Gehirnsurfen

Manchmal betrachte ich mein Gehirn in Großaufnahme. Natürlich nicht wirklich, denn dafür müsste ich wohl meinen Kopf aufschneiden und eine Kamera reinhalten – keine besonders schöne Vorstellung also. Trotzdem habe ich hin und wieder das Gefühl, wie ein elektrischer Impuls kreuz und quer durch das neuronale Gewusel in meinem Kopf zu schwirren.

Mal rein biochemisch gesprochen ist Denken keine besonders aufregende Sache. Unsere Sinne liefern unserem Gehirn Input in Form von kleinen Stromstößen, die unsere Nervenbahnen entlang rasen und anschließend verarbeitet werden. Zum Beispiel, indem sie mit anderen Eingaben verknüpft werden. Funktioniert eine Verknüpfung – etwa “Ofen” und “heiß” – bleibt sie bestehen. Funktioniert sie nicht, verkümmert sie und verschwindet schließlich. (Ich weiß, ganz so einfach ist das nicht – Hirnforscher mögen mir trotzdem diese Simplifizierung nachsehen).

An seine Grenzen stößt das Gehirn, wenn es einfach mal nichts tun soll – im Volksmund wird dieser Zustand auch Langeweile genannt.

Das Gehirn kann aber nicht nicht-denken. Hat das Gehirn keine Aufgabe, beginnt es wahllos Verbindungen auszuprobieren – vielleicht lohnt es ja, die eine oder andere davon auszubauen? “Ofen” – “heiß” ist offensichtlich. Aber von “Ofen” gibt es doch auch eine Nervenbahn zu “Ferienwohnung” (mit Ofen). Von dort geht es weiter nach Holland (wo die Ferienwohnung war) zu Fahrrad (ist man da ständig gefahren) zu Schwimmbad (einer der Wege, die man mit dem Fahrrad gefahren ist) zu Melanie (hat man in dem Schwimmbad kennengelernt), …

An manchen Abenden habe ich das Gefühl, dieses Verknüpfen im wahrsten Sinne des Wortes “live” mitzuerleben – und bin dann immer wieder erstaunt, von welchem Punkt in meinem Kopf ich auf welchen Wegen zum nächsten komme. Mit anderen Worten: Der Ofen ist nur der Anfang!

In diesem Sinne, frohes Denk-Denken!

PS: Ja, das auf der Fotomontage bin ich – ist allerdings ein paar Jahre und ein paar tausend Kilometer her.

De-friended

Ich wurde de-friended. Das ist Facebook-Deutsch und bedeutet, dass mir jemand die “Freundschaft” gekündigt hat. Fast hätte ich gar nichts davon mitbekommen, denn die Freundschaft zu kündigen ist bei Facebook in etwa so unkompliziert wie das Hochladen eines Bildes. Informiert wird man über das Ende der Online-Freundschaft ebenfalls nicht.

Es ist allerdings auch nicht so, dass ich mich sonderlich gekränkt fühlen würde. Von meinen derzeit rund 230 Facebook-Freunden habe ich einige lange nicht mehr, einige ohnehin bisher nur einmal und wieder andere noch nie persönlich getroffen. Was macht da schon einer mehr oder eine weniger, wenn ein Mausklick schon eine der wichtigsten Grundlagen für die Freundschaft war?

Eine (reale) Freundin von mir hatte sich vor einiger Zeit das Ziel gesetzt, die Zahl ihrer Freunde auf unter 100 zu drücken. “Mehr Freunde braucht kein Mensch” fand sie und meinte damit die Zahl der Freunde im StudiVZ. Manchmal frage ich mich, ob das vielleicht auch für reale Beziehungen gilt?

Schon weil ich sehr oft umgezogen und viel gereist bin, habe ich viele Bekannte, von denen ich einige nur alle paar Jahre sehe. Trotzdem sind einige davon inzwischen zu echten Freunden geworden. Andere wiederum sehe ich zwar ebenfalls immer mal wieder, als Freunde würde ich sie aber nicht bezeichnen, manche nicht mal als gute Bekannte.

Trotzdem bleiben wir in Kontakt – vielleicht einfach nur, weil wir Menschen uns nun einmal schwer damit tun, etwas los zu lassen. Dabei denke ich manchmal, dass vielleicht genau das genau das genau das Richtige wäre.

Die Zeit, die ich einem Bekannten widme, an dem mir eigentlich gar nicht so viel liegt, könnte ich doch viel besser nutzen, um jemanden zu treffen, der mir wirklich etwas bedeutet. Zudem stehle ich möglicherweise meiner Verabredung die Zeit, die ebenfalls woanders viel besser aufgehoben wäre. Ja, eigentlich braucht wohl wirklich niemand mehr als 100 “Freunde”.

