Tag Archive for 'Gedankenwelten'

Einmal “Leben”

“Einmal Leben”, sage ich. Hier war die Schlange am kürzesten. Wenn ich den Prospekt etwas eingehender studiert hätte, hätte ich gewusst warum.

Unter all den Auswahlmöglichkeiten des himmlischen Vergnügungsparks war “Leben” mit Abstand die unbeliebteste. Selten standen die Leute länger an als bis zu dem Schild “Wartezeit ab hier: 15 Minuten”. Kein Wunder: Ein Zuckerschlecken ist das Leben als Erdenmensch nicht gerade.

Als kleines Kind war ich überzeugt, dass nach dem Leben entweder Himmel oder Hölle auf die Menschen warten. Aber wer sagt eigentlich, dass wir nicht längst in dem einen oder dem anderen sind? Oder dass das Leben wirklich nichts weiter ist als ein Karussell in einem himmlischen (oder teuflischen) Vergnügungspark? Irgendwo zwischen Superachterbahn und Geisterschloss.

Kein System kann sich selbst vollständig analysieren – genau so wenig wie man sich selbst an den Ohren aus dem Moor ziehen kann. Immer wenn wir versuchen die Grenzen unseres Denkens zu erschließen, scheitern wir an denselben. Hin und wieder sollten wir beim Denken daran denken.

In diesem Sinne, noch mal Leben, bitte!

Schrank im Kopf

Moreinput / pixelio.de

Mein Kopf muss von innen ziemlich komisch aussehen. Zumindest in meiner Vorstellung tut er das. Nicht nur, dass hier alles mögliche rumliegt, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, wie es eigentlich hier hinein gekommen ist. Irgendwo in einer dunklen Ecke in der Nähe des rechten Ohrs steht zudem ein großer, verstaubter und spinnwebenverhangener Schrank. Ich benutze diesen Schrank eher selten, was vor allem daran liegt, dass ich gar nicht genau weiß, wie er funktioniert.

Der Schrank hat ziemlich viele Fächer. Die meisten davon sind ziemlich schwergängig. Manchmal springen sie aber  ganz von alleine auf und heraus krabbelt ein Mensch, der irgendwann in meinem Leben eine Rolle gespielt hat, dann aber wieder aus demselben verschwunden ist: Das hübsche Mädchen, neben der ich im dritten Semester mal im Hörsaal gesessen hab. Eine Urlaubsbekanntschaft von einem längst vergessenen Kurzurlaub. Eine Kneipenbekanntschaft aus einer Stadt, in der ich vor einer gefühlten Ewigkeit mal gewohnt habe.

Manchmal ist ein Geruch, ein Geräusch oder einfach nur ein Gedanke, der ein Fach plötzlich aufspringen lässt. Hin und wieder öffnen auch die Menschen, die aus dem Fach gekrochen sind, selbstständig weitere Fächer. Manchmal finden so kleine bis mittelgroße Partys in meinem Kopf statt, bevor die Menschen wieder einer nach dem anderen in ihren Fächern verschwinden.

Ich bin ziemlich sicher, dass nicht nur ich so einen alten, verstaubten Schrank im Kopf herumstehen habe. Ich habe sogar den Verdacht, dass auch ich in dem einen oder anderen Schrank im Kopf von Menschen sitze, die ich längst vergessen und/oder in meinem Schrank verstaut habe. Ein seltsamer Gedanke, finde ich. Aber kein schlechter.

In diesem Sinne, mein Fach bitte regelmäßig lüften!

Rucksack in Flammen

Ich mag die Geschichte mit dem brennenden Rucksack. George Clooney erzählt sie. Allerdings heißt er dabei nicht George Clooney, sondern Ryan Bingham. Ryan Bingham ist die Hauptfigur in dem Film “Up in the Air”. Sein Job ist es, die Leute zu feuern, deren Chef nicht selbst den Mumm dazu hat. Über 300 Tage im Jahr ist er dafür unterwegs, quer durch die USA.

Nebenbei hält Bingham Vorträge – übers Rucksäcke-Verbrennen. Je mehr man in seinen persönlichen Rucksack packt, desto schwerer wird er, so seine Argumentation. Besitz, Menschen, Erinnerungen – all das macht einen schwerfällig und unbeweglich. Deshalb sollten wir den Rucksack anzünden und uns endlich all des unnötigen Ballastes entledigen.

Bingham hat in gewisser Weise Recht: Die meisten Menschen sind Hobby-Messies. Sie füllen ihren Rucksack völlig wahllos, weil sie Angst haben etwas nicht dabei zu haben, was sie irgendwann mal brauchen könnten. Darum werden sie schwerfällig und unbeweglich: Besitz, Menschen und Erinnerungen im Rucksack drücken sie runter.

