Tag Archive for 'Gedankenwelten'

Der Glückliche

Ich kann nichts dafür, ich heiße nun mal so: Felix, “Der Glückliche”. Bisher hat das auch immer ganz gut funktioniert. Zumindest wenn man mal davon absieht, dass ich damals im Latein-Unterricht immer alle Passagen übersetzen musste, in denen das Wort “glücklich” vorkam. Die Frage ist allerdings: Darf man sich auf so etwas flüchtiges wie Glück eigentlich dauerhaft verlassen?

In diesem Sinne: Antworten bitte hier posten!

Fremde Betten

Am besten geht es mir, wenn ich morgens noch nicht weiß, wo ich abends ankomme. Am besten schlafe ich in Hotelzimmern und in Hostel-Hochbetten. Das Leben ist leichter, wenn man unterwegs ist. Vielleicht bin ich nicht normal. Andererseits war schon Hesse sicher: “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” – und Hotelzimmer sind ein großartiger Ort für neue Anfänge.

Das Schöne an Anfängen ist, dass der Rückweg kurz ist. Man hat noch nicht all viel zu verlieren, weil man noch nicht viel investiert hat. Um ein Hotelzimmer zu räumen braucht man keinen Möbelwagen, nur einen Rucksack – und den hat man in der Regel dabei und ohnehin noch nicht ganz ausgepackt.

Hotelzimmer sind wie eine leere Leinwand: Man beginnt mit ein paar Pinselstrichen, und wenn die nicht sitzen, ist es ein Leichtes, die alte Schmiererei gegen ein neues Zimmer in einer neuen Stadt einzutauschen.

Am besten geht es mir, wenn ich morgens noch nicht weiß, wo ich abends ankomme. Das klingt gut, ist aber irgendwie auch feige. Wer nie ankommt, läuft auch immer weg. Andererseits ist es vielleicht aber auch gar nicht schlecht, in Bewegung zu bleiben. Wer nicht rastet, rostet schließlich auch nicht. Außerdem ist nicht jedes Gehen auch ein Weglaufen. Und Ankommen wird ohnehin überbewertet.

In diesem Sinne, gute Reise!

Gans trifft Sauerbraten

Weihnachten ist ein Familienfest – aber bei welcher Familie feiert man es? Früher war diese Frage einfacher zu beantworten – so einfach, dass zumindest ich sie normalerweise gar nicht gestellt habe. Dieses Jahr dagegen habe das fast automatisch getan.

Es muss am Alter liegen. Und an der Hochzeitsmanie, die dieses Jahr beherrscht hat (und auch für das kommende habe ich schon zwei Einladungen). Weihnachten ist ein Familienfest, viele meiner Freunde haben allerdings mittlerweile eigene Familien gegründet oder stehen zumindest kurz davor. Die Feiertage werden da schnell zur logistischen Herausforderung.

Wohin an Heilig Abend? Und bei wem wird dann am 1. Weihnachtsfeiertag gegessen? Sind vielleicht sogar zwei Weihnachtsessen an einem Tag möglich? Vertrage sich Gans und Sauerbraten, wenn sie am frühen nachmittag im Magen aufeinandertreffen? Fragen über Fragen …

In diesem Sinne, allen Felix’ Welt Lesern frohe Weihnachten!

Grenzsteher

2009-11-09 GrenzsteherAm schönsten ist Regen, wenn man im Zelt liegt. Wenn nur eine dünne Haut aus Gummi oder Nylon vor der Nässe von oben schützt – und die Gefahr, nass zu werden, zwar unmittelbar, aber eben doch gebannt ist. So gesehen hat Regen eine ganze Menge mit Fallschirmspringen zu tun.

Das Beste am Fallschirmsprung ist nicht der freie Fall, sondern der Moment, in dem man das Flugzeug verlässt. Es ist schon völlig surreal, auf über 10.000 Fuß eine Flugzeugtür zu öffnen und sich entgegen aller Instinkte mit Schwung mitten ins Nichts zu werfen. Wie beim Zelt im Regen kommt es dann auf nicht viel mehr als auf eine ziemlich dünne Stoffhaut an – auch wenn es beim Fallschirmspringen natürlich deutlich ärgerlicher ist, wenn die reißt.

Egal ob Fallschirm oder Regen: Wir Menschen sind Grenzsteher. Wir mögen die Gefahr, so lange wir sie gut sehen können, ohne ihr wirklich begegnen zu müssen. Kein Wunder, dass Achterbahnen so beliebt sind. Oder Freefall-Türme. Horrorfilme. Alles Möglichkeiten, der vermeintlichen Gefahr aus einer sicheren Warte heraus nahe zu sein. Ich frage mich, warum das so ist.