In diesem Sinne – so weit die Theorie …

Windpocken-Hochzeit

Letztens hatte ich einen komischen Gedanken: Vielleicht sind Hochzeiten gar nicht ansteckend? Ich weiß, das klingt verrückt, lasst uns trotzdem für einen Moment annehmen, es wäre die Wahrheit.

Als ich noch ein Kind war, da hatte die Ehe etwas von Windpocken. Jeder bekam sie irgendwann, auch wenn der Juckreiz nicht bei allen gleich stark war. So hatten es mir meine Eltern und deren größtenteils verheirateten Freunde und Bekannten schließlich vorgelebt. Mit über 30 allein zu wohnen kam in meinen 15-jährigen, pubertären und von Windpocken gebeutelten Gedanken schlicht nicht vor.

Gucke ich mich jetzt, gut 16 Jahre später und vielleicht auch etwas reifer, in meinem Freundeskreis um, haben Hochzeiten immer noch etwas von Windpocken. Mit jeder Hochzeit, zu der ich fahre, flattern mir zwei oder drei neue Einladungen ins Haus. Nur ich scheine irgendwie immun zu sein – vielleicht weil ich Windpocken schon gehabt habe.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht unzufrieden. Ich realisiere nur immer mehr, dass das mit dem Heiraten vielleicht viel weniger mit einer ansteckenden Infektionskrankheit zu tun hat, als ich immer dachte. Dass in meinem Familien- und Freundeskreis durchaus Menschen leben, die auch mit 40 oder 50 noch nicht verheiratet sind, ohne sich deswegen unglücklich zu fühlen – und dass ich einer von ihnen sein könnte.

Als Kind habe ich immer gedacht, als Erwachsener heiratet man halt irgendwann. Inzwischen weiß ich, dass das stimmt – allerdings nicht für alle Menschen. Und nie sollte man ja sowieso nie sagen.

In diesem Sinne, lasst Euch überraschen!

Geburtstag (Facebook)

Ich bin wichtig. Findet jedenfalls mein Postfach. Das glühte diesen Montag förmlich – was mich auch mit 31 Jahren noch gefreut hat. So alt bin ich nämlich geworden. Allein bei Facebook haben das über 60 Personen bemerkt und mich mit Pinnwand-Einträgen und privaten Nachrichten bedacht.

Früher war das anders. Früher war ich wohl nicht ganz so wichtig. An meinem Geburtstag klingelte nur hin und wieder das Telefon. Dazu gab es ein paar Geburtstagskarten per Post.

Ich selbst bin schlecht darin, mir Geburtstage zu merken. Dafür habe ich meinen jeweiligen Kalender. Immer zum Ende des Jahres hin nehme ich mir bewusst Zeit, um die für mich wichtigen Geburtstage mit einem roten Fineliner zu notieren. Jedes Jahr kommen einige Geburtstage dazu, andere fallen raus.

Ich bin auch niemanden böse, wenn er meinen Geburtstag vergisst – oder auch bewusst ignoniert hat. So wichtig bin ich nicht – und das ist auch OK so.

Schade finde ich allerdings, wenn das Gratulieren zum Reflex wird. Wenn blind Glückwünsche verschickt werden, bloß weil der Geburtstag nun einmal bei Facebook aufploppt. Wenn mir ganz selbstverständlich Menschen gratulieren, die ich schon vor Jahren aus den Augen verloren habe und die mir noch nie gratuliert haben, als wir uns zumindest noch hin und wieder gesehen haben.

Bin ich da zu streng? Vielleicht sogar unhöflich, weil ich mich über nett gemeinte Glückwünsche nicht hinreichend freue? Mag sein. Ich überlege trotzdem, ob ich meinen Geburtstag im nächsten Jahr nicht einfach bei Facebook lösche. Einfach um mal zu schauen, wie wichtig ich dann noch bin – und für wen.

In diesem Sinne, happy birthday!

Spiegelbrille

Es ist nicht so, als würde er mich nicht kennen. Im Gegenteil: Wir sind seit Jahren Freunde, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Ich rede normalerweise offen mit ihm. Probleme, Sorgen, Schwächen – vielleicht untypische Themen für eine Männerfreundschaft. Trotzdem tut mir der Austausch gut. Und trotzdem muss ich in seinem Kopf immer wieder ein ebenso unglaubliches wie ungewolltes schauspielerisches Talent entfalten.

Wie wir andere Menschen sehen, hängt auch immer davon ab, wie wir uns selbst sehen. Die meisten Menschen wissen nämlich viel besser über sich selbst  bescheid, als sie sich eingestehen möchten.

