Bestimmt Bestimmung

In der vierten Klasse war ich sicher, dass wir heiraten würden. Natürlich nicht gleich, aber später irgendwann bestimmt. Ich erinnere mich gut an diesen Gedanken, auch wenn mir bis heute nicht klar ist, woher ich ihn eigentlich hatte. WIr hatten nie darüber gesprochen – und anders als ich hatte sie sich wohl auch nie gefragt, ob ihr Vorname eigentlich zu meinem Nachnamen passt.

Man sollte meinen, dass ich seit der vierten Klasse nicht nur älter und größer, sondern auch schlauer geworden bin. Leider muss ich hier vehement widersprechen. Erst vor kurzem habe ich mich bei einem Gedanken erwischt, den auch schon mein zehnjähriges Ich in der vierten Klasse gehabt hat. “Das wird was mit uns – vielleicht nicht sofort, aber irgendwann”.

Wird es nicht – würde ich jetzt gerne schreiben. Aber das wäre zu einfach. Denn tatsächlich gibt es immer wieder diese Situationen, in denen ein leichtes Kribbeln zwar monatelang in der Luft liegt, letztlich aber doch erst eine entsprechende Situation den Ausschlag geben muss. Und plötzlich landet man doch genau da, wo man sich monatelang hin gehofft hat.

Allerdings muss man an dieser Stelle wohl auch schreiben, dass solche Situationen zwar durchaus vorkommen, unterm Strich aber eher die Ausnahme sind. Deutlich öfter läuft es leider ab, wie in der vierten Klasse. Vor- und Nachname passen zwar perfekt zusammen, dabei bleibt es dann aber auch. Schade eigentlich. Zumindest manchmal. Bestimmung? Bestimmt!

In diesem Sinne, Grüße an … naja, vielleicht weißt Du schon.

Jung, ledig, gekauft

Sie war jung, sie war schön, und ich hatte sie im Internet bestellt. Wobei “bestellt” vielleicht das falsche Wort ist. Trotzdem drängt sich einem schon eben dieses Wort auf, wenn man sich einmal etwas ausgiebiger durch die Profile auf einer Online-Partnerbörse geklickt hat. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Wir leben im Internet-Zeitalter. Was der Mensch braucht, findet er im  Netz. Dabei ist es egal, ob man ein Buch kaufen, eine Reise buchen oder eben – wie ich vor einiger Zeit – die Frau für den Lebensabschnitt finden will. Alles ist nur ein paar Klicks und (meist) eine Kreditkartennummer entfernt. Das zumindest suggerieren die diversen Online-Partnerbörsen, die mit Slogans wie “wir verlieben Dich” um ebenso einsame wie zahlungskräftige Kundschaft werben.

Die Männer sind hier eindeutig in der Überzahl, zumindest wenn es um die Zahlungswilligkeit geht. Während nämlich das Anmelden zumeist noch kostenlos ist, werden spätestens, wenn es um das Ansprechen geht, in der Regel saftige Gebühren fällig. Und diesen Part übernehmen auch in der virtuellen Welt vor allem die Männer. Auch Emanzipation hat eben Grenzen.

Ganz abgesehen davon hat es ja auch etwas, sie durch Galerien von Frauenfotos zu bewegen wie durch einen Supermarkt. Gefällt einem eine Frau, landet sie im virtuellen Einkaufswagen – im Webdating-Slang auch als Menüpunkt “Favoriten” bekannt. Hat man einen mutigen Tag, schreibt man sie sogar an.

Ich hatte damals gleich mehrere mutige Tage. Nicht immer waren die von Erfolg gekrönt, hin und wieder aber doch. So traf ich zum Beispiel jene junge, schöne Frau, die als Einstieg für diesen Eintrag diente. Wir verabredeten uns in Stuttgart vor einem Kaufhaus. Besondere Erkennungszeichen brauchten wir nicht – Leute, die sich über Online-Partnerbörsen kennenlernen, erkennen sich.