In diesem Sinne, guten Flug!

Gedankenspiele

2009-10-15 hirnDas Gehirn kann nicht nichts tun, habe ich jedenfalls mal irgendwo gelesen. Verweigert man ihm eine konkrete Aufgabe, fängt es irgendwann an, sinnlos vor sich hin zu denken. Möchtegern-wissenschaftlich formuliert könnte man sagen: Es probiert wahllos neuronale Verknüpfungen aus.

Zugegeben, ich bin kein Hirnforscher und war auch nie einer. Praktisch stelle ich mir das menschliche Denken aber wie ein riesengroßes, kompliziertes Spinnennetz vor. Jeder Knotenpunkt steht für einen Gedanken oder eine Erinnerung.

Anders als bei einem Spinnennetz sind die Verbindungen zwischen den Knotenpunkten aber von sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt breite, staufreie Autobahnen und schmale Feldwege, gut erschlossene Strecken und eher selten befahrene Schleichwege. Außerdem ist das Streckennetz ständig in Bewegung. Wird eine bisher kaum genutzte Strecke plötzlich andauernd befahren, beginnt sie zu wachsen und wird irgendwann zum Expressway. Ungenutzte Strecken veröden dagegen.

Spannend wird es, wenn man keine Richtung vorgibt. Plötzlich entstehen Wege, die vorher nicht da waren. Das Gehirn beginnt einfach, auf gut Glück Verbindungen zu erschließen. Zugleich laufen die Gedanken quasi wahllos von Knotenpunkt zu Knotenpunkt.

Wie von Zauberhand kommt der nicht-denkende Denker von einem Gedanken zum nächsten: Vom Sonnenuntergang im letzten Urlaub über die roten Untertassen von Tante Annis Teeservice hin zum Glücksrad, das in der Wohnung des besten Freundes in der 6. Klasse immer im Fernsehen lief. Je länger man diese Gedankensprünge verfolgt, desto spannender wird es.

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen sich für Sternenhimmel, Sonnenuntergänge und sinnloses aus-dem-Zugfenster-Starren begeistern können? Alles großartige Möglichkeiten, die Gedanken einfach mal frei fließen zu lassen – und nebenbei das ureigene Spinnennetz im Kopf besser zu erschließen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Nicht-Denken!

Zu viele Fronten?

Andy dachte nach. “Mit der Liebe ist es nach meiner Erfahrung so”, sagte er dann, “daß sie einen zu Anfang heftig und häufig heimsucht. Jedes mal glaubt man, es sei endgültig und für immer, und jedesmal endet es mit dem dramatischen Entschluß, dieser schmerzvollen Erfahrung künftig ganz zu entsagen.”

“Das kenne ich”, sagte Veronika. “Und wie geht es weiter?”

“Beim soundsovieltenmal bleibst du hängen. Endlich, denkst du. Endlich hast du deine Ruhe. Du mußt dich ja auch mal um was anderes kümmern, um deinen Beruf zum Beispiel. Du kannst nicht zeitlebens dein Gemüt von wechselnden Damen zerwühlen lassen. Du brauchst an dieser Front Frieden, um an anderen Fronten antreten zu können.”

[aus: Dieter Zimmer, Wunder dauern etwas länger, Scherz, 1984]

Nächste Woche werde ich 30. Bisher bin ich noch nicht hängen geblieben – mit der Konsequenz, dass ich gleich mehrere Fronten habe, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Allerdings bin ich nicht allein. Vor ein oder zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, ich glaube, es was war in “Die Zeit”. Von den heute 20 bis 30-Jährigen werde viel erwartet, hieß es dort verständnisvoll. In nur zehn Jahren sollten sie mehr oder weniger sämtliche wichtige Weichen ihres Lebens stellen. Liebe, Beruf und der ganze Rest – im Grunde genommen konzentriere sich fast alles auf diese paar Lebensjahre.

Ich wage nicht zu beurteilen, ob das nicht vielleicht schon immer so und möglicherweise früher sogar noch viel schlimmer war.

Zimmer kommt in seinem Roman an derselben Stelle allerdings auf die Verfilmung von Nikos Kazantzakis Roman “Alexis Sorbas” zu sprechen. Dessen Kernaussage ist vor allem die: Leben heißt, auch dann das beste aus einer Situation zu machen, wenn die Situation eigentlich nicht dafür prädestiniert ist.

