Komische Leute

“Natürlich ist der komisch. Die Welt ist voll von komischen Leuten.”

Ich liebe dieses Zitat von Sven Regeners Romanfigur Frank Lehmann. Weil es fast immer passt. Denn seien wir mal ehrlich: Die Welt IST voll von komischen Leuten! Das fängt doch schon mit uns selbst an.

Irgendwann habe ich geschrieben, dass ich der Horror für jeden Polizeifall wäre. Davon bin ich immer noch überzeugt. Weil ich komisch bin. Das fängt schon damit an, dass ich manchmal völlig grundlos Umwege gehe.

“Felix’ Welt, Sie wollen also völlig grundlos durch die Hans-Meier-Straße nach Hause gelaufen sein, obwohl der Weg über die Peter-Krause-Straße viel kürzer gewesen wäre?” – “Ja, Herr Kommissar, genau das will ich damit sagen – mit dem Mord in der Hans-Meier-Straße habe ich aber bestimmt nichts zu tun! Es tut mir ja selbst Leid, dass ich kein Alibi habe.”

Ich finde es auch ganz furchtbar, wenn mich Verkäufer fragen, ob sie mir helfen können. Ich sage dann schon aus Prinzip “Nein”, selbst wenn ich eigentlich Hilfe gebraucht hätte. Es ist sogar schon vorgekommen, dass ich einen Laden (beinahe) fluchtartig wieder verlassen habe, bloß weil mir ein freundlicher Verkäufer seine Unterstützung angeboten hat.

Das ist vielleicht nicht normal, aber genau das ist das Problem. Andauernd unterstellen wir unseren Mitmenschen völlig unbegründet ein normales Verhalten – und sind dann völlig verwirrt, wenn sie sich eben nicht normal verhalten. Zugleich aber erlauben wir uns selbst, permanent, zwischen den Stühlen zu sitzen.

Es gibt dieses Spiel, bei dem man eine Blume massakriert und dabei abwechselnd “sie liebt mich” und “sie liebt mich nicht” murmelt. Wieso nicht “sie liebt mich vielleicht”? Oder “sie liebt mich hin und wieder”? Meist käme das der Wahrheit wohl näher, trotzdem versuchen wir das Verhalten anderer Menschen immer entweder in der einen oder in der anderen Weise zu interpretieren. Uns selbst dagegen gestehen wir zu, es (noch) nicht genau zu wissen.

Die Welt ist voll von komischen Leuten? Klar ist sie das! Man muss nur genau genug hingucken und das “komisch” als Option berücksichtigen! Bei anderen Menschen – oder im nächsten Spiegel. Normal ist ja irgendwie auch langweilig, oder?

In diesem Sinne, Danke Herr Lehmann!

Rucksack in Flammen

Ich mag die Geschichte mit dem brennenden Rucksack. George Clooney erzählt sie. Allerdings heißt er dabei nicht George Clooney, sondern Ryan Bingham. Ryan Bingham ist die Hauptfigur in dem Film “Up in the Air”. Sein Job ist es, die Leute zu feuern, deren Chef nicht selbst den Mumm dazu hat. Über 300 Tage im Jahr ist er dafür unterwegs, quer durch die USA.

Nebenbei hält Bingham Vorträge – übers Rucksäcke-Verbrennen. Je mehr man in seinen persönlichen Rucksack packt, desto schwerer wird er, so seine Argumentation. Besitz, Menschen, Erinnerungen – all das macht einen schwerfällig und unbeweglich. Deshalb sollten wir den Rucksack anzünden und uns endlich all des unnötigen Ballastes entledigen.

Bingham hat in gewisser Weise Recht: Die meisten Menschen sind Hobby-Messies. Sie füllen ihren Rucksack völlig wahllos, weil sie Angst haben etwas nicht dabei zu haben, was sie irgendwann mal brauchen könnten. Darum werden sie schwerfällig und unbeweglich: Besitz, Menschen und Erinnerungen im Rucksack drücken sie runter.

Das gilt im symbolischen und im tatsächlich-praktischem Sinne: Symbolisch wenn man sich einmal vor Augen hält, wie viele Menschen sich in einem gewöhnlichen Handy-Adressbuch tummeln und mit wie vielen Leuten man aus Pflichtgefühl Kontakt hält, bloß weil man nicht den Mut und die Konsequent findet, sie ad acta zu legen. Praktisch wenn man sich an einem beliebigen Bahnhof oder Flughafen die riesigen Rollkoffer beobachtet, die hinter den Reisenden über den Bahnsteig und durch die Abfertigungshallen geschleift werden, während der- oder diejenige ein Handy-Telefonat nach dem anderen führt.