Auch wir erkannten uns, gingen was essen und später noch auf einen Drink in eine Bar. Leider half alles nichts. Weder das Essen, noch der Drink. Wenn sie den Mund aufmachte, sprach sie von Stuttgart 21. Blieb ihr Mund geschlossen, beschäftigte sie sich mit Anti-Stuttgart-21-Aufklebern, die sie von Laternenpfählen, von Schaufenstern und von Autostoßstangen abkratzte.

Es ist nicht so, dass ich politische Menschen nicht schätzen würden. Ich hatte mir für eine erste Verabredung nur einfach etwas anderes vorgestellt. Vielleicht bin ich ignorant, aber ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie mir überhaupt jemals ihren Namen gesagt hat – es gab eben immer einen Aufkleber, der wichtiger war.

Ganz anders war es bei Verabredung Nummer zwei. Bis heute weiß ich nicht nur ihren Namen, ich weiß auch, wie unsere Kinder heißen würden (Klaus und Marie), wo wir Urlaub machen würden (in Schweden, wobei Camping in Dänemark ebenfalls eine Möglichkeit ist) und dass ihr letzter Freund sie verlassen hat, weil er einfach noch nicht “reif für eine ernsthafte Beziehung war”. Nicht mal eine gemeinsame Email-Adresse habe er gewollt – dabei waren sie doch schon fast ein halbes Jahr zusammen gewesen.

Frauen im Internet zu bestellen, ist offenbar schwieriger als gedacht. So einfach gebe ich allerdings nicht auf. “Billig, willig und stubenrein”, wirbt eine Internetseite mit eigenartiger Länderkennung. Vielleicht habe ich dort ja mehr Glück?

In diesem Sinne, kuscheln wäre schon nett …

Maria … und Klaus

Als ich Maria kennengelernt habe, war sie mit Klaus zusammen. Am Anfang fand ich das doof, denn Maria gefiel mir. Als sie Klaus das erste Mal erwähnte, es muss irgendwann bei unserer ersten Begegnung gewesen sein, tat das ein bisschen weh. Wohl weil ich mir erst mehr mit Maria erhofft hatte – und ein Klaus so gar nicht in mein Bild gepasst hatte.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis ich mich an Klaus gewöhnt hatte. Er war selten dabei, aber immer präsent. Maria erwähnte ihn spärlich, aber regelmäßig. Meist dann, wenn ich ihn gerade vergessen hatte. Manchmal kam es mir so vor, als hätte sie eine geheime Wanze in meinem Gehirn installiert.

“Am Wochenende sind wir beim 65. Geburtstag des Vaters meines Freundes”, sagte sie, wenn wir gemeinsam in der Bahn saßen. Oder: “Die Jacke hat sich Klaus letztens gekauft”, wenn wir gemeinsam durch die Stadt schlenderten.

Ich weiß nicht, ob sie gemerkt hat, dass ich sie interessant fand. Weil Frauen meist viel mehr merken, als ich denke, gehe ich einfach mal davon aus.

Andererseits scheinen Frauen selten zu merken, wenn ich an ihnen interessiert bin. Vielleicht war es also doch nur Zufall – und weder eine Wanze noch weibliche Intuition. Zumal ich Maria recht schnell abgeschrieben hatte. Ich fand sie weiter interessant (und auch äußerst sexy), doch eine Beziehung mit ihr, das war schlicht utopisch – wegen Klaus.

Um so überraschter war ich, als Maria bei Klaus auszog. In der einen Woche hatte Maria noch von ihm erzählt, kurz darauf schien er wie wegradiert aus ihrem Leben. Sie war bei einer Freundin eingezogen, übergangsweise, sagte sie.

Kurz darauf tauchte plötzlich Martin auf. Ich hatte von Martin vorher nie etwas gehört – und jetzt wurde ich ihn gar nicht mehr los. Maria erzählte andauernd von ihm. Ganz anders als sie es von Klaus getan hatte. Wenn ich mich Maria traf, bekam ich sie nur noch im Doppelpack, ganz unabhängig davon, ob Martin dabei war oder nicht.

Das war aber nicht das Schlimmste. Am meisten beschäftigte mich etwas ganz anderes: Die Frage, ob ich vielleicht auch hätte Martin sein können.