In diesem Sinne, wie viele Fronten habt Ihr eigentlich?

Nackt bügeln

2009-09-20-bügeln“Ich bügel normalerweise nackt”

Wir kannten uns zehn Minuten, als sie mir diese Eröffnung machte. Außerdem hatte sie eine Schere in der Hand. Die Schere machte mir allerdings weniger Sorgen, schließlich war sie Friseurin und gerade dabei, mir die Haare zu schneiden. Der Satz mit dem Bügeln dagegen verwirrte mich.

Wie kam es, dass mir diese zwar sympathische, aber irgendwie ja doch fremde junge Frau mir nach nur ein paar Minuten so etwas erzählte? Zwar war die Aussage lange nicht so sexuell anzüglich gemeint, wie sie hier aufgeschrieben vielleicht wirkt. Trotzdem habe ich in den 35 Minuten, die ich gestern beim Friseur verbracht habe, mehr über die 22-Jährige Scherenkünstlerin erfahren als ich über manchen jahrelangen Bekannten weiß. (Ich hatte übrigens das Gefühl, der Chefin der jungen Friseurin ging es nicht anders).

Ich weiß zum Beispiel, dass sie einen Bruder hat, der als Kind fast von einem Schrank erschlagen wurde. Ich habe die Brandwunde am Bauch gesehen, die sie sich beim Nackt-Bügeln zugezogen hat, und ich weiß von ihrem abgebrochenem Fach-Abi, und welche Sorgen ihre Mutter sich manchmal wegen ihr macht. Außerdem ist sie der einzige Mensch, den ich kenne, der es geschafft hat, beim Rückwärtsfahren an einer roten Ampel geblitzt zu werden.

Was ich nicht weiß: Warum sie mir all das erzählt hat. Woher kommt es, dass wir bei manchen Menschen das Gefühl haben, ihnen alles mögliche erzählen zu können (und zu wollen), bei anderen hingegen bleiben wir über Jahre an der Oberfläche, ohne es wirklich erklären zu können.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es Männern oft genügt, wenn eine Person zu einer bestimmten Gruppe gehören, um Vertrauen aufzubauen. Im Versuch war das etwa, dass die andere Person dieselbe Universität besucht hatte wie sie selbst. Frauen dagegen benötigen in der Regel einen persönlichen Aspekt, der Vertrauen rechtfertigt.

Was dieser Aspekt in diesem Fall war, weiß ich nicht. Ich habe auch keine Lust, groß darüber nachzudenken. Der Kopf, hat ein kluger Kopf einmal gesagt, ist ohnehin nur dazu da, die Entscheidungen des Bauches zu legitimieren. In so fern interessiert es mich auch nicht wirklich, dass meine Haare nun doch wieder kürzer geworden sind, als mein Kopf es geplant hatte.

In diesem Sinne, Gruß an die liebe Friseurin M.!

Ich, der Spinner

2009-08-11einsteinEigentlich hätte Ironie in seiner Stimme sein müssen. Doch der Verrückte, der heute mit mir im Zug von Villingen nach Konstanz gefahren ist, schien ernst zu meinen, was er sagte. Das Kuriose dabei: Er redete eigentlich die ganze Zeit davon, dass er die Nase voll davon hätte, anderen zuzuhören und wie nervig es sei, dass die Menschen ihm permanent etwas erzählen wollten.

Ich kann das ganz gut verstehen. Ich bin nämlich ganz gut darin, seltsame Menschen anzuziehen. Als hätte ich einen Magnet verschluckt, der nicht auf Metall, sondern auf Spinner jeder Art anziehend wirkt.

Mittlerweile bin ich allerdings außerdem ganz gut darin, solche Annäherungsversuche abzublocken. Oft reicht es ja schon, mit einer gewissen Bestimmtheit laut zu sagen, dass man nun kein Interesse an einem Gespräch hat. Das tun die wenigsten Menschen, darum funktioniert es, und zumindest einige Spinner suchen beleidigt das Weite.

Manchmal habe ich allerdings ein schlechtes Gewissen dabei. Ich frage mich dann, was die vermeintlichen Irren eigentlich groß von mir unterscheidet. Sind sie wirklich so anders als Du und ich? Ich weiß nicht, wo genau die Grenze zwischen normal und verrückt verläuft, aber sie ist mit Sicherheit fließend und vermutlich auch gar nicht so weit weg, wie wir sie gerne hätten.

