hormonen. Platt gesagt: Je mehr vom Männlichkeits-Hormon Testosteron ein Fötus im Mutterleib aufnimmt, desto größer wird der Längenunterschied zwischen den beiden Fingern. Das hat der englische Anthropologe John Manning vor ungefähr zehn Jahren herausgefunden.

Manning selbst hat sein Ergebnis mehrfach nachgeprüft und dabei immer neue Belege für den Testosteron-Überschuss gefunden. Am besten belegt ist der Zusammenhang laut einem Artikel aus Die Zeit beim Verhältnis von Fingerlängen und sportlicher Leistungsfähigkeit. Erfolgreiche Schwimmer, Sprinter, Fußballer, Skifahrer und Fechter haben demnach einen im Schnitt längeren Ringfinger als erfolglose oder Nicht-Sportler: “Bei einem Wettrennen sollte Fingerforscher Manning aus den Fingerlängen lesen, in welcher Reihenfolge fünf Läufer das Ziel erreichen. Seine Vorhersage war fast perfekt – nur Platz 3 und 4 waren vertauscht.”

Nun ist die Fingerlänge nicht die einzige Länge, von der Rückschlüsse auf andere Eigenschaften – oder Längen – gezogen werden. Bekannt ist der Vergleich zwischen Nase und dem sprichwörtlichen “Johannes” eines Mannes, der inzwischen als widerlegt gilt. Statt dessen sind zumindest einige amerikanische Forscher inzwischen der Ansicht, dass es eine minimale Korrelation zwischen Schuhgröße und der Länge des Penis gibt – in Korea dagegen muss auch hier wieder ein Finger herhalten.

Wie realistisch solche Vergleiche sind, lasse ich nun mal dahingestellt. Folgt man Mannings Zeige-Ringfinger-Theorie arbeiten in der Redaktion seit heute nachmittag jedenfalls deutlich mehr Männer als noch zu Beginn des Arbeitstages. Dafür habe ich einige Frauen aus den anderen Abteilungen kennengelernt, von denen ich bisher nicht mal wusste, dass sie existieren – bisher hatte ich sie für Männer gehalten.

In diesem Sinne, zum Glück glaube ich als Journalist nicht alles, was in der Zeitung steht …

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