In diesem Sinne, Gruß an … Du weißt schon wen!

Offen gefühlt

Wenn jemand betonen möchte, dass er nun etwas besonders Bedeutungsschweres sagen möchte, dann beginnt er den Satz mit den Worten “offen gesagt”. Das war zumindest früher so. Heute wird schon lange nichts mehr “offen gesagt” – heute wird offen gefühlt!

Es ist nicht so, dass ich mich im Web besonders zurückhaltend bewege – siehe dieses Blog. Ich dürfte mich also eigentlich gar nicht beschweren oder wundern. Trotzdem kann ich vielleicht genau deshalb manchmal gar nicht anders, als den Kopf zu schütteln.

“Stehe jetzt vor der schwersten Entscheidung meines bisherigen Lebens”, teilte vor einigen Monaten eine flüchtige Bekannte via Facebook der Online-Welt mit – freilich ohne Details zu verraten. (Heute weiß ich, es ging darum, ob sie ihren Job aufgeben soll, um ihrem Freund in eine andere Stadt zu folgen). “Bin schwer enttäuscht, gehe jetzt ins Bett”, schrieb eine andere Bekannte ziemlich spät an einem Freitagabend. Wovon überließ sie der Phantasie des geneigten Lesers. “Verwirrtes Herz – er oder doch er” kryptisierte Bekannte Nummer drei kürzlich.

Facebook, Twitter, Blog und Co – es ist heutzutage leicht, sich vielen Menschen auf einmal mitzuteilen. Notfalls kann man auch immer noch in eine Talkshow im Vormittagsprogramm von RTL2 gehen. Aber muss das wirklich immer sein?

Es wäre vielleicht zu leicht, den oben genannten Personen zu unterstellen, sie wollten sich nur wichtig machen – ganz falsch wäre es nicht. Aussagen wie die (verfremdet) hier zitierten lassen vieles ahnen, ohne der Phantasie ihren Spielraum zu nehmen. Sie machen gewollt neugierig. Trotzdem wäre es reichlich unpassend, eine einigermaßen fremde Frau zu fragen, warum sie “schwer enttäuscht” ist oder wer “er” und wer der andere “er” ist. Die entsprechende Frau scheint aber in jedem Fall ein interessantes Liebesleben zu haben. Aber muss sie das wirklich in die Welt hinaus schreien?

Ich habe das Gefühl, manche Menschen teilen sich heutzutage lieber halb einer anonymen Masse mit statt einmal ganz mit einem guten Freund zu sprechen. Andererseits: Bin ich vielleicht einer von ihnen?

In diesem Sinne, sie? Oder sie?

Ehrlich (nicht) Sex

“Hallo. Ich finde Dich sympathisch, würde Dich gerne kennenlernen und vielleicht später mit Dir schlafen.” Das wäre die ehrliche Variante. Nur wieso würde das kaum jemand sagen, wenn er eine fremde Frau anspricht? Ist Ehrlichkeit denn nicht Trumpf?

Wohl nicht. Dabei würde sie – wohl dosiert natürlich – gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen vieles einfacher machen. Ich meine, ist denn ein ehrliches “Das ist nett, aber wir werden niemals miteinander im Bett landen” so viel schlimmer als monatelanges Baggern, Bangen und Zeitverschwendung, das am Ende doch auf die selbe Erkenntnis hinaus läuft?

Nein! Denn seien wir mal ehrlich – bei den meisten Menschen können wir mit relativ großer Sicherheit von vornherein sagen, ob da jemals etwas passieren wird oder nicht!

Der Grund, dass wir trotzdem nicht von Anfang an mit offenen Karten spielen, ist Hoffnung. Selbst wenn wir ahnen, dass bei einer ehrlichen Aussprache eben dieser Satz käme, hoffen wir bis zuletzt auf die spontane Kehrtwende. Vielleicht nach dem dritten Glas Wein, vielleicht bei Stromausfall und nach einem unerwartet intensiven Gespräch bei Kerzenlicht? Nicht umsonst heißt es schließlich, dass die Hoffnung diejenige ist, die zuletzt stirbt.