Das gilt im symbolischen und im tatsächlich-praktischem Sinne: Symbolisch wenn man sich einmal vor Augen hält, wie viele Menschen sich in einem gewöhnlichen Handy-Adressbuch tummeln und mit wie vielen Leuten man aus Pflichtgefühl Kontakt hält, bloß weil man nicht den Mut und die Konsequent findet, sie ad acta zu legen. Praktisch wenn man sich an einem beliebigen Bahnhof oder Flughafen die riesigen Rollkoffer beobachtet, die hinter den Reisenden über den Bahnsteig und durch die Abfertigungshallen geschleift werden, während der- oder diejenige ein Handy-Telefonat nach dem anderen führt.

Wie viel einfacher reist es sich da leicht. Man braucht so wenig – und was fehlt, lässt sich fast immer improvisieren. Ich würde nicht so weit gehen, dass man den Rucksack direkt in Flammen setzen muss. Aber darüber nachdenken sollte man schon dann und wann.

Meine Weltreise vor bald sechs Jahren habe ich nur mit einem Rucksack gemacht. Ich habe das Gefühl geliebt, alles, was ich brauche, einfach auf den Rücken schnallen zu können. Ich habe viele Menschen kennengelernt. Mit einigen habe ich noch Kontakt, viele habe ich vergessen. Man muss den Rucksack nicht anzünden. Es reicht, wenn man nur so viel hinein packt, wie auch reinpasst und man ihn trotzdem noch tragen kann.

Oder, um es in der Sprache der Fluggesellschaften zu sagen: Jeder Passagier muss in der Lage sein, sein Handgepäck selbständig in das Fach über dem Sitz zu heben. Keine schlechte Regel eigentlich. Im symbolischen und im tatsächlich-praktischen Sinne …

In diesem – gute Reise!

Große Schatten

Große Ereignisse werfen große Schatten voraus, glaubt der Volksmund zu wissen. Der Volksmund irrt. Große Ereignisse kommen meist gegen die Sonne – Schatten werfen sie höchstens nach hinten.

Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen. Zwar hat er im selben Gebäude, aber in in einer anderen Redaktion gearbeitet. Von seiner abendlichen Mountainbike-Tour habe ich daher erst sehr spät erfahren. Er war die Strecke durch den Wald wohl schon etliche Male gefahren. Niemand hätte damit gerechnet, dass sie dieses Mal sein Leben verändern würde – am wenigsten wohl er selbst.

Der Sturz kam aus heiterem Himmel, trotzdem endete er mit einer bösen Rückenverletzung, in deren Folge er nun – vorerst? für immer? – vom Brustwirbel abwärts gelähmt ist.

Vielleicht liegt es in der menschlichen Natur, dass wir meinen, bedeutende Veränderungen bedürften einer entsprechend großen Vorankündigung. Dabei passieren die meisten wirklich einschneidenden Dinge fast immer dann, wenn wir gar nicht damit rechnen.

Nicht beim Extremsport brechen wir uns die Beine, sondern wenn wir mal eben zu Hause ein Bild aufhängen oder zum Briefkasten gehen. Nicht bei der Recruiting-Messe finden wir den Traumjob, sondern im Fahrstuhl auf dem Weg zur Toilette. Und die Mutter unserer Kinder läuft uns nicht bei der wochenlang geplanten Party über den Weg, sondern wenn wir morgens völlig verkatert die Bahn ins Büro verpasst haben und totmüde auf den nächsten Zug warten.

Es liegt in der menschlichen Natur, vermeintliche Vorzeichen zu suchen. Wir glauben, unser Leben würde einer gewissen Systematik folgen. Indem wir logische Kausalketten konstruieren, reduzieren wir die Komplexität der Welt auf ein erträgliches Maß. Tief in uns drinnen wissen wir aber, dass das Augenwischerei ist. Die wirklich wichtigen Dinge – ob gut, ob schlecht – die passieren meistens dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten.

In diesem Sinne, mal sehen, wo dieser Abend endet!

Festnetz

Ich habe sie lange ignoriert. Ich brauchte sie nicht. Trotzdem war sie fast immer da. Sie ist Standard in den meisten Wohnungen: die Telefondose.

Es dauert lange, in Deutschland einen Telefonanschluss zu bekommen. Vier Wochen, acht Wochen, manchmal länger. Und noch schwieriger ist es, ihn wieder los zu werden. Wer beweglich bleiben möchte, sollte sich vor Telefonanschlüssen hüten!