Besonders zeigt sich das dann, wenn sie mit anderen Menschen zusammentreffen. Schnell wird das Gegenüber dann zu einer ganz eigenen Art von Spiegel, der Änlichkeiten genau so übertreibt wie Unterschiede. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen neigen dazu, die eigenen Schwächen bei ihrem Gegenüber besonders stark wahrzunehmen – genau so wie das, was sie für ihre Stärken halten.

Wer zum Beispiel besonders schüchtern ist, wird Schüchternheit auch bei seinen Mitmenschen suchen. Entweder, um sie zu finden – oder das Gegenteil davon. Wer selbst aufbrausend ist, es aber nicht sein möchte, wird besonders schnell von aufbrausenden Menschen genervt sein – und zugleich weniger aufbrausenden Freunden ein besonders ruhiges Wesen unterstellen.

Ganz ähnlich ist es mit besagtem Freund. Immer wieder unterstellt er mir Stärken, die er sich selber wünscht, Schwächen, die er von sich selbst kennt – und die jeweiligen Gegenteile davon. Meist stört mich das nicht, weil es eher nebenbei zur Sprache kommt und unsere Gespräche oft nur am Rande tangiert. Trotzdem irritiert es mich manchmal. Vor allem dann, wenn ich feststelle, dass sein Bild von mir sich in seinem Kopf verselbständigt.

Das Problem dabei: Ich bin mir durchaus bewusst, dass auch ich ihn durch die Spiegelbrille sehe. Zumindest muss ich davon ausgehen, wenn meine Theorie stimmt. Und dann müsste ich ja eigentlich davon ausgehen, dass auch das Bild von mir, das ich mir in sein Bild von ihm denke, reichlich spiegelbrillenverzerrt ist.

In diesem Sinne, Gruß an Kant!

Doppelter Mittwoch

Mein Kopf kennt keine Dienstage mehr. Zumindest weigert er sich, diese zu akzeptieren. Seit Wochen schon redet er mir immer dienstags ein, dass es schon Mittwoch ist – und jedes Mal bin ich aufs Neue überrascht, wenn auf den ersten Mittwoch ein weiterer folgt.

Keine Ahnung, warum das so ist. Aber mit dem Kopf und mit dem Denken ist es ja ohnehin so eine Sache: Jeder tut es, nur kann man es leider nicht immer sehen. Dabei ließen sich viele Missverständnisse vermeiden, wenn unsere Köpfe ein wenig gläserner wäre. Wir würden viel seltener an einander vorbeidenken.

Eine Ex-Freundin von mir hat irgendwann den Begriff “Kopfkino” geprägt: ein Gedankenkonstrukt, bei dem man Annahme auf Annahme stapelt, bis am Ende außer heißer Luft gar nichts mehr übrig ist. Während das Gegenüber etwas nur so daher gesagt oder getan hat, wird das im eigenen Kopf zum gewaltigen Politikum. Dabei war der säuerliche Blick in Wirklichkeit oft weder so gemeint noch beabsichtigt, das “mir egal” weder böse gedacht noch mit einem Hintergedanken versehen.

Ich weiß das, trotzdem falle ich immer wieder auf mein eigenes Kopfkino rein. Aber ich gelobe Besserung. Spätestens Dienstag! Oder Mittwoch!

In diesem Sinne, dieses Mal kein Abspann!

Einmal “Leben”

“Einmal Leben”, sage ich. Hier war die Schlange am kürzesten. Wenn ich den Prospekt etwas eingehender studiert hätte, hätte ich gewusst warum.

Unter all den Auswahlmöglichkeiten des himmlischen Vergnügungsparks war “Leben” mit Abstand die unbeliebteste. Selten standen die Leute länger an als bis zu dem Schild “Wartezeit ab hier: 15 Minuten”. Kein Wunder: Ein Zuckerschlecken ist das Leben als Erdenmensch nicht gerade.

Als kleines Kind war ich überzeugt, dass nach dem Leben entweder Himmel oder Hölle auf die Menschen warten. Aber wer sagt eigentlich, dass wir nicht längst in dem einen oder dem anderen sind? Oder dass das Leben wirklich nichts weiter ist als ein Karussell in einem himmlischen (oder teuflischen) Vergnügungspark? Irgendwo zwischen Superachterbahn und Geisterschloss.

Kein System kann sich selbst vollständig analysieren – genau so wenig wie man sich selbst an den Ohren aus dem Moor ziehen kann. Immer wenn wir versuchen die Grenzen unseres Denkens zu erschließen, scheitern wir an denselben. Hin und wieder sollten wir beim Denken daran denken.

In diesem Sinne, noch mal Leben, bitte!

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