Wie viel einfacher reist es sich da leicht. Man braucht so wenig – und was fehlt, lässt sich fast immer improvisieren. Ich würde nicht so weit gehen, dass man den Rucksack direkt in Flammen setzen muss. Aber darüber nachdenken sollte man schon dann und wann.

Meine Weltreise vor bald sechs Jahren habe ich nur mit einem Rucksack gemacht. Ich habe das Gefühl geliebt, alles, was ich brauche, einfach auf den Rücken schnallen zu können. Ich habe viele Menschen kennengelernt. Mit einigen habe ich noch Kontakt, viele habe ich vergessen. Man muss den Rucksack nicht anzünden. Es reicht, wenn man nur so viel hinein packt, wie auch reinpasst und man ihn trotzdem noch tragen kann.

Oder, um es in der Sprache der Fluggesellschaften zu sagen: Jeder Passagier muss in der Lage sein, sein Handgepäck selbständig in das Fach über dem Sitz zu heben. Keine schlechte Regel eigentlich. Im symbolischen und im tatsächlich-praktischen Sinne …

In diesem – gute Reise!

Das Handybuch

Der Vergleich ist großartig, weil er so treffend ist. Ich hätte eigentlich selbst darauf kommen können. Der Lonely Planet ist das Handy des Backpackers, schreibt Philipp Mattheis bei jetzt.de, der Jugendseite der Süddeutschen. Recht hat er. Ob beim Warten auf den Bus, im Café oder beim ersten Frühstück im noch fremden Guesthouse oder Hostel – das einst als Reiseführer für den kleinen Geldbeutel konzipierte Buch wird beinahe schon reflexartig aus der Tasche gezogen.

Lonely Planet zu lesen ist eine wunderbare Möglichkeit, nicht dumm in der Gegend herumstarren zu müssen. Lonely Planet ist außerdem cool, zeigt es doch, wie individuell der Leser unterwegs ist.

Essentiell ist dabei allerdings, dass es sich um einen der Shoestring-Bände handelt, die nicht nur einzelne Länder, sondern gleich ganze Regionen oder sogar Kontinente in einem Buch abdecken. Das zeugt von Weltgewandtheit. Nicht umsonst gehören “Wo warst Du schon” und “Wie lange bist Du schon unterwegs” mit zu den klassischsten Backpackerfragen überhaupt.

“Backpacker, die ihren Lonely Planet verlieren, erleiden denselben Panikschub, der Daheimgebliebenen widerfährt, wenn sie gerade feststellen, ihr Handy verloren zu haben”, schreibt Philipp Mattheis. Das kann ich sogar doppelt verstehen. Nach drei Wochen in Südamerika sind mir nicht nur mein Handy, sondern auch mein Lonely Planet gestohlen worden. Das war schon hart. Der Reise hat es rückblickend gesehen aber gut getan. Man könnte auch sagen, an diesem Punkt fing meine Reise an.

In diesem Sinne, Lonely-Planet-Fans -  jetzt bloß nicht Thomas Kohnstamm googeln …

Zu viele Fronten?

Andy dachte nach. “Mit der Liebe ist es nach meiner Erfahrung so”, sagte er dann, “daß sie einen zu Anfang heftig und häufig heimsucht. Jedes mal glaubt man, es sei endgültig und für immer, und jedesmal endet es mit dem dramatischen Entschluß, dieser schmerzvollen Erfahrung künftig ganz zu entsagen.”

“Das kenne ich”, sagte Veronika. “Und wie geht es weiter?”

“Beim soundsovieltenmal bleibst du hängen. Endlich, denkst du. Endlich hast du deine Ruhe. Du mußt dich ja auch mal um was anderes kümmern, um deinen Beruf zum Beispiel. Du kannst nicht zeitlebens dein Gemüt von wechselnden Damen zerwühlen lassen. Du brauchst an dieser Front Frieden, um an anderen Fronten antreten zu können.”