Ja, der Mensch ist ein komisches Wesen. Wir sind Meister im Verdrängen, Schönreden und Faktenverdrehen. Einfacher wäre es wohl, die Tatsachen immer eben so ehrlich auszusprechen wie ihnen ins Gesicht zu sehen. Nur wäre das ja irgendwo auch langweilig. Wie ein Liebesfilm, bei dem Held und Heldin sich kennenlernen und ohne Umwege zueinander finden – für fünf Minuten Kino zahlt schließlich niemand neun Euro.

In diesem Sinne, lasset die Spiele beginnen!

Falscher Film

Im Kino ist es einfach. Je dramatischer und emotionaler die Liebesgeschichte ist, desto besser. Je mehr Missverständnisse, desto unterhaltsamer. Im Kino funktioniert das, denn die großen Gefühle entladen sich am Ende im großen Happy End. Was 90 Minuten lang kompliziert war, ist dann plötzlich ganz einfach.

Mit der Frau, die neben einem im Kinosessel sitzt, ist das anders. Leider verdrängen wir das oft. Zwar haben wir eine ganze Kindheit lang gelernt, dass das echte Leben anders funktioniert als das gespielte Leben auf der Leinwand. Trotzdem projizieren wir den Leinwandplot nur all zu gerne auf unser eigenes, gänzlich unverfilmtes Hier und Jetzt.

Sie ist kompliziert, anstrengend und selbst ein banales Gespräch mit ihr endet im Streit. Wie man es auch macht, man macht es verkehrt. Doch das ist ja alles nur der Auftakt, der irgendwann in einer dramatischen “alles gut”-Schlussszene endet, bei der man sich küsst und mit der passenden Musik aus dem Off alles andere vergisst.

Komisch, dass wir immer wieder darauf reinfallen. Sollten wir es nicht irgendwann gelernt haben? Was schwierig anfängt, wird normalerweise nicht von heute auf morgen einfach, egal, wie verliebt wir sind. Wir wissen das, wollen es aber nicht begreifen. Warum eigentlich nicht?

In diesem Sinne, (falscher) Film ab!

Windpocken-Hochzeit

Letztens hatte ich einen komischen Gedanken: Vielleicht sind Hochzeiten gar nicht ansteckend? Ich weiß, das klingt verrückt, lasst uns trotzdem für einen Moment annehmen, es wäre die Wahrheit.

Als ich noch ein Kind war, da hatte die Ehe etwas von Windpocken. Jeder bekam sie irgendwann, auch wenn der Juckreiz nicht bei allen gleich stark war. So hatten es mir meine Eltern und deren größtenteils verheirateten Freunde und Bekannten schließlich vorgelebt. Mit über 30 allein zu wohnen kam in meinen 15-jährigen, pubertären und von Windpocken gebeutelten Gedanken schlicht nicht vor.

Gucke ich mich jetzt, gut 16 Jahre später und vielleicht auch etwas reifer, in meinem Freundeskreis um, haben Hochzeiten immer noch etwas von Windpocken. Mit jeder Hochzeit, zu der ich fahre, flattern mir zwei oder drei neue Einladungen ins Haus. Nur ich scheine irgendwie immun zu sein – vielleicht weil ich Windpocken schon gehabt habe.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht unzufrieden. Ich realisiere nur immer mehr, dass das mit dem Heiraten vielleicht viel weniger mit einer ansteckenden Infektionskrankheit zu tun hat, als ich immer dachte. Dass in meinem Familien- und Freundeskreis durchaus Menschen leben, die auch mit 40 oder 50 noch nicht verheiratet sind, ohne sich deswegen unglücklich zu fühlen – und dass ich einer von ihnen sein könnte.

Als Kind habe ich immer gedacht, als Erwachsener heiratet man halt irgendwann. Inzwischen weiß ich, dass das stimmt – allerdings nicht für alle Menschen. Und nie sollte man ja sowieso nie sagen.

In diesem Sinne, lasst Euch überraschen!

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