Dass ich vor eineinhalb Wochen trotzdem einen Festnetzanschluss beantragt habe, richtig mit Festnetzflat, DSL und allem drum und dran, hat mich daher selbst etwas überrascht. Bisher haben Handy und Prepaid-UMTS eigentlich gereicht. Wollte mir mein Verstand vielleicht etwas sagen, als er sich relativ spontan zum Vertragsabschluss entschieden hat?

Ich habe mich nie wirklich sesshaft gefühlt. Nicht in Wuppertal, in Köln, in Ravensburg, in Radolfzell, in Donaueschingen, in Konstanz, usw.

Nicht mal in Berlin, denn auch wenn ich mich dort sehr wohl gefühlt habe, die Stadt ist einfach selbst viel zu sehr auf dem Sprung (vielleicht mochte ich sie deshalb). Ich liebe das Gefühl, jederzeit aufbrechen zu können. Vielleicht erklärt das, warum ich normalerweise ausgerechnet in Hotelzimmern so gut schlafe.

Irgendetwas hat sich verändert. Vielleicht ist es, weil ich im Oktober 31 Jahre alt werde. Vielleicht sind es die vielen Hochzeiten, zu denen ich in den vergangenen Monaten gegangen sind. Vielleicht fängt auch einfach der Bausparvertrag an zu wirken, den ich vor eineinhalb Jahren abgeschlossen habe. Ich weiß es nicht. Was meint Ihr?

In diesem Sinne, wünscht mir Glück beim Festnetz-Telefonnummer-Auswendiglernen!

Lebenslang

Manchmal bin ich acht Jahre alt. Ich bin größer, wohl auch ein bisschen schwerer und irgendwie auch erwachsen geworden. Trotzdem bin ich immer noch ich – vor über 22 Jahren.

Wenn man Kind ist, hat das Wort “erwachsen” einen ganz besonderen Klang. Erwachsene dürften selbst entscheiden, wann sie abends ins Bett gehen. Ihnen schreibt auch niemand vor, was sie vorher im Fernsehen gucken dürfen und was nicht. Dass auch Erwachsene mal Kinder waren ist schwer vorstellbar.

Andererseits scheint auch das eigene Erwachsen-Sein seltsam surreal. Dass man sich irgendwann mit Dingen wie Wohnungssuche, Steuererklärung und Arbeitsplatz rumschlagen wird, weiß man vielleicht auch schon mit acht. Dass man dann immer noch derselbe Mensch ist, wollte zumindest mir damals nicht so recht in den Kopf.

Wenn man erwachsen ist, dann hat man doch keine Angst mehr. Man zweifelt auch nicht oder weiß etwas nicht. Erwachsen zu sein, dass ist etwas ganz anderes als Kind sein – von jetzt auf gleich.

Es dauert eine Weile – und ehrlich gesagt bin ich immer noch manchmal überrascht – bis man feststellt: Erwachsen wird man sein Leben lang. Vielleicht hat man irgendwann keine Angst mehr vor den Monstern, die nachts im Schrank oder unter dem Bett lauern. Dafür können einem andere Sorgen den Schlaf rauben. Möglicherweise kostet es keine Überwindung mehr, alleine zum Einkaufen in den Supermarkt geschickt zu werden. Dafür graut es einem vor einem Behördengang, den man lieber nicht machen würde.

Kurz gesagt: Erwachsen zu werden ist immer relativ. Vielleicht ändern sich die Themen, die Denkmuster bleiben aber gleich. Ebenso ist es mit den Gefühlen, auch wenn vielleicht die Anlässe nun andere sind. Erwachsen? Klar! Aber eben kein neuer Mensch.

In diesem Sinne, Gruß an früher!

Leergeschrieben

Eigentlich sollte es in diesem Eintrag um Zufälle gehen – und zwar vor allem um solche, die nicht passieren.

Wie oft etwa gehen wir eine Minute zu früh oder spät aus dem Haus und begegnen deshalb nicht einer bestimmten Person? Wie oft entgehen wir schlimmen Unfällen, weil unser Schnürsenkel offen – oder eben nicht offen war?

Eben solchen Fragen wollte ich nachgehen – bis mir einfiel, dass solch ein Eintrag längst existiert: “Gewürfelte Welt“, geschrieben im September vor zwei Jahren.

Das passiert mir in letzter Zeit immer öfter. Ich habe einen Gedanken, notiere ihn in meinem Notizbuch, und wenn ich mich dann ans Aufschreiben machen möchte, stelle ich fest, dass ich das längst getan habe – meist schon vor Monaten oder gar Jahren.

Felix’ Welt umfasst mittlerweile mehr als 400 Einträge, kopiert in ein Text-Dokument sind es mehrere hundert Seiten und alle paar Tage kommen neue dazu. Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich nicht irgendwann leer geschrieben bin – und vor allem: was ich dann tun werde.