Frisch Verliebte zum Beispiel sind verrückt. Mal objektiv betrachtet tun sie jede Menge ziemlich dämlicher Dinge. Das selbe gilt für unglücklich Verliebte, auch wenn die ihre Verrücktheiten eher alleine begehen – gezwungenermaßen. Auch wer mal samstags morgens gegen halb fünf mit der Berliner U-Bahn gefahren ist, zweifelt leicht am gesunden Verstand der Menschheit: Vermeintlich normale Menschen zu treffen ist jedenfalls um diese Zeit keine leichte Aufgabe.

Nur: Wann wird normaler, temporärer Irrsinn zur chronischen Verrücktheit? Vielleicht passiert sowas schneller als wir denken? Abgesehen davon: Wurden nicht oft genug schon Menschen erst für verrückt – und später zu Genies erklärt?

Zugegeben, ich glaube nicht, dass meine Zugbekanntschaft in absehbarer Zeit einen Nobelpreis bekommt. Dennoch gibt es Momente, wo ich zumindest das Gefühl habe, dass wir Menschen ziemlich gut darin sind, mit Verrückt-Etiketten um uns zu werfen, ohne groß darüber nachzudenken, wen wir treffen. Verrückt jedenfalls liegt nicht selten näher als wir denken.

Außerdem: Mal ehrlich – Aus dem richtigen (oder eben falschen) Blickwinkel betrachtet bin ich jedenfalls auch alles andere als normal. Aber das nur am Rande …

In diesem Sinne, dummdidumm!

Chinesische Beziehung

Erst dachte ich, Dr. Sommer hätte sie nur erfunden. Mittlerweile weiß ich es besser. Es gibt sie wirklich, nicht nur auf der Aufklärungsseite und im Bravo-Fotoroman: Die erste Beziehung, die auch die letzte ist; Liebe auf den im wahrsten Sinne des Wortes ersten – und letzten Blick.

Zugegeben, ich muss in meinem Bekannten- und Freundeskreis schon ein wenig graben. Es sind nicht viele. Selbst diejenigen, bei denen ich es damals erwartet hätte, haben sich irgendwann getrennt. Einige wenige, nicht mal eine halbe Hand voll, ist aber immer noch zusammen. Irgendwie haben sie es geschafft, ihre Beziehung nicht nur über die Pubertät, sondern auch über alles was danach kam hinweg zu retten.

Ein schöner und gleichsam unheimlicher Gedanke. Diese ewigen Paare haben eine gemeinsame Vergangenheit, die für andere schlicht uneinholbar ist. Allerdings haben sie sich gleichzeitig entschieden (oder es hat sich zumindest so ergeben), auf  5,3 weitere Sexualpartner und die damit verbundenen Erfahrungen zu verzichten.

Im Schnitt, so hat der Kondomhersteller Durex herausgefunden, haben wir Deutschen nämlich in unserem Leben mit 6,3 Menschen Sex. Damit liegen wir deutlich unter dem weltweiten Schnitt von 10,5, aber noch weit über Vietnam, das mit 2,5  das untere Ende der Skala anführt. Weltweiter Spitzenreiter sind dagegen die Chinesen mit 19,3 Sexualpartnern. (Und bitte entschuldigt, dass ich der Einfachheit halber so idealistisch Sexpartner mit Beziehungen gleichsetze).

Wie dem auch sei, ich frage mich manchmal, was erstrebenswerter ist. Die Nähe, die ich unterstelle, wenn ein Paar mit 30 Jahren bereits sein 15-Jähriges feiert, oder die vielen Erfahrungen und die durch stetes Training erlangte Beinahe-Perfektion, wenn man sich beziehungsmäßig auf die Seite der Chinesen schlägt?

In diesem Sinne, Antworten dürft Ihr jetzt!

Vor-Gelesen

Als sie mir gegenüber Platz nahm wusste sie noch nichts von Robert Jordans Tod. Das schloss ich jedenfalls aus dem Lesezeichen, dass etwa in der Mitte von Hemingways “For whom the bell tolls” steckte. Robert Jordan, der Protagonist des Romans, stirbt aber erst am Ende des Buches.

Als der Bus wieder anfuhr, schlug sie das Buch auf und begann zu lesen. Fasziniert beobachtete ich sie dabei. Ich finde es immer seltsam, wenn jemand Fremdes ein Buch liest, dass ich schon gelesen habe. Das war jetzt nicht anders: Obwohl ich meine Sitznachbarin nicht kannte, wusste ich, was sie in den nächsten Lesestunden erleben würde. Komisches Gefühl, wenn man mal so drüber nachdenkt.

In diesem Sinne, Gruß an Pablo und die anderen!