[aus: Dieter Zimmer, Wunder dauern etwas länger, Scherz, 1984]

Nächste Woche werde ich 30. Bisher bin ich noch nicht hängen geblieben – mit der Konsequenz, dass ich gleich mehrere Fronten habe, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Allerdings bin ich nicht allein. Vor ein oder zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, ich glaube, es was war in “Die Zeit”. Von den heute 20 bis 30-Jährigen werde viel erwartet, hieß es dort verständnisvoll. In nur zehn Jahren sollten sie mehr oder weniger sämtliche wichtige Weichen ihres Lebens stellen. Liebe, Beruf und der ganze Rest – im Grunde genommen konzentriere sich fast alles auf diese paar Lebensjahre.

Ich wage nicht zu beurteilen, ob das nicht vielleicht schon immer so und möglicherweise früher sogar noch viel schlimmer war.

Zimmer kommt in seinem Roman an derselben Stelle allerdings auf die Verfilmung von Nikos Kazantzakis Roman “Alexis Sorbas” zu sprechen. Dessen Kernaussage ist vor allem die: Leben heißt, auch dann das beste aus einer Situation zu machen, wenn die Situation eigentlich nicht dafür prädestiniert ist.

In diesem Sinne, wie viele Fronten habt Ihr eigentlich?

Delmenhorst

2009-09-23-delmenhorst

Ich bin schon mal durchgefahren, mit dem Zug. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich hier  sogar ein oder zwei Minuten Aufenthalt. Hätte aber nicht sein müssen. Viel gab es nicht zu sehen.

Bekannt geworden ist der kleine Ort in Niedersachsen durch Sarah Connor, die hier aufgewachsen ist. Ihrer Nase übrigens auch. Und durch Sven Regener, der ein Lied über “Delmenhorst” geschrieben hat. ”Ich bin jetzt immer da, wo Du nicht bist”, singt Regener, “und das ist immer – Delmenhorst”.

Wenn eine Beziehung endet, ist es mit der Freiheit danach so eine Sache. Frauen haben sie das komische Bedürfnis, ihre Freunde erziehen zu wollen. Liebenswürdig und dogmatisch zugleich haben sie es sich dem Ziel verschrieben, aus vermeintlich ungehobelten Mannsbildern wahre Kavaliere oder wenigstens bessere Menschen zu machen. Um so dramatischer, wenn die Beziehung zu Ende geht, bevor sie dieses Ziel verwirklichen konnten. Ihre Bemühungen leben nämlich fort, so oder eben so.

“Es ist schön, wenns nicht mehr weh tut”, singt Regener und dass sein lyrisches Ich die Klamottenfarbe nun selbst bestimmt. Ich muss bei dabei immer an eine Kette denken, die mir eine Freundin mal geschenkt hat. Bis dato war ich nicht der Mensch gewesen, der Schmuck getragen hat. Die Kette gefiel mir aber. Daran änderte auch nichts, dass besagte Freundin und ich uns wenige Wochen später getrennt haben. Die Trennung war von mir ausgegangen, trotzdem habe ich die Kette noch gut ein halbes Jahr lang getragen. So lange, bis sie irgendwann den selben Weg gegangen ist, wie die Beziehung (sie ist kaputt gegangen).

Heute frage ich mich, was ich mir dabei gedacht habe. Gefiel mir die Kette so gut, dass ich sie weiter als eine Art modisches Ascessoir  mit mir rumtragen wollte? (Das wäre unheimlich. Sollte ihre Erziehung wirklich derart tiefenwirksam gewesen sein?) Vielleicht habe ich mir auch gar nichts dabei gedacht und die Kette einfach aus Gewohnheit weiter getragen? (Auch keine besonders realitätsnahe Vorstellung, dafür denke ich zu viel.)

Jede Beziehung hinterlässt ihre Spuren, selbst dann, wenn man sich diese nicht um den Hals hängen kann. Manche dieser Spuren verlieren sich irgendwann, andere hinterlassen Narben oder sogar tiefe Krater. Alles andere wäre wohl komisch. Trotzdem habe ich keine Ahnung, wie Regener ausgerechnet auf Delmenhorst gekommen ist. Zumal es sich bei dem im Song immer wieder besungenen Geschäft, “Getränke Hoffmann”, um eine originär Berliner Getränkehaus-Kette handelt. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls schön, wie der Element of Crime-Sänger das Ende einer Beziehung umschreibt, die zumindest im Kopf noch nicht wirklich zu Ende ist.

In diesem Sinne, hinter Hurting ist ein Graben …

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