In diesem Sinne, irgendwelche Vorschläge?

Letztens früher

Vielleicht gibt es ihn auch gar nicht. Andererseits scheint mein Kopf  ihn aber zu kennen. Er verrät ihn mir nur nicht. Dabei stelle ich immer wieder fest, wie scheinbar plötzlich aus einem “letztens” ein “früher” geworden ist. Nur den Punkt, an dem das passiert, versteckt sich hartnäckig vor meinem Bewusstsein.

Ich finde das immer wieder faszinierend. Denke ich nämlich an einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit, scheint der noch gar nicht so lange her zu sein. Letztens halt. Rufe ich mir allerdings ins Gedächtnis, was seitdem alles passiert ist, scheint dieselbe Erinnerung mindestens eine halbe Ewigkeit weit weg zu sein. Warum das so ist, verstehe ich wohl. Ich begreife es aber nicht.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Erinnern!

Seiltänzer

Sonntagmorgen, noch relativ früh. Der Nieselregen schlägt sich als feiner feuchter Film auf den Fenstern der Straßenbahn nieder. Das Draußen wirkt seltsam verzerrt. Fast hätte ich ihn darum auch gar nicht gesehen.

Er hatte schneeweiße Haare und trug ein Hemd, dessen ebenfalls weißer Kragen oben aus dem dunklen Mantel heraus schaute. Seine Hose war passend zum Mantel gewählt, seine Schuhe glänzten trotz des Regens wie frisch geputzt. Er muss so um die 70 Jahre alt gewesen sein, vielleicht auch älter. Gewirkt hat er allerdings deutlich jünger.

Ich hatte nicht lange Zeit, ihn lange zu beobachten, doch es reichte, um beeindruckt zu sein. Die Bahn hatte an der Haltestelle “Kongresszentrum” gehalten und dann schnell wieder Fahrt aufgenommen, vorbei am Novotel und an den in Stein gefassten, langgezogenen Blumenbeeten, die hier den Bürgersteig begrenzen.

Auf einer dieser Steineinfassungen balancierte der Mann. Wie ein Kind setzte er auf die schmale Steinkante einen Fuß vor den anderen. Dabei wirkte er unendlich konzentriert und leichtfüßig zugleich – und auf eine ganz eigene Art fröhlich.

Der Regen schien ihm genau so egal wie die Blicke der Leute aus der Straßenbahn. Er hatte keine Angst zu fallen, das konnte man sehen. Er wirkte wie ein Kind, das noch nie gefallen ist – oder wie ein alter, schlauer Mann, der begriffen hat, dass Fallen gar nicht so schlimm ist.

In diesem Sinne, Gruß an den unbekannten Mann!

Mitgedacht

Ich denke viel. Ich denke auch gern. Ich denke allerdings am liebsten für mich. Darum finde ich es auch extrem anstrengend, wenn ich gezwungen bin, andauernd noch für jemand anderen mitzudenken. Vor allem möchte ich nicht mehr andauernd für Anne mitdenken.

Anne heißt natürlich nicht wirklich Anne. Ihr wirklicher Name tut aber nichts zur Sache. Allerdings würde Anne sich vermutlich nicht mal beschweren, wenn ich sie hier namentlich nennen würde. Sie beschwert sich überhaupt sehr selten. Das finde ich so anstrengend an ihr.

Weil Anne so gut wie nie sagt, ob ihr etwas gefällt oder nicht, muss ich das tun. Wenn ich mit Anne zusammen bin, muss ich also permanent für zwei denken: für mich – und für sie.

Das fängt schon an, wenn wir ins Kino gehen. Weil Anne selten eine Präferenz äußert (haben tut sie die sehr wohl!), ist es an mir, ihren und meinen Geschmack gegeneinander aufzuwiegen. Weil Anne auf “wollen wir noch bleiben oder willst Du gehen?” meist mit “ist mir egal” antwortet, überlege ich nicht nur, ob ich müde bin und ins Bett möchte. Gleichzeitig versuche ich auch immer abzuschätzen, wie wach Anne wohl noch ist.

Klar, ich könnte einfach nur nach meinem Kopf leben. Allerdings ist das sogar noch anstrengender, als für zwei zu denken. Denn auch wenn Anne sich so gut wie nie beschwert, sie ist einfach unglaublich gut darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich mal nur an mich gedacht habe. Vielleicht ist Anne nicht gut für mich. Dumm nur, dass sie das anders sieht. Zumindest in meinem Kopf.

In diesem Sinne, was denkt Ihr?